Wir Ostpreußen, September 1949, Folge 15, Teil 1

Folge 15 vom 01.09.1949

Seite 1 Kühe zwischen Sandbergen (Foto)
Ein Bild aus der Wüste Sahara etwa? So mag mancher fragen, der das nicht kennt, was es darstellt. Es ist auch ein Stück Ostpreußen, und wohl das Eigenartigste, das es gibt, es ist ein Stück der Kurischen Nehrung. Bei Nidden ziehen Kühe von der heide, die ihnen als Weide diente, durch das Tal des Schweigens heim in den Stall. Ein Bild, so seltsam und eigenartig, wie es nur an ganz wenigen Stellen in der Welt in ähnlicher Art zu beobachten ist. Aber nicht als Erinnerung allein zeigen wir diese Aufnahme, sie ist mehr; sie ist auch ein Beitrag, und zwar ein sehr anschaulicher, zu unserem unverrückbaren Standpunkt, dass Ostpreußen uns und niemand anderem gehört. Weshalb es unser ist, das ist oft gesagt worden und wird immer wieder gesagt werden, und zu diesen Gründen gehört auch der, dass unsere Vorväter durch Jahrhunderte hindurch das Land auf den hohen Stand gebracht haben, auf dem es sich befand, als wir vertrieben wurden. Umgekehrt aber haben die, welche heute die Macht über unsere Heimat haben, es in weiten Teilen verkommen lassen. Während früher sogar auf der Kurischen Nehrung jedes Dorf seine Kuhherde hatte und jeder Fischer mindestens eine Kuh im Stall, während wir also dem fast toten Sandboden fette Milch abzuringen verstanden, bilden heute die ehemals so fruchtbaren Niederungen eine Sumpfwildnis und auf weiten Gebieten unserer Heimat wachsen Dornen und Disteln, und soweit Kühe vorhanden sind, geben sie nur einen Bruchteil des früheren Milchertrages. Ostpreußen gehört uns!

Seite 1 Ostpreußen gehört uns
Wem gehört Ostpreußen? Um diese Frage zu beantworten, muss man in die dunklen Schächte der Geschichte hinabsteigen, fast bis zu den seligen Gefilden der Götter. Manche Dichter, wie Walter Heyman, tun es in ihren Dichtungen und wissen selbst dort noch eine Antwort zu geben, wo die Akten schweigen. Und sie schweigen viel und tief in diesem östlichen Land.

Jahrtausendelang und von allen Wirren der Völkerwanderung unberührt, wahrscheinlich die ganze Bronzezeit über, hat das eigenwillige Volk der Pruzzen zwischen Weichsel und Memel gesiedelt. Man weiß viel Gutes von seinem gastlichen Sinn und von seiner Menschenfreundlichkeit zu berichten. Als der Deutsche Ritterorden das Land im Namen Christi eroberte, wehrte sich dieses Volk lang und heftig gegen den Zwang, einen neuen, ihm wesensfremden Gott anbeten zu müssen. Es musste jedoch, wie alle europäischen Völker, einen Bruch in seiner inneren Entwicklung hinnehmen, ja, vielleicht gehört dieses im tiefsten zum Wesen des Abendlandes: das Aufpfropfen eines jungen christlichen Zweiges auf den alten heidnischen Baum, auf die Göttereiche. Er kam auch hier zur Blüte und zur Frucht, denn wir wissen, dass Ostpreußen ein betont christliches Land ist. So wurde das alte Bernsteinland christliches Abendland.

Ebensowenig wie Karl der Große die Sachsen ausgerottet hat, kann eine Rede davon sein, dass der Deutsche Ritterorden die Pruzzen vernichtete. Das hätte auch seinem christlichen Ethos widersprochen. Gleichwohl muss die Grausamkeit der Kämpfe, besonders nach einigen Aufständen der Pruzzen, zugegeben werden. Wir werden heute, nachdem der Zweite Weltkrieg hinter uns liegt, verstehen, wenn auch nicht entschuldigen, wie sehr Weltanschaukämpfe, und es handelte sich dort um einen Religionskrieg, zur Fanatisierung auf beiden Seiten führen können.

Die Pruzzen überstanden jedenfalls, wenn auch dezimiert, die Katastrophe und lebten in der alten Weise weiter, besonders in abgelegenen Landesteilen, wie im Samland, am Memelstrom und in den Wäldern des Grenzgürtels. Ihre Sprache, die dem Litauischen und Lettischen verwandt war, erklang bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, und dann verschwand sie mehr und mehr, nicht etwa, weil die Pruzzen nun nachträglich vertrieben wurden oder an Überalterung ausstarben, sondern weil sie sich, dem Zuge der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung folgend, nun in steigendem Maße der deutschen Sprache bedienten. In sehr starkem Umfange kam es zu Ehen zwischen Pruzzen und Deutschen, wobei sich bei den Kindern die deutsche Sprache durchsetzte.

Dieses muss also deutlich festgehalten werden: Die Pruzzen sind nicht vernichtet worden, sie sind da. Man erkennt sie auch heute noch, trotz ihrer deutschen Sprache, an bestimmten Namen, z. B. Perkun, Gettkandt, Gause, Perbandt usw., und in vielen Familien schimmert das altpreußische Bluterbe auch heute noch deutlich genug hindurch. Der altpreußische Anteil am ostpreußischen Menschen muss viel höher eingeschätzt werden, als man es bisher tat, schon weil die Ritter des Ordens im Zölibat lebten und daher ohne Nachkommen ausstarben.

Die Frage nach den politischen Besitzverhältnissen Ostpreußens ist im Laufe der letzten Jahrhunderte niemals mehr gestellt worden, weil der deutsche Charakter der Provinz eindeutig war. Er ist aber heute gestellt und bedarf einer Antwort von Seiten derer, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Und zwar einer Antwort die nicht von irredentistischen Gefühlen getragen wird, sondern vor der Geschichte standhalten kann. Außer dem sehr eindeutigen Gesichtspunkt der Gewalt, wie ihn die Sowjetunion gegenwärtig der Welt vordemonstriert, gibt es zwei Argumente zur Begründung von Besitzansprüchen: erstens das der Uransässigkeit, zweitens das der kürzeren oder längeren Besitznahme.

Vom ersten Standpunkt haben weder Deutsche noch Polen, weder Russen noch Litauer das Recht, sich in Ostpreußen als uransässig zu betrachten, sondern ausschließlich die Pruzzen. Wenn man aber sagt, sie wären ausgestorben und ihre nächsten Verwandten wären etwa die Litauer und Letten und diese müssten demnach das Land erben, so ist das ein Irrtum. Sie sind nicht ausgestorben, sondern bilden einen großen Teil der heutigen Ostpreußen, wenn auch äußerlich verdeutscht. Sie sind blutsmäßig die unbestreitbaren Nachkommen und damit Rechtsträger der Pruzzen. Wenn die Pruzzen heute aus ihren Gräbern aufstehen könnten und man würde sie fragen „Wem soll euer Land gehören?“, so würden sie antworten: den Ostpreußen!

Wenden wir uns dem zweiten Argument zu, so steht es außer Frage, dass Ostpreußen 700 Jahre lang zum deutschen Lebens- und Kulturraum gehört hat. Königsberg wurde 1254 gegründet, Memel 1252. Siebenhundert Jahre, in denen hier Geschlechter gesiedelt und gebaut haben, sind für sie kaum zweitausendjährige abendländische Geschichte eine so lange Zeit, dass man sie nicht mit einer Handbewegung fortwischen kann. Als der Memeler Dichter Simon Dach das Lied „Ännchen von Tharau“ schrieb, breiteten sich die ersten Weißen tastend über Nordamerika aus. Als Immanuel Kant in Königsberg seine große Linie vom gestirnten Himmel zum Menschenherzen zog, begann sich Nordamerika aus den Fesseln kolonialer Abhängigkeit zu befreien. Es ist eine lange Zeit, siebenhunder Jahre, und es gäbe ein Weltkuriosum, wollte man alles revidieren, was seitdem geschehen ist.

Mit diesem kurzen Blick in die Geschichte ist die Stellung der vertriebenen Ostpreußen zu dieser Frage, die in ihren Herzen niemals eine Frage sein wird, beantwortet. Das moralische Gesetz, das der Königsberger Philosoph nicht nur erfunden hat, sondern das ein Wesensbestandteil des abendländischen Menschentums ist, wird, so hoffen sie, zur rechten Stunde sein Urteil sprechen, wenn anders es eine abendländische Kultur gibt.

Seite 4 Operation Link. Um das Schicksal unserer noch in Ostpreußen lebenden Angehörigen
Wir Ostpreußen wissen es, dass noch Tausende unserer Angehörigen in dem polnisch besetzten Teil Ostpreußens und in Lagern in Kongreßpolen leben, wohin sie zwangsweise umgesiedelt worden sind. Wir wissen weiter, dass diese unsere Angehörigen nichts sehnlicher wünschen, als zu uns nach den Westzonen zu kommen. Das Leben dort ist für sie kein Leben mehr, vor allem für die, die in den Lagern leben müssen. In Folge 11 unseres Mitteilungsblattes veröffentlichten wir einige solcher Hilferufe. Täglich gehen neue Briefe ein.

Unter der Bezeichnung „Operation Link“ war nun der Abtransport unserer Landsleute vorbereitet worden, und zwar sollten zunächst diejenigen nach den westlichen Zonen kommen, die hier Angehörige haben und keinen zusätzlichen Wohnraum beanspruchen. Schon dabei handelt es sich um viele Tausende. Die elf Länder der westlichen Zonen hatten ihre Zustimmung zur Aufnahme gegeben; sie war noch einmal bei der Konferenz der Ministerpräsidenten am 5. August 1949 in Wiesbaden bestätigt worden.
Wie wir nun vom Deutschen Roten Kreuz erfahren, hat General Robertson diese Umsiedlung gestoppt. Wenn die Genehmigung nicht doch noch vor dem Zusammentritt des Bundestages am 7. September erteilt wird, ist zu befürchten, dass die Zustimmung der Länder hinfällig wird und die ganze Angelegenheit dann erst noch vom Bundestag behandelt und genehmigt werden muss. Das wird aber wiederum Zeit beanspruchen, und da die Polen im Winter keine Massentransporte durchführen, müsste mit der Umsiedlungsaktion bis zum Frühjahr 1950 gewartet werden, wenn die britischen Behörden ihre Einstellung nicht doch noch ändern.

135 000 Deutsche sind es schätzungsweise, die sich in den polnisch verwalteten Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie noch befinden, darunter viele alte und hilflose Personen und Tausende alternloser Kinder. Sie leben unter den denkbar schwierigsten Bedingungen. Die Zwangsarbeit, die sie leisten müssen, bringt ihnen oft nicht einmal soviel, dass sie ihr Leben fristen können. Die Sterblichkeit ist erschreckend groß, vor allem in den Massenunterkünften. Ein weiterer Winter würde zahlreiche Opfer finden. Unsere Angehörigen warten verzweifelt auf Hilfe. Wir können ihnen jetzt dadurch helfen, dass wir diejenigen Stellen, welche die Entscheidung in der Hand haben, auf ihre Verantwortung und auf das Schicksal unserer Landsleute hinweisen. Wer noch Angehörige in den genannten Gebieten besitzt, die er gerne von dort heruasholen möchte, hat die Möglichkeit, sich an General Robertson in Berlin zu wenden und ihn um die Genehmigung zur Rückführung unserer Landsleute zu bitten. Die Anschrift lautet: General Robertson, Control Commission Germany, Berlin
Wie wir hören, haben bereits Orts- und Kreisgruppen der Landsmannschaft Telegramme an General Robertson gesandt. Hoffen wir, dass unsere noch unter polnischer Verwaltung lebenden Eltern und Kinder. Brüder und Schwestern noch vor Einbruch des Winters zu uns kommen können!

Seite 5 Von 1945 bis 1948 in Königsberg. Von Dr. Ing. Erich Bieske, früher Königsberg
(Schluss)
Über all der Not stand die eine Frage, die jeden von uns täglich, stündlich und zu jeder Zeit beweget: Wann kommen wir heraus? Der Gedanke daran ließ uns keinen Augenblick los. Wenn sich Deutsche zwischen den Ruinen der toten Stadt auf einsamer Straße gegegneten, hatte jeder die Frage auf den Lippen, ob Neues zu hören sei wegen des Herauskommens. Es war das Gespräch während der Arbeit, es war das Gespräch in der Mittagspause, es war die Bitte, die wir beim Schlafengehen unserem Herrn hinlegten, es war der Inhalt unseres Morgengebetes. Da der Wunsch der Vater des Gedankens war, fanden die unwahrscheinlichsten Gerüchte gläubige Ohren, vor allem unter unseren Frauen, die nach wie vor den Belästigungen der Soldateska schutzlos ausgesetzt waren. Im Dezember 1945 hieß es, bis spätestens Weihnachten kämen wir alle nach Deutschland. Dann erzählte man, ein sowjetischer Offizier hätte gesagt, der 15. Januar sei der Termin des Abtransportes. Daraus wurde der 1. Februar, der 1. März, und es wurde Ostern, ohne dass sich etwas rührte. Jede angenehme Botschaft wurde gern geglaubt, während eine ungünstige Nachricht unsere Stimmung ins Bodenlose sinken ließ. Wir schwankten ständig zwischen Hoffen und Verzagen, während in den Gerüchten eine Terminverschiebung der anderen folgte. Die Bitte in den Gottesdiensten „Herr, mach uns frei!“ ist noch nie mit solcher Inbrunst gesprochen und gebetet worden, wie in den Leidensjahren 1945 – 1948 in unserer alten Heimatstadt Königsberg.

So vergingen im Sehnen, Hoffen und Harren die Jahre. Manch einer hatte 1945 im Sommer noch flüchten können, als der Grenzkordon mit den hohen Wachtürmen noch nicht um das sowjetische Gebiet gezogen war; manch einer sank entkräftet dahin und sah sein Vaterland nie wieder. Glücklich, wer, wie ich, auch unter dem Russen in seinem Fachgebiet arbeiten durfte und sich durch die Arbeit von diesem ewig quälenden Gedanken etwas ablenken konnte.

Am 4. März 1947 erschien plötzlich eine Bekanntmachung, dass Anträge auf Ausreise gestellt werden dürften. Es erfolgte ein Ansturm von Antragstellern, der durch die russische Polizei sehr rasch durch ein sehr umständliches Fragebogenverfahren abgebremst wurde. Durch das tatkräftige Eintreten des deutschen Arztes Dr. Richter fand im Laufe des Sommers eine Ordnung und eine Nummernausgabe für die Ausreiseanträge statt, bei der etwa 18 000 Anträge gezählt wurden. Tatsächlich kamen in diesem halben Jahr 1947 aber nur etwa 1500 Königsberger aus der Stadt heraus. Da erfolgte am 17. Juni 1947 eine kategorische Ausreisesperre. Um die Gefühle der Königsberger etwas zu dämpfen, wurde Anfang Juli 1947 eine Zeitung „Neue Welt“ in deutscher Sprache herausgegeben und für den 1. September die Eröffnung deutscher Schulen angekündigt.

Erst am 22. Oktober 1947 setzten plötzlich und nach russischer Methode ohne jede Ankündigung die Abtransporte ein, die Ende November abgeschlossen waren. Die zweite große Transportwelle dauerte vom 15. März bis etwa 15. April 1948. Nach dem ursprünglichen Plan sollte bis zum 1. Mai 1948 die Heimatbeförderung der deutschen Bevölkerung beendet sein. Das traf für Königsberg im allgemeinen zu. Aus der Provinz sind aber auch später noch Transporte erfolgt, da die Landbevölkerung häufig gezwungen war, noch bis zur Einbringung der Ernte 1948 in Ostpreußen zu bleiben.

Heute sind wohl nur noch diejenigen Menschen in Ostpreußen, die in den Gefängnissen sitzen. Sie sind wegen geringfügiger Vergehen nach dem sowjetischen Strafgesetzbuch, dessen Straßmaß zur Wiederherstellung der Zucht und Ordnung im eigenen Lande in drakonischer Weise verschärft wurde, zu fünf, sechs und acht Jahren Straflager verurteilt und werden wohl kaum unser Deutschland wiedersehen.

Wie sieht es heute in Königsberg aus? Wir wissen, dass Ende August 1944 zwei schwere englische Luftangriffe das Innere unserer Stadt verwüstet haben. Die Artilleriebeschießung und die russischen Luftangriffe während der zweieinhalbmonatigen Belagerung taten das Übrige. Einen großen Teil des noch stehenden Restes der Stadt steckte der russe nach der Einnahme in Brand. Wir sahen die Stadt über eine Woche hindurch brennen, bis nach und nach der dichte Rauch über den Trümmern verschwand.

Königsberg ist heute ein Schutthaufen! Nur die äußeren und äußersten Stadtränder sind bewohnt und bewohnbar. Es wohnen Menschen im Wesentlichen auf den hufen, in Ratshof, in Juditten, in Ballieth, Maraunenhof, Rothenstein, Quednau, Liep und südlich des Pregels in Neuendorf, Speichersdorf, Ponarth und Schönbusch. Das Stadtinnere innerhalb der alten Festungswälle ist totenstill und menschenleer. Von den auf Befehl des Kreisleiters sinn- und planlos gesprengten Brücken sind bisher nur die Holzbrücke und die Hohe Brücke instandgesetzt worden. Bis vor kurzem befand sich noch eine hölzerne Behelfsbrücke am Gaswerk. Der Versuch eines russischen Brückenbauunternehmens, die durch eine Sprengung auseinandergerissene Reichsbahnbrücke am Holländer Baum wiederherzustellen, ist misslungen. So kommt es, dass die Hauptverkehrswege nicht wie früher mitten durch die Stadt, sondern um die Stadt herum führen. Wenn man von dem heute besonders wichtigen Hufenviertel nach Ponarth, zum jetzigen Hauptbahnhof will, so führt der Weg über Steindamm, Kaiser-Wilhelm-Platz, Holzbrücke, Weidendamm, Hohe Brücke, Unterhaberberg nach Ponarth. Man hat also große Umwege zu machen, wenn man einen Bekannten am anderen Ende der Stadt besuchen will. Unsere früheren Bahnhöfe, der Hauptbahnhof und der Nordbahnhof, sind noch unbenutzbar. Das Schloß ist vollständig ausgebrannt. Noch immer ragt der Schloßtrum wie ein Schwurfinger zum Himmel empor: „Dies Land bleibt deutsch!“ Die Kirchen in den Vororten sind einige Kirchen erhalten, so die Ponarther und die Rosenauer. Die Stromversorgung arbeitet einigermaßen, wobei man es mit Stromunterbrechungen nicht so genau nehmen darf. Die Wasserversorgung und die Abwässerbeseitigung sind nur notdürftig wieder hergestellt, während die Wiederingangsetzung der Gasversorgung noch nicht in Angriff genommen worden ist. Das ausgebrannte Kühlhaus wird instandgesetzt.

Nun noch einige Worte über Königsberg als sowjetische Hauptstadt des „Kalingrader Gebiets“ und als westlichste Festung der Sowjetunion. Die Sowjetunion hat das Kaliningrader Gebiet verwaltungsmäßig in den Bestand der Großrussischen Republik (RSFSR) bereits eingegliedert. Die Texte der Verfassungen der UdSSR und der RSFSR sind entsprechend geändert worden. Nach dieser Annektierung Ostpreußens verschwanden am 1. November 1945 die bis dahin als Zahlungsmittel benutzte Deutsche Reichsmark und die alliierte Mark. An ihre Stelle trat der Sowjetrubel.

Unsere im Frühjahr 1946 in „Kaliningrad“ umbenannte Heimatstadt wird heute in drei Stadtbezirke geteilt: den Leningrader, den Moskauer und den Stalingrader Bezirk. Das Hauptviertel sind die Hufen und Amalienau, umgrenzt etwa von der Hindenburgstraße, der Hagenstraße, der Dieffenbachstraße und der Lawsker-Allee Unbestrittene Hauptstraße ist der Hammerweg. Dort befindet sich der Ortssowjet (die Stadtverwaltung), der Festungskommandant, verschiedene andere Behörden und vor allem die wichtigsten Magazine, das heißt die Ladengeschäfte; sie kennen nur in beschränktem Umfange Schaufensterauslagen. Der Seitz der Regierung des „Kaliningrader“ Gebiets ist das Raiffeisenhaus in der Stresemannstraße. Die NKWD befindet sich im Evangelischen Konsistorium der Provinz Ostpreußen in unmittelbarer Nachbarschaft des Gerichts- und des Polizeigefängnisses. Die Kennzeichnung der NKWD als Staat im Staate findet sinnfälligen Ausdruck dadurch, dass die Händelstraße am Polizeipräsidium und gegenüber der Ostpreußischen Heimstätte mit großen Toren gesperrt ist, die durch Posten der Roten Polizei bewacht werden. Die Blaue Polizei befindet sich im Landesarbeitsamt in der Beethovenstraße. Vor diesem Hause haben im Sommer 1947 Tausende und aber Tausende von Königsbergern auf Abfertigung ihrer Ausreiseanträge gewartet. Die danebenliegende Mädchengewerbeschule ist heute das „Haus der Offiziere“; in ihrer Turnhalle befindet sich das „Dramatische Theater von Kaliningrad“. Ein weiteres russisches Theater ist im Offizierskasino der Flakkaserne Hardershof eröffnet. Die sowjetische Staatsbank ist in einem gut erhaltenen Privathaus in der Hardenbergstraße untergekommen, während das Landesfinanzamt das „Haus der Roten Armee“ geworden ist, die heute übrigens „Sowjetische Armee“ genannt wird. Der Hauptbahnhof Königsberg befindet sich in dem kleinen Vorortbahnhof Ponarth, mit kümmerlichen Holzgebäuden und entsprechenden unzureichenden Einrichtungen versehen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Schloß, das Bismarck-Denkmal und einige andere stehen noch. Die Auerochsen vor dem Gerihtsgebäude sind nach Russland entführt worden. Zur Erinnerung an die Einnahme unserer Stadt haben die Russen am Deutschordensring neben dem Ausfalltor ein Hohes, recht geschmakloses Siegesdenkmal errichtet, für das alle Königsberger Steinmetzgeschäfte ihre Steinvorräte hergeben mussten. Der Straßenverkehr ist mit einigen wenigen Linien in geradezu kümmerlicher Weise wieder aufgenommen worden, nachdem der Verkehr mit Ford-Omnibussen wieder eingestellt wurde. Die Hauptlinie geht von Juditten über die Hufen und den Steindamm zum Kaiser-Wilhelm-Platz und endet am Lizentbahnhof.

Das von den russischen Zeitungen in großer Aufmachung veröffentlichte Versprechen Stalins „Kaliningrad“ nächst Leningrad zur schönsten Stadt Russlands zu machen, ist bisher unerfüllt geblieben. Von einem Wiederaufbau der Stadt kann bisher überhaupt nicht die Rede sein. Die russische Verwaltung hat lediglich die Fabriken in Betrieb genommen; sie lässt sie durch die zuständigen Staatstrusts (Staatsfirmen) bewirtschaften. So sind heute die Schichauwerft, die Wagonfabrik Steinfurt, die Walzmühle, die beiden Zellstoffabriken Cosse und Liep mit den zugehörigen Spiritusfabriken (!), ferner das Zeugamt Rothenstein, das Heeresbekleidungsamt, die Viktoria-Eisengießerei in Rothenstein und einige Autoreparaturwerkstätten wieder in Betrieb.

Die in den Außenbezirken liegenden Kasernen sind im Winter voll belegt, während im Sommer die Truppe ausgedehnte Manöver in der Provinz abhält. Anläßlich der hohen Staatsfeiertage am 1. Mai und am 7. November wurde auf Befehl des Generalissimus Stalin in Königsberg als der wesentlichsten Festung der Sowjetunion Salut geschossen, während im Osten des Riesenreiches auf der anderen Seite des Erdballes diese Aufgabe der Festung Wladiwostok zufiel. Die russische Bevölkerung kommt nur gezwungen durch „Komandirowka“ (Kommandierung) nach Königsberg. Heute mögen schon 70 000 Russen in Königsberg leben.

Was wird aus Königsberg? Zu dieser Frage, die mir oft vorgelegt wird, kann ich nur folgendes sagen: Die Tatsache, dass man Königsberg den Namen des in der Sowjetunion verehrten Staatspräsidenten Kalinin, des hösten Mannes nach Stalin, gab, ist mehr als eine Geste. Die Sowjetunion wird Königsberg und seinen Hafen im zuge der Friedensverhandlungen, wenn sie einmal stattfinden sollten, nicht ohne weiteres freigeben. Im Übrigen ist der Himmel noch verhangen. Wenn auch unsere Gedanken täglich auf die Frage gerichtet sind: „Werden wir unsere alte Heimat wiedersehen?“, so können wir nur darum beten und den Allmächtigen, der uns bisher durch all die Not geführt hat, in aller Demut bitten, dass er unsere geliebte ostpreußische Erde wieder deutsch werden lässt.