Folge 06 vom 15.04.1949
Seite 2 Ostfrage im Spiegel der Welt:
Problem der Flüchtlinge, eine europäische Frage
Das Problem der Flüchtlinge, des Wiederaufbaus und der Jugenerziehung in Deutschland sind europäische Fragen, die so behandelt werden müssen, dass die Deutschen das Gefühl der Gleichheit und der europäischen Zusammenarbeit haben. Le Monde, Paris
Seite 2 Eine Tragödie der menschlichen Moral
Die Tragödie der Heimatlosen ist nicht eine Tragödie fehlernder Möglichkeiten, sondern ausshließlich und ganz allein eine Tragödie der menschlichen Moral, eine Bankrotterklärung der Hilfsbereitschaft und der triumphale Sieg eines engstirnigen und kurzsichtigen Egoismus. New Statesman und Herald, New York
Seite 2 Verfolgung weil sie Deutsche waren
Die Ausweisungen wurden durchgeführt, nachdem bereits die Waffen schwiegen und das Dritte Reich nicht mehr vorhanden war, also nicht als eine Notßmaßnahme der Kriegsführung. Die Ausweisungen haben sich nicht gegen Einzelne gerichtet, die sich individuelle Verfehlungen zu schulden kommen ließen, sondern es sind Deutsche verfolgt worden, lediglich, weil sie Deutsche waren. Vor dem 2. Weltkrieg lebten 10 Millionen Detsche östlich von Oder und Neiße, der gegenwärtigen provisorischen Grenze der deutschen Ostzone. Weitere 5 Millionen lebten in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Rumänien und in Jugoslawien, wo sie immer ein Element abendländischer Kultur und Pioniere der abendländischen Kirchen, der katholischen und der protestantischen gewesen sind. Von diesen 15 Millionen Deutschen sind etwa 12 Millionen bereits als Bevölkerungszuwachs in Rumpf-Deutschland eingetroffen; etwas mehr als eine halbe Million durfte in ihren Ländern bleiben, weil sie mit Slawen verheiratet waren oder aus anderen besonderen Gründen. Mindestens zwei Millionen Menschen sind nicht aufzufinden; sie sind teils im Kriege ums Leben gekommen, teils noch in russischer Gefangenschaft oder nach Sibirien verschleppt oder nach anderen Ländern ausgewandert. Als eine Frage von größter politischer Bedeutung ist das Problem zu erwägen, ob nicht ein Teil dieser unglücklichen Menschen, die in Deutschland brachliegen, in die Gegenden zurückkehren sollten, wo sie heimisch sind und wo ihre oft vorbildliche Arbeitsleistung, nachdem die politischen Leidenschaften verraucht sind, nicht nur für sich selbst, sondern für das gesamte Leben der Gegend, in der sie wirksam sind, nutzbar werden kann. Es ist dabei auch zu erwägen, dass die Grenze zwischen Deutschland und Polen noch nicht endgültig festgelegt ist und es den Polen auch nicht von ferne gelungen ist, der Landwirtschaft der früher zum Deutschen Reich gehörenden Gebiete ihre alte Produktivität wiederzugeben. Die polnische Landbevölkerung, die aus den von der Sowjetunion annektierten östlichen Teilen Polens ausgewandert ist, genügt weder an Zahl noch an Standard ihrer landwirtschaftlichen Methoden, um diese Aufgabe zu erfüllen. Nur durch eine weitgehende Rücksiedelung kann dieses Ziel erreicht und verhindert werden, dass in dem hungernden Europa keine denkbar hohe landwirtschaftliche Produktivität erreicht wird. Hier bedarf es einer europäischen Planung großen Stils, nicht nur, um einigermaßen den Gebieten der Menschlichkeit zu genügen, sondern auch, um die zwecksmäßigsten Methoden des Wiederaufbaus der zerrütteten europäischen Wirtschaft durchzuführen. Max Fischer in Staatszeitung und Herold, New York
Seite 2 Dr. Schreiber fordert Land für Vertriebene
Eine Arbeitsgemeinschaft zur Einordnung der Heimatvertriebenen auf dem Lande ist in Köln gegründet worden. Auf Einladung Dr. Schlange-Schöningens fand dort eine Konferenz statt, an der auch Kardinal Frings, Landesbischof Lilje, Dr. Lukaschek und Dr. Schreiber sowie Vertreter der Bauernverbände teilnahmen. Die Flüchtlinge sollen keine Almosenempfänger mehr sein, sondern bei der Verpachtung angemessen berücksichtigt werden.
Dabei ist vor allem an die sogenannte Patenschaftssiedlung auf bestehenden Höfen gedaht. Dr. Schreiber erklärte durch eine günstige Änderung der Erbschaftssteuer könne erreicht werden, dass Höfe ohne direkte Erben freiwillig an Ostvertriebene verpachtet werden. Die Zahl der sogenannten auslaufenden Höfe, also solche, deren Besitzer keine direkten Nachkommen haben, wird in der Bizone auf 80 000 geschätzt. Man rechnet auch mit zahlreichen Höfen, die von ihren Besitzern nicht mehr voll ausgenutzt werden können und deren Verpachtung an Ostvertriebene dem einzelnen und dem Lande mehr nützt, als der Verlust dem bisherigen Besitzer schadet. Die Zahl der noch nicht angesiedelten ostvertriebenen Bauern wird auf 300 000 geschätzt.
Seite 4 67 000 starben in Königsberg den Hungertod
Nach Aussagen von Vertriebenen aus Königsberg sind in den letzten drei Jahren in dieser Stadt 67 000 Deutsche an Hunger gestorben, erklärte Prof. Iwand, Vorsitzender des Hilfskomitees der evangelischen Kirche Ostpreußens, auf der Hamburger Vertriebenenkonferenz des ökumenischen Rates der Kirchen.
Seite 4 Ein Ostpreußenkind sucht seinen Vater
In der Hoffnung, in Brake an der Wesermündung ihren Vater wiederzufinden, traf die kleine, in Ostpreußen beheimatete Hannelore Steinke aus der Ostzone dort ein. Es war aber ein anderer Vater Steinke, der seinen Jungen Manfred erwartet hatte. Ein Bahnpolizist nahm das Mädchen vorläufig in die Obhut seiner Familie, bis die amtlichen Nachforschungen nach dem, richtigen, Vater Erfolg haben.
Seite 4 Und wieder sehen wir die Heimat: Im Samland bis 1948
Ein Bericht des Apothekers Hoffmann, der im Frühjahr 1948 Ostpreußen verlassen hat, besat über die Verhältnisse im Samland während der ersten jahre nach der Besetzung:
Die Gegend in der ich auf Gütern als Nachtwächter und Pferdepfleger meinen Unterhalt verdiente, lag bei Marscheiten zwischen Neukuhren und Gr. Dirschkeim. Es gab Kolchosen und Sowchosen. In Georgenwalde war ein großes Sanatorium für erholngsbedürftige russische Kriegsinvaliden und kinder. Dies hatte eine eigene Wirtschaft von etwa 1500 Morgen, die von einem deutschen Wirtschafter geleitet wurde. Es war alles ordnungsgemäß bestellt und Vieh war auch genügend vorhanden. In Rauschen waren Lazarette mit ebenfalls eigener Wirtschaft, die 2500 Morgen große Teile der Güter von Finken, Scharffetter usw. umfasste. Davon waren jedoch nur 500 Morgen bebaut, und zwar zum größten Teil mit Gemüse. Dort gab es 40 Kühe, 22 Pferde und 25 Schweine. Das Militär hatte Wirtschaften in Gr. Dirschkeim, das wenig gut bewirtschaftet wurde, und in Brüsterort, das sehr im Zuge war. Großer Gemüseanbau von Karotten, Kohl, roten Rüben, Tomaten, Gurken, Kürbis, was aber viel Arbeitskräfte verlangte. Dann gab es noch Sowchose in Nöttanken und Biskopnicken, die gut bewirtschaftet wurden, dazwischen lagen aber auch Ländereien, die nicht bestellt waren und wo auch das Unkraut wucherte. Das Schlimmste war das Fehlen von Scheunen und Wirtschaftsgebäuden, die dem Kriege zum Opfer gefallen waren, wodurch auch ein die Warnicker Forst gefährdender Holzeinschlag veranlasst wurde. Dorbnicken, Linkau, Sachesau sind alles Kolchosen, wo auch einige russische Bauern angesetzt waren, die aber nicht recht vorwärts kamen. Weideland für die vorhandenen Kühe gab es genug, doch gaben diese nur 3 Liter Milch pro Tag, was an der Fütterung lag, denn das Heu hatte sehr viel Unkraut, was zu Darmerkrankungen bei Vieh und Pferden führte. Weiter nach Königsberg lag noch alles ziemlich öde und tot da.
Seite 4 Giszycko (Lötzen), Stadt zwischen den Seen
Die polnische Zeitung Illostrowany Kurier Polski brachte in ihrer Ausgabe vom 8. Januar 1949, folgende Darstellung über die ostpreußische Stadt Lötzen:
Gizycko gehört zu den schönsten Städten des masurischen Pommern und ist der größte Fischerort in Masuren. Farbenreich liegt er in der Nähe der Seen Mamry und Niegoczinski, welche durch einen Kanal, der die Stadt passiert, verbunden sind. Die Stadt wurde, wie die Stadtchronik zeigt, 1285 gegründet. Die Altstadt wurde im Kriege zerstört. Übriggeblieben sind nur die Reste der Altbauten und des Schlosses, in dem im Jahre 1807 die Generale Dombrowski und Zajonczek ihr Hauptquartier hatten. In den jahren 1801 – 1806 war die Zahl der Polen etwa 88% der Stadteinwohner.
In Gizycko kam der bekannte polnische Gelehrte Wojciech Ketzzynski zur Welt. Während der deutschen Besatzung war die Entwicklung der Stadt minimal. Es war eher eine gewaltige militärische Festung gewesen, was heute massenhafte Bunker, Munitionslager, zerstörte Werkstätten usw. zeigen. Trotz der idealen Lage war die Stadt weder als Fisch- noch als Binnenhafen ausgenutzt. Es fehlten die primitivsten Einrichtungen, um die Fischwirtschaft zu betreiben.
Heute zählt Cizycko über 10 000 Einwohner. Es gibt hier eine Fischeroberschule, ein Zeichen dafür, dass das Fischereiproblem bei uns richtig geschätzt wird. Das Kanalnetz, das die wichtigeren Städte verbindet ist gut ausgenutzt und auf den Wasserwegen Gizycko – Wegorzewo und Gizycko – Rudzany – Ryn verkehren Passagier- und Güterschiffe. Wiederaufgebaut und inganggesetzt wurde die Kutterwerft. Gebaut wurde eine Fischräucherei, Gemüse- und Obstkonservenfabrik und einige kleinere Industrieunternehmungen.
Seite 7 Suchanzeigen
Otto Aust, Uderwangen, Kreis Pr. Eylau, geb. 01.10.1889, Wernsdorf, (Königsberg), zuletzt 23.01.1945 Fliegerhorst Jesau, wird gesucht von: Frau Charlotte Aust, (24b) Bisdorf (Fehmarn), bei Joh. Lafrentz
Maria Seewald, geb. Seidler, geb. am 27.11.1889 in Gerdauen, dortselbst zuletzt wohnhaft, Insterburger Straße 20, später mit meiner Schwester Charlotte Gnütz in Königsberg-Ratshof, dann mit einem russ. Transport nach Bladiau gebracht und getrennt, wird gesucht von: Willi Seewald, (20a) Hülshagen 2 bei Stadthagen
Frau Falkowski, geb. Poweleit, Frau Hischereit, mit zwei und drei Kindern, aus Osterode und Königsberg, Tuchmacherstraße 3, werden gesucht von: Frau Lucie Fiedler, (20a) Hannover, Callinstraße 14
Stadtverwaltung Gumbinnen! Dort tätig gewesene Beamte, Angestellte und Arbeiter werden zwecks Aufstellung eines Verzeichnisses um Mitteilung folgender Angaben gebeten: Name, Vorname, Geburtstag und Geburtsort, früherer und jetziger Beruf, Heimat- und jetzige Anschrift. Bitte Rückporto beilene. Hans Neubacher, fr. Stadtoberrentmeister, (21b) Iserlohn (Westfalen), Wermingserstraße 32 II.
Dr. Gürtler, Zinten, Lagerarzt bei Pr.-Eylau, soll sich in Westdeutschland aufhalten. Nachricht über ihn erb.: Frau Felicia Burchert, (23) Bollingen über Strücklingen (O.).
Hauptwachtmeister Rudolf Brügge, wohnhaft Königsberg, Steinkeststraße 7, letzte Nachricht 02.04.1945 aus Königsberg, Feldpostnummer 65100 b, und Frau Gertrud Schukies, Königsberg, Steinkestraße 7, werden gesucht