Guten Tag in die Runde!
Ich halte die Fragen, die hier diskutiert werden für sehr wichtig und möchte daher einbringen, was ich aus anderen „Bereichen“ darüber weiß, wie solche Problemstellungen angegangen wurden. Die anderen „Bereiche“ sind Maschinen, Produktionstechnik und vieles, was in den letzten 10 Jahren i.R. der Initiative „Industrie 4.0“ entwickelt wurde.
Da hatte man auch immer mit Daten- und (komplexen) Dateiformaten, Schnittstellen, … zu tun und hat dann einen ganz anderen Weg beschritten, genannt „Verwaltungsschale“, „Asset Administration Shell“. Das wurde vor einigen Jahren im Rahmen der Initiative „Industrie 4.0“ entwickelt. Institutionelle Promotoren sind VDMA und ZVEI. Nutzer sind vor allem in der Produktionstechnologie zu finden, z.B. BOSCH. (IDTA: https://industrialdigitaltwin.org/)
Die Grundidee ist:
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Es gibt eine „Software-Schale“, die nur einige Grundfragen zur Verwaltung von „Assets“ regelt, wie z.B. die Erzeugung neuer Submodels, die Semantik, …
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Darunter gibt es sog „Submodels“ (z.B.: Informationen über den Hersteller, digitales Typenschild, techn. Daten, Konstruktionsdaten, Service-Informationen, …, Carbon Footprint, …, Recycling-Informationen, …) und jeder Produzent von Produktionstechnik (Motoren, Schalter, Roboter, Schränke, …) kann für jedes seiner Produkte ein Submodel definieren (technische Daten, Konstruktionszeichnungen, Digitales Typenschild, …), das seinerseits bereits publizierte und neue Submodels enthält. Instanzen davon sind die produzierten Produkte mit Seriennummer, etc.
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Der Käufer eines Produktes erhält diese Informationen und kann das Submodel z.B. erweitern um (Submodels für) Betriebsdaten, Service- / Reparatur-Information, Ersatzteil-Bestellungen, …
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Teil eines Sub-Models ist die Implementierung/Bereitstellung des entsprechenden, „REST-konformen“ Application Interface (API). Darüber tauschen Programme (d.h. Anwender, die entsprechende Programme nutzen) Daten aus. I.a. ist das ein OpenSource-Modul, das von jedem Anwender in seinen Programmen verwendet werden kann.
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Das bedeutet auch: Diese ganzen, komplexen Dateiformate (wie z.B. GEDCOM) werden obsolet, weil Daten nicht mehr über Dateien (und den Export in und den Import aus solchen Dateien) ausgetauscht werden, sondern über eine Programm-Schnittstelle (d.h. auch: so wie Anwendungen im Internet kommunizieren).
Das Ganze wird in der europäischen IDE Eclipse (https://eclipseide.org/) entwickelt (wo auch Projekte wie Gaia-X, Catena-X, Manufacturing-X, … entwickelt / programmiert werden), und auf GitHub veröffentlicht.
Für eine Vorlesung habe ich vor einiger Zeit einmal den Stand der Technik dazu zusammengestellt; Folien s. Anlage. (Aber - kleine Einschränkung - nie selbst operativ damit gearbeitet.)
In der Genealogie wäre das möglicherweise einfacher.
Man würde statt einer „Asset Administration Shell (AAS)“ eine „Genealogical Administration Shell (GAS)“ definieren.
(Standard-)Submodels wären dann z.B.:
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Personen mit Eltern-Kind-Verhältnissen und Ereignissen zwischen Geburt und Tod.
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Ereignisse sind dokumentiert, z.B. in Personen- oder Zivilstandsregistern, Kirchenbüchern, Grabsteinen, Verlustlisten, …; vielfach sind mehrere Personen dokumentiert beteiligt.
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Ereignisse haben einen Ort, wobei es weniger auf die Straßenadresse und das spezielle Gebäude ankommt (altes Rathaus, neues Rathaus, Kirche, Gemeindehaus, …) als auf die Institution (und deren Einbettung in eine Hierarchie).
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Personen haben an Orten gewohnt, gearbeitet, ein Gewerbe oder einen Bauernhof betrieben. Hierbei kommt es dann speziell auf das Gebäude an. Es gibt Brandkataster und Verträge, Adressbücher und Volkszählungsunterlagen.
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Personen waren vielfach Mitglieder von Religionsgemeinschaften mit ihren jeweiligen Riten, die zur Klasse „Ereignisse“ gehören. Auch das Engagement in Vereinen oder Zusammenschlüssen oder in der Gerichtsbarkeit ist oft dokumentiert.
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Die Zusammenfassung (und Erfassung) von Personen mit einem Ereignis am gleichen Ort in Ortsfamilienbüchern mit einer Betreuerin oder einem Betreuer, die oder der auf Ordnung und Richtigkeit der Angaben schaut, zeichnet die Tradition genealogischer Vereine aus und wurde vom CompGen e.V. in den Online-OFBs in eine zeitgemäße Form überführt.
In der Genealogie von besonderer Bedeutung sind die Urkunden und deren Kopien, in denen Ereignisse dokumentiert sind:
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Im Zuge der Digitalisierung werden Kopien/Scans historischer Urkunden von Institutionen wie ArcInSys, Archion, Matricula im Internet bereitgestellt. Ein zeitgemäßer Beleg für die Richtigkeit einer Aussage ist daher die Angabe eines „Links“ (einer URL), wo Jede(r) nachschauen kann, ob die Aussage korrekt ist.
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Für Hobby-Genealogen*innen dürfte es auch wichtig sein, Kopien solcher Scans im eigenen Datenbestand zu haben. Für einen Verein macht es weniger Sinn, ganze Bestände (mit den voluminösen JPG- oder PDF-Dateien der Scans) von den offiziellen Seiten zu kopieren; die eindeutige Referenzierung sollte hinreichen (wozu aber Regeln zu definieren wären). Andererseits kann man sich vom Stand der Technik der Erwartung nicht verschließen, dass ein Nutzer (mind. auf Anforderung) erwartet innerhalb von ein paar Sekunden auch die Original-Urkunde auf dem Bildschirm sehen zu können. Die Umsetzung wird sicherlich Vereinbarungen mit den bereitstellenden Institutionen erfordern.
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Anders sieht es bei den Transkriptionen aus! Dies sind in der Regel Arbeitsergebnisse von Personen oder Personengruppen. Und manchmal werden die Meinungen auch auseinandergehen, was dort mit kaum leserlicher Handschrift auf ein inzwischen beschädigtes und verschmutztes Stück Papier geschrieben wurde. Für Transkriptionen ist daher nicht nur der eindeutige Bezug zu Ereignis und Quelle (Urkunde) erforderlich, sondern auch die Angabe von Ansprechpartnern für die Transkription.
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Auch der Verlust von Urkunden sollte im Datenmodell berücksichtigt werden. Durch Kriegseinwirkungen oder andere Katastrophen sind viele Original-Urkunden verloren gegangen. Falls es dazu frühere Abschriften oder gedruckte Ortsfamilienbücher oder Ortschroniken gibt, sollte festgelegt (d.h. in Form eines Submodel spezifiziert) werden, wie sie referenziert werden sollten und ggf. eingesehen werden können.
Da das alles in Form von Submodels innerhalb der Verwaltungsschale definiert ist, ist es jederzeit erweiterbar um zusätzliche Submodels.
Erweiterbarkeit bedeutet auch:
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Man muss nicht am Anfang alles festlegen, sondern man beginnt mit dem, was unstrittig und bekannt ist. Später kann man bei Bedarf jederzeit erweitern.
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Und für andere Datenquellen (z.B. ArcInSys, Archion, Matricula, … GEDCOM-Dateien) bindet man die entsprechenden (OpenSource-) APIs ein und kann damit auf diese Daten zugreifen. (Einschränkung: „wenn man dazu autorisiert ist“, sonst landet man auf der jeweiligen Anmeldeseite.)
Und das Schöne ist:
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Man kann erst einmal unter Verwendung von UML-Diagrammen (In Eclipse z.B. PlantUML) diskutieren, was man haben möchte. (Als Ausgangspunkt könnten z.B. die UML-Diagramme von GRAMPS dienen.) Das sind alles Diagramme; dazu muss man nicht programmieren können.
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Ich meine:
UML-Diagramme sind für solche Diskussionen immer hilfreich und nie vertaner Aufwand, denn sie geben präzise und eindeutig einen Diskussions- und ggf. Entscheidungsstand zu einem best. Zeitpunkt wieder. (Und wenn dabei keine „Profis“ diskutieren, gibt es viele Rückfragen, deren Beantwortung den allgemeinen Informationsstand der Runde erhöht.)
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Daraus kann man dann ebenfalls in Eclipse (z.B. mit „Pyreverse“ oder einem KI-Tool zur Programmierung) den Programm-Code (z.B. für die APIs) erzeugen.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch zwei „Randprobleme“ ansprechen, deren Lösungen Kernbestandteile des AAS-Konzeptes sind:
(1) Semantik, d.h. die Bedeutung von Begriffen und die dafür in verschiedenen Sprachen genutzten Worte:
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Im Technik-Bereich gibt es dafür Datenbanken, die jeder nutzen kann (z.B. ECLASS, s. dazu die Seiten 10 – 13 des beiliegenden Foliensatzes).
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Im Bereich der Genealogie gibt dafür viele verschiedene Lösungen für verschiedene Begriffsbereiche (z.B. in GOV die unterschiedlichen Worte für Orte / Städte in verschiedenen Sprachen; Synonym-Datenbanken für Namen und Vornamen; …).
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Der AAS-Ansatz über Submodels und APIs ermöglicht es auch hier (bei Bedarf) über Submodels und APIs auf diese Datenbanken zuzugreifen und auch (nach und nach) „offizielle“ Daten von Staaten, (Bundes-)Ländern und Städten mit der gleichen Methode einzubinden.
(2) Identifier, s. S. 11 des beiliegenden Foliensatzes:
(Das ist hier schon ausführlich angesprochen worden! Stichwort: UUID.)
Wenn ich mir dort anschaue, wie das im Technik-Bereich gelöst wurde. sieht das für mich so aus, als ob (auch) einfach Zeichen-/Code-Positionen „davorgesetzt“ worden sind.
Das würde für den CompGen e.V. und z.B. die OFBs bedeuten:
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Man startet mit den heute üblichen OFB-Identifiern (Geburtsdatum + Namenszeichen).
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Davor setzt man einen Code (2-4-5-stellig) für das OFB.
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Davor setzt man einen Code für das CompGen-Projekt (z.B. OFBs, Grabsteine, Adressbücher, Verlustlisten, …)
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Davor setzt man einen Code für den CompGen e.V.
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Für die Kommunikation mit der Welt außerhalb der CompGen-Welt, kann zunächst der CompGen e.V. Codes für unterschiedliche Datenquellen und für die interne Nutzung festlegen. Wenn man sich mit den anderen Akteuren verständigen kann, wer welchen Code verwendet (wie z.B. bei Tel-Nummer, Postleitzahlen, ISO-Ländercodes) wäre das Identifier-Problem (m.E.) nicht nur CompGen-intern, sondern generell gelöst.
Zum Abschluss noch eine Idee zum Thema: „Wie realisieren?“
Ich denke dabei z.B. an ein kleines, öffentlich gefördertes F&E-Projekt mit einer halben bis ganzen WiMi-Stelle für ein Jahr pro Teilnehmer: ComGen e.V., IDTA, FactGrid (Uni Erfurt), Inst. für Geschichte (Uni Halle-Wittenberg), ggf. ein Programmier-Dienstleister, …
Thema, z.B.: „Übertragbarkeit von Ansätzen aus ‚Industrie 4.0‘ auf Geschichtswissenschaft und Genealogie“
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Vergleich verschiedener Ansätze, z.B. AAS, Wikipedia, …
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Entwurf einer "HistoryFact / Genealogic Administration Shell (HAS, GAS):
UML – (Metamodell, API) – Semantik – DB.
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Erprobung anhand verschiedener Programm-Beispiele:
Wenn Genealogie-Programme als OpenSource vorliegen oder der Source-Code von den Entwicklern dem Projekt zur Verfügung gestellt wird, kann die vorhandene Benutzer-Oberfläche auf das im Projekt entwickelte GAS-Fundament „testweise draufgesetzt“ werden.
Soweit meine Ideen zum Thema „Zentrum der Projekte“ und in Erwartung einer interessanten Diskussion.
Klaus Schröer
DSF_01-DigTw-CADC_v04m.pdf (3,7 MB)