Wir Ostpreuße, September 1949, Folge 16, Teil 3

Seite 9 Plattdeutsches. Von Toni Schawaller
Frau Toni Schawaller, eine ostpreußische Heimatdichterin, die vor allem mit ihren plattdeutschen Gedichten vielen Menschen große Freude bereitet, ist am 13. September 1949, 60 Jahre alt geworden. Das schwere Schicksal, das sie erlebt hat, ihr Mann, zuletzt Posthalter in Brakupönen, Kreis Stallupönen, ist auf der Flucht ums Leben gekommen, ihr letzter noch lebender Sohn leidet an den Folgen einer schweren Verwundung, und sie selbst, infolge von Misshandlungen ebenfalls krank, lebt unter schwierigsten Verhältnissen in Hamburg, hat ihren Lebensmut nicht brechen können. Wir bringen heute zwei Proben ihrer plattdeutschen Gedichte, das humorvolle „Oppe Bleck“ und das unverzagte „Dorch dick on dönn!“

Oppe Bleek
An de Tun bleege Blome
An de Tun, doa steiht Kruut;
Noabersch Kardel schlickt ömmer
Dorche Goardetun rut.

Ei wat meeg he doch seeke
önne Goarde bi Nacht?
De Lönnwand deiht durt bleeke,
Noabersch Lieske ehr bewacht.

De Mudder, de wull woake,
doch de Lieske sich strött;
Ach Mudderke, goah schloape,
dem Fido nähm öck mött.

Wat sull mi woll passeere,
wenn de Fido hier öss?
Deiht sick bute wat röhre,
denn schrie öck ganz gewöß.

Onne Blome, doa ruscheld,
de Fido wußt Bescheed!
Ei, wi he sick doch kuscheld
Am Kardel sine Feet.

Underm Fleeder oppe Bank,
ach, doa hucke de zwee,
on de Nacht, de wurd nich lang,
on de Mond schiend bött dree.

De Mudderke dehd schloape.
Wat de Mond bloßig lacht!
De Mond on de Fido
hebbe de Lönnwand bewacht!

Dorch dick on dönn
Wi stoahne önne Fremd alleen,
et geiht dorch dick on dünn.
Ons Foot, de stött an menkem Stehen,
trött ön menk Dreckloch rönn.

Wi teene wedder rut dem Foot
on schrieje Hott on Hüh,
oft öss et koddrig ons to Mot,
doch geiht et ok varbi.

On wedder geiht et Schrött vahr Schrött,
doa schröcht de Wind; Mönsch horch,
on nömm di joa e Knöppel möt,
sonst kömmst amend nöch dorch.

Na jee, dat weer e goader Roat,
beeter wi schlechte Sopp!
Wi hebbe wedder Mot gefoat
on heele hoch dem Kopp.

Trött wedder wi önnt Modderloch,
find doch ons foot dem Grund,
on käm wi ahwrem Zoagel doch,
käm wi ok ähwrem Hund.

On wenn topp Knee on Ellbog geiht,
önn jede Hand e Poahl,
e ohler Ostpreiß ömmer steiht,
dem schmött so leicht nuscht doahl.

Seite 12 Die älteste Ostpreussin: 103 Jahre!
Der zähe Lebenswille der Ostpreußen, der sich trotz aller Drangsal, trotz Misshandlungen und Vertreibung, trotz Not und Entbehrung immer wieder behauptet, ist fas symbolhaft verkörpert in einer Ostpreußin, die am 6. September 1949, 103 Jahre alt geworden ist, in Fräulein Mathilde Witt. Man würde kaum glauben, dass die Frau, die da vor einem freundlich lächelnd im Lehnstuhl sitzt, mit schmalem Körpger, scharf geschnittenem Gesicht und schlohweißem Haar, durchaus nicht „ein Wrack“, wie sie meint, dass das leben dieser Frau wirklich schon ein ganzes Stück über die Jahrhundertspanne hinaus reicht. Lebhaft unterhält sie sich mit den zahlreichen Besuchern, die an ihrem Geburtstag in dem Haus hinter dem Elbdeich in ihrem Stübchen immer wieder erscheinen. Die Sonne spielt über die Geranien, die vor dem Fenster stehen, sie liegt auf den Wänden über den Fotos von Königsberg; würziger Kaffeeduft durchzieht das Zimmer, Kaffee trinkt unser Geburtstagskind besonders gern, und wären jetzt keine Besucher da, die Mathilde Witt zu diesem außerordentlichen Ereignis gratulieren wollen, denn sie ist vielleicht die älteste Frau Deutschlands, dann würde sie wohl, wie an manchen Tagen sonst, mit ihren beiden Nichten eine Partie Sechsundsechzig spielen. „Die Spielkarten vergaß ich auch auf der Flucht nicht“, meint sie. Im vorigen Jahre, mit 102 Jahren also, schälte sie noch Kartoffeln und las die zeitung und Romane und Erzählungen, dann kam ein leichter Schlaganfall, und seitdem hört sie schwer und sieht mit ihrem einen Auge auch nicht mehr so gut wie früher. Aber sie ist noch so rüstig, dass sie sich selbst an- und auszieht und, man höre und staune, auch die Treppe von ihrem auf dem Boden gekegebeb Zimmer ohne jede Hilfe nach unten geht und auch wieder hinauf. Natürlich hat sie auch zum Bundestag gewählt. Der Appetit ist recht gut, und sie verträgt alle Speisen, die man ihr gibt. Mit 95 Jahren, in Königsberg, war sie an Brustkrebs erkrankt. Professor Stieda machte sie durch eine Operation wieder gesund, und schon wenige Tage nach der Operation war sie wieder auf den Beinen und wurde Ärzten und Studenten als eine Art menschliches Wunder gezeigt. Im Januar 1945 wurde ihr, ebenfalls in Königsberg, das rechte Auge entfernt, damit die Sehkraft des linken erhalten bleiben konnte; auch das überstand sie.

Dreizehn Kinder hatte ihr Vater, der Lehrer in Wesselowen bei Nordenburg in Ostpreußen war; am 6. September 1846 wurde sie dort als viertes Kind geboren. Nach einer glücklichen Jugend wurde sie eine richtige Familientante. Wenn in der Familie eines ihrer Geschwister oder anderer Verwandten ein Kind geboren wurde oder wenn sonst zu helfen war, dann kam eben „Tantchen“ so nennt man sie noch heute, und half und führte die Wirtschaft, und überall war sie gern gesehen. Nach dem Tode ihrer Mutter zog sie mit ihrem Vater nach Königsberg, und schließlich kam sie, 55 Jahre alt, dort in das Kneiphöfsche Witwen- und Waisenstift.

Auch ihr, der damals beinahe Hundertjährigen, blieb die Vertreibund nicht erspart. Sie wohnte zuletzt mit zwei Nichten, von denen die eine Mittelschullehrerin, die andere Klavierlehrerin gewesen war und die ihr Haus in Königsberg bei dem schweren Bombenangriff im August 1944 verloren hatten, in Neukuhren; von hier mussten die drei Frauen am 2. Februar 1945 über See flüchten. Wochenlang dauerte die Flucht, und besonders die Tage auf dem überfüllten Schiff, wo es kaum Platz zum Stehen gab, geschweige denn zum Liegen, waren gefahrvoll und hart und schwer. Aber auch diese böse Zeit überstand Mathilde Witt ebenso wie von Swinemünde die Weiterfahrt mit der Bahn und die verschiedenen Massenlager. Schließlich landeten die drei Frauen im Lüneburgischen, in dem an der Elbe gelegenen Dorf obermarschacht. Dort wurde ihnen nach dem Zusammenbruch von plündernden Horden auch noch das Meiste von dem Wenigen geraubt, was sie gerettet hatten. Es folgte eine schwere Zeit; die beiden Nichten, von denen eine recht leidend ist, schlugen sich und ihre Tante als Zeitungsträgerinnen durch. Dann wurde es besser, und jetzt ist das Schlimmste überstanden. Das Ehepaar Meyn, in deren Haus sie in einem Zimmer wohnen, ist recht nett; zum Geburtstag wurde ein Hühnchen gestiftet. Auch die Dorfbewohner sind aufmerksam und haben Blumen und dieses und jenes Geschenk gebracht, so wie der frühere Bürgermeister des Ortes, der am hundertsten Geburtstag mit 100 Briketts anfing und jetzt 103 brachte, mit dem Wunsch, dass diese Zahl sich noch recht lange weiter steigern möge.
Was sich das Geburtstagskind wünscht?
Was wir alle uns wünschen: Zurück in unsere Heimat! Mathilde Witt würde freudigen Herzens dabei sein, und die Rückkehr in unser gelobtes Land würde sie genau so überstehen wie seinerzeit die Flucht. Sie hängt sehr an Ostpreußen, das sie, und darin gleicht sie ihrem großen Landsmann Kant, bis zu ihrer Flucht überhaupt nicht verlassen hatte. Und weil sie ganz und gar Ostpreußin ist, freute sie sich an ihrem Geburtstag besonders darüber, dass die Landsmannschaft Ostpreußen mit Glückwünschen, einem Ehrengeschenk und einem Bild von Königsberg ihrer gedacht hatte. Schade nur, dass dieser besondere Geburtstag vorher nicht bekannt geworden war; sonst hätten zahlreiche Ostpreußen es sich nicht nehmen lassen, ihre alte Landsmännin duch Glückwünsche und Geschenke zu erfreuen. Aber Mathilde Witt ist so rüstig und in ihr steckt noch, und darin kann sie vielen jüngeren Ostpreußen ein Vorbild sein, so viel Lebenswille, dass sie, so hoffen wir, im nächsten Jahr, ihren ostpreußischen Landsleuten Gelegenheit geben wird, das verdoppelt nachzuholen. Wer aber Mathide Witt noch jetzt erfreuen will, der soll hier die Anschrift finddn: (24) Obermarschacht 99, Post Winsen (Luhe). Foto: Mathilde Witt spielt auch jetzt noch mit ihren 103 Jahren gern eine Partie Sechsundsechzig.

Seite 18
Frau Auguste Meißner, früher Passenheim, Kreis Ortelsburg, feierte vor kurzem in Bujendorf, Kreis Eutin, ihren 85. Geburtstag. Eine zähe ostpreußische Frau, hat sie die anstrengende Flucht vor vier Jahren gut, überstanden.

Seite 20
Folgende Einzelpersonen werden gesucht:
Karl Stobbe, Königsberg, Lindenstraße 31, Viehverteiler am Schlachthof
Hermann Romahn, Königsberg, Heumarkt 6/7, Elektromeister
Walter Raabe, Rosendrogerie, Königsberg, Rosenau, Jerusalemer Straße
Zuschriften an: Richard Küssner, (24b) Lehbekwiese, Kreis Flensburg
Ernst Hiller, letzte Feldpostnummer 38 946 C, soll am 25.01.1947 aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen worden sein.
Zuschrift an: Amtsgerichtsrat a. D. Robert Hellwig (22c) Niederkassel a. Rhein, Siegkreis, Rathausstraße 23

Seite 20 Kurze Notizen
Ein ostpreußischer Arzt, jetzt in Pfalz wohnhaft, schreibt uns: „Ich bin ostpreußischer Arzt, im Jahre 1947 aus Ostpreußen vertrieben. Es ist mir jetzt geglückt, die Niederlassungsgenehmigung als Arzt zu erhalten, nachdem ich 1948/1949 von der Hilfe einiger anständiger Menschen mein Dasein gefristet habe. Jetzt habe ich die Absicht, einem in schwerster Not befindlichen Ostpreußen eine Hilfe zu sein. Ich bin allein, und wenn ich nun die Praxis eröffne, so will ich als Hilfe einem Ostpreußenmädel ein Heim geben. Am liebsten einer Ostpreußin, die aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist und keine Angehörigen hat. Sie soll je nach Neigung Sprechstundenhilfe oder Haushaltshilfe sein. Ich suche vor allem ein in Not befindliches gutes, der Hilfe würdiges Menschenkind, dem ich eine Heimat bieten will!“ Wir bitten, Bewerbunen an die Schriftleitung von „Wir Ostpreupen“ Hamburg 21, Averhoffstraße 8, zu senden; wir werden diese dann weiterleiten.

Herbert Dzaebel, (21a) Münster, Westf., Schillerstraße 46, Kettelerheim, war vom Juni 1945 bis zum 23. März 1946 in Königsberg im Gerichtsgefängnis als Sanitäter tätig. Er hat den Tod vieler Landsleute erleben müssen; die Sterblichkeit war sehr groß. Nun hat er zwar die Namen vieler Verstorbener vergessen, aber manchen Hinterbliebenen hat er inzwischen doch einen endgültigen Bescheid über den Verbleib des vermissten Angehörigen geben können. Wenn jemand annimmt, dass einer seiner Angehörigen im Gerichtsgefängnis in Königsberg verstorben sein könnte, ist Landsmann Dzaebel bereit, Nachricht zu geben; es möge der Anfrage ein Freiumschlag beigelegt werden.

Hello,

I am very interested in Page 12 Mathilde Witt. I am looking for any information about an Eduart and Dorothia Ludwig Witt b. 1827 in Darkehmen, Prussia?
They had a son named August Witt b. 03, Nov 1853 in Darkehmen, Prussia and a son named John Witt b. 1866 or 1867 in Konigsberg, Prussia.
They immigrated to the USA on 27 June, 1873. They lost 15 children in a flood when dam burst near their home in Prussia. Shortly after that, they came to America.
I have no information about these lost children and would be very grateful to anyone who could find this information for me. The last known residence they lived in was Masukowen? This would be about 1870-1873? The spelling of the city could be wrong?

Thank you,

Rita Hojem
Spring Valley, WI. 545767
USA