Um meinen Heimatsort zu erreichen, wanderte ich nun querfeldein ostwärts
über Felder, durch Wälder, mich nach der Sonne richtend, und kam endlich
nach Sucholasken. Unterwegs traf ich Rinderkadaver, denen nur die
Hinterschenkel entnommen waren, ein Zeichen, daß die Russen in ihrem
schnellen Vormarsch nur die besten Teile des Rindes verzehrten. Weiter
wandernd wurde ich kurz vor Widminnen an einem kleinen Wäldchen, links
von der Chaussee von einem russischen Posten angehalten, zur Feldwache
und von dort zu dem "Kommandeur" nach Widminnen geführt, der wie sich
später herausstellte, ein Hauptmann 'nacielnik' oder 'kapitan' war. Hier
wurde mir mein Militärpaß abgenommen. Bemerke, daß ich damals 44 Jahre
alt war. Der Adjutant des Hauptmanns, ein Einjähriger, der deutsch lesen
konnte, fand aus meinem Militärpaß heraus, daß ich in Lötzen, bezw. in
der Feste Boyen gedient hatte. Ich wurde nach Waffen untersucht, wobei
ich die Hände hoch heben mußte. Der Hauptmann meinte, da ich in Lötzen -
Boyen sagte er nicht - gedient hätte, müßte ich die Festung kennen und
solle ihnen den Weg in diese zeigen. Als ich mir einzuwenden erlaubte,
ich sei vor langer Zeit - vor mehr als 20 Jahren - Soldat in Lötzen
gewesen, die Gegend nicht mehr kenne usw., wurde er grob und drohte mir
mit dem Revolver.
Nun mußte ich also wieder nach Lötzen zu marschieren und zwar sogleich;
es war am 26. August, morgens ca. 9 Uhr. Unterwegs fragte mich der
Hauptmann, der zu Fuß neben mir herging und seinen Schimmel führen ließ,
wie ich von Czarnen bei Arys in diese Gegend komme. Um mich nicht in den
Verdacht der Spionage zu bringen, erzählte ich ihm, aus unserem Dorf
seien alle Bewohner aus Furcht vor den Russen geflohen, ich allein wäre
dageblieben, nun hätte ich meiner Familie nachfolgen und auch nach
Lötzen fliehen wollen, wäre aber von russischen Soldaten in meine Heimat
zurückgeschickt worden und wäre nun auf dem Wege dorthin. Das wurde mir
geglaubt. Ich wurde nun unterwegs mit Essen und Trinken gestärkt,
erhielt Brot, Wurst, Käse und Portwein. Unterwegs sagte der Einjährige:
"Ich 'aben studiert auf Kaiserliche Hochschule in Petersburg. Wo 'aben
Sie studiert?" Ich gab zur Antwort: "Ich habe auf dem Königlichen
Lehrerseminar in Ortelsburg studiert." "Also Kollege!" sagte er, mir die
Hand reichend.
In Sucholasken machten wir am Gasthause Halt. Aus diesem Dorfe waren
sämtliche Einwohner geflohen. Das Gasthaus wurde nun ausgeraubt, mir
wurden alle Taschen voll Zigarren gestopft. Ich mußte mit dem Hauptmann
- Sokolow war sein Name - gemeinsam Rum trinken, Brot, Käse und Speck
essen, und zwar in der Veranda des Gasthauses. Währenddessen waren die
Soldaten ins Dorf auf Raub ausgegangen und brachten mit Triumphgeschrei
geräucherte Schinken, Speckseiten, Brote und dergl. her, die sie dann
unter sich verteilten. Auch wurden mit die Taschen gefüllt mit Walnüssen,
feinen Bonbons, Wurst usw., was alles in dem Gasthaus geraubt worden war.
Da ich in Holzschuhen ging, wurden mir auf Befehl des Hauptmanns ein
Paar Schuhe aus dem Gasthause gebracht. Es waren derbe Schnallenschuhe,
für mich um etwa 5 cm zu lang, immerhin zum Marschieren bequemer als
Holzschuhe. Auch mit neuen Strümpfen wurde ich versorgt, da meine schon
sehr verstaubt waren. Zuerst brachte man mir ein paar lange
Damenstrümpfe, die durch Abschneiden des oberen Endes passend gemacht
wurden. Dann fand man für mich aber auch ein paar weiße Herrensocken.
Nach etwa einstündiger Rast wurde weitermarschiert nach Kruglinnen. Dort
wurden meines Wissens, ohne Befehl des Hatuptmanns, etwa 8 Gehöfte
niedergebrannt. Schrecklich anzuhören war das Geschrei der in einem
hölzernen, strohgedeckten Stalle eingeschlossenen Schweine, die mit
verbrannten. Als ich den Hauptmann fragte, warum er solches geschehen
ließe, erhielt ich zur Antwort: "Das sind Zeichen für unser Heer!" Hier
muß ich bemerken, daß die Abteilung, mit der zu marschieren ich
gezwungen war, etwa 80 Mann stark war. Es war also jedenfalls eine
Vortruppe von einem Regiment oder einem größeren Heereskörper. Sie war
vom Infanterie-Regiment Nr. 170.