Wir Ostpreußen, November 1949, Folge 20, Teil 2

Seite 7 Aus der Geschichte Ostpreußens
Blüte und Niedergang des Detuschordensstaates. Von Professor Dr. Bruno Schumacher.

Professor Dr. Schumacher, der Verfasser dieser Artikelreihe, wird am 2. Dezember 1949, 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass bringen wir an anderer Stelle dieses Blattes eine Würdigung seiner Lebensarbeit.

Dritte Fortsetzung
Mit der Verlegung des Hochmeistersitzes in die Marienburg 1309 beginnt die große geschichtliche Epoche des Preußenlandes, die eigentliche Blütezeit des Deutschordensstaates, die ein volles Jahrhundert andauerte. Elf Hochmeister haben in dieser Zeitspanne die Geschichte Preußens geleitet, bedeutende Herrschergestalten, wahrhaft königlich an Machtfülle und Ansehen, an väterlicher Sorge für das Land und feinsinniger Pflege geistiger Kultur, und doch als Mitglieder einer aristokratisch-geistlichen Körperschaft, eben als Ordensbrüder, fern davon, ein persönliches, autoritäres Regiment zu führen. Stand doch auch über ihnen als unverbrüchliches Gesetz die Ordensregel. Das gibt der Entwicklung dieser hundertjährigen Glanzzeit eine wohltuende Stetigkeit. Immerhin heben sich aus der mehr oder minder gleichförmigen Reihe dieser Meister einige heraus, deren Namen einen besonderen Klang gewonnen haben, wie Luther von Braunschweig (1331 – 1335), Dietrih von Altenburg (1335 – 1341), Konrad von Jungingen (1393 – 1407) und der gefeiertste von ihnen, Winrich von Kniprode (1351 – 1382).

Auf der soliden, verheißungsvollen Grundlage, die die Landmeisterzeit überall im Gebiete des inneren Staatslebens gelegt hatte, erhob sich nun ein stattlicher Oberbau, der das ferne Preußenland zu einem von ganz Europa bewunderten Muster eines mit hoher Kunst verwalteten, reichen und mächtigen Staates machte. Dem 1309 erworbenen Pommerellen ließ der Orden fortan dieselbe Sorge angedeihen, wie dem alten Gebiete der Prussen rechts der Weichsel. Es kann im Rahmen dieses Aufsatzes nicht näher geschildert werden, wie die schonsame Behandlung der eingeborenen Bevölkerung Pommerellens sich verband mit der Förderung deutscher bäuerlicher Einwanderung, wie auch hier eine Reihe deutscher Städte erwuchs, wie insbesondere Danzig unter dem Schirm des Deutschen Ordens sich zu der ersten Handelsstadt des Landes entwickelte. Damals ist der Grund dazu gelegt worden, dass die Bewohner des gesamten Ordenslandes, dessen Hauptlebensader fortan die Weichsel war, sich als Preußen fühlten, ihr Land als Preußenland empfanden. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist auch trotz mancher Verschiedenheiten in Klima, Bodenbeschaffenheit und Wirtschaft, in den Mischungsverhältnissen der Bevölkerung und trotz späterer politischer Trennung nie erloschen und hält sich heute alle Ost- und Westpreußen nach ihrer Vertreibung vom heimatlichen Boden seelisch zusammen. Ihr Stammesgefühl ist nicht geringer als das der alten deutschen Stämme. Insofern ist das Werk des Deutschen Ordens nicht untergegangen.

Was nun Ostpreußen im besonderen betrifft, so wurden erst in der Hochmeisterzeit die weiter östlich und nördlich gelegenen Landesteile durch die deutsche Besiedlung erfasst. Städte wie Liebemühl, Osterode, Mohrungen, Wormditt, Rössel, Bischofsburg, Mehlsack, Heiligenbeil, Bartenstein, Zinten, Friedland, Wehlau, Rastenburg, Allenstein, um nur die bekanntesten zu nennen, sind erst in diesem Zeitraum zwischen 1300 und 1400 entstanden. Auch sie wurden wieder Mittelpunkte ländlicher Dorfsiedlungsgebiete. Allmählich drang die Siedlung auch in die großen Waldungen der Wildnis vor; mehrere nacheinander angelegte Kette von Ordensburgen bildeten die schützende Vorhut, bis etwa um 1400 mit festen Plätzen wie Angerburg, Lötzen, Johannisburg, Lyck die Masurische Seenkette erreicht oder überschritten war. Als nordöstlichster Grenzposten erhob sich an der Memel das gewaltige Schloß Ragnit. Nicht immer kam es im Schutze solcher Ordenshäuser zur Gründung richtiger Städte, sondern es entstanden an ihrem Fuße offene Marktflecken, sogenannte, Lischken, die vielfach erst im 16., 17. und 18. Jahrhundert ihr Stadtrecht erhalten haben, so etwa Pr.-Eylau, Barten, Gerdauen, Ortelsburg, Johannisburg, Lötzen, Labiau, Tapiau, Insterburg, Liska-Schaaken im östlichen Samland ist nie zu dieser Würde aufgestiegen, hat aber wenigstens den Lischke-Namen bewahrt.

Seite 7 93 Städte und 1400 Dörfer gegründet
Im ganzen hat der orden in Ost- und Westpreußen 93 deutsche Städte und über 1400 Zinsdörfer neu geschaffen. Der Strom der Siedler aus Deutschland ebbte um die Mitte des 14. Jahrhunderts ab, dafür trat eine Binnenwanderung ein, indem die erstbesiedelten Gebiete an Weichsel, Nogat und Frischem Haff ihre überschüssige junge Menschenkraft nach dem Osten abgaben (ein Vorgang, der sich viel später bei der inneren Besiedlung Nordamerikas in der Richtung von Ost nach West wiederholen sollte). Zunehmend hat aber der Orden bei der Besiedlung der Wildnis auch Teile der prussischen Urbevölkerung, die sogenannten, Preußischen Freien, herangezogen.

Das Siedelwerk lag vorzugsweise in den Händen der Komture. Diese waren nicht nur Vorsteher einer sogenannten Komtursburg (wie z. B. Elbing, Christburg, Balga, Brandenburg, Königsberg, Ragnit), wo sie zusammen mit einem Konvent von zwölf (oder auch mehr) Ritterbrüdern und einigen Priesterbrüdern sich in die vielfältigen Aufgaben der Hausverwaltung und des gemeinschaftlichen geistlichen Lebens teilten, sondern sie waren auch, und zwar in erster Linie, die leitenden Beamten des zu ihrem Hause gehöreden, meist recht großen Verwaltungsbezirkes, eben der, Komturei. Hier übten sie die oberste polizeitliche, finanzielle, richterliche und militärische Gewalt aus. Die Zahl dieser Komtursburgen (oder Konventshäuser) war nicht groß, viel zahlreicher waren die ihnen anchgeordenten Häuser, in denen nur je ein Ordensbruder als, Pfleger, mit gemeitetem oder unfreiem Personal saß. Insgesamt haben im gesamten Preußenland, die beischöflichen Gebiete mitgerechnet, einst etwa 150 größere oder kleinere Ordenshäuser gestanden. (Der Orden selbst sprach nie von, Burgen, sondern von Häusern). Ritterburgen adliger Geschlechter wie in Süd- und Westdeutschland gab es im Ordensland überhaupt nicht. Den engeren Rat des Hochmeisters bildeten die fünf großen Gebietiger, der Großkomtur, der oberste Marschall, Treßler, Trapier und Spittler, von denen einige zugleich wichtige Komtureien verwalteten, wie z. B. der oberste Marschall die Komturei Königsberg.

Es würde zu weit führen, die zahlreichen Maßnahmen der Ordensregierung zur Hebung der Landeswohlfahrt; die Sorge für Kanal- und Deichbauten, für gesicherte Wege, für ein geordnetes Hospital- und Krankenpflegewesen, ja für die Einrichtung von Schulen u. v. a. hier näher zu schildern. Erwähnt muss nur noch werden, dass der Orden den sechs großen Städten seines Landes: Thorn, Kulm, Elbing, Braunsberg, Königsberg und Danzig ob ihrer Bedeutung für den Fernhandel ziemlich weitgehende Freiheit ließ. Ja, er duldete nicht nur ihre Zugehörigkeit zur Hanse, sondern ging auch selbst mit diesem mächtigen Städtebunde Hand in Hand, wenn es sich um die deutschen wirtschaftlichen Belange im Ostseegebiet handelte.

Seite 7 1410 der große Wendepunkt
Die innere Blüte des Preußenlandes war nicht nur durch die vorzügliche Verwaltungstätigkeit des Ordens bedingt, sondern auch durch die kluge und vorsichtige Außenpolitik. Denn zwei Gefahren bedrohten den Ordensstaat seit dem Ende der Landmeisterzeit unaufhörlich. Die eine war die Spannung mit Polen, das seit 1320 wieder zur Einheit zusammengefasst, nach wie vor den Besitz Pommerellens und des Kulmerlandes, damit auch die Beherrschung des unteren Wichsellaufes erstrebte. Die andere Gefahr war die Feindschaft der noch heidnischen Litauens, die seit der Überwerfung des stammverwandten Prussenvolkes entstanden war. Nur, wenn es gelang, die Vereinigung dieser beiden Mächte zu verhindern, konnte der Bestand des Ordensstaates als gesichert gelten. Ein erstmaliges Bündnis Polens mit Litauen führte zu einem langwierigen Krieg (1327 – 1343), den der Orden, gestützt auf sein Bündnis mit Böhmen, siegreich bestand. Im Frieden zu Kalisch (1343) verzichtete Polen für ewig auf Pommerellen und das Kulmerland. Während es sich nun für längere Zeit um die Erwerbung russischer Gebiete bemühte, den Frieden mit Preußen also einhielt, blieb der Kriegszustand zwischen Litauen und dem Orden in voller Schärfe bestehen. Darunter hatte gerade Ostpeußen besonders zu leiden. Denn wenn auch der Orden fast alljährlich über die Grenze vorstieß, so fehlte es doch auch nicht an verwüstenden Einfällen der Litauer in das Ordensland. Gelangten sie doch 1370 sogar bis in das Samland, wo sie dann allerdings bei Rudau eine schwere Niederlage erlitten. In diesen Kämpfen kamen dem Orden seine guten Beziehungen zu Böhmen und zu den westeuropäischen Mächten ebenso zustatten wie das Fortleben der Kreuzzugsidee im Abendlande. Zahlreiche böhmische, niederländische, englische, schottische, französische, aber auch deutsche Fürstlichkeiten und Ritter beteiligten sich an jenen jährlichen, Reisen, (Kriegszügen) nach Litauen, die ihnen einen Ersatz für die damals nicht mehr möglichen Kreuzfahrten nach dem Heiligen Lande boten. Am, Ehrentisch, im Schloß zu Königsberg gesessen zu haben, galt in ganz Europa als höchste Auszeichnung eines christlichen Ritters. Wieder war die Sache des Ordens eine europäische Angelegenheit.

Das änderte sich mit einem Schlage, als 1386 Hedwig, die Tochter des söhnelos verstorbenen polnischen Königs Ludwig, dem litauischen Großfürsten Jagiello die Hand zum Ehebund reichte und Jagiello mit seinem ganzen Volk zum Christentum übertrat. Jetzt war jene längst befürchtete Vereinigung Polens und Litauens eingetreten; die Unterstützung Europas gegenüber dem christlich gewordenen Litauen fiel nun hinweg. Mühsam hielt der letzte der großen Hochmeister, Konrad von Jungingen, trotz vielfacher Übergriffe Jagiellos den Frieden aufrecht. Nach seinem Tode aber (1407) und unter der Regierung seines leidenschaftlichen Bruders und Nachfolgers, Ulrich von jungingen, brach der Krieg aus. Auf sich allein gestellt, erlag der Orden am 15. Juli 1410 bei Tannenberg im südlichen Ostpreußen trotz heldenmütigen Ringens der polnisch-litauischen Übermacht. Der Meister fand mit zweihundert Ordensbrüdern, darunter fast allen Gebietigern, den Tod auf dem Schlachtfeld. Das ganze Land schien verloren zu sein; da bewahrte die Entschlusskraft und der standhafte Mut eines einzigen Mannes, des Komturs von Schwetz, Heinrich von Plauen, die Marienburg vor der drohenden Einnahme durch Jagiello. Das Kriegsglück wandte sich, und im Frieden zu Thorn 1411 gelang es dem inzwischen zum Hochmeister erwählten Helden, den ganzen territorialen Bestand des Ordensstaates zu retten.

Aber die Kraft des Ordens war aufs tiefste getroffen. Eine ungeheure Kriegsschuld belastete fortan die Finanzen des Staates, und um sie und zugleich die Kosten für die Wiederherstellung des schwer heimgesuchten Landes aufzubringen, musste der Orden seinen Untertanen hohe Steuern auferlegen, deren man bisher bei den ein für allemal festgesetzten mäßigen Abgaben hatte entbehren können. Wurde dadurch zum erstenmal die Unzufriedenheit des landes mit der Ordensregierung wachgerufen, so traten auch im Orden selbst, der seit der Katastrophe von Tannenberg viele neue Männer in seinen Reihen sah, unerfreuliche innere Spannungen ein. Heinrich von Plauen wurde schon 1413 durch eine Verschwörung der obersten Gebieter gestürzt; seine Nachfolger waren nicht imstande, der Geldnot des Ordens, der Unordnung im Lande und der weiter bestehenden Spannung mit Polen-Litauen Herr zu werden. Schließlich kam es 1453 zu einem regelrechten Aufstand der Städte und größeren Landbesitzer, die sich zu einem, Preußischen Bund, zusammengeschlossen hatten und dem König von Polen, nicht aus Hinneigung zum polnischen Volkstum, sondern aus Haß gegen den Orden, die Oberherrschaft über Preußen antrugen. In einem dreizehnjährigen Ringen, dem sogenannten, Städtekrieg, hat sich der Orden, der jetzt auf die kostspielige Anwerbung von Söldnern angewiesen war, mannhaft gewehrt, aber schließlich doch kapitulieren müssen. Schon 1457 hatte der Hochmeister Ludwig von Erlichhausen die Marienburg nebst 22 anderen Ordensburgen böhmischen Söldnern überlassen müssen, die sie zur Befriedigung ihrer Geldansprüche sofort dem König von Polen auslieferten. Im zweiten Frieden von Thorn (1466) musste der Orden auf die Oberherrschaft über Pommerellen, das Kulmerland, das Mierienburg-Elbinger Gebiet und das Bistum Ermland zugunsten des polnischen Königs verzichten. Für den Rest von Ostpreußen, den er behielt, sollte der Hochmeister künftig dem König den Treueid leisten und Heeresfolge geloben. Die Burg zu Königsberg wurde nunmehr Sitz des Hochmeisters.

Seite 8 Preußen wird weltliches Herzogtum
Die letzten sechs Hochmeister haben sich vergeblich bemüht, auf friedlichem oder kiregerischem Wege der Oberhoheit des polnischen Königs ledig zu werden und womöglich den alten Bestand des Ordensstaates wiederherzustellen. Im Reich regte sich keine hand für den Orden; die Beziehungen zu den deutschen Besitzungen des Ordens, den sogenannten, Balleien, denen der, Deutschmeister, vorstand, waren schwächer und schwächer geworden, und der livländische Ordenszweig ging längst eigene Wege. Um so mehr ist anzuerkennen, dass der Orden den Gedanken der Besiedlung seines Restlandes wieder aufnahm. Noch hatten ja die großen Waldgebiete des Ostens und Südens nur eine geringe Bevölkerung. Da ber schon seit langer Zeit der Zustrom deutscher Siedler aufgehört hatte, so griff der Orden nun zu fremden Auswanderern. Leute aus dem polnischen Masowien fanden im südlichen Teil Ostpreußens, dem später so genannten, Masuren, Aufnahme, solche aus Litauen in den nördlicher gelegenen Bezirken und im Memelgebiet. Vielfach verschmolzen sie mit der preußischen Urbevölkerung. Das sind die Anfänge der, Masurenfrage, und der, Litauerfrage, in Ostpreußen.

Um außenpolitisch wieder auf die Höhe zu kommen, ging der sterbende Orden schließlich dazu über, deutsche Fürstensöhne mit der Hochmeisterwürde zu betreuen. Der erste war Herzog Friedrich von Sachsen-Meißen, der 1498 Hochmeister wurde, und dann, als dieser nach Durchführung mancher zeitgemäßen Reformen das Land verlassen hatte, ohne dem Polenkönig die Huldigung geleistet zu haben, ein jugendlicher Sproß des fränkischen Zweiges des Hohenzollernhauses, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1511 – 1525). Hochgemut und politisch begabt, plante dieser eine große antipolnische Koalition, an der neben einigen deutschen Fürsten der Kaiser, Dänemark und sogar Russland teilnehmen sollten. Als schließlich doch alle diese Bundesgenossen versagten, schlug der Hochmeister auf eigene Hand los. Aber der Reiterkrieg, der seit 1520 besonders im Ermland und Oberland tobte, verlief nach anfänglichen Erfolgen ganz ergebnislos, vor allem, weil wieder das Geld zur Bezahlung der Söldnerscharen fehlte. Einen Waffenstillstand, der 1521 in Thorn zustande kam, benutzte der Hochmeister, um persönlich in Deutschland um Hilfe zu werben. Aber hier fand er überall taube Ohren, und das um so mehr, ald die Gemüter eben damals von der Reformation bewegt waren und geistliches Rittertum nicht mehr sehr hoch im Kurse stand. Schon erreichten ihn auch Nachrichten von Hause, dass die Reformation bereits in Ostpreußen eingedrungen und das Land der Ordensherrschaft müde sei. Da beschloss er, einem Rate Luthers folgend, den Orden aufzulösen und eine weltliche Herrschaft in Preußen zu begründen. Auf dieser Grundlage kam nach längeren Verhandlungen mit Polen 1525 der Friede zu Krakau zustande. Albrecht erkannte die Oberherrlichkeit des polnischen Königs an, leistete ihm den Lehenseid und wurde dafür von jenem als erblicher Herzog von Preußen anerkannt. Damit endete nach einer dreihundertjährigen Periode ruhmvollen Aufstieges, glänzender Blüte und schließlichen Niederganges die Ordenszeit in Preußen. Der livländische Ordenszweig folgte 1561, und was übrig blieb, die Balleien in Deutschland, war nur noch eine Adelskorporation ohne staatliche oder missionasrische Aufgaben. Für den Orden war kein Platz mehr in der Welt. (Wird fortgesetzt)

Seite 8 Kreis Darkehmen
Nachstehende Landsleute oder deren Kinder werden gesucht:
Aus Mickalbude, Kreis Darkehmen:
Kämmerer Familie Heiland; Familie Brodin; Familie Grigoleit.

Aus Angerau, Kreis Darkehmen:
Kämmerer Naujoks; Familie Klinsjahn; Familie Karl Hoffmann; Familie Neumann

Zuschriften bitte an Frau Emilie Bublitz, verw. Hoffmann, geb. Sturmheid (20b) Salzgitter, Harz, Bismarckstraße 6

Seite 10 Vom seligen Sterben. Von Frida Busch.
Es wird Sonntag
Meine Mutter hatte in ihrem Leben als ostpreußische Gutsfrau viel Mühe und Arbeit gehabt. Aber immer hatte sie den Sonntag lieb. Ohne besonders religiös zu sein, war ihr der Sonntag heilig. Auf seine Stille und seinen Frieden freute sie sich oft die ganze Woche hindurch. Dann kam die schwere Krankheit eine lange, lange Leidenszeit. Ich durfte sie pflegen, durfte sie bis zum letzten Atemzug in meinen Armen halten. Es war an einem Sonnabend-Nachmittag. Wir hatten ein selten frühes Frühjahr. Über Nach hatte die alte Kastanie vor dem Fenster alle ihre Blütenkerzen feierlich und festlich aufgetan. An der Angerapp sangen nachts schon die Sprosser. Weiße Segel glitten leicht und leise auf dem Strome hin. Die Kirchenglocken läuteten den Sonntag ein. Immer müder und langsamer schlug das arme kranke Herz. Die Qual war überstanden. Der Todesengel breitete seine großen dunklen Schwingen. Da sahen und die lieben Mutteraugen noch einmal klar und freundlich an. Und glücklich lächelnd sagte sie: Jetzt wird es Sonntag.

Im silbernen Wagen.
Zehn Jahre später starb mein Vater. Es waren Wochen voll Not und Qual. Dann kam die Todesnacht. Ich wagte kaum zu hoffen, dass uns Kraft werden würde, sie zu ertragen. Das Stöhnen und Röcheln ging durch das ganze Haus. Es war Ende August. Ich saß am offenen Fenster. Der silberne Sternenwagen stand am Himmel. War es nun mein Gebet, das den Sterbenden in den silbernen Wagen nahm war es des Vaters Liebe, die trostvoll mich im Sternenwagen dahinfuhr? Wir schwebten durch die seligen Gefilde meiner Kindheit. Wir sahen das alte niedrige Gutshaus in Corwingen im Samland, wir sahen den groß und weit angelegten Garten und schauten die alte mächtige Linde. Dann fuhren wir zum Sandberg hin und sahen Syndau liegen, die alte Wasserburg inmitten des stattlichen Hofes, wo wir so oft als Kinder gespielt hatten, als meine Großmutter noch lebte. Und dann grüßte uns der viereckige Turm der Kirche zu Thierenberg. Stätten der Kinheit! Heimat, o Heimat! Fern rauschte die Ostsee. Silbern blitzte das Haff von Fischhausen herüber. Wir schauten den waldgekrönten, geliebten Berg des Samlandes, den Galtgarben. Welch köstlich himmlisches Schweben im Sternenwagen durch das Kindheitsland, durch die Heimat der Väter! Ich schmiegte, wie ich es als Kind so gern getan, meine Hand in die große, warme Hand meines Vaters. Erwachend trat ich an das Sterbebett. Die Qual war vorüber. Im silbernen Himmelswagen war mein Vater heimgefahren in das Land seiner Väter, himmelan in die ewige Heimat.

Auf dem See.
Viele Ostpreußen werden sich des Lehrers Quednau aus Stobben am Mauersee erinnern. Er war nicht nur Lehrer, er war vor allen dingen Naturforscher. Sein Gebiet war die Vogelkunde. Mit gewissenhafter Mühe und hingebender Liebe beobachtete er das Vogelleben in den Schilfwäldern an den großen masurischen Seen, erforschte es, schrieb darüber und hielt Vorträge an der Albertus-Universität zu Königsberg. In den letzten Jahren war er vom Schuldienst beurlaubt worden, um ganz seinen Studien leben zu können. So sah man fast zu jeder Tageszeit sein kleines Boot, oft nur als fernen Punkt auf dem großen See, irgendwo haten oder langsam leise treiben, hinein in die Schilfwälder am Ufer. Nun aber sollte er pensioniert werden und in der Stadt leben. Vor der Stadt war ihm bange, sehr bange.
Es kam ein Junitag. Rosiger Blütenschimmer lag über dem Gutsgarten von Stobben. Die Wiesen und Felder am See waren in Glanz und Duft gehüllt. Der See leuchtete still wie ein Opal. Lehrer Quednau zog es am Spätnachmittag hinaus zu fernen Ufern hin. Er nahm sein Pflegetöchterchen mit, ein Kind von etwa zwölf Jahren, das schon recht gut rudern konnte. Auf der Heimfahrt, kurz vor dem kleinen Kanal, der den Mauersee mit dem Stobbensee verbindet, da spürte der alte Lehrer eine kühle Hand auf seinem Herzen. Komm! Ein wenig erstaunte er. Schon? Dann nickte er. Ruhig und freundlich wandte er sich dem Kinde zu. Weißt Du, mir ist nicht recht gut. Ich bin müde und will mich ein wenig ins Boot legen. Den Motor stelle ich ab. Dann kann Dir nichts passieren. Staake das Boot durch den Kanal und dann rudere ganz langsam nachhause. Das Mädchen kannte das alles und verspürte keine Furcht. Sollte der Vater ruhig ein Weilchen einnicken.

Nun lag der alten Mann im Boot und schaute in den Himmel, der von der sinkenden Sonne rosenüberhaucht dem stillen, klaren See zulächelte. Die Drosselrohrsänger, Lehrer Quednaus Lieblingsvögel, sangen und jubilierten abendlich sanft und zärtlich im grünen Schilfrand. Sicher und ruhevoll steuert das kleine Boot dem heimatlichen Anlegesteg zu.

Die Vögel hatten ihrem Heger und Pfleger, ihrem besten Freund, ein Abschiedlied gesungen. Lehrer Quednau war tot. Gestorben auf dem See in seinem kleinen Boot. Um seinen Mund lag ein selig-friedevolles Lächeln. Er war für alle Ewigkeit in der Heimat geborgen.

Graf Lehndorff-Steinort schenkte ihm den schönsten Begräbnisplatz, den er sich hätte denken können. Auf der Insel Upalten unter den hohen Buchen schläft Lehrer Quednau.

Seite 10 Gräber im Heimatland. Toni Schawaller
Ihre Spuren sind verweht im Sand,
die Zeit ist darüber geschritten;
Viel Gräber blieben am Straßenrand
Mahnmale des Krieges im Heimatland.
Fragt nicht, was die Toten gelitten.

Der Wind hat Gras auf die Gräber gesät.
Sonst hat er nichts zu verschenken.
Wenn der Rauhreif die dürren Gräser mäht,
und der Herbststurm über die Felder weht,
hält er ein Totengedenken.

Da geht ein nimmermüder Schritt durch die Nacht,
die Tritte verhallen im Sande.
Die Brüder, die sich zum Opfer gebracht,
sie ziehen schweigend für uns auf Wacht,
aus den Gräbern am Straßenrande.

Wie eine eherne Mauer dort hält
das unendliche Heer der Toten.
Ihr Klagen im brausenden Winde gellt,
sie rütteln an das Gewissen der Welt
und sind die mahnenden Boten.

Dort harren sie alle, Mann, Weib und Kind,
an der Straße im Osten, der harten.
Über Ostpreußens Felder geht suchend der Wind,
wie der Ruf der Mutter nach ihrem Kind,
auf unsere Heimkehr sie warten.

Du Ostpreußenerde! Mit Blut getränkt,
mit dem teuren Blut unserer Brüder,
hast ein Vermächtnis uns allen geschenkt,
das nicht mit ihnen ins Grab gesenkt,
es heißt: Gebt die Heimat uns wieder!

Seite 13 Der Elch aus Bronze. Er war für Ruß bestimmt.
Zu dem Bildbericht in Folge 17. Wie Tilsit zu seinem Elch kam, schickt uns Herr Louis Lankowsky, Mitglied einer alten und sehr bekannten, in Ruß (am Memelstrom) beheimateten Famile, jetzt in Vollerwiek, Kreis Eiderstedt, die folgenden interessanten Ausführungen:

Das Elchstandbild auf dem Tilsiter Anger und sein Gegenstück, das in Gumbinnen aufgestellt war, sollten die Peters-Brücke über den Atmathstrom in Ruß, die ursrpünglich Elch-Brücke heißen sollte, zieren. Zur Verschönerung der Brücke (gebaut 1912/1914) hatte Kaiser Wilhelm II. in Erinnerung an seine Jagdfahrten ein Elchstandbild gestiftet, das im Verkehrsdreieck der Brückenauffahrt im Orte Ruß zur Aufstellung kommen sollte. Da aus architektonischen Gründen dieser Platz unvorteilhaft erschien, wurde mit Einwilligung des Stifters der Auftrag dahingehend abgeändert, dass nicht ein, sondern zwei Elche auf der Rußer Seite des Brückeneinganges stehen sollten. Der die Stiftung übersteigende Betrag, ca. 12 000 Mark, wurde von Rußer Bürgern ergänzt.

Durch den Weltkrieg 1914/1918 und Beschlagnahme des Bronzegußmaterials kam der Guss der Standbilder erst 1923 zur Ausführung, und man wusste in Berlin nicht, wohin damit. Bemühungen der Gemeinde Ruß, ihr Eigentum zu erahtlen, scheiterten an Ausfuhr- und Zollschwierigkeiten, da ja Ruß bekanntlich zum abgetrennten Memelgebiet gehörte. Nach der Rückgliederung im März 1939 habe ich mich als Bürgermeister wiederum um die Herausgabe der Standbilder bemüht. Die Stadt Tilsit lehnte das Ersuchen sofort ab, die Regierung Gumbinnen zögerte mit der Entscheidung, bis die Brücke der Gemeinde im August 1939 enteignet wurde. Danach wurde mitgeteilt, dass durch Übernahme der Brücke in die Reichsstraßenverwaltung der Antrag hinfällig geworden sei. Der neue Krieg verhinderte weitere Maßnahmen. So kam der Ort Ruß um seinen Elch.

Seite 15 Professor Schumacher siebzig Jahre alt
Der auch den Lesern dieser Zeitschrift durch seine Aufsätze zur Geschichte Ostpreußens wohlbekannte Historiker, Oberstudiendirektor a. D. Professor Dr. Bruno Schumacher, früher in Königsberg, jetzt in Hamburg Honorarprofessor für Geschichte an der Universität, wohnhaft Hamburg-Klein-Borstel, Willingsbütteler Landstraße 26, feiert am 2. Dezember 1949 seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlass dürfte eine kurze Darstellung des Werdeganges und Wirkungskreises dieses um die Geschichte unserer Heimatprovinz hochverdienten Mannes manchem ostpreußischen Landsmann willkommen sein.

Professor Schumacher, geboren am 2. Dezember 1879, wuchs in Königsberg auf und besuchte das dortige Friedrichskollegium, das damals gerade unter Ellendts Leitung zu neuer Blüte gelangt war. Dem Einfluss dieses als Historiker, Pädagoge und Mensch hervorragenden Mannes ist es wohl zuzuschreiben, dass auch Schumacher als einer seiner begabtesten und gelehrigsten Schüler sich ebenfalls dem Studium der Geschicht zuwandte, dem er von 1898 ab an der Königsberger Universität oblag. Vor allem fesselten ihn die Geschichte seiner ostpreußischen Heimat, zumal die des Deutschen Ritterordens und die ordenszeitliche Baukunst, und diesem Spezialgebiet ist er zeitlebens treu geblieben, auch als er nach Abschluss einer Studien 1903 als Lehrer an seine alte Schule berufen wurde. Sein gediegenes Wissen und sein pädagogisches Geschick brachten es mit sich, dass er bald in eine leitende Stellung im Schuldienst aufrückte, zunächst in Marienwerder (1922 – 1934) und seit 1934 wieder am Friedrichskollegium, dessen alte und bewährte Tradition als Pflegestätte christlich-humanistischer Geistesbildung ihm ans Herz gewachsen war. Seine ungewöhnliche Arbeitskraft ermöglichte es ihm, neben seinen umfangreichen Amtsgeschäften auch seine heimatgeschichtlichen Studien fortzusetzen, deren reife Frucht seine 1937 erschienene, Geschichte ost- und Westpreußens, bildete, eine wissenschaftliche Leistung, die durch seine Berufung als Honorarprofessor für Heimatgeschichte an der Königsberger Universität anerkannt wurde. Trotzdem blieb er seiner hauptamtlichen Tätigkeit am Friedrichskollegium treu. Er verstand es, durch unermüdliche Arbeitsfreudigkeit, begeisterte Hingabe an seinem Lehrerberuf und lebensfrohen Optimismus eine Mitarbeiter und Schüler auch unter den schwierigen Verhältnissen, wie sie der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, zu Höchtleistungen anzuspornen, die der Tradition des Friedrichskollegiums entsprachen. Als dann am 30. August 1944 bei einem schweren Luftangriff der stolze Bau des Friedrichskollegiums in Trümmer sank und bald darauf im Januar 1945 die drohende Einschließung der Stadt Lehrer und Schüler zur Flucht nötigte, hielt er selbst noch aus und suchte zu retten, was an wertvollen Urkunden der Schule noch zu retten war. Aber auch nach dem Verlust der alten Heimat und nach seiner Übersiedlung nach Hamburg, wo er jetzt auch wieder als Honorarprofessor an der Universität tätig ist, hat er nicht aufgehört, die geistige Gemeinschaft der ehemaligen Friederizianer aufrecht zu erhalten, die ihren Ausdruck fand in der erhebenden Feier des 250. Jubiläums seiner alten Schule am 14. August 1948 in Hamburg, zu der zahlreiche Lehrer und Schüler trotz der Not der Zeit sich eingefunden hatten, um ihrer alten Schule und ihrem letzten Direktor ihre Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu beweisen.

Deshalb bin ich, der ich von 1922 – 1945 selbst am Friedrichskollegium tätig gewesen bin, gewiss, dass am 2. Dezember 1949 alle ehemaligen Friderizianer, aber auch alle an der Geschichte ihrer Heimat interessierten ostpreußischen Landsleute sich mit mir vereinigen werden in dem Wunsche, dass Professor Schumacher noch manches Jahr ungestörter Forschungs- und Lehrtätigkeit in körperlicher und geistiger Frische beschieden sein möge und dass es ihm auch gelingen möge, durch eine Neuauflage seiner leider vergriffenen, Geschichte Ost- und Westpreußen, das geistige Band mit der alten Heimat enger zu knüpfen.
Gustav Wiemer, Studienrat a. D., Lübeck, Steinrederweg 93