Meine Erlebnisse im russischen Heere

Gegen Abend bezog die ganze Abteilung des Hauptmann eine
Feldwachestellung auf einem Abbaugehöft zwischen Kruglinnen und Kosuchen,
etwas seitwärts der Landstraße. Wir schließen auf dem Hofe im Stroh.
Morgens war es bitterkalt, so daß einem die Zähne klapperten. In der
Nacht, etwa nach 11 Uhr, standen zwei der neben mir liegenden Soldaten
auf und wollten sich ans Tor schleichen, wo eben der Hauptmann
vorbeigeritten war. Auf meine Frage, was sie wollten, meinte der eine:
"Wir wollen unsern Hauptmann totschießen!" Auf meinen Einwand, sie
hätten doch keinen Grund hierzu, er wäre doch ein so guter Vorgesetzter,
meinte der andere: "Er ist alle Tage besoffen und führt uns immer gegen
die deutschen Kugeln!" Hätten die beiden nun ihren Entschluß ausgeführt,
so wäre der Verdacht der Anstiftung hierzu wahrscheinlich auf mich
gefallen. Darum wandte ich alle meine Beredsamkeit auf, sie von ihrem
Vorhaben abzubringen. Zuletzt hörten sie doch auf mich, aber der eine
meinte: "Na, denn nicht, aber später schießen wir ihn doch tot!" Ob sie
das später wahr gemacht haben? - - - Am nächsten Morgen, den 28. August,
beim Antreten ereignete sich ein Zwischenfall. Ich mußte beim Antreten
immer hinter der Abteilung Aufstellung nehmen. Der Mann vor mir spielte
mit seinem Gewehr, auf das das Bajonett aufgepflanzt war - die Russen
tragen das vierkantige Bajonett immer aufgepflanzt - indem er
fortwährend mit dem Kolben auf die Erde stieß. Hierbei hatte er das
Gewehr über dem Lauf am Bajonett gefaßt. Bei dem wiederholten Aufstoßen
entlud sich das Gewehr und der Schuß ging dem Manne durch die Hand, ihm
drei Finger abreißend. Vor Schreck und Schmerz fiel er zur Erde, raffte
sich aber gleich darauf wieder auf. Der Hauptmann zuckte nur mit den
Schultern und lächelte. Nachdem ein Kamerad dem Verwundeten einen
Notverband angelegt hatte, wurde er abgeführt. Ob der Mann sich nicht
mit Absicht selbst verstümmelt hat, um dem weiteren Kriegsdienst zu
entgehen? - -

Nun rückten wir wieder zurück ins Biwak im Walde. Da sagte Hauptmann
Sokolow zu mir, es ginge jetzt zurück nach Rußland, und zwar nach
Grajewo über Arys. Auf meinen Einwand nach Grajewo wäre doch näher über
Lyck, entgegnete er mir: 'Tam Szo wasi!', d.h. "dort sind die Euren!"
Nun marschierten wir zurück nach Widminnen, Hauptmann Sokolow mit seiner
Abteilung zuletzt, jetzt jedenfalls als Nachhut. Widminnen war von den
Bewohnern vollständig verlassen, nur ein ganz altes Mütterchen saß vor
ihrem Hause. In dieses Haus ging kein Russe hinein. Sonst waren in
Widminnen schon alle Kaufläden und Privathäuser geplündert.

In Widminnen, wo sich die Abteilung vom 28. August morgens bis 29.
August morgens ca. 9 Uhr aufhielt, erlebte ich nun manche merkwürdige
und komische Episoden. Einige davon will ich hier schildern.

Gegen Mittag hörte ich, der ich in der 1. Etage des Hauses des Friseurs
Lubowski einquartiert war, ein mächtiges Rasseln auf der Straße. Als ich
durchs Fenster hinaussah, wurde ich gewahr, daß ein Russe auf einem
Fahrrad ohne Bereifung, also auf bloßen Felgen Fahrübungen anstellte. Er
fiel aber immer wieder mit dem Rad um. Einmal fiel er so unglücklich,
daß er sich die ganze Backe beriß und stark blutete. Darauf verschwand
er in dem nächsten Hause. Nach einer Weil erschien er, den ganzen Kopf
verbunden, wieder auf dem Schauplatz und nahm die Übungen im Radfahren
wieder auf. Nochmals unglücklich zu Fall gekommen, zertrat er wütend die
Speichen der Räder und verschwand, wahrscheinlich, um die Übungen erst
nach Heilung seiner Wunden wieder aufzunehmen. Ich hatte allen Respekt
vor der Ausdauer dieses Mannes. Ich schließe daraus, daß die russische
Heeresleitung viel Gewicht darauf gelegt hat, Radfahrerkompagnien nach
unserem Vorbild zu erhalten.

Kennzeichnend für die Achtung, die ein deutscher Lehrer bei dem Feinde,
d.h. hier den Russen, genießt, sei nachstehender Vorfall verzeichnet. Am
28. August abends will ich mir das geplünderte und ausgeraubte Widminnen
genauer ansehen und gehe daher in Gemeinschaft des Unteroffiziers
Dimitri, meines Dolmetschers, aus. Dieser allein von der ganzen
Abteilung war des Polnischen vollständig mächtig, so daß er mir auch bis
dahin oft als Dolmetscher gedient hatte. Unterwegs stößt ihn ein ihm
bekannter Unteroffizier von einer anderen Kompagnie mit dem Ellenbogen
an und meint im Flüstertone, auf mich, den einzigen Zivilisten deutend:
"Was ist das für einer? Ist das ein Spion?", worauf dieser, ebenfalls
flüsternd, meinend, ich höre es nicht, erwidert: "Das ist kein Spion, er
ist unser Führer, ein Lehrer! Er ist klüger als unsere Offiziere."

Das Abendessen kochten die Mannschaften zu je 4 - 5 gemeinsam an
verschiedenen Kochgelegenheiten, die sie sich zum Teil selbst nach
Erforschung vorhandener russischer Röhren herstellten. Ich brauchte mich
um die Mahlzeiten nicht zu kümmern. Überhaupt hatte meine Bewachung seit
dem Rückmarsche von Kosuchen allmählich aufgehört. Ich wurde also mit
Essen von den Russen versorgt. Als mir einer eine Hühnersuppe auf einem
flachen Teller servierte, meinte ein anderer, es war derselbe, der mir
vor Kosuchen das Gewehr aufs Herz angelegt hatte: "Ein flacher Teller
gehört zu Fleisch. Suppe muß der Herr in einem tiefen Teller erhalten!
Auch", fuhr er fort, "riecht deine Suppe nach Rauch, meine dagegen ist
geruchlos, die wird dem Herrn gesünder sein!"

Wie schon erwähnt, war ich mit einer Korporalschaft, Unteroffizier
Dimitri, im Hause des Friseurs L. einquartiert. Nach dem Einrücken ins
Quartier war selbstverständlich die erste Sorge der Mannschaften, den
unentbehrlichen "Wutki" zu besorgen. In den Schenken war nichts mehr zu
finden. Da entdeckten findige Köpfe auf dem Hofe des Grundstücks, in dem
wir einquartiert waren, eine Essigspritfabrik. Sogleich wurden alle
Fässer untersucht. In einem große Fasse wurde endlich Weinsprit gefunden.
Kannenweise wurde dieser nun herbeigeschafft und zum Teil unverdünnt
getrunken, wobei die Russen oft 'Carascho!' riefen. Nur Unteroffizier
Dimitri, mein ständiger Wächter und Begleiter, verdünnte den Weinsprit
mit Wasser. Davon tranken wir beide nun etliche Schnäpse und gingen ins
Dachgeschoß schlafen, wo wir uns auf Matratzen niederlegten und mit aus
Konfektionsgeschäften herbeigebrachten Mänteln bedeckten. Am nächsten
Morgen, 29.8.1914, waren die Leute, die den reinen Weinsprit bis in die
Nacht hinein getrunken hatten, nicht wach zu kriegen. Beim Antreten um
ca. 8 Uhr mußte der Hauptmann einzelne Leute besonders holen lassen.

Am Abend waren die Russen bei dem "Wutki" sehr gemütlich geworden. Ich
muß hierbei feststellen, daß trotz der feucht-fröhlichen Stimmung
Streitigkeiten etc. nicht vorgekommen sind. Ein älterer, vollbärtiger
Mann, ein komisches Genie, zog einen Damen-Sptzenunterrock an, nahm ein
umfangreiches Korsett um, setzte sich einen Damenhut mit wallenden
Straußenfedern auf und tanzte dann auf einem Dielenbrett "Kosak". Dieses
gewährte einen so komischen Anblick, daß alle in die größte Heiterkeit
versetzt wurden. Trotz meiner gefährlichen Lage mußte ich herzhaft
mitlachen.

Um mir etwas Gutes zu tun, brachte man mir, da meine Sommermütze sehr
verstaubt war, einen steifen Seiden-Zylinderhut, mir vorstellend, das
wäre ein so schöner, glänzender Hut, der mir als Lehrer wohl zukäme. Als
ich den Russen nun klar machte, daß solch ein Hut bei uns in Deutschland
nur bei besonderen Anlässen, z.B. bei Hochzeiten und Begräbnissen,
getragen würde, sagte einer ganz gelassen! "Also will der Herr den
schönen Hut nicht haben?" Darauf stieß er, ihn mit der Linken haltend,
mit der Rechten mit Wucht hinein, daß er den Boden durchbrach. Dann
stellte er ihn auf die Erde, trat mit dem Fuß darauf, so daß aus dem
steifen Hut ein 'Chapeau claque' wurde und sagte befriedigend: 'Tak',
d.h. "So!"