Folge 11 vom 01.07.1949
Seite 4 Gauleiter Koch als Sommerfrischler (mit Foto: so sah er aus als er am 10. Februar 1948 bei einem Photographen in Bad Bramstedt eine Aufnahme von sich machen ließ. Mit Brille, aber ohne Schnurrbart und ohne den Zauber seiner Uniform, keine Wunder, dass selbst die Ostpreußen ihren ehemaligen Gauleiter Koch nicht erkannten). Wie er vier Jahre lang als Major a. D. Rolf Berger, fünzig Kilometer nördlich von Hamburg lebte
Wie war das überhaupt möglich, wie konnte sich Koch vier Jahre lang unweit von Hamburg und mitten unter Ostpreußen aufhalten, ohne dass er erkannt wurde? Was machte er in der ganzen Zeit? Und wie wurde er schließlich doch erkannt und verhaftet?
Das sind so die Fragen, die vor allem die Ostpreußen stellen, wenn sie jetzt über den Mann sprechen, von dem zwölf Jahre hindurch ihr Wohl und Wehe und ihr Schicksal abhing, den Mann, der darüber hinaus ganz persönlich verantwortlich ist für die Qualen und die leiden und den Tod unzähliger Menschen.
Ein Hundsfott, wer sich selbst in Sicherheit bringt!
Blicken wir kurz zurück auf die Zeit zwischen 1944 und April 1945. Zahllos waren die Reden, in denen der Gauleiter, Oberpräsident, Reichsverteidigungskommissar und Reichsstatthalter Koch den Mund voller tönender Phrasen nahm. Im September 1944 sagte er z. B. vor ostpreußischen Mänern, Fraune, Jungen und Mädchen, die an der ostpreußischen Ostgrenze Panzergräben aushoben: Der Führer ist in dieser Stunde mit all seinen Gedanken bei uns. Er wird Ostpreußen niemals preisgeben. Seine besten Divisionen werden die Stellungen, die ihr baut, unerschütterlich gegen den Ansturm des Bolschewismus halten, bis neu ausgerüstete deutsche Armeen die bolschewistischen Horden wieder bis an den Ural zurücktreiben. Ein Hundsfott, wer jetzt als Ostpreußen sich nur eine Sekunde dem Gedanken hingibt, Ostpreußen werde jemals fallen und daran denkt, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Unsere Sicherheit ist hier. Unsere stärkste Sicherheit liegt im Glauben an den Führer. In dieser Tonart, die noch untermalt wurde mit Androhungen der schwersten Strafen, ja der Todesstrafe, ging es die ganze Zeit hindurch.
Die nationalsozialistische Propaganda überschlug sich in Darstellungen, wie gewaltig die Befestigungsanlagen seien, die Koch errichten ließ, und sie stellte vor allem immer wieder seine ganz persönlichen Verdienste heraus. Koch wurde auch als der geniale Erfinder einer besonderen Art von Bunker gepriesen und gefeiert. Nach dem Muster: Mein Führer, ich melde--- wurde mit Zahen nur so herum geworfen. Die Länge der unter seiner Leitung hergestellten Gräben sollte das Mehrfache der des Aequators betragen, und die Zahl der ausgehobenen Kubikmeter Erde ging in die Millionen. Alles stand unter der von Koch ausgegebenen Parole: Kein Russe wird ostpreußischen Boden betreten. Ein Verräter, wer auch nur daran denkt, dass Ostpreußen preisgegeben werden könnte. Als es dann darauf ankam, erwiesen sich die Gräben, wie es auch nicht anders zu erwarten war, als vollständig wertlosl Auch als die Russen weiter in Ostpreußen eindrangen, als die grauenhaften Vorgänge von Nemmersdorf und anderen Orten bekannt wurden, als unsere Soldaten das verlorengegangene Goldap wieder einnahmen und dabei dort keinen lebenden deutschen Menschen mehr vorfanden selbst da wurde von Koch die Räumung verhindert. Ein Offizier aus dem Stabe der heeresgruppe hatte in einer Unterredung mit Koch noch einmal die Notwendigkeit einer Evakuierung der Zivilbevölkerung betont. Koch hatte erwidert: Ihre Aufgabe ist nicht, Ostpreußen zu räumen, sondern bis zum letzten Blutstropfen zu halten. Dazu gehört allerdings mehr als Generalstabsausbildung, nämlich der Glaube an den Führer. Gott sei Dank bestimmen im Führerhauptquartier nicht mehr die Generale, sonden die Gauleiter. Ostpreußen wird behauptet, so lange der Führer befiehlt. Und die Ostpreußen werden auf dem Schlachtfeld ihrer Heimat fallen, wenn der Führer es von ihnen verlangt. Es gibt keinen anderen Gedanken. Wer andere Gedanken hegt, ist ein Verräter. Drei Wochen später hielten deutsche Soldaten in der Nähe von Danzig inmitten des grauenhaften Elendszuges der ostpreußischen Flüchtlinge einen Lastzug mit acht schweren Wagen und einem Tankwagen an, der sorgfältig ausgewählten Privatbesitz Kochs nach dem Westen brachte. Sie hatten nur die Macht, den Tankwagen zu beschlagnahmen, der Heeresgut war, den Lastzug selbst mussten sie weiterfahren lassen.
Während dann in der zweiten Hälfte des Januar 1945 viele Hundert Trecks, bei manchmal dreißig Grad Kälte und im Schneetreiben den Russenpanzern zu entkommen versuchten, während die Soldaten mit letzter Kraft sich der herandrängenden Flut der russischen Divisionen entgegenstemmten und während Knaben und Männer den Russen als Kanonenfutter vorgeworfen wurden, da brachte es der Mann, der den Mund so voll genommen und den Männern bei Todesstrafe verboten hatte, Frauen und Kinder rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, fertig, sich selbst rechtzeitig abzusetzen. Er schlug sein Hauptquartier in Neutief auf, einem Dörfchen auf der Frischen Nehrung. Von dort gab er die Parolen, die man dann als große Transparente über die Straßen von Königsberg spannte: Schlagt die russischen Hunnen tot, wo ihr nur könnt! Königsberg bleibt deutsch! Schlagt den Russen die Zähne ein! Ostpreußens Volkssturm vor der Bewährung! In der Stadt ließ er Flugblätter An meine Königsberger! Verteilen. Der Volkssturm wurde mit flammenden Worten zum Ausharren und zum Kampf bis zum letzten Atemzuge für die ostpreußische Heimat aufgefordert. Während Zehntausende von Frauen und Kindern umkamen und andere Zehntausende unter kaum zu beschreibenden Strapazen ihr nacktes Leben zu retten versuchten, ließ er Sonderzüge mit seinem Privateigentum und mit den Frauen der prominentesten Nazis nach dem Westen abdampfen. Ein Sonderkommando des Volkssturms musste das 2000 Morgen große Gut Groß-Friedrichsberg bei Königsberg, das Koch sich hatte schenken lassen, und zu dem noch 500 Morgen von dem Nachbargut Metgethen hinzugekommen waren, bewachen, auf dass nur ja sein persönliches Eigentum nicht angetastet werde und niemand es wage, in dem zu einem Luxusschloss ausgebauten Gutshaus Quartier zu machen.
Seite 4 Ein Gauleiter, drei SS-Offiziere, vier Damen
Seit dem Beginn des Kampfes um Ostpreußen stand für Koch ein mit Flak bewaffneter und von seinen leuten gesicherter großer Hochseeschlepper zur Flucht bereit; mit diesem floh er von Neutief weiter nach Hela. Dort verlangte er von dem Kommandanten ein Sondergeleit nach Swinemünde. Der Kommandant lehnte diese Forderung ab und antwortete Koch, er möche, wenn er wolle, sich mit seinem Dampfer einem Flüchtlingsgeleitzug anschließen. Es hatten sich damals auf Hela viele Zehntaudende von Verwundeten, Kranken und Flüchtlingen zusammengedrängt, die verzweifelt auf eine Möglichkeit warteten, über See abtransportiert zu werden; der Landweg war ja schon lange unterbrochen. Immer wieder stürzten über Hela russische Flugzeuge aus den Wolken und warfen ihre Bomben zwischen die Menschen. Der Kommandant forderte nun von Koch, er möge Flüchtlinge an Bord seines Schiffes nehmen, und es würden auch aus der Elendsmenge zweihungert Menschen zusammengestellt, die man auf das Schiff von Koch bringen wollte. Es war damals ja so, dass jedes nach Westen fahrende Schiff weit über die Grenze seiner Tragfähigkeit mit Menschen belanden wurde. Ein Augenzeuge, ein ehemaliger Major, berichtet, dass sich in den Stunden, in denen Koch von Hela flüchtete, dort nur der Hochseeschlepper von Koch und ein Sperrbrecher befanden. Man war dabei, den Sperrbrecher mit Verwundeten, Kranken und Flüchtlingen zu beladen. Auf den Hochseeschlepper von Koch durfte niemand hinauf; auf dem Laufsteg stand ein SS-Sturmführer, der alle Verwundete und Flüchtlinge, die Kochs Schiff betreten wollten, auf den gegenüberliegenden Sperrbrecher verwies. Dieser konnte natürlcih nur einen winzigen Bruchteil der Menschenmasse aufnehmen. Auch der Augenzeuge kam als Verwundeter zu dem SS-Wachposten. Auf die Frage, warum dieser Dampfer nicht mit Verwundeten belegt würde, antwortete der SS-Sturmführer zunächst höflich und schließlich in auffahrendem Ton, das Schiff sei für Gauleiter Koch reserviert. Dann erschien auch Herzog E. K. I. von Ostpreußen in Begleitung von drei SS-Offizieren und vier Damen und schritt durch die verzweifelten Menschen hindurch auf das für ihn reservierte Schiff. Volksverbunden, wie er nun einmal immer gewesen war, dampfte er auf dem leeren Dampfer um 21 Uhr ab in Richtung Westen, gefolgt von dem überfüllten Sperrbrecher. Auch am nächsten Tag waren beide Dampfer noch zusammen, dann war Kochs Dampfer plötzlich verschwunden. Man sprach davon, dass er in Kopenhagen angekommen sein. Dar war die Art, wie Koch seine in Reden und in Aufrufen immer wieder hinausgeschrieene Parole Siegen oder fallen! Selbst befolgt hatte.
Seite 5 Einsam im Wald, da liegt der Tannenhof
Koch war und blieb verschwunden. Viele vermuteten, er sei ins Ausland gegangen, vielleicht nach Argentinien. Eine gewisse Berechtigung für diese Annahme gab die Tatsache, dass Frau Koch im Jahre 1934 zusammen mit der Frau des damaligen Reichsbischof Müller eine mehrmonatige Reise nach Argentinien gemacht hatte. Es wurde damals die Vermutung ausgesprochen, dass Frau Koch dabei Devisen ins Ausland geschafft und in irgend einer form angelegt habe. (eine andere Lesart ist die, Frau Koch habe damals Dokumente herausgebracht, wleche Hitler und die Partei stark belasten. Als im Spätherbst 1935 die Untersuchung gegen Koch wahrhaft tolle Dinge ans Licht brachte und Hitler Koch darauf in Berlin gefangen setzte, bekanntlich war Koch damals bereits nach Lichterfelde geschafft worden, um erschossen zu werden, soll Koch seine Freilassung und Wiedereinsetzung in seine Ämter durch die Drohung erzwungen haben, es würden bei seinem Tode die ins Ausland geschaffenen Dokumente veröffentlicht werden.)
Aber Koch befand sich weder in Argentinien, noch hat er Giftampullen geschluckt und sich in die Ostsee gestürzt, in der bei dem Untergang der Wilhelm Gustloff, der Steuben und der Goya, viele Tausende von Ostpreußen und Tausende von Verwundeten aus allen deutschen Gauen ihr Grab gefunden hatten, er führte vielmehr in einer idyllischen Gegend Holsteins ein geruhsames und behagliches Leben. Rechtzeitig hatte er sich falsche Papiere besorgt, die auf den Namen eines Majors Rolf Berger lauteten. (Nach der Verhaftung antwortete er auf die Frage der Polizei, wie er auf den Namen Berger gekommen sein, er stamme ja aus dem Bergischen Land am Rhein, und daher sei ihm dieser Name so in den Sinn gekommen.) Er gab sich also als Major Berger aus, blieb dann auch in unmittelbarer Nähe des Arbeitsdienstlagers Fuhlenrüe, aus dem heraus er zur Entlassung gekommen war. Von vornherein ging er darauf aus, nicht in einem geschlossenen Dorf Unterkunft zu finden, sondern er bemühte sich, auf irgend einen einsam gelegenen Hof zu gelangen, und so kam er nach dem Neuen Tannenhof, einer Bauernwirtschaft, die inmitten weiter Tannenwälder liegt. Es ist eine anmutige und landschaftlich recht abwechslungsreiche und landschaftlich recht abwechslungsreiche Gegend, in der die zu der Gemeinde Hasenmoor gehörige Ortschaft Fuhlenrüe liegt. Von Bad Bramstedt aus fährt man auf der asphaltierten Straße acht Kilometer weit nach Osten, biegt rechts in die weiten Tannenwälder ein und ist bald vor dem Hof, der eher wie ein großer Speicher aussieht und nichts von dem Gemütlichen oder gar Malerischen eines Bauernhauses hat. In diesem Haus hatte Koch im ersten Stock ein Zimmer erhalten, und hier lebte er die ganzen Jahre hindurch bis zu seiner Verhaftung.
Seite 5 Ostpreußische Familien erkennen ihn nicht
Natürlich hatte Koch alles getan, um sich unkenntlich zu machen. Er Schnurrbart war gefallen, er hatte sich eine Brille zugelegt, die Mütze zog er möglichst tief in das Gesicht hinein, und er hatte es sich angewöhnt, einem Menschen möglichst nicht in die Augen zu sehen. So kam es denn, dass auch die vier im gleichen Hause wohnenden ostpreußischen Familien ihn nicht als ihren ehemaligen Gauleiter erkannten. Dabei lebte Koch keineswegs einsiedlerisch oder auch nur zurückgezogen; im Gegenteil, er verbrachte oft täglich mehrere Stunden bei einer Frau, die mit ihren Kindern auf der anderen Seite des Bodens in einem Zimmer wohnte, der Mann arbeitete bei einem Bauern in der Nähe, und mit einer anderen ebenfalls am gleichen Flur wohnenden Königsberger Familie stand er sich so gut, dass der Mann ihn häufig mit wenig wählerischen Ausdrücken belegte. Koch legte anscheinend großen Wert darauf, mit allen auf gutem Fuße zu stehen, und er betonte oft, dass besonders die auf dem Boden wohnenden Familien zusammenhalten müssten. Weniger Glück hatte er mit einer im Erdgeschoss wohnenden Frau. Einmal bat er diese, für ihn doch ein paar Kartoffeln mitzubraten, und dabei wusste er natürlich besser als die Frau, wie Kartoffeln gebraten weren müssten. Worauf dann die Frau, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, wer ihr Bratkartoffgast Rolf Berger in Wirklichkeit war, ihm sagte: Lassen Sie man! Viele Köche verderben den Brei, und ein Koch ganz Ostpreußen! Koch hatte allen Anlass, darauf nichts zu erwidern. Im Übrigen beschuldigt ihn die gleihe Frau, ihr die Lenkstange aus ihrem Fahrrad gestohlen und in sein Fahrrad eingebaut zu haben. Als sie ihn stellte und zur Polizei gehen wollte, fuhr er mit seinem Fahrrad fort, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, und als er dann zurückkam, hatte er die gestohlene Lenkstange wieder durch eine andere ersetzt. Überhaupt war der große Mann von ehedem, der sich rühmte, dass sein Herrschaftsbereich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gehe, jetzt mitten drin in dem keineswegs großzügigen Betrieb eines bis auf den letzten Platz mit Vertriebenen belegten Hauses.
Im Übrigen lebte er einen sehr gemütlichen Tag. Irgend einen Beruf oder irgend eine Arbeit übte er nicht aus, nur dass er das Stückchen Gartenland, das ihm zugewiesen worden war, mit Gemüse und Tabak bestellte und seine vier Hühner fütterte. Sein Tag war alles andere als anstrengend. Am Vormittag brutzelte er sich sein Mittag zurecht, wenn ihm das nicht von anderer hilfsbereiter Seite gemacht wurde, und am Nachmittag ging er in der warmen Jahreszeit mit ein paar Decken und einem Roman in den Wald, oder er zog auf die Beeren- und Pilzsuche. In Pilzen war er ganz groß, sagt eine Frau, erst in diesen Tagen hat er sein letztes Glas aufgemacht. Arbeiten mochte er gar nicht gerne. Als einmal bei der Kartoffelernte zwei Frauen sich mit ihm zu einer Akkordgemeinschaft zusammengetran hatten, da versagte er so, dass die Fraune sich sagten: Einmal und nicht wieder! Er stöhnte über Schmerzen im Kreuz, dann über einen angeblichen Bruch. Alles Theater! meinten die Frauen. Auf seinem mehrere tausend morgen großen Gut, das er in Ostpreußen besessen habe, mit Hunderten von Pferden und Kühen, da habe er, so erzählte er seinen Hausgenossen, nicht arbeiten brauchen, sondern er habe nur Unterschriften gegeben. Eine Darstellung, bei der er ausnahmsweise einmal nicht gelogen hat.
Seite 5 Geldmittel waren immer vorhanden
Wie Koch in Ostpreußen alles auf Täuschung aufgebaut hatte, so machte er es auch jetzt in der Einsamkeit von Fuhlenrüe. Es ist bekannt, dass Millionenbeträge der Erich-Koch-Stiftung nach dem Westen verschoben worden sind, und die dürften in irgendeiner Form wohl auch heute noch vorhanden sein. Koch hat immer über genügend Geldmittel verfügt, vor allem auch nach der Währungsreform, und wenn man bei seiner Verhaftung 250 DM vorfand, so dürfte das nur einen Teil des Geldes darstellen, das er in Wirklichkeit besitzt. Er stöhnte trotzdem und tat zeitweise so, als ob er als Vertreter einer Firma für Fotovergrößerungen arbeite und auch darauf angewiesen sei, den geernteten Tabak zu verkaufen; aber das alles geschah wohl nur, um sich zu tarnen. Jedenfalls war er den beiden Nichten gegenüber durchaus nicht knauserig, zwei Mädchen aus Königsberg, die ihn, wie sie sagen, 1945 auf der Flucht kennengelernt haben und mit denen er in der ersten Zeit zusammen auf dem Tannenhof wohnte; Onkel Rolf war ihnen immer ein hilfsbereiter Onkel. Die eine Nichte ist schon vor längerer Zeit in die französische Zone verzogen, die andere hat ihre Besuche vor einigen Wochen eingestellt, etwa zu der Zeit, als es um Koch mulmig zu werden begann. Eine Frau J., eine Vertriebene aus Danzig, bemutterte dagegen bis zuletzt Koch in rührender Weise und sorgte für ihn; und Abend für Abend, so um ½7, setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr durch den Wald zu ihr hin. Koch hatte sich übrigens als Arbeitsloser registrieren lassen; er erhielt 18 DM wöchentlich und das erste Mal eine Nachzahlung von mehr als 90 DM. Als er einmal bei der Auszahlung mit mehreren Arbeitslosen zusammenstand und bei dieser Gelegenheit doch einmal die Mütze zurückschob und die Brille abnahm, da furh einer Frau der Gedanke durch den Kopf: Das ist doch Koch! Aber dann schob sie diesen Verdacht von sich.
Die Ehefrau des Koch lebt übrigens in Bad Schwartau bei Lübeck, und es wäre seltsam, wenn er mit ihr nicht in Verbindung gestanden hätte. Vor seinen Hausgenossen betonte er, dass er von seiner Familie nichts mehr gehört habe. In den letzten Wochen vor der Verhaftung war er viel unruhiger als sonst. Es lagen Gerüchte in der Luft, man munkelte schon irgend etwas, jedenfalls hatte er in diesem Jahr nicht mehr so rechte Lust, seinen Garten so zu bestellen wie noch im vergangenen Jahr.
Ihr Beruf? – Oberpräsident!
Von welcher Seite schließlich die Anzeige gekommen ist, darüber gibt die Polizei Hamburg, die durch einen ihrer Inspektoren im Beisein eines englischen Majors die Verhaftung vornehmen ließ, begrieflicherweise keine Auskunft. Als die Herren im Auto erschienen, war Koch nicht zu Hause, und die beiden entfernten sich wieder. Koch kehrte dann zurück, er war angeblich nach Hamburg gefahren, hörte von dem Besuch und schöpfte natürich sofort Verdacht. Er fragte den Jungen, der ihm von dem Besuch erzählte, nach allen Richtungen aus, legte sich dann schließlich auf sein Bett und grübelte. Die beiden Giftampullen, die er bei sich führte, blieben aber in seinem Lederetui. Er hatte weder Appetit auf Zyankali noch auf den Eierkuchen, den ihm seine Freundin J. Backen wollte. Als die beiden Herren dann wiederkamen und ihn verhafteten behauptete er, der Major a. D. Rolf Berger zu sein, und er hielt diese Darstellung so lange aufrecht, als der englische Offizier dabei war. Auch auf der Fahrt nach Hamburg blieb er dabei, er, Koch ist bekanntlich 1896 in Elberfeld geboren und alles andere als Ostpreuße, sei, wie sein Ausweis zeige, in Ostpreußen geboren worden und überhaupt waschechter Ostpreußen, und er unternahm auch den kläglichen Versuch, in ostpreußischen Tonfall zu sprechen. Formell war die Verhaftung wegen Urkundenfälschung erfolgt und es galt zunächst festzustellen, dass es sich bei dem Verhafteten tatsächlich um den ehemaligen Gauleiter Koch handele. Die Polizei hatte inzwischen das Bild einer Frau, das man in der Brieftasche von Koch gefunden hatte, der Frau eines in Hamburg lebenden Naziführers vorgelegt mit der Frage, ob sie diese Frau kenne. Worauf sie geantwortet hatte: Das kann Frau Koch sein. Anscheinend bezweckte Koch mit der Behauptung, Rolf Berger zu sein, nicht bei den Engländern bleiben zu müssen, sondern vor ein deutsches Gericht zu kommen. Als er nämlich dem deutschen Haftrichter vorgeführt wurde, schlug er in theatralischer Form die Hacken zusammen und rief: Ich bin der ehemalige Gauleiter Erich Koch und bitte um meine Verhaftung durch ein deutsches Gericht. Dann wurde er vor den Oberstaatsanwalt geführt, und da tat er sehr besorgt, als dieser die beiden Giftampullen in Händen hielt, er rief: Seien Sie vorsichtig, denn es kann schon gefährlich sein, wenn Sie das Etui öffnen! Im Übrigen nahm er den Mund recht voll. Nicht nur, dass er bei der Vernehmung durch die Polizei auf die übliche Frage nach dem Beruf mit Oberpräsident! Antwortete, behauptete er auch, er sei ein wackerer Kämpfer gewesen und habe als letzter die Festung Königsberg verlassen --- Auf die Frage, warum er sich so lange verborgen gehalten habe, antwortete er, er habe nicht den Russen ausgeliefert werden wollen und er vertraue darauf, dass die Engländer dem Auslieferungsantrag der Russen nicht nachkommen würden. Dass er heute noch auf dem Standpunkt steht, alle möglichen anderen seien Schuld an der Katastrophe, die über Deutschland hereingebrochen ist, nur nicht er und Leute seines Schlages, ist bei solchen Kreaturen, wie er eine darstellt, selbstverständlich.
Seite 6 Haß und Verachtung
Alle Fragen, welche die Ostpreußen im Zusammenhang mit diesem Mann stellen, laufen auf die eine hinaus: Was wird nun mit diesem Mann geschehen? Zur Stunde steht das noch nicht fest. Koch ist einige Zeit nach seiner Verhaftung aus dem Untersuchungsgefängnis Hamburg nach Bielefeld gebracht worden, wo die Spruchkammer das Verfahren gegen ihn vorbereitet und Material sammelt. Welches aber auch sein Schicksal sein mag, ob er eine längere oder kürzere Freiheitsstrafe erhält oder an die Russen ausgeliefert wird, die ihn dann nach ihrer Methode behandeln werden, wie immer die Strafe auch ausfallen mag, sie wird in keinem Fall eine ausreichende Sühne darstellen für den Mann, dem sein Herr und Meister unsere schöne Heimatprovinz zur Beherrschung und Ausplünderung überliefert hat und der Macht hatte über Leben und Tod von Millionen, keine ausreichende Sühne für den Mann, der rein persönlich verantwortlich ist für ein Meer von Blut und Tränen und für den Tod von vielen Tausenden Ostpreußen jeden Alters und Geschlechts.
Es wird von einem Vorfall berichet, der sich im April 1945, in einem dänischen Hafen ereignet hat, einem kleinen Vorfall unter tausenden viel bedeutungsvolleren. Als dort Verwundete, die vor kurzem aus dem Osten hierher gerettet worden waren, dem Entladen eines neuen Flüchtlingsdampfers zusahen, um vielleicht vermisste Verwandte zu endtdecken, da brach aus den Reihen ein Alter hervor und stürzte sich hinkend auf einen Mann, der eben vom Dampfer kommend, das Bollwerk betrat. Er packte ihn und schlug ihm die Mütze vom Kopf: Du, sagte er in wütendem Haß, Du lebst?! Du lebst?! Und meine Frau? Und meine Töchter und meine Mutter? Und die meisten aus unserem Dorf? Die sind beim Iwan und tot oder verschleppt --- Er drängte den Erbleichenden dem Wasser zu: Kennt Ihr ihn? schrie er.
Jetzt hat er eine Windjacke an und sicher einen falschen Paß. Vor drei Wochen aber war er noch ein Goldfasan bei Gauleiter Koch mit Gold und Lametta und dem Sieg in der Tasche. Bist Du es nicht? Hast Du nicht die Reden darüber gehalten, dass kein Russe durchkommt und der Sieg sicher ist? Hast Du nicht bei Todesstrafe verboten, dass unsere Frauen und Kinder rechtzeitig fortziehen konnten? Hast Du nicht unseren Volkssturm mit alten Flinten in die Stellungen gehetzt, wo er in einer Stunde erledigt war und die Fünfzehnjährigen vorwärts getrieben, bis sie von den Panzern abgeschossen waren, wie die Fliegen? Er drängte den verzweifelt sich Wehrenden weiter dem Wasser zu. Das hier, das ist Euer Werk, schrie er, Ihr habt die Heimat auf dem Gewissen, und alle, die umgekommen sind --- Und jetzt bringt Ihr Euch in Sicherheit, jetzt zieht Ihr Euch graue Windjacken an. Ihr Mörder --- Ihr --- Weiter kam er nicht, die Soldaten zogen ihn zurück.
Dieses Gefühl des Hasses ist es, das unzählige Ostpreußen erfüllt, wenn sie den Namen Koch hören, ein Haß, in den sich noch die Verachtung mischt für eine Kreatur, die nach dem von ihr verschuldeten Tod von zahllosen Menschen keine andere Sorge kannte als die, das eigene erbärmliche kleine Leben in Sicherheit zu bringen.
Seite 8 Hilferufe aus dem südlichen Ostpreußen. Sort dafür, dass die Unterschriften, die uns abgezwungen wurden, nicht gültig sind!
Nicht nur stellen nach polnischer Auffassung die von Polen besetzten Gebiete Ostpreußens einen Teil Polens dar, es soll dort in Zukunft auch keine Deutschen mehr geben. Nun hätten die Polen ja die dort noch lebenden Deutschen – es sollen etwa 25 000 sein – nach dem Westen Deutschlands abtransportieren können, aber man braucht sie als Arbeitskräfte. Um also die Deutschen zu behalten und doch wiederum keine Deutschen im Land zu haben, zwang man sie, Polen zu werden. Wie man die entsprechenden Unterschriften erzwungen hat, davon geben Briefe, vor allem solche aus dem Kreis Sensburg, ein wahrhaft erschütterndes Bild. Unsere Heimatgenossen haben die schwersten Misshandlungen erdulden müssen, viele wurden, - so heißt es in einem Brief, - zu Krüppeln geschlagen, und manche mussten ihren Widerstand sogar mit dem Leben bezahlen. Jeder musste unterschreiben, auch wenn er schon im Sterben lag. Dabei wurde von polnischer Seite noch die Behauptung aufgestellt, dass die Ostpreußen aus den westlichen Zonen ausgewiesen werden würden und wieder nach dem polnisch gewordenen Ostpreußen zurückkehren müssten, - eine Behauptung, die natürlich in keiner Weise zutrifft.
Aus leicht begreiflichen Gründen haben wir in den Briefen die Namen der Personen und der Orte – bis auf den der Stadt Sensburg – fortgelassen. Die Briefe zu erläutern, ist weiß Gott nicht nötig; sie sind ein einziger Schrei des Leidens und der Not, ein einziger Ruf nach Hilfe. Wir lassen sie hier folgen:
16.02.1949
Meine Lieben alle!
Wenn Ihr meine letzten beiden Briefe erhalten habt, werdet Ihr gespannt sein, wie es uns hier geht --- Ich muss Euch mitteilen, dass ich inzwischen ein neugebackener Bolschewist geworden bin. Wie ich dazu gekommen bin, will ich kurz berichten. Zum 10.02. hatte Käte gekündigt. Als wir ihre Sachen schon eingepackt hatten, kam der Administrator und sah, dass Käte losgehen wollte. Da hat er an die Miliz telefoniert und als wir gerade das Haus verlassen wollten, kam schon ein Beamter, und Käte musste dableiben. Mich hat er auf die Miliz mitgenommen, weil es den Deutschen verboten war, aus einem Dorf ins andere zu ziehen. Ich wurde verhört und zur Unterschrift für Polen aufgefordert. Als ich das nach stundenlangem Zureden im Guten und im Bösen doch nicht tat, wurde ich zur Nacht in eine eiskalte Zelle eingesperrt. Es war damals ziemlich starker Frost. Später bekam ich noch Gesellschaft, so dass wir vier Frauen zusammen waren. Nachts wurden wir wieder aufgefordert, zu unterschreiben. Als auch diese Bemühungen keinen Erfolg hatten, mussten wir am nächsten Tage Strafarbeiten machen. Die Mädchen haben die Zimmer sauber gemacht, und mich Alte nahmen sie zur Reinigung des Klosetts. Einige andere Leidensgefährten mussten andere Häuser mit kaltem Wasser scheuern. Als wir damit fertig waren, mussten wir bis zum späten Abend Holz tragen und bekamen während des ganzen Tages nichts zu essen. Abends wurden wir wieder stundenlang bearbeitet, um unsere Unterschriften zu leisten. Da haben denn auch viele unterschrieben. Von den Frauen blieben nur zwei übrig, die sich weigerten. Die Männer wurden von der Kriminalpolizei nach Sensburg mitgenommen, und wir Frauen wurden wieder ins Gefängnis eingesperrt. Da saßen wir dann mit nassen Füßen im kalten Raum und froren, dass die Zähne klapperten. Dort mussten wir die Nacht und den ganzen Sonntag über bleiben, wieder ohne Essen. Aber Hunger ist leichter zu ertragen als Kälte. Trotzdem wir uns dauernd bewegt haben, zitterten wir.
Meine gute Bekannte in B. hatte erfahren, dass ich im Gefängnis war, und schickte gegen abend ein Mädchen ans Fenster, um uns zu erzählen, was inzwischen in B. passiert war. Dort waren inzwischen schon alle Polen geworden. Die Feder sträubt sich aber, um zu schildern, auf welche Weise die Unterschrift erzwungen wurde. Die Bekannte ließ mir sagen, ich sollte mich nicht weiter sträuben, zu unterschreiben, denn es hätte keinen Zweck. Sie selbst habe schon ordentliche Hiebe mit der Eisenstange bekommen. Einen Mann haben sie halb tot geschlagen. Heute habe ich ihn besucht. Er konnte gar nicht richtig sprechen, weil alle Zähne lose waren und der Mund verschwollen. Sie hatten ihm das Gesicht mit einem Türdrücker bearbeitet. Auf den Hintern und Rücken hatte er auch unzählige Hiebe mit der Eisenstange bekommen. Ein Mädchen sollte auch, um geschlagen zu werden, sich nackend ausziehen. Als sie das nicht wollte, rissen die Polen ihr den Mantel herunter und wollten sie entkleiden. Vor Angst hat sie dann die Unterschrift geleistet.
Vorgestern waren die Bewohner unseres Dorfes zur Unterschrift bestellt. Diejenigen, welche nicht unterschreiben wollten, wurden zur Miliz mitgenommen. Dort mussten die Frauen die Mäntel, Schals und Handschuhe abgeben. Männer blieben nur in Hemdsärmeln , und alle wurden in die kalte Zelle gesperrt. Nach ein paar Stunden wurden sie wieder geholt und haben, weil sie sich nicht die Knochen kaputt schlagen lassen wollten, ihre Unterschrift abgegeben --- In Sensburg sollen infolge dieser fürchterlichen Behandlung einige Menschen gestorben sein. In S. ist ein Junge bei dieser Prügelei totgeschlagen.
In P. mussten sich die Deutschen halb nackt auf den Schnee legen und unter Bewachung liegen bleiben, bis sie die Unterschrift leisteten. Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, was uns hier zugefügt wird. Bitte sorgt dafür, dass diese Behandlung der Deutschen in weiten Kreisen bekannt wird --- Frau P. kann nicht polnisch sprechen und wollte nicht zur Miliz gehen, da wurden ihr die Hände gefesselt, und sie wurde mit Gewalt hingeschleppt. Uns wurde auch angedroht, wir sollten nach Sensburg gebracht werden, und dort sollten wir bis an die Knie im kalten Wasser stehen. Im Sommer mussten in Sensburg ungefähr 35 Männer bis an die Brust im Wasser stehen, und wenn sich das Wasser erwärmt hatte, wurde frisches kaltes hineingelassen. Blut ist bei dieser Behandlung auch genug geflossen ---
Was hier für eine Stimmung ist, könnt Ihr Euch nicht vorstellen, ältere Männer weinen bittere Tränen, im Herzen sind und bleien wir doch alle deutsch ---
Wenn wir Eure Briefe lesen, wie Ihr dort friedlich lebt und Freud und Leid miteinander teilen könnt, fühlen wir uns so sehr verlassen. Wann wird für uns die Erlösungsstunde schlagen?---
Die Männer, die aus Sensburg zurückgekommen sind, liegen alle schwer krank, es sind auch viele Selbstmorde geschehen, und manche wurden ohnmächtig ---
Mit diesem Verhalten haben die polen eine große Schande auf sich geladen. Hier heißt es, dass die Flüchtlinge, die nach dem Westen gekommen sind, von dort hierher zurückkommen müssen, vor allen sollen die Männer, die ihre Frauen noch hier haben, zurückkehren ---
Ich kann mir nicht denken, dass eine solche erpresste Stimmabgabe Gültigkeit haben soll. Gott gebe, dass sich alles ändern möge. Als Hitler so vorgegangen ist, nahm seine Herrschaft bald ein Ende, und so wird es wohl auch jetzt kommen. Der liebe Gott sieht all diese Ungerechtigkeit und wird das nicht ungestraft lassen. Wir wollen nicht die Hoffnung verlieren und unser Vertrauen auf Gott setzen, der kann unsere Gebete erhören. Viele Polen sind über diese Behandlung der Deutschen auch empört. Eine arme Polin hat uns im Gefängnis heimlich ein Stück Brot zugesteckt ---
Nun seid alle herzlich gegrüßt von Eurer polnischen Schwester und Mutter.