Hallo Mitforscher,
verschiedene Zusammenhänge in den Dorfgemeinschaften, der Erschliessung
des Landes und Besiedlung mit verschiedenen Erwerbs- und Berufsgruppen in
bestimten Regionen wird besser verständlich wenn wir uns mit der
Geschichte des Landes befassen. Aus einem Buch von 1913 das als
unveränderter Nachdruck durch den Weltbild Verlag neu aufgelegt wurde
zitiere ich aus dem 1. Kapittel einige Besonderheiten Schlesiens.
ISBN 3-8289-3135-9
Die Bestandteile des preußischen Staates sind keine willkürlich
gebildeten Verwaltungsbezirke, sondern ursprünglich kulturell
selbständige Organismen, die, eine gewisse Eigenart bewahrend, aus
ihrem Anschluß an ein größeres politisches Gemeinwesen neue Kräfte
schöpfen. Gerade diese Eigenart kommt dann wieder der zentralen
Machtentwicklung zugute und sichert ihr wie in keinem anderen Staat
eine beispiellose Vielseitigkeit der Kulturbetätigung.
Während sich die westlichen und südwestlichen Grenzmarken meist
ohne geographisch bestimmte Scheidung den Einflüssen hochentwickelter
Nachbarnationen willig öffnen, bilden die östlichen und südöstlichen
Provinzen einen festen Wall gegen die Einwirkungen rasseverschiedener
Völkerschaften, der Slawen, Mähren und Tschechen. Wohl geraten sie von
Zeit zu Zeit in eine vorübergehende Abhängigkeit von ihren mächtigeren
Nachbarn, aber der stets sieh erneuemde Zustrom Stammesverwandten
Deutschtums erhöht ihre Widerstandskraft und schützt wenigstens
ihre kulturelle Eigenart, bis sie infolge geschichtlicher Tatsachen den
natürlichen politischen Anschluß finden.
Den unter dem Namen Schlesien zusammengefaßten Landesteilen ist in
diesem Entwicklungsgang eine besonders bedeutsame Rolle zugefallen, zu
der sie ihre geographische Lage und ihre Bodenheschaffenheit
vorherbestimmten.
"Die Eigentümlichkeiten eines Grenzgebietes treten gerade in Schlesiens
Bodengestalt recht auffallend hervor. Nicht genug damit, daß in dieser
Provinz die beiden Gegensätze des Tieflandes und des Mittelgebirges
sich teilen, auch in dem Bau des Gebirges selbst treffen hier die
wesentlichen Unterschiede zusammen, welche den Boden des europäischen
Kontinents zum mannigfachst gestalteten Stück der ganzen Erdoberfläche
machen."
Die Wasserscheide zwischen den Gebieten der Donau und der Oder sind in
der südöstlichen Ecke die Beskiden, nördliche Ausläufer der Karpaten,
die durch den Jablunka-Paß und die Mährische Pforte die Verbindung
Schlesiens mit Ungarn vermitteln.
Dagegen bilden die in ihrer Gesamtheit als Sudeten bezeichneten
Gebirgskämme alpinen Charakters einen schwer zugänglichen Grenzwall
gegen Böhmen von der Mährischen bis zur Lausitzer Pforte. Jenseits der
preußischen Grenze, aber mit seinen Vorhöhen hart an ihr hinstreifend
und die Quellen der oberschlesischen Flußläufe umschließend, erhebt
sich mit vereinzelten Kuppen, sonst sattelartig verlaufend, das
waldbedeckte Altvatergebirge, nach Nordosten hin mit der Hockschar und
dem Glaserberg in den Hahelschwerdt-Glatzer Talkessel hinüberschauend.
Das Schneegebirge, das Adlergebirge mit den vorliegenden
Habelschwerdter Höhenzügen, das Reichensteiner und die Ausläufer
des Eulengebirges umgrenzen hier ein von der Neiße und ihren
Nebenflüssen in Taleinsenkungen gegliedertes Rechteck, dem seine
Abgeschlossenheit von jeher eine eigenartige Kulturentwicklung
zuwies.
Den Charakter eines vorliegenden Parallelzuges des Riesengebirges
annehmend, greift das Eulengebirge, von der Hockschar südlich
begleitet, nach der Waldenburger Senkung hinüber, während das
Raben- und Katzbachgebirge schon die Talmulden des Riesengebirges
nördlich abschließen.
Das Riesengebirge mit seinem Ausläufer, der hohen Isar, bildet die
mächtige, nur von wenigen Kammpässen durchbrochene Grenze gegen Böhmen.
Eine charakteristische Eigentümlichkeit des gesamten Sudetenzuges
stellen die vereinzelten Bergkuppen dar, die, von seiner Hauptmasse
losgelöst, wie Vorposten in die Ebene hineinragen und in der Geschichte
Schlesiens meist eine bedeutsame Rolle spielen:
der Rummelsberg, der Zobten, der Spitzberg, die Landeskrone und die
Königshainer Höhen.
Nach Osten hin wird die polnische Grenze durch die zerstreuten Züge
der oberschlesischen Muschelkalkplatte, besonders durch die Tarnowitzer
Höhen markiert, als deren Ausläufer sich der Annaberg darstellt,
während das Katzengebirge bei Trebnitz und die Dalkauer Berge bei
Glogau unbedeutende Querriegel bilden.
Die Bodenschätze dieser gesamten Gebirgsformation sind von einer
Mannigfaltigkeit, wie sie kaum ein anderer Teil Deutschlands
aufzuweisen hat.
Für Oberschlesien ist die Förderung von Blei- und Silbererzen in
Beuthen bereits aus dem 12. Jahrhundert urkundlich bezeugt.
Mit unzulänglichen technischen Mitteln betrieben, kam der Abbau
im 15. Jahrhundert zum Stillstand, um hundert Jahre später durch die
brandenburgische Herrschaft unter der Regierung des Markgrafen Georg
eine Neubelebung zu erfahren, der die Religionswirren und der
Dreißigjährige Krieg ein vernichtendes Ende bereiteten. Erst die
endgültige Einverleibung in Preußen führte einen durchgreifenden
Wandel herbei. Die Mutung auf Blei- und Eisenerze begann von neuem;
durch die Aufstellung der ersten Dampfmaschine (1788) wurde die
Haltung des Wassers ermöglicht, und als sich die Holzvorräte für die
Hochöfen als unzureichend erwiesen, wurde die Steinkohlenförderung
zu Hilfe genommen. "Der schwarze Diamant" ist es dann, der in der
südöstlichen Ecke des Reiches ein Industrieviertel schuf, das an
Bedeutung nur von Rheinland-Westfalen übertroffen wird.
Von diesem landschaftlieh reizlosen Winkel ergießt sich ein Reichtum
über das Land, dessen Überfluß sich in kulturelle Werte umsetzt.
Da nach ungefährer Schätzung die Kohlenlager Englands in drei
Jahrhunderten erschöpft sein dürften, während die Schlesiens
noch für mehr als ein Jahrtausend ausreichen, eröffnen sich
volkswirtschaftliche Perspektiven von unberechenbarer Weite.
In den Ostsudeten hat die eigentliche Metallverarbeitung ebenfalls
vorwiegend historischen Wert. Die schon im frühen Mittelalter
bezeugten Goldfunde in Löwenberg und Goldberg und auf dem Kamm des
Riesengebirges, das Magneteisenerz von Schmiedeherg, die mit Silber
gemischten Kupfer- und Bleierze von Kupferberg, die Mangan- und
Niekelerze von Herzogswalde und Frankenstein gewinnen erst Bedeutung,
nachdem die chemischen und Schmelzverfahren eine reinlichere und
billigere Scheidung der Massen ermöglicht haben, wie beispielsweise
mit der wenig bekannten Goldgewinnung der Südsudeten sich die
Herstellung weißen Arseniks verbindet.
Für die Steinkohlenförderung kommen in Niedersehlesien die Neuroder
und Waldenburger Talsenkungen in Frage, wo zugleich Bausandstein und
Porphyr gebrochen werden, während die Granitindustrie der Vorberge
am Zobten, um Striegau, Strehlen und Görlitz von alters her blüht.
Die Glasindustrie Schlesiens, ursprünglich an den Waldreichtum des
Riesengehirges gebunden, hat sieh mit dem Aufkommen der
Braunkohlenförderung mehr und mehr in die Liegnitzer Niederungen
gezogen, westlich bis nach Penzig und Hoyerswerda hin sich ausdehnend,
wo besonders ein feiner, quarzhaltiger Sand gefunden wird.
Ebenso ist die Tonwarenfabrikation im wesentlichen von dem lokalen
Abbau der grauweißen Erdschichten um Bunzlau und Münsterberg abhängig.
Im Habelsehwerdt-Glatzer Berglande beginnt die lange Reihe der
kohlensäurehaltigen Quellen, die, mit allerlei Mineralien und
Schwefelteilen versetzt, sich für verschiedene Krankheiten als
heilkräftig erwiesen haben:
Flinsberg, Altheide, Reinerz, Landeck, Kudowa, Langenau, Wildungen,
Charlottenbrunn bis zu Warmbrunn und Hermsdorf an der Katzbach hinauf.
An sie schließen sich die Sommerfrischen des Riesengebirges.
Krummhübel, Agnetendorf, Hainberg und Saalberg, Schreiberhau,
Jannowitz, Brückenberg haben die Zahl ihrer alljährlichen Gäste in
drei Jahrzehnten um das Zwanzigfache gesteigert.
In ihnen hat sieh für die dürftige Bevölkerung des unergiebigen
Berglandes zugleich die Quelle des Wohlstandes eröffnet, die der
Lebenshaltung zugute kommt und das ganze Kulturniveau umgestaltet.
Von relativ geringer Bedeutung für die allgemeine Entwicklung
Schlesiens war bis in das vorige Jahrhundert das dichte Netz der
Wasserläufe, die feine Gaue durchschneiden. Wohl stellt sich
geographisch die Hauptmasse des Landes als breithingelagerte
Odemiederung dar, aber der Strom selbst mit seinen vielen Windungen,
seinem wechselnden Bett und ungleiehmäßigen Gefälle war vor seiner
Regulierung eher eine Scheidegrenze zwischen Ost und West als eine
Verkehrsstraße. Die Nebenflüsse der Ostseite dienen mit Ausnahme der
stärker strömenden Malapane fast nur der Entwässerung der Ebene,
während die Gebirgsbäche der Westseite, aus den Sudeten kommend,
große Wassermassen mit sich führen und zur Zeit der Schneeschmelze
ganze Landesstrecken überschwemmen. Die Ausnutzung ihrer Wasserkraft
für lokale Werkstätten hat erst mit der Entstehung der großen
Industriebezirke Bedeutung gewonnen. Für die Schiffahrt auf der
Oder bildeten das ganze Mittelalter hindurch die auch noch von den
Piastenfürsten geförderten Mühlenbetriebe mit ihren Wehren und
Stauwerken ein schwer zu beseitigendes Hindemis.
Die Versuche Heinrichs 1., der luxemburgischen Herrscher und
Ferdinands 1. zur Freilegung und Vertiefung des Strombettcs blieben
erfolglos bis zur preußischen Besitzergreifung und den durchgreifenden
Regulierungen, die während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
zum vorläufigen Abschluß gelangten.
Volkswirtschaftlich unerheblich ist das Übergreifen des Zuflußgebietes
der Weichsel an der Ostgrenze Schlesiens, und auch der vom Großen
Kurfürsten gebaute Friedrich-Wilhelms-Kanal erschloß zwar durch die
Verbindung der Spree mit der Oder die Möglichkeit, Frachten bis nach
Hamburg zu verschiffen, trat aber bald den kürzeren Verkehrsstraßen zu
Lande gegenüber in den Hintergrund.
Über den Ackerbau in den Ebenen Ober-, Mittel- und Niederschlesiens
wird bei Schilderung der Besiedlung dieser Gegenden zu sprechen sein,
ebenso wie über die Lausitzer Heide, in die wendisehe Volksstämme
übergreifen. Dagegen darf der ausnehmend reiche Waldbestand des
Berglandes und der Ebene nicht übergangen werden.
Schon bei Beginn der Kolonisation in den Flußtälern der Bearbeitung des
Bodens allmählich weichend, hat sich der Wald an den Sudetenhängen bis
zum Kamm hinauf in einer gewissen Ursprünglichkeit erhalten und umfaßt,
durch die Forstkultur des Fiskus und des Großgrundbesitzes gepflegt,
noch heute nahezu dreißig Prozent der gesamten Grundfläche der Provinz.
Wohl erscheint er zunächst als ein zur Ausrodung bestimmter Feind des
Kolonisten, aber seine fallenden Stämme bauen diesem gleichzeitig seine
ersten Herdstätten, und der Restbestand schützt seinen Acker gegen Wind
und Wetter.
Er liefert die Feuerung für die Anfänge gewerblicher Tätigkeit:
Schmiedeessen, Glas-, Brenn- und Schmelzöfen, und ermöglicht die
Sicherung der Schächte, die zu den Schätzen der Erde hinabführen.
Selbst die Leinenweberei kann seine Einhegung nicht entbehren, die auf
den Bleichen das Sonnenlicht zusammenfaßt, und die Papierfabrikation
ist im Hirschberger Tal durch die Verarbeitung der Holzfaser zu einem
blühenden Erwerbszweig geworden.
In die Waldungen der Ebene schmiegen sieh die Klöster und Herrensitze,
in stiller Abgeschiedenheit Kulturwerte schaffend, die sieh über das
ganze Land ausbreiten und der Zivilisation die Wege ebnen, bis sich in
mächtigen Städtewesen Zentren bilden, die unabhängig von den
natürlichen Beschränkungen ihrer nächsten Umgebung durch Handel und
Wandel mit den nordischen und südlichen Gestaden der europäischen
Meere in Beziehung treten und den Waren und Produktenaustausch bis
in die vorderasiatisehen Steppen vermitteln.
Die geographische Lage Schlesiens zwischen mächtigeren Stammeseinheiten
macht es zum passiven Schauplatz politischer Ereignisse, seine
Bodengestaltung aber zieht etappenweise eine seßhafte Bevölkerung
heran, die sieh trotz aller Mannigfaltigkeit durch das vorwiegend deutsche
Ferment zu einem kulturellen Gebilde zusammenschließt.<<
Aus: Unveränderter Nachdruck der 1913 im Verlag von George Westermann,
Braunschweig und Berlin, erschienenen.
Ausgabe durch Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-3135-9