August
Folge 13 vom 01.08.1949
Seite 1 Das Herz Masurens. Von Hansgeorg Buchholtz
In die dunkle Flucht der Wälder
Ließ ein Gott vom Weltenrande
Seines Himmesl Perlen rollen;
Dass sie alle Nacht zum Trotze
Funkelnd Licht von blauem Brande
Seine Größe künden sollen
Masuren ist die Harfe und das Spiel der Winde. Wenn der Wind an der Angerapp aufsteht und an den hügelgelegenen Gehöften und an ihren strohgedeckten Firsten vorbeistreift, hat er nach Süden, nach Westen, nach Osten tausendfach sein Spiel auf glasglitzernden blauen Seen im flüsternden endlosen Uferschilf, in den ruaschenden Wäldern, die von Wasser zu Wasser die dunklen Kronen über das wellige land wölben.
Die Siedlung eines Landes ist Ausdruck seines Lebens. An die Seen angeschmiegt, in die großen Waldungen eingestreut, in den Bodensenken geborgen, wehrhaft auf der Höhe erbaut liegend die Gehöfte, die Dörfer, die kleinen Städte und leisten nach Lage und Bauart Zeugnis für Sinn und Abstammung dieser, die sie einst erbauten. Von den Tagen an, da die alten Preußen sich hier in die Wildnis zurückgezogen bis zu den blutigen Schlachten des jüngsten krieges hat die Kriegsfackel hundertfach in diesem Land geloht. Die Tatareneinfälle mit ihren entsetzlichen Verwüstungen und Menschenverschleppungen, das erste Tannenberg, das Jahr 1914, das zweite Tannenberg sind nur ein paar Meilensteine aus dem Erleben dieses Landes, das ein Leidensweg war bis heute.
Eine geduckte, trotzige Abwehr, das ist der Charakter aller Siedlungen hier. Geduckt hinter die Hügelvorsprünge, in die See-Engen, versteckt in den Buchten und an den weitausschwingenden Waldrändern, liegen die kleinen Holzbauten der Bauernhäuser.
Und die Städte? Das Schloß der Ordensherren, nicht allzu weit ab davon der große, weite Marktplatz, Stätte deutschen Handelsfleißes, Zuflucht deutscher Menschen, wenn die Kriegsfurie das platte land verwüstete, sind ihre hauptsächlichen Merkmale. Fast alle haben sie vor ihre Toren die blauen Wasser eines Sees, und die Fischerei ist in ihren Maueren ein beträchtliches Gewerbe. So sind Lyck und Passenheim, Gilgenburg, Sensburg und Nikolaiken. Lötzen aber ist das Herz Masurens, denn es liegt im Kranze seiner schönsten Seen.
O, du Wiege zwischen blauen Seen,
O, du Herz davon mein Sehnen träumt!
Könnt’ ich einmal noch dich wiedersehen,
könnt’ ich einmal noch in deinem Freiden liegen,
Möwen lauschend, die zum Lichte fliegen,
grüner Welle, wenn sie rauscht und schäumt!
Thymian duftet an dem Uferrande.
Weiße Segel stehn im blauen Licht.
Schwäne brausen auf und ziehn zu Lande
Und das Ufer öffnet seinen breiten Fächer,
und es hebt sich mit dem Kranz der Dächer
aus dem Blau und Grün die Stadt ins Licht.
Ja, da ist sie nun, die Stadt. Wir gehen von der Anlegestelle hinauf und nehmen noch die herbe, kühle Seeluft mit. Wir gehen am Kanal entlang und grüßen das Schloß. Ach, lasst uns einmal die Augen schließen und die Straßen entlang gehen, die zum Marktplatz hinaufführen. Wie oft bin ich sie getrabt, in der Sonnenglut vom kühlen Bade kommend, um mich die Schar froher Kinder, wie oft im Winter, die Schlittschuhe über dem Arm, noch das Gefühl des blanken Eises in den Füßen, seinen abgründigen Spiegel, seine endlose Weise auf dem Löwentin oder dem Mauersee vor Augen. Wie oft bin ich sie gegangen zum Einkauf, zum Besuch lieber Menschen, wie oft werde ich sie noch gehen mit geschlossenen Augen in den stillen, wehen Stunden zu meinem Trost, bis meine Augen auch nach innen nicht mehr sehen, aber meine Seele zurückgekehrt sein wird, in die Heimat.
Ach, Lötzen, du Stadt zwischen den Seen! Liegst du an die Brust des Löwentin gelehnt, der nur Licht und Weite atmet in der Majestät seiner Größe, so gibst du dich zugleich den Armen des Mauersees und der Stille siner buchtenseichen Ufer. Wollen wir nach Upalten fahren, der Insel mit dem Ulemendom? Irgendwo dort an den Seeufern steht ein Landsitz. Dort lebte um 1600 die arme, junge Gräfin Lehndorf, die von den Tartaren verschleppt wurde, und von der noch einmal ein Brief in die Heimat kam, den sie als Sklavin geschrieben hatte, aus Konstantinopel. Abends, wenn das Boot bei Steinort vorüberfuhr, haben wir uns ihre Geschichte erzählt. Wie begreifen wir sie heute noch so anders. Wollen wir über den öwentin segeln, nach Rothwalde? Wollen wir nach Rhein fahren? Lötzen, du Herz Masurens, du Heimat, die uns reich machte, im Glück unserer Kinder, im Schaffen unserer Tage!
Der Juli geht zu Ende, und das Korn ist gelb. Wie eine goldene Tafel liegt ein Acker jenseits am Seeufer in die Waldung eingesprengt. Bald wird die Sense rauschen, bald wird das Korn zu Garben gebunden, und, auf den Wagen getürmt, zu jener grauen Scheune gefahren sein, die durch die Obstbäume neben dem hause schimmert. Und wenn erst der Wind über die Stoppeln geht, und die langen weißen Herbstfäden flattern lässt, dann ist das Leben vorbei. Dann wird die Luft so gläsern und klar wie das Wasser. Die Sonne wird matt, und das Sterben kommt über das Land. Es wird so streng und klar in seinen Zügen wie ein alternder Mensch, der reich ist an Leid und Erfahrung und zurückschaut. Für Sekunden taucht in der Glut des Julitages das Bild des Winters vor uns auf. Wir sehen die Kiefern in der Schneelast gebeugt und begraben. Ihre Stämme leuchten rostrot vor dem tiefblauen Winterhimmel. Das weiße Schweigen umfängt uns, in das nur das Grollen des Eises im Frost sich mischt, das wie Donner rollt. „Der Dobnik, der Wassermann, schlägt gegen das Fenster“, sagen die Leute, die dann mit Wagen und Schlitten über den See hinwegfahren, als wäre er eine verschneite, unendliche Wiese. Wir sehen die Pferde über die weiße Fläche traben und hören die Schlittenglocken. O, wie heimatlich lieblich ist der Klang der Schlittenglocken! Aber dann lächeln wir und finden uns zurück in den Sommertag. Wir hören den Specht hämmern und das Gezirp der Meisen. Wir sehen dem Motorboot nach, wie es eine lange, lange Reihe zusammengekoppelten Langholzes hinter sich herschleppt, den See durchfurcht. Upalten mit seinen hohen Bäumen grüßt herüber. Wir liegen und träumen!
Ja, es ist ein seltsames Land, und voll Eigenart sind auch seine Bewohner. Sie haben immer im Kampfe gestanden, im Kampf um das tägliche Brot, im Kampf um die geliebte Heimat. Von Arbeit und Kampf reden daher die Linien ihrer Mienen und Hände Ein wenig Trotz in den Stirnen, ein wenig Schwermut in den Augen sind sie wie die Erde, die sie über alles lieben. Viel haben sie ihretwillen zu allen Zeiten erduldet. Ihre stolzeste Erinnerung ist ihr Abstimmungssieg und ihr Bekenntnis zur deutschen Heimat damals. Ihr schwärzester Tag ist jener, der sie aus der Heimat trieb. Aber leuchtend wie ihre heimatlichen Seen ist ihre Hoffnung.
Seite 5 Von 1945 bis 1948 in Königsberg. Von Dr. Ing. Erich Bieske, früher Königsberg
Ich will hier einen Bericht geben über die fürchterliche Zeit, die wir in Königsberg Zurückgebliebenen in den 3 ½ Jahren von der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee bis zu unserer Abbeförderung 1948 haben durchmachen müssen. Ich will einen wahrheitsgetreuen Bericht zu geben versuchen; es ist viel übertrieben worden. Die Wahrheit, die übrig bleibt, ist immer noch fürchterlich genug: Bei der Besetzung Königsbergs durch die sowjetischen Truppen am 9. April 1945 waren noch 90 000 Menschen (ohne die Truppe) in der Festung. Diese Zahl ist mir wenige Tage vor der Einnahme von dem Leiter des Ernährungsamtes als, die der ausgegebenen Lebensmittelkarten genannt worden. Ich schätze, dass etwa 5000 bis 10 000 Menschen ins Reich oder nach Litauen fliehen konnten und dass etwa 30 000 in den Jahren 1947 und 1948 mit den Transporten nach dem Reich heraus kamen, so dass nach dem 9. April etwa 50 000 Königsberger umgekommen, d. h. meist verhungert sind.
Am 12. Januar 1945 beginnt die große russische Offensive bei Baranowitschi. Sie greift auf die ganze Front über; es folgen die Kämpfe an der ostpreußischen Grenze bei Schloßberg und der für Ostpreußen verhängsvolle sowjetische Vorstoß aus dem Raum von Zichenau quer durch die ganze Provinz auf Elbing zu. Damit ist Königsberg schon nach neun Tagen vom Reich abgeschnitten. Am 21. Januar abends verlässt der letzte Berliner Nachtschnellzug den Königsberger Bahnhof. An dem gleichen Abend lassen die Ortsgruppen in den Häusern ansagen, die Bevölkerung möge beim Ertönen eines dreimaligen Entwarnungssignals sich auf den Weg nach Pillau begeben. Un das in einer Winternacht bei strenger Kälte!
Am 29. Januar schließt sich allmählich der Ring des Belagerns. Mir gelingt es an diesem Tage, spät abends mit einem Fuhrwerk, das ich mit Frauen und Kindern bei siebzehn Grad Kälte nach Pillau kutschiere, aus der Stadt heraus und an der gefährlichen Stelle bei Metgethen vorbeizukommen. Sechs Stunden später drückt der Russe die Front bei Metgethen ein: Der Ring um die Stadt ist fest geschlossen. An diesem Tage beginnt die Beschießung der Stadt mit Artillerie, es beginnen die ständigen Luftangriffe, es beginnt die Belagerung.
Das Straßenbild wandelt sich zusehends. Der Straßenverkehr liegt seit Tagen still. Der Auto- und Fuhrwerksverkehr wird geringer. Auf der Straße sind fast nur Fußgänger und Radfahrer zu sehen. An zahllosen Straßenecken, Abzweigungen und Kreuzungen werden Barrikaden gebaut, planlos und sinnlos, teilweise aus brauchbaren, oft aus ganz unmöglichen Baustoffen. Hier werden schwere Eisenträger eingegraben, mit Längsträgern verbunden und mit Gebäudeschutt hinterfüllt, dort wird ein Straßenbahnwagen umgelegt, der nun die Straße sperren soll. Die Bevölkerung, vor allen auch Frauen, werden von den Ortsgruppen vielfach unter Zwang zum Barrikandenbau herangeholt. Sprengungen werden vorbereitet und ausgeführt. Aus allen Weichen der Straßenbahngleise und vieler Eisenbahngleise werden die Herzstücke herausgesprengt; alles sinnlos und planlos, als ob man damit die Einnahme der Stadt verhindern oder aufhalten könnte! Von der Universität sprengt man die Standbilder herunter; die Steinbrocken fliegen auf dem ganzen Paradeplatz herum. Das neue Wasserwerk Seewalde und die im Sanland liegenden Staubecken und Teiche dem Wasserks Hardershof sind bereits in sowjetischer Hand. Das Pregelwasserwerk Jerusalem liegt unter Beschuss. So werden an zahlreichen Stellen der Stadt zur Versorgung der Bevölkerung Brunnen gebohrt und Handpumpen aufgestellt.
Die Verwaltung geht ganz an die Partei über. Der Kreisleiter ist der tatsächliche Machthaber. Der Gauleiter hat sich bereits nach Pillau in Sicherheit gebracht und kommt nur gelegentlich nach Königsberg. Die Partei übernimmt die Verteilung der Lebensmittel an die Bevölkerung. Die Ortsgruppen sind auch sonst für alles und jedes zuständig. Man sieht die Ortsgruppenleiter mit ihrer Begleitung durch die Straßen gehen und hier und da Anweisungen erteilen. Große Lebensmittelvorräte, darüber hinaus Rauchwaren, Spirituosen und andere Genussmittel werden von den Ortsgruppen sichergestellt. Die Ortsgruppen schwellen zu großen Bürobetrieben an, wobei die bei ihnen Beschäftigten dort zugleich verpflegt werden und wohnen. Es herrscht in den Ortsgruppen Tag und Nacht ein reges Leben, vor allem des Nachts, wo Zigaretten, Schnaps und eine gewisse Weiblichkeit die erste Rolle spielen.
Nach dem Schreck der ersten Tage hatte man sich in die Lage gefunden, Lebensmittel waren genug vorhanden und wurden reichlich verteilt. Die Ortsgruppen richteten auch neue Gaststätten zur Speisung der Bevölkerung ein. Im Kühlhause waren Fleisch, Butter, Speck, Eier und Käse in ausreichendem Maße vorhanden; man hätte ohne weiteres neun Monate die Bevölkerung damit versorgen können.
Das Schloß wurde zur Verteidigung durch die SS hergerichtet. Am Paradeplatz wurden in großer Eile neue Bunker betoniert und mit den vorhandenen Bunkern und Luftschutzkellern verbunden, so dass ein einheitliches System von Schutzräumen entstand, welches die Parteileitung aufnehmen sollte. Die Zentrale lag in den Kellern des alten Gerichtsgebäudes hinter dem Opernhaus. Gleichzeitig wurde an der Schaffung eines Rettungsweges für die Mitglieder der Parteileitung gearbeitet. Als Fluchtweg aus der belagerten Stadt sollte der große Abwässerkanal dienen, der im ehemaligen Ausfalltores beginnt und über Ratshof die Abwässer bis zur Kläranlage Vierbrüderkrug bringt. Um den mannshohen Kanal für diese Zwecke benutzbar zu machen, wurde seine Decke an zahlreichen Stellen durchschlagen; auf diese Weise wurde frische Luft eingeführt. Tatsächlich haben sich Großherr, Fiedler und andere Parteigrößen mit ihrem Anhang durch diesen Kanal aus der eingeschlossenen Stadt retten und sich zu der im Samland kämpfenden Truppe hindurchschlagen können.
Seite 5 Am 6. April beginnt der Angriff
Nachdem die im Raum von Heiligenbeil noch kämpfenden deutschen Truppen in mehrtägiger Schlacht vernichtet waren, wandte sich der Russe gegen die Festung Königsberg. Mit zunehmendem Artilleriebeschuss gab es jetzt häufiger opfer unter der Bevölkerung; auch die Luftangriffe mehrten sich und oft lag Feuerschein und Rauch über der Stadt. Die Nacht war durch zahlreiche langsam niedergehende Leuchtschirme oft stundenlang erhellt. Das Leben wurde ungemütlich. Man verkroch sich wieder in die Luftschutzkeller und Bunker, die man nach den ersten Tagen der Belagerung verlassen hatte. Die Lockerung der staatlichen Ordnung in der belagerten Stadt, der Gedanke, dass man dort über kurz oder lang den Russen in die Hände fallen werde, das enge Wohnen in Kellern und Bunkern und die Tatsache, dass die Familien auseinandergerissen waren, alles das hatte allmählich ein bedenkliches Sinken der sittlichen Haltung zur Folge. Nicht nur in den Ortsgruppen hörte man von Orgien und Exzessen schlimmster Art, auch in privaten Kreisen lockerten sich die sittlichen Bindungen.
Ich war eine Zeit hindurch in Pillau beim Volkssturm eingesetzt. Nachdem die im Samland kämpfenden Truppen mit Unterstützung der Kriegsmarine die Chaussee Pillau – Königsberg wieder frei gekämpft hatten, wurde ich vom Reichsverteidigungskommissar Ost, der im Lotsenturm in Pillau seinen Sitz hatte, nach Königsberg beordert, um dort Brunnen zu bohren. Ich wurde dem Direktor der Feuerwehrschule Metgethen, Fiedler, unterstellt, der die unterirdischen Bunkerbauten am Paradeplatz leitete. Ostern, es war der 1. April 1945, war ich nochmals zur Besprechung beim Reichsverteidigungskommissar, und zwar beim Gauwirtschaftsberater Dr. Dzubba in Pillau. Es ging täglich des Nachts ein Zug nach Pillau, der bei Metgethen-Serappen häufig von den Russen beschossen wurde. Am 3. April hatte ich wegen der Brunnenbohrungen im Stadthaus zu tun, und ich suchte bei dieser Gelegenheit den Oberbürgermeister Dr. Will auf, dessen Diensträume in einem Bunker im Stadthaus lagen. Er war, wie einige der über den Tag hinausdenkenden Männder, in disen Tagen sehr niedergeschlagen und erzählte mir, dass die Sowjets soeben ein Ultimatum an den Verteidiger der Festung, General Lasch, gerichtet hätten, die Festung bis zum 5. April abends zu übergeben. Das Ultimatum würde deutscherseits unbeantwortet bleiben.
Tatsächlich beginnt am Freitag, dem 6. April, der Angriff der Russen. Man hört das unheimlich donnernde Rauschen der Stalinorgeln, so als ob ein schweres Gewitter allmählich im Abziehen wäre. Die Beschießung mit schwerer Artillerie führt zu starken Beschädigungen, die Luftangriffe verstärken sich. Der Russe, der bis dahin unmittelbar vor der Ring-Chaussee stand, dringt überall vor. Nachrichten und alle möglichen Gerüchte jagen sich. Unsere Truppen stehen nicht mehr. Man hört schwere Detonationen in der Stadt. Die Pregelbrücken werden in die Luft gejagt; selbst die kleinen Brücken an dem ehemaligen Festungsgraben und verschiedene ganz unbedeutende Überwege werden gesprengt. Man hat so das Gefühl, dass der Teil der Bevölkerung, der die Belagerung überleben würde, kein Lebensrecht mehr haben solle. Da meine Wohnung in der Tiergartenstraße von einer dort postierten Batterie belegt ist, wohne ich im Luftschutzraum des Kühlhauses bei meinem Freund Rost. Ein Leutnant hat den Auftrag, die Maschinenanlage im Kühlhaus zu sprengen, wird aber von uns daran gehindert. Die Beschießung und die Luftangriffe nehmen immer noch zu. Am Abend, wir sind gerade beim Abendbrot, wird das Kühlhaus von einer Fliegerbombe getroffen. Der gewaltige Betonbau, der auf achtzehn Meter hohen Rammpfählen gegründet ist, hält stand, weicht aber seitlich etwas aus: Ein unheimliches Gefühl für uns Bunkerbewohner.
Am Sonnabend, dem 7. April, abends um 19 Uhr, sprengen deutsche Pioniere die Reichsbahnbrücke am Holländer Baum. Die Sprengung gelingt schlecht, die Brücke wird nur aufgerissen, wobei die eine Brückenhälfte ins Wasser hineinsinkt. Eine Stunde später erkenn wir an Lichtsignalen, dass auf der anderen Pregelseite bereits der Russe steht. Die Nacht wird fürchterlich. Unsere Truppen setzen sich ab, suchen im Kühlhaus letzten Unterschlupf und ziehen sich dann auf den Veilchenberg, wo unsere schweren Batterien stehen, zurück. Spät abends gibt es noch ein hässliches Intermezzo: Eine Gesellschaft von Männern und Frauen, die den besseren Ständen angehören, dringt ins Kühlhaus ein. Es kommt zu widerlichen alkoholischen und sexuellen Exzessen. Jetzt habe ich das Gefühl, es ist alles zu Ende. Die sowjetische Artillerie beschießt nun auch das Kühlhaus, so dass die Maschinisten und Heizer in den Luftschutzkeller flüchten müssen. Sie haben, wie sie berichten, noch ordentlich Kohle aufgeschmissen, und nun müssen wir sehen, wie lange die Lichtmaschine noch Strom geben wird. Sie läuft noch stundenlang; allmählich erlischt dann die elektrische Beleuchtung. Mit einigen Gaslampen wird der ausgedehnte Luftschutzkeller notdürftig erleuchtet.
Seite 6 Russische Truppen dringen ein
Um nicht von den sowjetischen Angreifern im Keller ausgeräuchert zu werden, befestigen wir ein weißes Laken an einer Stange an der östlichen Verladerampe des Kühlhauses. Der Russe tastet sich nur langsam vor; erst am nächsten Tage, es ist Sonntag, der 8. April 1945, mittags 12.20 Uhr, fällt für mich der eiserne Vorhang. Mongolische Truppen dringen in unseren Keller und treiben uns trotz des mörderischen Artilleriebeschusses ins Freie Wir ducken uns an den Bahndamm des Bahnhofes Holländer Baum, werden dann aber gezwungen, mit Frauen, Kindern und alten, gebrechlichen Menschen über die gesprengte Reichsbahnbrücke zu klettern. An der Trennstelle in der Mitte des Pregels, wo die Brücke aufgerissen ist, müssen wir auf einem fünf Meter langen, wippenden Brett herüberbalancieren. Die deutschen Batterien auf dem Veilchenberg halten die Reichsbahnbrücke und die Aral-Tankstelle auf der anderen Pregelseite unter Feuer. Wir sehen das Einschlagen der Granaten auf der Brücke und erhalten manchen Spritzer aus dem Pregel, wir sehen die schrecklich zugerichteten Verletzten. Katzenhaft kommen in langer Reihe die Mongolen über die Brücke geklettert. Sobald sie herüber sind, können wir es wagen, in entgegengesetzter Richtung herüberzuturnen. Es gelingt fast ohne Verluste. Wir überschreiten die Gleise des großen Verschiebebahnhofes am Nassen Garten und marschieren im langen Gänsemarsch zwischen den vorrückenden sowjetischen Truppen, die uns Uhren und Schmucksachen abnehmen, mitten durch eine zum Angriff auffahrende russische Panzergruppe zur Brauerei Ponarth. Betrunkene sowjetische Soldaten schießen auf uns Flüchtende. Diesem Blutbad fallen einige Arbeiter des Gaswerks zum Opfer. Als wir den Damm an der Ponarther Eisenbahnbrücke endlich hochklettern, werde ich mit anderen Deutschen festgenommen. Wir werden in einem Haus der Ponarther Wiesenstraße eingesperrt. Es folgen Durchsuchungen unserer Sachen, Vernehmungen, Plünderungen und in der Nacht die ersten Vergewaltigungen unserer Frauen.
Als wir am nächsten Tag etwas ins Freie dürfen, sehen wir vor der Brauerei Ponarth mehrere Stalinorgeln, die ihr Feuer auf unsere Stadt richten. Über dem Stadtinnern liegen dichte Rauchwolken. Nach einigem Hin und Her werden wir zur Kaserne der Beobachtungsabteilung in Ponarth gebracht. Dort befinden sich bereits ganze Familien, die sich in der Kaserne frei bewegen, sie aber nicht verlassen dürfen. Am Tage beerdigen wir deutsche Gefallene und begraben die Pferdeleichen und erhalten dafür von der Truppe Verpflegung. Nachts finden in der Kaserne Massenvergewaltigungen unserer Frauen und Mädchen statt. Es ist das Fürchterlichste, was ich in den drei jahren erlebt habe. Das Schreien der Mädchen liegt mir heute noch im Ohr. Wir versuchen die Stubentüren abzuschließen; es werden die Türen gewaltsam eingedrückt. Wir schieben die großen Tische in den Kasernenstuben zusammen, unter die sich dann die Frauen und Mädchen für die Nacht verkriechen. Wir Männer setzen uns mit Sack und Pack um die Tische herum. Es nützt alles nichts. Mit Taschenlampen leuchten die Soldaten unter die Tische, ziehen die Frauen hervor und nehmen sie mit nach ihrer Unterkunft. Ein Maurer aus Gerdauen, der neben mir auf dem Fußboden liegt, hat die Gabe des zweiten Gesichtes. Er „träumt alles ab“, wie er sagt. Es ist das erste Mal, dass ich einem menschen mit dieser unheimlichen Begabung begegne.
Seite 6 „Antreten ohne Gepäck!“
Eines Nachmittags gehen die Dolmetscher durch die Gänge der Kaserne und rufen den Befehl des Kommandanten aus: „Antreten ohne Gepäck!“ Wir glaubten, dass eine Bekanntmachung erfolgen solle und ahnen nicht, dass wir nach namentlichem Aufruf der NKWD übergeben werden. Diese führt uns, wie wir gehen und stehen, also ohne unsere Sachen, in langem Zuge nach Rosenau, wo wir in den Kellern der noch in der Aweider Allee stehenden Häuser eingesperrt werden. Wir bleiben ohne jede Verpflegung. Drei Tage später werden wir nach abermaligem Namensaufruf nach den Unteroffiziers-Wohnblocks der Kaserne an der Neuendorfer Straße gebracht. Als wir die gewaltige Stacheldrahtumzäunung sehen, wird es uns klar, dass wir Gefangene sind. Dort beginnt der Hunger, dort beginnen die nächtlichen Vernehmungen und die schrecklichen Misshandlungen.
Nach einigen Wochen werden wir nach dem NKWD-Lager der Kaserne in Rothenstein verlegt, und nach abermals vierzehntägiger Haft geht es im endlosen Zuge, die Mehrzahl von uns bereits entkräftet und willenlos, hinaus; wir hoffen, nach dem unzerstörten Häusern auf den Hufen. Unser trauriger Zug geht durch die Händelstraße und hält vor einem großen Tor. Der Gefängnishof des Gerichtsgefängnisses nimmt uns auf. Da versagen die Nerven. Wir sind fertig! Das Unglaubliche war Tatsache: Trotz der fast völligen Zerstörung der Stadt, totz der Vernichtung des Gerichtsgebäudes am Hansaring und des Polizeipräsidiums am Nordbahnhof waren das Gerichtsgefängnis und das Polizeigefängnis unzerstört erhalten geblieben.
Ich komme mit einigen anderen in das Polizeigefängnis und erlebe dort schreckliche Wochen und Monate. Ende Juli 1945 werde ich nach dreieinhalbmonatiger NKWD-Haft wie durch ein Wunder als einer der ersten aus dem Gefängnis entlassen. Ich melde mich be der Zentralkommandantur in der Hardenbergstraße. Die Haftzeit liegt hinter mir. (Fortsetzung folgt).
Seite 8 Ach, Voader, leewste Voader
Das Plattdeutsche war (und ist) für viele Ostpreußen die Umgangssprache. Anschaulich, bildkräftig, herzlich, humorvoll, so lebte sie mit uns. Kaum bekannt ist, dass auch unsere ostpreußische Dichterin Charlotte Keyser, bekannt durch ihre großen Romane, plattdeutsche Verse geschrieben hat. Hier eine Probe:
Ach, Voader, leewste Voader, moak dem Roßgoarde to!
Sunst jeiht noch biem Noaber onse schwarbonte Koh,
un zertrampelt dem Kleewer un de Gerscht kort un kleen,
un denn schömpt onse Noaber, un öck leew doch dem Sähn –
ach, Voader, leewste Voader, moak dem Roßgoarde to!
Ach Mudder, leewste Mudder, paß de Hähnerkes opp!
Goah se schichre, sunst fleeg se äwrem Goardetun rut,
und zerpliesre denn dräewe de Bloomkes so scheen,
un denn schömpt onse Noaber, un öck leew doch dem Sähn –
ach, Mudder, leewste Mudder, paß de Hähnerkes opp.
Ach, Voader, leewste Voader, am Sinndag na de Kerch,
wöll wi luure oppem Noaber önnem Kroog hindrem Bar,
Un denn hoal wie m rön un trakteere em scheen,
un du huckst mötten Ohler, un öck huck mötten Sähn –
ach, Voader, leewste Voader, am Sinndag an de Kerch
Ach, Mudder, leewste Mudder, bru Möschkinnis un Beer,
un denn hoal wi-oppen Sinndag de Noaberschlied her.
Un denn wies se dem Brutschatz, un denn proahlt mi ok scheen
un öck huck önne Laub, un denn butscht mi den Sähn –
ach, Mudder, leewste Mudder, bru Möschkinnis un Beer.
Seite 8 Wenn die Roggenähren fallen. Von Carla von Bassewitz
Der erste Beitrag für unsere ständige Reihe „Bei uns zu Haus zu dieser Zeit“, was anderes könnte er – Anfang August – zu seinem Inhalt haben als die Roggenernte? In Gedanken ernten jetzt unsere Bauern auf ihren Feldern, mögen auf ihnen auch Disteln und Dornen stehen.
Wenn im Westen schon die Felder kahl sind, dann wird bei uns zu Haus erst geerntet. Da rauschen die goldenen Roggenähren unter den Binden, und vorn, wo die Pferde gehen, reichen sie ihnen bis an die Ohren. Die Pferde sind edler als im Westen, jeder kleine Besitzer beinahe hat eingetragene Stutbuchstuten, und der Roggen ist höher und schwerer. Die Schläge sind groß und man sieht von dem einen weit über den anderen hinweg. Weder Hecke noch Knick hindern den Blick.
Dahinter breiten sich dann die Flusstäler aus: das großzügige Urstromtal des Pregels mit seinen schwarzblauen Forsten am Himmelsrand, das liebliche Tal der Angerapp mit seinen kurzen, steilen Ufern, das malerische der Deime mit seinen schilfigen, flachen Rädern zwischen Weiden voll schwarz-buntem Vieh und Wiesen voll lila Schaumkraut. Alles das könnte man sehen, wenn man Zeit hätte zwischen dem Aufstellen des Roggens zu Hocken, oder dem Laden auf die langen, schweren, vierspännig vom Sattel gefahrenen Wagen, wie man sie im Westen nicht kennt.
Da die Gespannknechte mit laden müssen und diese Arbeit nicht unterbrochen werden darf, werden kleine Jungen zum „Weiterfahren“ von Hocke zu Hocke gebraucht, ein sehr begejrter, wichtiger Posten, zu dem sogar, falls die Ferien schon vorüber sind, von der Schule beurlaubt wird. Ist der Wagen voll und das Fuder mit der Kette festgezurrt, wechseln die Jungen auf den nächsten Wagen. Abends reiten sie stolz auf dem Nebenpferd mit nach Hause.
Wenn der Besitzer auf dem Hof beim Abstaken abkömmlich ist und aufs Feld kommt, wird er „gebunden“; die Frauen und Mädchen flechten ihm ein Seil aus Aehren um den Arm, und er muss sich mit Geld oder Schnaps „loskaufen“.
Und unsere fröhlichen Erntefeste! Die ganze Nacht vorher hat die Besitzerfrau mit Verwandten und Gästen, Kindern und Mägden „Floade“ gebacken, denn „vom Tag vorher“ würden sie nicht schmecken, ganz frisch müssen sie sein! Ostpreußen war immer ein einfaches und sparsames Land, dicken Buttersträußel wie in Schlesien gibt es nicht immer, und doch werden die Fladen wundervoll! Mit großen Pinseln werden sie mit Sirup gestrichen, der, mitgebacken, herrlich krümelt und wie Karamel schmeckt.
Dann ziehen am nächsten Tag Kämmerer, Arbeiter und Scharwerker vor das Haus des Besitzers. Die Mädchen sagen Gedichte auf, steckenbleiben schadet gar nichts, und keiner merkt, wenn mal ein Vers vehlt, und überreichen die Erntekronen. Dem herrn eine große, der Frau eine kleinere, beileibe keine ebenso große!, und jedem Kind einen Aehrenkranz mit bunten Bändern. Sie sind am Abend vorher sorgfältig bei Gesang und Gelächter aus Papier geschnitten und geschmückt worden.
Dann kommt der Tanz auf dem Speicherboden oder in der Scheune, da, wo am meisten Platz ist. Überall Girlanden und bunte Papierbänder, Lampions und viel zu essen und zu trinken. Alles ist fröhlich!
Denn eine große Arbeit ist geschafft, eine große Verantwortung haben wir erfüllt, das Brot ist gesichert und geborgen! Nicht umsonst hat die alte Jettchen Kohn, die in der Gegend von Zinten viel in den Besitzerfamilien beim Schlachten und Backen half, stets auf jedes „Kuckelchen“ mit dem Messer ein kreuz geschnitten, ehe es in den Backofen kam, und den Spruch darüber gesagt:
Brotke is im Owe
Leewe Gottke wohnt bowe
Und alle, de von eete.
Sulle Gott dem Herren ich verjeete!
Auch wir, die wir nun das Brot des fremden Landes essen müssen, wollen hier unsere Pflicht tun, genau so, wie in der Heimat. Die Erinnerung an das, was wir dort schaffen durften, soll uns stärken für neue Arbeit. Denn nichts ist im leben umsonst, es schwingt weiter im Weltall und wirkt, wenn wir auch nicht gleich erfahren, wo und wann.
Und wie die Heimat, so wollen wir auch „Gott dem Herre nicht verjeete“.
Seite 14
Die Anschriften einiger Seelaute, die während des Krieges dienstverpflichtet waren und aus dieser Zeit Heuerguthaben besitzen, die ausbezahlt werden sollen, sucht die Mittelmeer-Reederei GmbH. i. L. in Hamburg 1, Ferdinandstraße 56/III. Es handelt sich am folgende Ostpreußen:
Matrose: Ernst Julius Neumann, geboren 4. April 1921 in Labiau, früher wohnhaft in Labiau. Fritz-Tschierse-Straße 45
Trimmer: Alfons Still, geboren 18. Februar 1923 zu Rosengarth, Kreis Heilsberg (Vater: Anton Still), früher wohnhaft in Altkirch, Kreis Heilsberg