Niederschlesien August 2001

Hallo Listenmitglieder,
von einer dreitägigen Exkursion erlaube ich mir, einige Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken für unsere Liste niederzuschreiben.
Wir hatten uns diesmal weniger die Genealogie vorgenommen, sondern mehr die baugeschichtlichen Sehenswürdigkeiten. "Wir", mein Sohn und ich sind beide Baumenschen.
Vorweg: Wir sind nur freundlichen, toleranten und hilfsbereiten Menschen begegnet. Wichtig ist dabei natürlich, dass man selbst auch nicht als Herr Großkotz auftritt. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.
Wir besuchten: Leipe, Jauer, Striegau, Waldenburg, Glatz, Kamenz, Wüstegiersdorf, Rudolfswaldau, Dorfbach, Schlesisch-Falkenberg und Eisendorf Krs. Neumarkt. Quartier hatten wir in meinem Geburtsort Wüstewaltersdorf (poln. Walim). Natürlich sind wir durch viele andere Orte gefahren und haben auch mal kurz zum Fotografieren angehalten, so durch Lauban, Hirschberg, Schweidnitz, Freiburg (Grüße an Günter Böhm), Frankenstein und Reichenbach.
Die Baugeschichte will ich nur kurz streifen. So ist ein Besuch des Schinkel-Schlosses in Kamenz (poln. Kamieniec Zabkowicki) zu empfehlen, obwohl es sich immer noch als Ruine zeigt, aber mit Anfangserfolgen des Wiederaufbaus. Dass es eine Ruine ist, verdankt das Schloss zu 30% den Russen, zu 30% Plünderern, zu 30% den Kommunisten und der Rest dem Zahn der Zeit. Man ging zu kommunistischer Zeit soweit, die noch vohandenen Marmortreppen und Mamor-Gartenanlagen herauszureißen und diese in Warschau (poln. Warszawa) in Ministeriumsgebäuden wieder einzubauen. Der Pfusch dort lässt sich gut vorstellen.
Eine genealogische Delikatesse will ich auch noch erwähnen. Unser Pensionswirt hatte, als er das alte Haus zur Pension umbaute, eine Fotografie der früheren deutschen Besitzerfamilie gefunden. Er hat das Bild (Eltern mit 6 Kindern, etwa 1900 aufgenommen) sorgfältig aufgehoben und gehofft, es vielleicht doch eines Tages den Nachkommen der früheren Eigentümer übergeben zu können. Da ich Ihm von unseren Heimattreffen und der Heimatzeitung erzählte, holte er das Bild hervor, übergab es mir und bat mich diese Möglichkeiten zu nutzen, um es vielleicht doch in die richtigen Hände gelangen zu lassen. Natürlich habe ich mich über das Vertrauen sehr gefreut und ihm versprochen, Ihn auf dem Laufenden zu halten.
Nach vorsichtiger Entfernung das Passpartous habe ich eine Beschriftung, die der Fotograf in die Platte geritzt hatte, gefunden: Familie Kühnert. Nun dürfte die Sache nicht mehr schwer sein, wenn es die Nachkommen noch gibt, spannend ist sie allemal.
Die Polen haben, zumindest dort, wo wir waren, noch nicht das große Glücksgefühl Multikulti entdeckt und sich nicht viele Menschen möglichst sehr fremder Kulturen ins Land geholt. So konnten wir wohtuend feststellen, dass nicht in jeder Ecke eine Döner-Bude steht oder in Grenznähe hunderte Meter lange Stände aufgebaut sind an denen Vietnamesen ihren Krimskrams verkaufen. Auch vermissen die Polen nicht, die bei uns in jeder Kleinstadt betriebenen Gaststätten aus aller Herren Länder. Sie müssen sich auch nicht Einwanderer von fruchtbareren Völkern ins Land holen. Offenbar werden im Land noch genug polnische Kinder geboren und die Familien sind noch intakt. So kann man auch die jugendlichen Verwahrlosungstendenzen hierzulande, zumindest äußerlich, bei der polnischen Jugend nicht finden. In verwahrlostem Zustand waren die Gebäude! Kinder mit gefärbten Haaren, die auf der Straße rauchen, haben wir nicht gesehen. Jugendliche mit Ring in der Nase oder sonstwo im Gesicht begegneten uns auch nicht. Erfreulich auch, dass Grafitti-Schmierereien seltener sind, als bei uns. Erziehung findet noch statt.
Die Schattenseite ist die Bausubstanz in Schlesien. Vor allem die älteren Gebäude befinden sich mitunter in beklagenswertem Zustand. Für meinen Geburtsort wurde die Orgel in unserer, jetzt katholischen, Heimatkirche durch Spenden aus Deutschland wieder instand gesetzt. Der Aussichtsturm auf der Hohen Eule ist bereits baufällig. Die Wege zur Hohen Eule sind bis 1/2 m tief ausgespült. Man lebt von der Substanz! Wo mal Renovierungen stattgefunden haben, sind sie oft nicht fachgerecht und liederlich ausgeführt. Das schmerzt schon alles den gebürtigen Schlesier. Die Zeit heilt alle Wunden, in wenigen Jahrzehnten gibt es keine deutschen gebürtigen Schlesier mehr.
Genug geklagt, sehr erfreulich, es gibt zunehmend heimatkundliche Nachdrucke aus deutscher Zeit, vor allem auch Ansichtskarten. Auch neue Ansichtskarten konnte ich kaufen, so in Glatz mit der Aufschrift Klotzko - Glatz. Ein "Wörterbuch der landeskundlichen Namen polnisch - deutsch" konnte ich erwerben.
Ich hoffe, dass nun meine Landsleute im Sprachgebrauch nicht mehr vom "früheren Breslau" reden sondern den deutschen Namen ebnso selbstverständlich gebrauchen, wie Prag, Warschau und Moskau oder wie die Amerikaner Munich oder die Tschechen Dresdany sagen.
Das hat alles nichts mit Revanchismus zu tun, sondern mit der Aussprache. Wir können nun mal leichter "Stettin" als "Szczecin" sagen.
Zum Schluss noch einen Tip: Wer sich für Steinbildhauerei interessiert. Vor der Hauptkirche in Striegau steht, aus Schlesischen Granit, eine Statue Papst Johannes Pauls. Es ist ein Meisterwerk! Dem Künstler ist es gelungen die etwas schwejkische Gewitzheit des polnischen Papstes wunderbar darzustellen!
Gruß Wolfgang