Ungewöhnliche Stammbäume visualisieren

Gibt es eine Möglichkeit, aus Webtrees die zur LINeage-2D-Ansicht gehörenden Koordinaten zu exportieren?

Grundsätzlich ja … Man kann einen eingeschwungenen Zustand exportieren, als JSON-Struktur, welche unter anderem auch die Koordinaten enthält. Was ist der Hintergrund der Frage?

Wir haben eine große Menge an „Stammbäumen“ unterschiedlichster Struktur in gedbas.genealogy.net und würden die gern anschaulicher darstellen. Nicht nur in Form von Statistiken, sondern eben auch graphisch. Da die teilweise wirklich sehr groß sind, wäre es ideal, ähnlich wie bei Geodaten so eine Art „Landkarte des Stammbaums“ zu generieren, in die man reinzoomen oder aus der man rauszoomen kann, wobei sich beim Rauszoomen nahe beieinander liegende Punkte miteinander verschmelzen (Beispiel geovis.genealogy.net). Dies also für alle Gedbas-Dateien. Was dabei Längengrad, Breitengrad und Höhenlinie ist, ist relativ egal. Die LINeage-2D-Ansicht mit temporalen Höhenlinien wäre eine Option.

Als Workflow würde das bedeuten: Gedcom-Datei wird eingespielt - jemand (Person oder Programm) jagt das durch Webtrees und exportiert die Daten - „Landkarte des Stammbaums“ kann auf Gedbas angezeigt werden.

Ja, jetzt verstehe ich. Das lässt sich vielleicht sogar mit einem bereits existierenden wtLIN-Feature erledigen: Ein aktueller Zustand lässt sich als HTML-Ansicht exportieren, mit einem schmalen Javascript-Beiwerk, welches Zoom und Pan unterstützt. Wenn aktuell angezeigt, wird auch die temporale Map mitgenommen. Für große Bäume ist das im Sinn der Frage aber nicht wirklich hilfreich. Zeige ich meinen Stammbaum mit ca. 10.000 Personen in wtLIN, kann ich zwar eine gewisse Strukturierung erkennen, welche sich schlicht daraus ergibt, dass einige Familienbereiche stärker präsentiert sind, dort also mehr Personen/Informationen vorliegen. Zoomt man in die Ansicht hinein, sieht man jedoch, dass Links zu anderen Bereichen quer über die ganze Breite existieren und es ist kaum möglich diese nachzuverfolgen.

Die 10.000-er Ansicht allein ist als HTML-Datei ca. 7,3 Mb groß. Mit Map sind das dann fast 30 Mb. Die Map-Ansicht kann zwar von nahezu jedem Browser wohl dargestellt werden, aber nur mit Firefox war es auch möglich, in der Ansicht dann auch zu navigieren, alle anderen sind eingefroren.

Im ProcessExplorer (von Sysinternals) ließ sich erkennen, dass die entsprechende Firefox-Instanz für die Map-Ansicht über 1Gb Ram beansprucht, die “nackte” Ansicht zieht immerhin noch 400Mb.

Für mich ergibt sich als Fazit, dass wtLIN in der aktuellen Form nicht im Sinne der Fragestellung genutzt werden kann. Ich werde den Ansatz mit Canvas-basierter Aufbereitung wieder aufnehmen, vielleicht ergibt sich dann ein anderes Bild.

Ich habe auch versucht meinen Baum mit Pajek zu verarbeiten. Die Software liest Gedcom klaglos ein, schlägt auch dazu passende Verarbeitungsschritte vor, die Aufbereitung ist dann aber sehr frugal. Es gibt auch Optionen, das Netzwerk über Force-Simulation aufzubereiten, die Algorithmen sind aber scheinbar nicht so leistungsfähig wie das D3js-Verfahren, jedenfalls war das extrem zähflüssig. Gedcom wird übrigens gemäß 5.5 interpretiert, die Graphiken in Pajek wohl über eine Graphviz-basierte Komponente erstellt. Ich bin das sehr hemdsärmelig angegangen, mag sein, dass Pajek auch Verarbeitungsebenen hat, mit denen durch ein Preprocessing des Netzwerks dann ein ansehnlicheres und sinnvolleres Ergebnis möglich ist.

Das scheint mir übrigens insgesamt ein zentraler Aspekt der üblichen Darstellung so großer Netzwerke zu sein: Man hat einen Fokus, einen primären Einstiegspunkt, um das Netz daraufhin optimiert aufbereiten zu können. Und man hat einen umfangreichen Unterbau, um die Darstellung beim “Hineinzoomen” mit weiteren Informationen und Details anreichern zu können. Das Beispiel mit den Geodaten ist bestechend, berücksichtigt aber nicht, dass das Verfahren dahinter nicht trivial und auf eine beeindruckende Infrastruktur angewiesen ist.

wtLIN ist interaktiv, der skizzierte Workflow demgegenüber nicht. Damit kann es möglich sein, einige Nachteile zu kompensieren. Wenn ich Testdaten hätte, kann ich versuchen, das Verfahren so aus- und umzubauen, dass ein solcher Workflow darstellbar wird. Dann könnte man auch ermitteln, welche weiteren Elemente nötig wären, um eine “Landkarte des Stammbaums” sinnvoll darstellen zu können.

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Hi, hab dieses Wochenende meiner Hobbyseiet ein Facelift verpasst: https://galaxyroots.com/ HIer könnt Ihr nun auch zwei historische Stammbäume in 3D darstellen lassen. Versucht mal Karl den Großen über die Suchleiste zu finden…Dann “Zweig Isolieren “ anklicken Ergebnis sieht dann so aus:

Oder ein anderes §D-Beispiel einer Stammbaumdarstellun:

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Ich habe gerade ein altes Lied gehört und dann gleich Claude gebeten, das mal in GEDCOM zu formulieren. Hier das Ergebnis;

Das Lied heißt „Mein Stammbaum ist ein Kreis" und stammt von der Band Knasterbart, veröffentlicht 2014 auf dem Album „Branntwein für alle!". Es ist eine deutschsprachige Version des klassischen Verwandtschafts-Paradox-Motivs (bekannt aus dem amerikanischen Novelty-Song „I’m My Own Grandpa" von 1947) – der Ich-Erzähler verheddert sich durch eine Kette ungewöhnlicher Eheschließungen so sehr in seinem Stammbaum, dass er am Ende sein eigener Großvater ist.

Den Songtext selbst kann ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergeben. Ich kann dir aber die verwandtschaftliche Struktur, die darin beschrieben wird, in eigenen Worten zusammenfassen und daraus eine GEDCOM-Datei bauen:

Die Konstellation (paraphrasiert):

  1. Der Erzähler (A) heiratet aus Liebe eine Witwe (W)
  2. W hat bereits eine erwachsene Tochter (D) aus erster Ehe
  3. A’s eigener Vater (F) heiratet daraufhin D
  4. A und W bekommen einen Sohn (S1)
  5. F und D bekommen ebenfalls einen Sohn (S2)

Durch diese Verschachtelung wird z. B. A’s Vater gleichzeitig sein Schwiegersohn, D wird Stiefmutter und zugleich Stieftochter von A, und die Söhne S1/S2 stehen in mehrfachen, sich widersprechenden Verwandtschaftsgraden zueinander – bis der Kreis sich schließt.

Ich baue dir das als GEDCOM-Testfall: Die Datei stammbaum_kreis.ged enthält 6 Personen (I1–I6) und 3 Familien (F1–F3), die den in den Versen beschriebenen Eheschließungs-Loop nachbilden — inklusive Notizen, die erklären, welche Doppelrolle jede Person einnimmt (Stiefmutter/-tochter, Onkel/Bruder, Enkel/Bruder usw.).

Hier die GEDCOM (bei der ich noch eine vergessene Familienbeziehung nachtragen musste :slight_smile:
stammbaum-kreis.ged.txt (2,1 KB)

und eine Visualisierung (mit webtrees GVExport)

und die Darstellung durch mein webtrees-Erweiterungsmodul „Großfamilie“ das die entstehenden kuriosen Verwandtschaftsbeziehungen darstellt. Ein netter Stresstest.
Großfamilie_ Ich Erzaehler – webtrees.pdf (289,7 KB)

Mein Modul sagt in der Zusammenfassung: „kein Vorfahren- und kein Nachkommen-Implex“. Stimmt - oder? Dennoch wäre die Schleife eine Erwähnung wert.

So wie hier

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Schön, dass das noch online ist!
Renate

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Sehr schön, habe ich noch nie gesehen. So herrlich präsentiert! Danke! Und eine nette Erinnerung an Doris.

Weil „Implex“ nur ein Spezialfall von matrimonial circuits ist. Handbuchdarstellung hier.

Warum Genealogieprogramme nur diesen Spezialfall sichtbar machen und ob das so bleiben muss, ist wohl eine offene Frage. Offenbar sind auch andere Varianten hochinteressant.

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Danke für diese Hinweise, @GeorgFertig

Ist umgesetzt. Nun erfolgt die Anzeige in meinem webtrees-Modul:

Umgesetzt wurde eine getrennte Detektion von „familiären Rollenschleifen“ innerhalb der angezeigten Großfamilie. Der Vorfahren-/Nachkommen-Implex bleibt damit weiterhin eng auf wiederholte Direktlinien beschränkt. Die neue Logik baut ein kleines Verwandtschaftsnetz aus Partner-/Ehekanten und Eltern-Kind-Kanten und zeigt alle gefundenen Schleifen grafisch als kompakte Kette in der Zusammenfassung an.

Für die konkrete Modellierung habe ich das von Dir erwähnte PUCK/Kinship-Network-Glossary genutzt; dort werden Kinship Networks als gemischte Graphen aus Filiation und Marriage beschrieben und „Cycle/Circuit“ sowie „Matrimonial Circuit“ definiert: Kintip PUCK glossary. Eine auch ansonsten sehr interessante Informationsquelle!

Das ist ein wirklich amüsantes und oft zitiertes Logikspiel, das wohl von Mark Twain inspiriert, aber erst 1947 durch den Song I’m My Own Grandpa von Lonzo und Oscar, einem Country-Duo, bekannt gemacht wurde (s. die Nachricht von Hermann oben):

„In den 1930er-Jahren hatte Latham eine Gruppe namens „The Jesters“ im Rundfunk; ihre Spezialität waren humoristische Sketche und ausgefallene Lieder. Beim Lesen eines Buches mit Anekdoten von Mark Twain stieß er einmal auf einen Absatz, in dem Twain bewies, dass es möglich wäre, dass ein Mann sein eigener Großvater wird. („Very Closely Related“ erscheint auf Seite 87 von „Wit and Humor of the Age“, das Mark Twain 1883 mitverfasst hatte.) 1947 entwickelten Latham und Jaffe diese Idee zu einem Lied weiter, das für Lonzo und Oscar zum Hit wurde.“ (Wikipedia)

https://en.wikipedia.org/wiki/I’m_My_Own_Grandpa

Wie Hermann schon geschrieben hat, hat das aber mit dem biologischen Phänomen des Ahnenimplex‘ absolut nichts zu tun: Es basiert rein auf juristischen Stief- und Schwägerschaftsverhältnissen. Während der Ahnenimplex die reale, biologische Verflechtung unserer DNA über Jahrhunderte hinweg beschreibt, ist das Großvater-Beispiel ein reines, amüsantes Verwirrspiel mit Heiratsurkunden.

Ich glaube auch nicht, dass „„Implex“ nur ein Spezialfall von matrimonial circuits ist“ (Georg). Eher umgekehrt: Ein Implex ist kein Spezialfall eines Matrimonial Circuits, sondern die Gesamtheit (Menge) aller Matrimonial Circuits zwischen einem bestimmten Paar. Wenn zwei Individuen also über mehrere unterschiedliche Verwandtschafts- und Heiratslinien (Re-linking) miteinander verknüpft sind, bilden all diese einzelnen Kreise zusammen den Implex dieses Paares. Anders gesagt: Ein einzelner Matrimonial Circuit ist ein Element innerhalb eines Implex. Der Implex fasst die strukturelle Redundanz und die dichten Verflechtungen zwischen spezifischen Personen in einem Ahnennetz zusammen.

Ein Matrimonial Circuit ist also im Grunde die wissenschaftliche und netzwerktheoretische Bezeichnung für das, was man in der Genealogie einen „geschlossenen Heiratskreis“ nennt. Je weiter man in der Ahnentafel zurückgeht, umso mehr geschlossene Heiratskreise findet man. Sie alle zusammen machen den Ahnenimplex eines Kindes aus einer consanguinen Ehe aus.

Liebe Grüße

Heiko (Hungerige)

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Hier ein Beispiel, das ich mal mit “AhnenImplex” für Gerhard Kreile gemacht habe.

Ist ein Auszug aus seiner Ahnentafel, der nur die geschlossenen Heiratskreise enthält.

LG

Heiko

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Und noch ein kleiner Fun Fact:

In der Ahnentafel oben sind die “Ahnengeschwister” als Auslöser für den primären Ahnenimplex farbig markiert. Wenn man nun wissen will, wie viele Ahnengeschwister wie viele geschlossene Heiratskreise erzeugen, kann man das einfach aus dem Pascalschen Dreieck ablesen:

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Und ich habe noch einen:

Auf der engl. Wikipedia-Seite, die Heiko oben zitiert hat, findet sich noch ein reales Beispiel aus der Rolling-Stone-Familie:

In 1989, The Rolling Stones bassist Bill Wyman married Mandy Smith; she was 18 and he 52. In 1993, Wyman’s 30-year-old son from his first marriage, Stephen, married Smith’s mother, Patsy, who was then aged 46.[5] However this was after Wyman and Smith had divorced.[6] Wyman is therefore, arguably, the father-in-law of his ex-mother-in-law as well as the step-grandfather of his ex-wife.

Das sieht dann so aus:

In meinem Modul wird das dann so berichtet:

Man beachte die Generationenlänge bei der Urenkelgeneration von „-8 Jahren“. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Das liegt daran, dass Stephen Wyman (I3) ein Stiefkind von Mandy Smith (I4) ist, die selber ein Stiefenkelkind des Probanden ist.

Hier die von Claude generierte GEDCOM (dieses Mal gleich syntaktisch korrekt; die KI lernt dazu):
wyman_smith.ged.txt (2,0 KB)

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Wie neulich in Dortmund schon mündlich beredet, wäre das Thema eine vertiefte Diskussion wert. Dafür finden wir sicherlich ein geeignetes Format, vielleicht auch online oder auf einer Veranstaltung.

Hier also nur so kurz wie möglich:

Die Unterscheidung zwischen „realen“ und bloß „juristischen“ Beziehungen würde ich in genau dieser Weise bestreiten. Unter anderem weil die juristischen Beziehungen lebenspraktisch starke Konsequenzen haben, während die biologische Verflechtung sich über Jahrhunderte hinweg doch bis zur Unkenntlichkeit verdünnt. Und auch weil in den Sozialwissenschaften (vor allem der hier hauptzuständigen Ethnologie) Verwandtschaft als eine bestimmte Struktur aus Allianz und Abstammung verstanden wird, für die aus der Biologie nur die Begrifflichkeiten geborgt sind.

Gemeint ist: Für die Ermittlung des „Implex“ sind zyklische Pfade (wenn man von einem Ego aus schaut) bzw. kreisförmige Graphen (wenn man eine Gesamtstruktur anschaut) nur dann relevant, wenn sich aus ihnen eine Reduktion der Anzahl der biologischen Vorfahren für die Nachkommen eines gegebenen, den Kreis schließenden Paars ergibt. Es geht also nur um diejenigen Kreismuster, bei denen sich „Ahnengeschwister“ finden, also Geschwister irgendwo weiter „oben“. Soweit ist das in der Genealogie klar und weitgehend bekannt.

Für die Netzwerkanalyse von Verwandtschaft (nach Hamberger u.a., mit PUCK oder Pajek usw.) sind diese zyklischen Pfade ebenfalls relevant. Das Interesse richtet sich aber eben nicht nur auf die in der Genealogie betrachtete Untergruppe mit den „Ahnengeschwistern“, sondern auch auf andere Formen.

Im zitierten Handbuchartikel S. 539 wird exemplarisch und auszugsweise ein „matrimonial census“ einer afrikanischen Gesellschaft gezeigt. Da geht es sowohl um Cousinenheirat (FBD/Tochter des Onkels väterlicherseits usw.) als auch um Heiraten in die Verwandtschaft der Stiefeltern (FWFSD/Stiefnichte der Stiefmutter u.ä.) oder die der Schwäger(innen) (BWMD/Stiefschwester der Schwägerin, auch: BW/Schwägerin). Das Vorkommen oder Vermeiden solcher Konstellationen sagt vieles über die jeweilige Gesellschaft, das ist also nicht nur amüsante Spielerei.

Ich finde es daher sehr begrüßenswert, dass @Hermann.Hartenthaler’s neues Modul diese „Rollenschleifen“ jetzt ebenfalls anzeigt.

Ja, das können wir gerne machen … :slight_smile:

Grundsätzlich würde ich dir auch zustimmen: Natürlich sagen auch nicht-biologische Beziehungen viel über eine Familie oder eine soziale Gruppe aus.

Es kommt eben auf das Erkenntnisinteresse und die verwendete Beschreibungssprache an: Nehme ich dazu eher Begriffe aus der Genealogie oder der Ethnologie?

Ich bin für meinen Teil nur vorsichtig, diese Beschreibungssprachen miteinander zu vermischen bzw. die Genealogie so zu “erweitern”, dass daraus eigentlich eine Ethnologie / Soziologie wird. Schade fände ich es v.a. deswegen, weil die Genealogie in der akademischen Forschung ja ohnehin schon so gut wie keine Rolle mehr spielt; es wäre aus meiner Sicht bedauerlich, wenn sie einfach in der Ethnologie aufgehen würde.

Und zumindest beim Ahnenimplex scheint mir sicher zu sein: Das ist ein rein biologisches Phänomen … :wink:

LG

Heiko

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Konkret:
Das Erweiterungsmodul „Großfamilie ( hh_extended_family)“ selbst ist uralt, aber die Anzeige der Rollenschleifen innerhalb der Großfamilie ist neu. In diesem Modul beschränkt sich die Suche danach aber auf die Mitglieder der Großfamilie, das sind derzeit Urgroßeltern bis Urgoßenkel, Partnerketten, Schwieger- und Stiefbeziehungen wie Gegenschiegereltern, Cousinen, Neffen&Nichten, Adoptionen, Pflegschaften, Rada (Ammenbeziehung), …

Das Suchen und Darstellen von Kreisen (= „geschlossene Heiratskreise“, = „Rollenschleifen“) im gesamten Baum ist in webtrees ebenfalls schon „ewig“ möglich, das geht über eine Funktion im Erweiterungsmodul „Erweiterter Sammelbehälter ( huhwt-cce)“, die ich mal vor Jahren programmiert habe. Dort kann man diese Kreise in den Sammelbehälter von webtrees legen und dann visualisieren oder exportieren oder …

@HeikoHungerige hatte ja oben gezeigt wie man diese Kreise sehr schön mit Ahnenimplex darstellen kann. Wir hatten hier auch schon die mehr oder weniger von Hand gezeichneten sehr kompakten Darstellungen von Frank Heidermanns (post 136). Hier noch die Darstellung des letzten Beispiels mit webtrees-TAM:

Das, was wir (christliches Abendland, heutige Zeit) zurecht als biologisches Phänomen betrachten und für relevant halten, wurde wohl zu anderen Zeiten und in anderen Gegenden bzw. anderen Religionen anders gesehen. Die Erkenntnisse aus der Genetik sind relativ neu, aber man hat wohl schon immer verstanden, dass man bei der Zeugung von Nachkommen aufpassen muss mit wem man das tut (und das ist ein Kernthema der Genealogie). Da gab es Gebote/Verbote bezüglich der Heirat von Cousinen oder von Schwestern der verstorbenen Frau. Da gab/gibt es Gebote, die verbieten, dass man leibliche Kinder der Amme heiratet (Rada). Wenn wir heute die biologischen Vorfahren so in den Fokus rücken, dann liegt das auch daran, dass wir heute mehr über Genetik wissen als die „Regelmacher“ früherer Zeiten. Spannend finde ich auch, welche Regeln sich im Laufe der Zeit regional geändert haben und wie dann plötzlich ganz andere Muster von Heiratsbeziehungen auftauchen.

Ja, da stimme ich dir sofort zu – und spannend sind diese anderen Sichtweisen allemal. „Nature“ wurde schon immer von „Nurture“ überlagert.
Ich bin mir aber nicht so sicher, ob wir wirklich erst „heute die biologischen Vorfahren so in den Fokus rücken“. Die biologische Abstammung scheint mir schon immer eine besondere Rolle gespielt zu haben, sie ist nicht nur eine mögliche Sichtweise unter vielen gleichwertigen anderen.

Die akribisch seit dem 30-jährigen Krieg geführten Kirchenbücher, städtische Bürgerrollen und Erbrechtsakten oder die europäischen Adelsdynastien springen einem da genauso schnell ins Auge wie die langen Genealogien im Alten und Neuen Testament. Aber es gibt noch viele weitere Beispiele für die besondere Rolle der biologischen Abstammung, zum Beispiel die Stemmata (Verwandtschaftsbäume) im römischen Recht für die exakte Berechnung von Verwandtschaftsgraden (Agnaten und Kognaten), um gerichtlich festzulegen, welcher Cousin oder Onkel welchen Anspruch auf ein Erbe oder eine Vormundschaft hatte, die altägyptischen Beamten-Biografien und -Genealogien auf Stelen und in Grabinschriften (wie auch in Totenbuch-Papyrusrollen), um die rituelle Reinheit und die Rechtmäßigkeit ihres Amtes vor den Göttern zu beweisen, das Diwan-System (7. Jh.) unter Kalif Umar (ein staatliches Register, in dem die arabischen Stämme genealogisch erfasst wurden, um Renten und Beuteanteile exakt nach der Nähe der Verwandtschaft zum Propheten Mohammed oder nach dem Zeitpunkt des Übertritts zum Islam auszuzahlen) oder auch die altarabische Nasab-Tradition (Ilm al-Ansab, „Die Wissenschaft von den Abstammungen“).

Die biologische Abstammung hat also schon immer eine besondere Rolle gespielt, nicht nur heute, im christlichen Abend.

Selbst das Gebot „Verboten durch Milchverwandtschaft ist, was verboten ist durch Blutverwandtschaft“ (Hadith nach Al-Buchari und Muslim) hat eine biologische Facette bzw. Begründung, wenn auch eine vorwissenschaftliche: Im antiken und mittelalterlichen Orient ging man davon aus, dass die Muttermilch „verfeinertes Blut“ der Frau ist. Wer von derselben Frau genährt wurde, teilte nach diesem Verständnis dasselbe „Fleisch und Blut“. Hintergrund war die Humoralpathologie der antiken Vier-Säfte-Lehre (Hippokrates und Galen, später dann Ibn Sina / Avicenna). Natürlich hatte dieses Gebot auch soziale Funktionen, zum Beispiel: Ein Milchbruder durfte seine Milchschwester oder Milchmutter unverschleiert sehen und mit ihr im selben Haus leben, was den familiären Alltag und die Kooperation enorm erleichterte.

Ach, es ist schon ein spannendes Thema … :slight_smile:

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