Unverständnis breitet sich aus

Hallo Herr Schröter,

Aus der Geschichte des Kreises Deutsch Krone habe ich gelernt, dass die
heutigen polnischen Namen häufig den alten polnischen Namen vor der
"deutschen" Zeit entsprechen

[...]

In diesen Fällen - und ich vermute, dass es sich im übrigen West- und
Ostpreußen ebenso verhält - ist also der polnische Name älter als der
deutsche

Das mag ja für die pommerschen Kreise auch zutreffen. Es ändert aber
nichts daran, dass die Orte eben legitime deutsche Namen haben. Und
überdies ist Ostpreußen nicht ursprünglich polnisch oder russisch oder
litauisch, sondern preußisch.

Auch da haben die Siedler sowohl alte prußische Namen übernommen, teils
eingedeutscht oder eigene Orte mit eigenen Namen gegründet.

Sie vermuten also falsch.

Und noch einmal: Mir gefällt ja Pillkallen auch besser, weil es so
ursprünglich klingt, aber zufällig wurde es wirklich als Schloßberg
gegründet und Schloßberg ist der letzte amtliche deutsche Name.
"Pillkallen" hilft allerdings den meisten Ahnenforschern besser weiter.

Der Zusatz "das frühere NN" ist
natürlich entbehrlich

Bitte lesen Sie doch, was ich geschrieben habe! Der Zusatz "das frühere"
ist falsch, denn in unserer deutschen Sprache ist der Name nun einmal so
oder so, unabhängig vom polnischen oder sonst einem.

Mit freundlichen Grüßen
Th. Salein

Es ist erfreulich, dass neben allem heutig Postalischem oder was vielleicht die Navi steuert, die jetzigen Bewohner unserer Herkunftsprovinzen dem deutschen Besucher gegen�ber fast schon wie selbstverst�ndlich die alten deutschen Ortsnamen verwenden, so sie sie denn kennen - und dies betrifft sowohl die Polen als auch die Russen. Da wird eben nicht dem, was die westliche 'political correctness' angeblich unabdingbar verlangt, stur gefolgt. Sondern es wird menschlich und h�flich reagiert und das ist immer wieder beeindruckend!

Rolf-Peter

Mehrere Anmerkungen zu dem merkwürdigen Streit hier:
1. warum hat man wohl in der jüngeren Vergangenheit aus Münchengladbach eine
neue Ortsbezeichnung gemacht? Das waren einfach praktische Erwägungen, und
aus politischen Gründen erging es für längere Zeit dem schönen Chemnitz
(Karl Marx stand Pate).
2. gestern erst hatte ich Besuch hier aus Duneyken im Kreis
Oletzko/Treuburg. Dort lebt man jetzt in Dunajek (die derzeitige amtliche
Ortsbezeichnung), spricht aber auch schon von Duneiki. Und jeder kennt dort
die alte Ortsbezeichnung und man hat von mir erst unlängst Unterlagen zur
Geschichte des Ortes angefordert, es gibt regen Austausch zwischen
ehemaligen und jetzigen Einwohnern.
3. wenn ich nach Russisch-Ostpreußen fahre, komme ich mit meinem deutschen
Navi gut zurecht, allerdings nicht immer auf Anhieb. Da muss man schon mal
probieren mit alter deutscher oder heutiger russischer Ortsbezeichnung.
4. und dann: Geschichte ist nie zu Ende, jetzt kommt sogar aus Polen der
Vorschlag zu einer Union zwischen Deutschland und Polen, trotz PC!
5. persönlich: in meinem Reisepass steht unter Geburtsort Kermuschienen, auf
meiner Visitenkarte steht "früher Kermuschienen Kr. Pillkallen", dazu ein
Bild von der PT von 1782, und damit habe ich noch nie Probleme gehabt, im
Gegenteil. Die Zahl meiner Freunde dort im ehemaligen Ostpreußen nimmt zu,
das Interesse an der deutschen Geschichte geht jetzt soweit, dass eine
Journalistin in Moskau an einem Buch über Schirwindt arbeitet, früher die
östlichste Stadt Deutschlands und seit 1945 vom Erdboden verschwunden. Wir
von der KG Schloßberg helfen mit Material, ebenso mit Wissen, und beide
Seiten sind happy.
Allen - ob mit oder Verständnis - wünsche ich einen guten Rutsch und viel
Forscherglück im neuen Jahr -
Martin Kunst

Schönen guten Nachmittag,

eigentlich wollte ich mich zu diesem Thema nicht äußern - obwohl ich damit seit Jahren immer wieder befasst bin bzw. manchmal auch damit konfrontiert werde.

Ich lebe seit ein paar Jahren in der Heimat meiner Eltern (und Groß-, Urgroß-, Urur... usw.) die auch immer meine Heimat war und ist. Ich zog ins Danziger Werder, und weil es mittlerweile so unproblematisch ist, nahm ich meine seinerzeit 81-jährige Mutter gleich mit :slight_smile:

Mir sind hier die Namen aller Dörfer bekannt, sowohl deutsch als auch polnisch. Wenn ich deutsch spreche, dann verwende ich die deutschen Namen -auch in Gesprächen mit polnischen Gesprächspartnern und Freunden- und bei diesen ist es genauso. Im Polnischen sind es praktisch immer die polnischen Bezeichnungen, im Englischen meist die polnischen Namen, manchmal aber auch die deutschen.

Früher hatte ich es nie verstanden wenn Franzosen problemlos "Danzig" (nicht erst seit "mourir pour Danzig") und Italiener "Danzica" sagen durften, es Heimatvertriebenen aus Danzig aber verwehrt wurde, ihren Geburtsort Danzig zu nennen.

Aber die Zeiten ändern sich. Hier in Polen stößt man mittlerweile kaum mehr auf Widerstand beim Verwenden deutscher Namen. Im Gegenteil, besteht doch so die Chance, vom Gesprächspartner etwas mehr über die Vergangenheit zu erfahren. Das Geschichtsinteresse ist ungeheuer groß, auch wenn es manchmal noch durch früher indoktriniertes Geschichtswissen mit Vorurteilen behaftet ist.

Wer mit offenen Augen durch Danzig und seine Vororte geht, wird offizielle Straßen- und Hinweisschilder sehen, auf denen in deutscher Sprache z.B. "Langfuhr" (heute polnisch: Wrzeszcz) oder "Glettkau" (heute polnisch: Jelitkowo) steht. Informationsbroschüren und -prospekte weisen immer häufiger deutsche Orts- und Straßennamen auf - was manchmal durchaus irritiert wenn nicht auch die polnischen Bezeichnungen genannt werden.

Was mich aber manchmal auf die Palme bringen kann sind Fanatiker. Diejenigen die in Polen auf Biegen und Brechen darauf bestehen, dass ausschließlich polnische Ortsbezeichnungen -auch für frühere Zeiten- verwendet werden. Und auch Jene auf deutscher Seite, die sich entrüsten wenn man es wagen sollte, einen heute polnischen Ort mit dessen historischem deutschem Namen zu benennen.

Dass aber auch in Polen vielleicht noch nicht immer ganz ressentimentfrei gedacht wird, zeigt sich in zwei Promotionsfilmen über den durch Polen führenden internationalen Wasserweg E70, wo der deutschsprachige Sprecher sowohl deutsche als auch polnische Ortsnamen verwendete, wobei dann die deutschen Bezeichnungen aber sehr geschickt -und für den Zuschauer unbemerkt- herausgeschnitten wurden: MDW E70 DE - YouTube / MDW E70 DE skrot - YouTube

Viele Grüße aus dem Danziger Werder (Prinzlaff/Przemysław)
Wolfgang (Naujocks)

Bravo Herr Naujocks - und hochinteressant. Fanatismus gepaart mit Nationalismus - igitt!