Seite 5 Kochs Flucht aus Ostpreußen
Die ausgezeichnete Wochenzeitschrift „Christ und Welt“ brachte im Frühjahr dieses Jahres eine Serie „Ostdeutsches Schicksal“, in welcher unter anderem auch die Eroberung Ostpreußens und das Schicksal der ostpreussischen Bevölkerung vom Januar 1945 bis zur Kapitulation geschildert wurde. Der Sinn des Berichtes war, das Schweigen zu brechen und ein Wissen zu verbreiten, das beitragen soll, mehr Verständnis für die Lage der Heimatvertriebenen zu wecken. In wesentlich erweiterter und völlig neubearbeiteter Form wird das Theam nun von dem Verfasser Jürgen Thorwald in einem Buch behandelt, das im Oktober 1949 im Steingrüben-Verlag in Stuttgart erscheinen wird. In diesem Buch mit dem Titel „Es begann an der Weichsel“ (340 Seiten, broschiert 6,50 DM, gebunden 8,80 DM) schildert der Verfasser auf der Grundlage umfangreicher Quellenstudien sowie an Hand von Befragungen und Berichtne der damals handelnden Persönlichkeiten die politische und menschliche Tragödie des Winters und Frühjahrs 1944/1945 im Raum zwischen Weichsel und Elbe, also auch in Ostpreußen, in ihren Hintergründen und in ihrem Ablauf. Wir sind in der Lage, aus diesem Buch das damals in der Serie nichtveröffentlichte Kapitel über die Flucht des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch abzudrucken.
Bis zum 22. April hatte Koch noch auf das märchenhafte militärische Wunder gehofft, das Hitler verheißen hatte, oder auf das ebenso märchenhafte politsche Wunder, das für so viele zum Strohhalm geworden war. Aber als an diesem 22. April aus den Funkmeldungen, die ihn erreichten, die Einschließung Berlins und eine zunehmende Verwirrung im Führerhauptquartier hervorzugehen schien, begann er diese Hoffnungen zu begraben und sich auf den zweiten Plan einzustellen, den er schon so lange im Hintergrunde hielt: der Plan der Rettung seiner selbst. Er warf allerdings immer noch nicht alle Hoffnungen über Bord. Er wollte sich für den Fall, dass wider Erwarten doch noch ein Wunder eintreten würde, welches Hitler an der Macht erhielt, nicht so bloßstellen, dass Hitler ihn als Feigling ausstoßen und von einer weiteren Tätigkeit ausschließen konnte.
Am Nachmittag des 22. April sprach Koch noch einmal davon, dass er, wenn Hitler zu einem Übereinkommen mit den Westmächten gelange und ein neuer Entscheidungskampf im Osten beginne, nach den Ereignissen in Ostpreußen mit den Russen erheblich anders umgehen werde als während seines kurzen Wirkens als Reichskommissar in der Ukraine. Er rechnete für diesen Fall, wenigstens nach außen hin, noch immer damit, wieder Herr in seinem „Reich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer“ zu werden. Aber das waren wohl nur noch letzte Äußerungen vor dem unwiderruflichen Zusammenbruch.
Die Angehörigen seines Stabes wurden von Stunde zu Stunde von größerer Unruhe erfüllt. Den einen, beseelte Misstrauen gegenüber den anderen. Die meisten erfüllte Angst und Furch. Aber neben der Angst vor den Russen, die jetzt vor Pillau kämpften, und, wie ein aus Königsberg auf wunderbare Weise entkommener Ortsgruppenleiter berichtete, mit sämtlichen Parteileuten kurzen Prozess machten, erhob sich die Angst vor einer allzu deutlichen Offenbarung der eigenen Furcht. Der gleiche Kreislauf, der an so vielen Stellen hinter dem Wahnsinn der letzten Wochen stand, nistete auch in dem Hause in Neutief und charakterisierte die letzten Tage.
In der Nacht vom 22. auf den 23. April lieferten Meldungen aus Pillau die Gewissheit, dass der Hafen spätestens am 24. oder 25. April verlorengehen würde. Koch entschloss sich daraufhin am 23. April an Bord der „Königsberg“ zu gehen und Neutief zu verlassen. Er tat dies, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Funker auf seinem Schiff in der Lage waren, den Funkverkehr mit dem Führerhauptquartier fortzusetzen und damit eine weitere Vorspielung seines „heroischen Kampfes“ auf ostpreußischem Boden zu sichern.
Die „Ostpreußen“ lag nun schon seit Anfang April 1945 im Pillauer Hafen unter Dampf. Der Eisbrecher war mit Flakartillerie bestückt und hatte außer seiner Besatzung deren Bedienungsmannschaften und eine Gruppe von Funkern an Bord. Er war nicht der Kriegsmarine unterstellt worden und hatte keine Flüchtlinge an Bord genommen, obwohl er Hunderten von Menschen Platz geboten hätte. Sowjetische Flugzeuge griffen ihn mehrfach an. Die Flakbedienung hatte dabei schwere Verluste und beerdigte ihre Toten an Land.
Am Nachmittag des 23. April, als Pillau schon brannte und im schweren Feuer der sowjetischen Artillerie lag, kam eine Barkasse, von der nehrung herüberfahrend, längsseits. Ihr entstieg ein SS-Offizier des Stabes Koch. „Das Schiff“, erklärte er dem Kapitän, „hat auf Befehl des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars heute abend gegen 19 Uhr auslaufbereit zu sein. Der Gauleiter wird sich kurz vorher mit seinem Stabe an Bord begeben. Ich habe den Auftrag, die Verladung wichtiger Güter zu beaufsichtigen.“
Der Kapitän schwieg, aber seine Augen verrieten, was er in diesem Augenblick dachte. Er hatte lange genug auf diese Stunde gewartet. Kurz darauf kam ein größeres Boot längsseits, das den Mercedeswagen des Gauleiters brachte. Er wurde auf Befehl des SS-Führers an Bord gehievt und an Oberdeck festgezurrt. Die Besatzung der „Ostpreußen“ packte Schrankkoffer, umfangreiches sonstiges Gepäck und zahlreiche Kisten mit Proviant und Getränken, die für eine sehr lange Reise ausreichten, an Bord. Die Verladungen waren am Spätnachmittag beendet. Auf der Pier im Hafen lag bereits Granatwerferfeuer. Flüchtlinge gingen an Bord von Booten und Prähmen.
Gegen 18 Uhr machte ein neues Boot mit Erich Koch, seinem Stab und seiner Leibwache fest. Kochs vierschrötige Gestalt, an diesem Tage noch in brauner Uniform, erschien für kurze Zeit an Deck. Sein grobgeschnittenes Gesicht wurde zwischen den Gestalten seiner Umgebung sichtbar. Dann verschwand er in den für ihn bestimmten Räumen. Gleich darauf lief der Eisbrecher aus und ließ die brennende Stadt Pillau und die Nehrung hinter sich zurück. Koch erteilte Befehl, zunächst Hela anzulaufen. Der General von Saucken wurde weder von Koch noch von einem Angehörigen seines Stabes über die Abfahrt des Reichskommissars unterrichtet.
Die „Ostpreußen“ lief am 24. April früh Hela an. Die Funker gaben unentwegt Meldungen als „geheime Reichssache“, welche in Berlin den Eindruck erwecken musste, als halte Koch sich in dem umkämpften Pillau, zumindest aber auf der Nehrung auf. Sowjetische Flugzeuge schwebten auch über Hela in der Luft, warfen Bomben und flogen Tiefangriffe auf Prähme und Schiffe, die Flüchtlinge, Soldaten und Verwundete an Bord nahmen. Sowjetische Artillerie schoss von der Oxhöfter Kempe herüber und traf ab und zu in die Verladungen. Es gab Tote und Verwundete, Schwerverletzte lagen auf den schmalen Molen.
Als das Feuer nachließ und die Flieger abflogen, begab sich Koch an Land. Umgeben von seiner Wache, schritt er durch die wartenden Flüchtlinge hindurch, welche die Angriffspausen benutzten, um nach Schiffen Ausschau zu halten. Die Blicke, die ihm folgten, waren zwiespältig. Sie zeigten ebenso verbissene Wut wie Furcht. Sie zeigten aber auch die unendlich schwer verlöschende Hoffnung derer, die zu viele Jahre lang geglaubt hatten, und selbst jetzt noch in irgendeinem Winkel ihres Herzens hofften, der brutale Koloß Koch, der Mann der ewigen großen Worte, bringe irgendeine Lösung, eine Rettung oder das Wunder, von dem er so oft gesprochen hatte. Aber Koch dachte nicht daran, ihnen irgendetwas zu bringen. Er ging zum Seekommandanten und forderte mit der Begründung, er müsse in dringendem Auftrag zum Führer, ein Sondergeleit für sein Schiff, um die minen- und U-Boot-gefährdeten Gewässer vor der pommerschen Küste passieren zu können. Und hier erfuhr er nun, vielleicht zum ersten Male, dass das Gebäude seiner Macht keinen Grund mehr besaß. Der Marineoffizier kannte ihn. Er hatte in Pillau genug seiner großen Worte gehört und fühlte sofort, dass Koch keinen wirklichen Auftrag mehr hatte, sondern auf der Flucht nach dem Westen war. Er erklärte ihm, dass er über kein Sondergeleit verfüge. Der Reichskommissar müsse sich einem der Flüchtlingsgeleite anschließen, die in der kommenden Nacht nach Kopenhagen abgehen. Koch brauste auf. Er hob die berühmte geballte Faust, mit der er einmal Beamte niedergeschlagen hatte, die ihm nicht folgsam waren. Aber er vergaß, dass der Offizier ihm gegenüber in den letzten Wochen so viel Gewalt und Not und Elend gesehen hatte, dass ihn nichts mehr schrecken und erschüttern konnte, weder Drohung noch Gewalt noch der verfallende Nimbus eines Namens. Das alles war für ihn nur noch Schall und Rauch. Kochs Drohung glitt an einem Manne ab, der so weit jenseits aller Dinge stand, dass er sich kaum noch die Mühe zur Verachtung nahm.
Der Marineoffizier wiederholte, er verfüge über kein Sondergeleit. Er sei nicht einmal in der Lage, seine großen Flüchtlingsgeleite notdürftigst zu sichern. Das aber seine seine Aufgabe. Er könne und werde keins seiner Boote für andere Aufgaben abzweigen. Koch möge sich, wie bereits gesagt, einem der normalen Geleite anschließen. Außerdem müsse er ihn bitten, einige Hundert Flüchtlinge an Bord zu nehmen, für die er zweifellos Platz habe, Koch fühlte, wie sein Nimbus, der so lange Zeit Millionen von Menschen gebeugt hatte, unter seinen Händen dahinschwand. Er hätte versuchen können, das Sondergeleit über Bormann und den führertreuen Admiral Kummetz in Kiel zu erzwingen. Aber er hätte dazu seine Fluchtabsichten frühzeitig enthüllen müssen. Und es wäre in der allgemeinen Verwirrung nur noch ein Vesuch geblieben. Er trat daher mit drohenden, aber leeren Worten den Rückzug an.
Aber das Bewusstsein dieses Rückzuges trieb ihn unwiderstehlich dazu, noch einmal seine Macht über Menschen zu versuchen. Von seiner Wache umgeben, suchte er im Chaos der Insel nach ostpreußischen Flüchtlingen, von denen genug in den Waldstücken lagerten. Mit gewollt brutalem Schritt, breit und gut genährt, trat er zwischen die Abgerissenen und richtete einige Worte an sie. Es waren Worte, an die er selbst nicht mehr glaubte. Er sagte zwar nicht mehr: „Wir werden Ostpreußen behaupten, wir werden uns an den Boden krallen und notfalls vor den Schwellen unserer Türen fallen.“ Aber er sagte: „Ostpreußen! Ihr könnt sicher sein, wir werden uns Ostpreußen wieder holen. Es wird nicht mehr lange dauern. Ich bin unterwegs zu einer entscheidenden Besprechung beim Führer, welche die große Wende bringen wird.“
Die Ostpreußen horchen schweigend. Wiederum taten es viele mit der einfach nicht zu mordenden Hoffnungsfreudigkeit der Verzweifelten. Möchten sie den Satrapen, der plötzlich vor ihnen stand, in der Not der Flucht tausendmal verflucht haben, jetzt horchten sie doch noch einmal auf. Vielleicht hatte er tgausendmal gelogen um jetzt ein einziges Mal recht zu behalten. Es waren allerdings auch die anderen da, die Koch ansahen wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, diejenigen, die am liebsten höhnend gelacht oder ihn verflucht oder ihm ein Messer in den Wanst gejagt hätten. Aber sie hielten sich zurück, weil die große Furcht sie immer noch umfangen hielt.
Selbst die groben, niemals von Feinheiten angekränkelten Sinne Kochs fühlten jedoch die verborgene Feindschaft. Und in ihm stieg der unbeherrsche Haß auf, den er immer gegen alle diejenigen empfunden hatte, die seinem Willen und seinen Ideen nicht hatten folgen wollen. Es war zugleich der Haß des Stürzenden. Er wandte sich mit einem kuren „Heil“, das wie blutiger Hohn klang. Es trieb ihn zu seinem Schiff zurück. Aber da schien ihm der Weg durch einige hundert Flüchtlinge verlegt. Es hieß, der Seekomandant habe sie zusammengerufen und die Bedauernswertesten ausgesucht, um Koch auf diese Weise noch einmal an sein leeres Schiff zu erinnern. Aber als Koch die Flüchtlinge erblickte und die Zusammenhänge begriff, verstärkte sich noch die Wut in ihm. Wer erlaubte sich, ihm Mahnungen zu erteilen? Ein kleiner Seeoffizier? Ein Offizier überhaupt? Der Whn seines gottähnlichen Herrentums, dem er sich zu lange hatte hingeben können, erfasste ihn wieder ganz. Er schritt durch die Leute hindurch. Er sah ihre hohlen Augen nicht. Er wollte sie nicht sehen. Ein ostpreußischer Volkssturmführer, ein alter Parteimann, einer der kleinen Idealisten, deren kindliche Vorstellungen sich nur selten mit der Wirklichkeit gedeckt hatten, schob sich kurz vor dem Wasserloch in seinen Weg und bat mit bebend erregter Stimme, seine überlebenden ostpreußischen Volkssturmleute, für die es auf Hela keine Verwendung mehr gab, mitzunehmen. Er wich völlig verwirrt zurück, als Kochs brutal-glühendes Gesicht sich ihm zuwendete und ihm zornig zurief, was er sich einbilde, warum er ihn mit solchem Dreck belästige. Er sagte in zorniger Unbeherrschtheit „Dreck!“ Aber er vergaß nicht sein Schauspielertum und setzte hinzu, er benötige sein Schiff zu kriegsentscheidenden Dingen.
Dann gab er sich, so schnell er konnte, an Bord zurück. Sein Verhalten entsprang jedoch nicht nur seinem aufbrausenden Herrentrotz. Er musste nichts mehr fürchten, als Flüchtlinge und Fremde an Bord zu bekommen, die ihm in seine Karten sehen und seine Fahrt behindern konnten. Er hatte seine Besatzung und vor allem die Funker rechtzeitig durch den SS-Untersturmführer Bauer vereidigen und den Leuten sofortige Erschießung androhen lassen, falls sie „aus der Reihe tanzten“. Noch konnte er nicht übersehen, wohin ihn seine Fahrt führen würde. Und auf keinen Fall wünschte er mehr Mitwisser zu besitzen, als unbedingt notwendig waren. Diesem Wunsch entsprang der letzte der wütenden Auftritte, die Kochs Aufenthalt vor der Hölle von Hela kennzeichneten.
Als er nach der Rückkehr von der Halbinsel der Unseligen, von seinen Windhunden gefolgt, erregt hin und her marschierte, entdeckte er auf dem Bootsdeck der „Ostpreußen“ einen ihm unbekannten zehnjährigen Jungen. Er hiet ihn fest und schrie ihn an, wie er an Bord gekommen sei. Der Junge zitterte vor Angst und gestand, dass sich auch seine Mutter und sein Bruder an Bord befänden. Der erste Maschinist der „Ostpreußen“, ein Königsberger, hatte seine Familie auf das Schiff gerettet und versteckt. Koch rief nach seiner Wache und befahl, sofoft die blinden Passagiere von Bord zu jagen und auf Hela abzusetzen. Da stieg der Maschinist an Deck, der Böses ahnend, den Lärm vernahm. Er trat auf den Gauleiter zu. Auch ihm war die Furcht vor dem Gewaltigen nicht fremd. Aber die Wut über so viel Erbarmungslosigkeit und die Angst vor dem Schicksal seiner Familie übermannten ihn. Wenn seine Familie von Bord gejagt werde, rief er, dann habe das Schiff seine letzte Fahrt getan, und er garantiere dafüt, dass es Hela nicht verlassen werde. Koch schreckte für einen Augenblick zurück. Dann schrie er nach Verhaftung und Erschießung. Er bebte vor Wut. Aber der Kapitän, selbst am Ende seiner Zurückhaltung, trat neben seinen Maschinisten. Und Koch blieb ein neuer Rückzug erspart, weil er weder den Kapitän noch den Maschinisten für seine Flucht entbehren konnte. Aber er wünschte die Familie und den Maschinisten nicht mehr zu sehen. Er verbannte die Frau und die Kinder in eine fensterlose Lagerkammer.
Die „Ostpreußen“ verließ Hela bei sinkender Nacht. Sie entrann glücklich sowjetischen Minen und Torpedos. Auch während der Fahrt nördlich der pommerschen Küste ließ Koch noch Meldungen über den Widerstand in Pillau und auf der Nehrung nach Berlin funken. Aber von dort kamen kaum noch Nachrichten, außer einigen propagandistischen Aufrufen Bormanns. Koch begann, im Dunkel zu tappen. Er konnte seine eigenen Meldungen nicht bis ins Uferlose fortsetzen. Aus einzelnen Nachrichten ging immerhin hervor, dass keine Aussicht mehr bestand, dorthin zu gelangen, und dass der Kampf in Berlin in Kürze zu Ende gehen müsse. Es gab schließlich Nachrichten über den Verrat Görings und den Verrat Himmlers. Daraufhin ließ Koch die letzten Hoffnungen auf Hitler, aber auch die letzten Rücksichten fallen und dachte nur noch an die eigene Rettung. Die „Ostpreußen“ lief Rügen an. Aber Rügen war inzwischen zur Festung erklärt worden, und der Festungskommandant untersagte dem Schiff den Aufenthalt im Hafen. Der Eisbrecher ging daraufhin auf der Reede vor Anker. Koch und seine Umgebung begannen hier, auch vor der Besatzung, jede Maske fallen zu lassen. Koch umkreiste in nicht mehr zu beändigender Nervosität das Oberdeck. Einzelne seiner Herren suchten selbst durch Angeln ihrer Unruhe Herr zu werden. Plötzlich wurden die ersten Verkleidungen sichtbar. Die braunen Uniformen wurden durch einfache Wehrmachtsuniformen ersetzt. Zivilanzüge wurden getragen. Die Verkleidungen wechselten häufig, offenbar, um die bestmöglichste Tarnung herauszufinden. Koch selbst begann, Zivil zu tragen, dann aber die Uniform eines einfachen Schützen auszuprobieren. Einige Kreisleiter verwandelten sich in Flaksoldaten. Wohlvorbereitete falsche Papiere gab es plötzlich in Mengen. Ein beispielloser Akt der Demaskierung und Maskierung nahm seinen Anfang. Die Hybris des Heroismus, des Glaubens an den Sieg, dieses ganze krankhafte Schauspiel brach über Nacht zusammen. Dies ereignete sich für die einfachen Matrosen und Flaksoldaten an Bord, die auch jahrelang ihren Glauben in sich getragen hatten, so jäh, dass sie eine tiefe Verwirrung befiel und sie fassungslos vor den Ereignissen stehen ließ. Es zeigte sich jetzt, dass jeder im Stabe Kochs sich insgeheim für eine Flucht gerüstet hatte. Als über Nach niemand vor niemandem etwas zu verbergen hatte und Koch selbst das Beispiel gab, enthüllten alle ihre Geheimnisse und die Hohlheit ihrer Welt.
Koch versuchte, angesichts der Bedrohung Rügens durch die Russen und der Unmöglichkeit, hier an Land zu kommen, nach Dänemark zu gelangen. Er hatte noch keinen endgültigen Plan für sein eigenes Untertauchen. Er schwankte hin und her. Der Eisbrecher nahm Kurs auf Bornholm, um, ohne Geleit, wie er war, durch die verhältnismäßig minenfreien Gewässer vor der schwedischen Küste Kopenhagen zu erreichen. Am 30. April kamen bei Nacht die hell erleuchteten schwedischen Uferstraßen in Sicht. Einen Tag später nahmen die Funker die Meldung über Hitlers Tod und gleich darauf einen langen Spruch der neun Regierung des Großadmirals Dönitz auf. In diesem Spruch gab Dönitz seine Absicht bekannt, den Krieg im Westen zu beenden, im Osten aber weiterzukämpfen. Als der Tod Hitlers in Kochs trinkendem und debattierendem Stab bekanntgegeben wurde erhob sich kein einziger der Anwesenden von den Plätzen. Koch, der unentwegt mit Gedanken an die Möglichkeiten seines Untertauchens beschäftigt war und sogar den Plan einer Landung in irgendwelchen abgelegenen norwegischen Fjorden erwogen hatte, erhielt dagegen durch den Funkspruch Dönitz vorübergehend einen letzten inneren Auftrieb. Er beschloss, von Dänemark nach Flensburg weiterzufahren und sich Dönitz für den Kampf um den Osten zur Verfügung zu stellen. Diese Aussicht bewegte ihn auch dazu, am 2. Mai in Kopenhagen an Land zu gehen, den Gedanken des Untertauchens noch einmal zurückzustellen und den Versuch zu unternehmen, vor Flüchtlingen in Dänemark über den weiteren Kampf im Osten zu sprechen, um sich selbst noch einmal aus der Versenkung der Namenlosigkeit, die sich bereits dicht vor ihm auftat und ihn zu verschlingen drohte, zu erheben. Noch einmal überfiel ihn die Verlockung der genossenen Macht.
Kopenhagen stand bereits im Zeichen eines befürchteten Aufruhrs der Dänen. Niemand durfte die „Ostpreußen“ verlassen. Koch setzte sich telephonisch mit dem Hauptquartier des Wehrmachtsbefehlshabers in Dänemark, Generaloberst Lindemann, in Selkeborg in Verbindung. Er erfuhr jedoch von einem Offizier des Stabes, dem Oberstleutnant von Wedel, dass man ihn nicht zu sehen und nicht zu empfangen wünsche und ihm empfehle, dänischen Boden nicht zu betreten. Trotzdem gelang es Koch, als Zivilist an Land zu kommen und einige Flüchtlingslager in der Umgebung Kopenhagens zu besuchen. Aber diese Besucht waren nicht dazu angetan, seine letzten Hoffnungen zu fördern. Sie zerstörten vielmehr diese Hoffnungen und trieben Koch zurück in die Vorbereitungen zur Flucht.
Am 5. Mai wurde der „Ostpreußen“ ein weiterer Aufenthalt im Hafen von Kopenhagen untersagt. Der Seekommandant verweigerte jeden Geleitschutz. So passierte der Eisbrecher auf gut Glück den kleinen Belt. In Aarhus schossen Dänen auf das Schiff. Am morgen des 7. Mai erreichte die „Ostpreußen“ endlich Flensburg, und Koch erfuhr von der dicht bevorstehenden Kapitulation. Diese Nachricht zerstörte den allerletzten Halt. Man war bemüht, sich der Besatzung und ihrer Zeugenschaft so schnell wie möglich zu entledigen. Aber noch während deren Entlassungspapiere unterzeichnet wurden, warf man Waffen, Parteiuniformen und belastende Dokumente über Bord, Koffer und Kisten wurden an Land gebracht, und Kochs Umgebung zerstreute sich in den verschiedensten Verkleidungen. Koch selbst hinterließ das Gerücht, er begebe sich zum Großadmiral Dönitz, um dort weiter seine Pflicht zu tun. In Wirklichkeit nutzte er das Chaos dieser letzten Tage, um als „Hauptmann a. D. Berger“ mit falscher Uniform und falschen Papieren zu verschwinden und ein verborgenes, unbedeutendes Leben zu beginnen, welches dem Leben ähnelte, das er vor seinem Aufstieg zur macht einmal geführt hatte.
Seite 6 Die Gauleitung erklärte. Warum ein geordneter Abtransport der Ostpreußen nicht erfolgte
Reichsbahnrat M. hat Herrn Walther Becker in Bad Oldesloe, Hindenburgstraße 63, auf eine Anfrage folgendes mitgeteilt:
„In der Zeit von 1944 bis zum Einmarsch der Russen war ich Vorstand des Reichsbahn-Betriebsamtes Bartenstein in Ostpreußen. Nach dem Druchbruch der Russen an der Minsk-Front wurden im Spätsommer durch zahlreiche Sonderzüge der Reichsbahn die zahlreichen Bombenflüchtlinge aus Berlin und anderen Weststädten in geodneter und gut organisierter Weise nach Westen abgefahren. Ihnen folgten, im Spätherbst, alle jenen Ostpreußen, die aus den zum Teil besetzten Grenzgebieten, zum Teil aus der Frontzone im östlichen Ostpreußen in das Innere des Landes evakuiert waren. Auch diese Transporte wurden bestens organisiert und geordnet durchgeführt. Die Flüchtlinge konnten ihr gesamtes mitgeführtes Gepäck verladen und fanden jeder einen Sitzplatz. Die Transporte wurden in den Raum Sachsen durchgeführt. Den einheimischen Ostpreußen, wurde angesichts der bevorstehenden Offensive der Russen, von der auch in der Presse zu lesen war, jede Reise nach dem Westen verweigert. Auch wurden sie weitgehend daran gehindert, Sachen nach dem Westen zu verlagern. Dies geschah dadurch, dass Reisegenehmigungen, für die die Kreisleitungen der NSDAP zuständig waren, grundsätzlich verweigert wurden. Als am 13.01.1945 die Offensive tatsächlich einsetzte, suchte ich in Königsberg den Betriebsleiter der RBD auf, um mir Weisungen für den Räumungsfall geben zu lassen. Dabei hatte ich eine Unterredung mit dessen Vertreter, Herrn Reichsbahnrat H., damals Dezernent 34 der RBD Königsberg. Ich fragte ihn, warum man denn nicht wenigstens die Arbeitsunfähigen, die Frauen und Kinder rechtzeitig nach Westen evakuiert habe, man sei doch bestens über die bevorstehende russische Offensive informiert gewesen. Es sei doch bei der nunmehr eingetretenen Lage angesichts der notwendigen Wehrmachtstransporte nicht mehr möglich, außerdem noch Evakuierungszüge zu fahren, und dass das so kommen würde, habe man doch vorher gewusst. Ich erhielt zur Antwort von diesem für die Durchführung solcher Transporte maßgeblichen Herrn: Die Reichsbahndirektion Königsberg ist fortgesetzt an die Gauleitung mit dem Vorschlag herangetreten, die Zivilbevölkerung zu evakuieren. Seitens der RBD war immer wieder erklärt worden, noch sei man in der Lage, in geordneter Weise in nicht überfüllten Zügen mit ausreichendem Gepäck die gesamte entbehrliche Bevölkerung abzufahren und damit außer Gefahr zu bringen. Die Gauleitung war darauf hingewiesen worden, dass bei Einsetzten der Offensive nur noch Wehrmachttransporte gefahren werden könnten und dann die Bevölkerung im Falle russischen Druchbruches ihrem Schicksal überlassen werden müsste. Seitens der Gauleitung wurde jedes Mal abgewunken mit der Erklärung, es sei noch nicht so weit, und wenn, dann werde von ihr aus rechtzeitig an die Reichsbahn herangetreten. Dies ist nie geschehen. Bis zur Katastrophe wurde seitens der Parteileitung jeder, der seine Familie oder sein Gut nach dem Westen zu dirigieren trachtete, als Defaitist gebrandmarkt.“