Taufen im 16. u. 17. Jh

Liebe Listenmitglieder,

in einem Seminar der Uni-Münster, es ging dort um die Rolle der Kinder
innerhalb der Familien im 16. Und 17. Jh, wurde den Teilnehmern folgendes
vermittelt:

In den vorgenannten Zeiträumen sollten die Kinder erst im Alter von 3-4
Jahren getauft worden sein. Der Grund dafür wäre die hohe
Kindersterblichkeit gewesen.

Nun habe ich bei eigenen Forschungen sehen können, dass die Kinder
grundsätzlich innerhalb der ersten Lebenstage getauft wurden. Mir ist nicht
ein Fall untergekommen, der obige Behauptung bestätigen würde. Meines
Wissens legten auch die Kirchenväter großen Wert auf eine baldige Taufe und
uns selbst wurde noch im Religionsunterricht vermittelt, dass selbst ein
Laie eine Nottaufe vornehmen könnte, denn nur der getaufte Mensch hätte ein
Anrecht auf das Himmelreich!

Wer kann zu diesem Thema genaueres berichten? Ich freue mich auf eine
Aufklärung und danke im Voraus für die Mühe.

Schöne Grüße aus Münster

Eduard (Niermann)

Hallo Herr Niermann,
in Emden hat sich im 16. Jahrhundert der Pastor der frz.-ref. Gemeinde geweigert, ein Kind noch zu taufen, weil es bereits 4 Wochen alt war.
Im ostfriesischen Bereich ist mir die von Ihnen geschilderte Praxis nicht bekannt. In der Regel fand die Taufe in den Tagen unmittelbar nach der
Geburt statt.
Grüße
Klaas-Dieter Voß

Hallo Herr Niermann,

auch ich kann nur best�tigen, dass die Taufen in der Regel in den ersten Tagen erfolgte. Ich denke, dass gerade die hohe Sterblichkeit in den ersten Tagen/Wochen/Monaten verbunden mit ihrer Aussage zu den Nottaufen, der Grund daf�r war zeitig zu taufen.

Vielleicht haben Sie ja die M�glichkeit dies noch einmal beim Seminarleiter anzusprechen...

Gr��e
Eddy (Lehnhof)

Hallo Eduard,
in der evangelischen Gemeinde Steinbergen, deren Bücher ich gerade
abschreibe, erfolgte ebenfalls die Taufe sehr schnell nach der Geburt, wenn
das Kind "schwach" war, gab es auch gleich (manchmal des Nachts) die
Nottaufe der Hebamme oder des Pastors.

Nur einmal finde ich folgende Bemerkung einer Taufe von 1698, die sehr viel
später als üblich erfolgte: "nachdem es 3 Wochen ungetauft gelegen".
Eine mir bekannte Forscherin hat mir erzählt, dass es zu diesem Zeitpunkt
die Anerkennung der Vaterschaft gewesen ist, wenn der Vater das Kind taufen
ließ.

Mir ist bei meinen eigenen Forschungen noch aufgefallen, das in katholischen
Gemeinden das Kind direkt am Tag seiner Geburt, spätestens am zweiten Tag
getauft wurde.

Eine Tendenz zum späteren Taufen (eine bis zwei Wochen nach der Geburt)
konnte ich erst im 18. Jahrhundert feststellen. Vorreiter waren der Pastor
und der Gutsbesitzer, die aber meistens auch auswärtige Paten aufboten und
da die Terminabsprachen vielleicht etwas komplizierter waren.

Die These mit der Taufe im Alter von 3-4 Jahren halte ich für Quatsch,
gerade die hohe Sterblichkeit verlangte die schnelle Taufe. So ist in
Kirchenbüchern es auch extra vermerkt, wenn ein Kind ungetauft starb.

Mit besten Grüßen
Corinna (Linsner)

Hallo Eduard,

bei meinen langj�hrigen Forschungen in Westfalen, im Rheinland, in Ostpreu�en und Brandenburg habe ich noch nie bewusst solch eine Eintragung gesehen, wohl aber den umgekehrten Fall, dass ein Kind "sicherheitshalber" w�hrend bzw vor der vollst�ndigen Geburt (not-)getauft worden ist. Meines Wissens nach reichte da schon ein "geborener K�rperteil". War allerdings nicht meine Familie un d ist auch schon lange her, sonst k�nnte ich Dir wohl genauere Daten dazu liefern.

Allerdings werden Kinder ja nicht "auf einen Namen getauft", auch wenn das aufgrund der Taufpaten und deren "Namenweitergabe" oft so gesehen wird. Namengebung und Taufe sind aber zwei verschiedene Handlungen, und bei der Namengebung k�nnte ich mir durchaus vorstellen, dass es eventuell-m�glicherweise-vielleicht(!) Regionen gegeben hat, in denen Kinder (wegen der hohen Kindersterblichkeit) erst sp�ter mit Namen benannt wurden. Vielleicht wei� jemand aus der Liste da mehr als ich? Die Taufe aber wird meiner Meinung nach in unseren Gegenden unabh�ngig vom Vornamen kurz nach der Geburt stattgefunden haben.

Ingrid (Pr�nte)

Hallo Eduard,

ich möchte, zumindest aus katholischer Sicht, den bereits angeführten
Beiträgen noch ein weiteres Argument hinzufügen.
Aus den zahlreichen eingesehen Kirchbucheinträgen ergibt sich zweifelsfrei,
dass die Taufe immer möglichst nahe bei der Geburt lag. Bei möglichen
gesundheitlichen Konflikten im Zusammenhang mit der Geburt war man um die
Nottaufe stets bemüht. Man vertrat die Meinung früher die Meinung, daß
Kinder, "die vor erreichtem Vernunftsgebrauch" starben, als unschuldige
Wesen direkt ins Himmelreich eingingen.
Nur wenn ein Kind getauft war konnte es auch in den Himmel kommen. Ergänzend
dazu glaubte man, dass die früh verstorbenen Kinder im Himmel für das
Seelenheil der Eltern sorgten. Schon deshalb war eine frühe Taufe zwingend.
In diesem Zusammenhang sei hier ein Spruch zitiert:
"Drei Kinder im Himmel sorgen durch ihre Fürbitte dafür, dass auch das
Seelenheil von Vater und Mutter gesichert ist."

Quelle:
Arthur E. Imhof
Reife des Lebens
Beck`sche Reihe
München, 1988
S. 72/73

mit freundlichen Grüßen aus Detmold

Hans-Dieter
(Hibbeln)