Ostpreußenblatt August 1955, Folge 34, Teil 2

Seite 9 Die Lettaus. Ein Stück Ostpreußen in einer Berliner Bahnhofsruine
Die zu Zehntausenden neu angepflanzten Bäume und Büsche wachsen, und der Berliner Tiergarten wird allmählich wieder ein Park. An seinem Nordwestrand schießen Baugerüste hoch, und die ersten schlanken Turmkräne zeigen in den Sommerhimmel, Vorboten des modernsten Wohnviertels der Stadt, des neuen Hansaviertels auf den Trümmern des alten. Pressluftbohrer rattern, Schilder verkünden, dass hier zugleich ein Buabschnitt der neuen Untergrundbahnlinie Steglitz-Wedding in Angriff genommen wird.

Östlich davon aber, zwischen dem Krollgarten, dem ältesten Berliner Ausflugslokal, und dem Reichstagsgebäude zieht sich ein Stück öder Steppe hin. Da wird weder gepflanzt noch gebaut. Verloren steht zwischen einigen Ruinen das Gebäude das Gebäude der Schweizer Mission. Und grotesk erhebt sich an der Nordspitze der Wüste das Skelett des Lehrter Bahnhofs. Einst bewältigte dieser Bahnhof den Verkehr der Reichshauptstadt mit Hamburg, vielen anderen Nord- und Ostseestädten und den Nahverkehr in die nördliche Mark. Er wurde in den Jahren 1867 – 1871 erbaut, prunkvoll nach dem damaligen Geschmack; ein Fürstenzimmer unmittelbar am Bahnsteig diente zum Empfang gekrönter Häupter.

Die weite Bahnhofshalle ist heute nur noch als Gerippe, auf den Gleisen, den Bahnsteigen, auf den Stufen der breiten Freitreppe am Kopfende, einst bei festlichen Anlässen teppichbelegt, wuchern Gras und Unkraut.

Der ganze Komplex erscheint tot und verlassen. Schilder warnen: Wegen Einsturzgefahr gesperrt! Vor einem der Seiteneingänge streicht ein kleiner Hund herum. Herrenlos? Welch eine fast kitschige Filmkulisse für herrenlose Hunde und streunende Katzen; nachts huschen hier sicher Ratten über die Treppen, über die Dielen ehemaliger Dienst- und Verwaltungsräume, fliegen Fledermäuse, von ihrem Radarsinn gesteuert, durch leere Fensterhöhlen. (Foto: Ein Blick von der Bahnhofshalle auf Lettaus Wohnung).

Aber was ist das, steht da oben hinter dem halbmondförmigen Fenster nicht ein Kind? Und in einem Durchgang lehnt ein Fahrrad, gegenüber von einem Treppenaufgang, in den von oben Licht sickert wie von einer elektrischen Birne.

Die Bewohner der Bahnhofsruine.
Zwei Treppenabsätze hinauf. Eine Tür, ein Schild, ein Name: Lettau. Wenn sich die Tür öffnet, stolpert man zunächst drei Schritte ins Dunkel. Doch dann sind auf einmal Menschen da, kommen aus düsteren Zimmern, hinter Vorhängen hervor, und ein Hund und eine Katze, und noch eine Katze.

Vertraute ostpreußische Laute ertönen, herzlich wird der Gast begrüßt. Allerdings dauert es eine Weile, ehe er sich zurechtgefunden hat, ehe er begriffen hat; hier lebt seit acht Jahren das Eisenbahnerehepaar Ernst Lettau und Emilie, geborene Adam, aus Norkitten, Kreis Insterburg, mit fünf Kindern, einem Schwiegersohn, einer Schwiegertochter und drei Enkeln. Ein Stück Ostpreußen in einer Berliner Bahnhofsruine! Und was wir jetzt sehen, das ist beides, Heimatlosigkeit und zugleich unbeugsamer Wille, dennoch solange es sein muss, hier daheim zu sein. Von diesem Willen zeugen die hier und da aufgestellten neuen Möbelstücke, die durch eisernen Fleiß und Sparsamkeit erworben werden konnten, und zwar von Menschen, die die große Flucht mitgebracht haben und auch dann immer weiter vom Schicksal verfolgt worden sind, von Behörden und Ämtern und vom östlichen Staatssicherheitsdienst.

Nur wenig Licht dringt durch die niederen halbmondförmigen Fenster in die Ruinenwohnung. Der größte Raum ist Wohn- und Esszimmer für alle; hinter dem langen Tisch stehen die Betten der Eltern, die Chaiselongue an der Wand ist die Lagerstatt der sechszehnjährigen Edelgard, dann gibt es noch zwei große Schränke und das Prachtstück, den Radio-Plattenschrank. Der anstoßende Raum. Lang und schmal steht er voller Blumen. Vor einigen Tagen hat Artur, der vierundzwanzigjährige Sohn, geheiratet; hier ist das Reich des jungen Paares. Artur ist Bäcker und zeigt stolz das Glückwunschtelegramm seines Meisters, die junge Frau ist beliebt und tüchtig als Verkäuferin, ihre Firma schickte ein herzliches Schreiben und 30 DM.

Nebenan wohnt Irmgard Maletzki, das dritte Lettau-Kind, dreiundzwanzig Jahre alt mit ihrem Mann, er ist bei der BVG angestellt, und den drei Kindern, Gisela, Eberhard und Bernhard, vier, drei und eineinhalb Jahre alt. Fleischergeselle ist der zwanzigjährige Gerhard, er und der dreizehnjährige Bruder Erwin haben ihren Platz im Vorraum hinter einem Vorhang. Das wären alle Lettaus bis auf die älteste Tochter Frieda, Schaffnerin bei der BVG, die mit ihrem Söhnchen Jörg in Friedenau wohnt.

Jetzt holt Vater Lettau vom Schrank ein Modell, sauber wie aus einem Spielzeugladen, das ein eingezäuntes Grundstück mit Häuschen, Stall und Garten darstellt. Das haben die Kinder mit dem Vater zusammen gebastelt, und es ist die getreue Nachbildung des Siedlungsgrundstückes Nr. 12 in Norkitten, Kreis Insterburg, das Besitztum der Lettaus. Lange Jahre haben sie glücklich darauf gelebt, zusammen mit Frau Lettaus Vater, dem Kunstmaler Adam, und sie hatten zwei Kühe, fünf Schweine, 62 Hühner und dreißig Morgen Pachtland. Ernst Lettau war Weichenwärter auf der Station Norkitten.

Eine ganze Lade vol Photographien wird ausgekramt, nassgeworden auf der Flucht und wieder getrocknet. Das Häuschen, die Kinder; Gruppenbilder von Verwandten und Bekannten. Der ist gefallen. Dieser ist vermisst. Auch Frau Lettaus Schwester blieb mit fünf Kindern allein.

Norkitten war eine Mustersiedlung, erzählt die kleine, behäbige Mutter Lettau und zeigt Bilder vom Kindergarten und modern ausgestatteten Frauenheim. Und wie traurig kam uns dagegen Werneuchen vor!

Werneuchen war die erste Station auf der Flucht. Wenigstens hatten sie den Vater bei sich, damals im Winter 1945, zehn Tage bevor sie aus Norkitten heraus mussten, war er heimgekehrt, von Frankreich nach Ostpreußen abkommandiert. Aber Frieda, die älteste Tochter, fehlte, sie befand sich gerade im Pflichteinsatz und blieb zwei Jahre lang verschollen, bis sie 1947 aus polnischer Gefangenschaft zurückkehrte.
(Foto: Schirmer. Wieder einmal steht ein Abschied bevor, und zum letzten Mal wandern die Lettaus durch die Bahnhofshalle. Von links nach rechts: Artur, Erwin, Irmgard, Ehrhard, Frau Lettau, Gisela, Herr Lettau. Ganz vollständig ist die Familie nur am späten Abend beisammen).

Arbeitslos
1947 gingen die Lettaus nach Berlin und zogen in den Lehrter Bahnhof ein, von dem damals noch ein paar Züge täglich abfuhren. Ernst Lettau war wieder bei der Eisenbahn angestellt, unter östlichen Vorgesetzten allerdings, denn die Westmächte hatten beim Einzug in Berlin den Sowjets die Eisenbahnregie für alle Sektoren überlassen. 1950 forderten die in Westberlin wohnenden Eisenbahner ihren Lohn voll in westlicher Währung und traten, als der Osten diese Forderung abschlug, in den Streik. Die Antwort hieß: Entlassung! Sechstausend Kollegen wurden betroffen, und am 4. Mai 1950 bekam auch Ernst Lettau seinen Kündigungsbrief.

Seitdem ist er arbeitslos. Er will arbeiten, er würde sich auch von der Familie trennen und nach Westdeutschland gehen, immer wieder hat er angefragt und sich beworben. Wir haben leider Anstellungssperre. Wir werden an Sie denken. Einmal hieß es, er sei zu alt. Zu alt mit 47 Jahren, zu alt dieser lebensfrohe, kräftige, gesunde Mann!

36,90 DM Unterstützung erhaltne die Lettaus in der Woche. Und dabei kostet die Ruinenwohnung allein monatlich 34 DM Miete. Als Vater Lettau Anfang dieses Jahres nicht mehr aus noch ein wusste, ging er zum Sozialamt und erhielt ein paar Monate lang je sechzig DM Zuschuss. Dann aber fiel der Behörde ein, dass er ja verdienende Kinder hat, und eilends forderte sie das Geld zurück.

Aber die Kinder: Frieda kommt gerade so mit ihrem Jungen durch, Artur braucht doch jetzt, da er geheiratet hat und sich einen eigenen Hausstand schaffen will, jeden Pfennig vom Gesellenlohn, Irmgards Mann verdient kaum das Nötigste für die drei Kinder. Gerhard hat gerade ausgelernt, erst jetzt beginnt er zu verdienen; Edelgard bekommt als Anfängerin in einer Strickerei nicht viel mehr als ein Taschengeld, und Erwin ist dreizehn und geht zur Schule.