Wir Ostpreußen, Oktober 1949, Folge 18, Teil 1

Seite 7 Ostpreußische Familientragödie. Ein Vater vergiftet sich und seine fünf Kinder
Wie ein greller Blitz die tiefe Dunkelheit erhellt, so beleuchtet die Tragödie einer ostpreußischen Familie, die sich in diesen Tagen in Russee bei Kiel abgespielt hat, das graue Elend, in dem viele unserer Landsleute leben müssen. Der dreißigjährige ehemalige Vermessungsangestellte Otto Flick aus Gumbinnen hat sich und seine fünf Kinder vergiftet, während die Mutter nicht zu Hause war. Als Frau Flick am Nachmittag von ihrer Arbeit nach Hause kam, lagen ihr Mann und die fünf Kinder auf den Betten wie tot da; auf einem Stuhl lag ein kleiner Haufen von leeren Veronalschachteln. Der Mann und vier Kinder sind dann im Krankenhaus nacheinander gestorben; das jüngste Kind, ein fünfjähriges Mädchen, hofft man am Leben zu erhalten.

Otto Flick, der in seiner Heimat in wirtschaftlich guten Verhältnissen gelebt hatte, seine Frau war die Tochter eines Bauern mit einhundertzwanzig Morgen Land, war 1945 aus Ostpreußen nach Russee gekommen. Hier war die siebenköptige Familie auf einem Bauernhof in einem einzigen Raum von vierzehn Quadratmetern untergebracht. Ihr gehörte nur eine einzige Feldbettstelle. Zwei Betten, vier Stühle, ein Tisch und eine Kommode waren der Familie geliehen worden. Flick hat immer wieder versucht, Arbeit zu bekommen. Er schrieb an die Landesregierung, an das Personalamt der Stadt Kiel, an den Präsidenten des Landesarbeitsamtes, an die Landesarbeitsämter in Rheinland-Pfalz, Hessen-Nassau und Württemberg-Baden, er schrieb an alle möglichen Behörden und Dienststellen, aber er bekam nur ablehnende oder vertröstende Bescheide. Er wollte sich auch an der Umsiedlungsaktion beteiligen, aber auch hier erfuhr er eine Ablehnung.

Flick erhielt eine kriegsbedingte Fürsorgeunterstützung von 142 DM im Monat. Es blieben, wie er in einem der Abschiedsbriefe schreibt, täglich 57 Pfennig für jedes Familienmitglied zum Leben. Als seine Frau vom 1. Juli ab als Pckerin in einer Kieler Zigarettenfabrik beschäftigt wurde, wurde seine Unterstützung auf 63 DM gekürzt. Flick wird von allen Bewohnern des Dorfes als ein fürsorglicher Vater geschildert, als seine Frau Arbeit gefunden hatte, hielt er die Kinder in ordentlichem und sauberem Zustand. Flick war in der Ortsgruppe der Ostpreußen tätig, und als Kassierer der Hilfsgemeinschaft rechnete er noch vor seinem Tode alles sorgfältig bis auf den Pfennig genau ab und legte die Kassenbücher auf den Tisch. Unbezahlte Rechnungen für die letzten Winterkartoffeln, vom Schuster und vom Lebensmittelhändler liegen bei den Akten. Im Monat April hatte er für 22 DM Lebensmittelkarten verkauft. Die Kartenzulage für seinen lungenkranken Sohn konnte er nicht bezahlen; ab 1. Juli 1949 bekam er dafür eine Beihilfe. Die Kinder gingen in den Schuhen des Vaters zur Schule.

Die ersten Abschiedsbriefe schrieb er am 27. September 1949. Dem Obmann der Heimatvertriebenen teilte er mit, dass er bei der Beerdigung eines Flüchtlingskindes, das im selben Hause einige Tage vorher verunglückt war, endgültig den Entschluss gefasst habe, mit seinen Kindern aus dem Leben zu scheiden. Wie er in einem anderen Brief schilderte, habe er den Kindern vorher erzählt, er wolle mit ihnen auf den Jahrmarkt gehen, aber vorher sollten sie noch etwas schlafen. Die Veronaltabletten, er hatte vom Arzt monatlich zehn Veronaltabletten verschrieben bekommen, hatte er im Laufe langer Monate gesammelt. Als nun Frau Flick mit dem Autobus nach Kiel zur Arbeit gefahren war, begann Otto Flick an zwölf Bekannte und Verwandte Briefe zu schreiben, legte dann die Briefe an verschiedene Stellen des Zimmers und stellte eine Fotografie seiner Frau zwischen zwei Vasen mit frischen Blumen auf den Tisch.

Von geistiger Umnachtung, wie eine Stelle es darstellen will, kann keine Rede sein. In einer Stellungnahme der Hilfsgemeinschaft der Heimatvertriebenen in Russe heißt es: Wiederum haben unzulängliche Gesetze und mangelnde Stellen ihre Opfer unter den Flüchtlingen gefordert. Sie können nicht wieder ins Leben gerufen werden.