"Mama, lass mich leben" Rußlanddeutsche 1941

"Mama, lass mich leben"
Augenzeugenberichte von deportierten Russlanddeutschen

      GERHARD WOLTER: Die Zone der totalen Ruhe. Die Russlanddeutschen in den
Kriegs- und Nachkriegsjahren, Berichte von Augenzeugen. Waldemar Weber Verlag,
Augsburg 2003. 477 Seiten, 17,90 Euro.

Unter den vielen Volksgruppen, die im vergangenen Jahrhundert ohne eigenes Zutun
zwischen die M�hlsteine politischer Verfolgung gerieten, ist kaum eine so
vergessen wie die der RusslanddDeutschen. Als mit der kollektiven Deportation
durch Stalin im Sommer 1941 der Sturm �ber sie hereinbrach, waren sie alles
andere als "feindliche Ausl�nder", "Gastarbeiter" oder "Neub�rger". Sie hatten
vielmehr bereits �ber Generationen hinweg in der Wahlheimat ihrer Vorfahren
gelebt: H�ndler, Handwerker und Modernisierer aus dem Westen, darunter
�berwiegend Deutsche, waren schon unter Iwan dem Schrecklichen und Peter dem
Gro�en in das Land im Osten gerufen worden. Die Einwanderungswellen folgten, als
Katharina die Gro�e nach 1763 deutsche Bauern anwarb, um die leere Steppe l�ngs
der Wolga zu besiedeln und dort einen Schutzwall gegen die Kalm�cken zu
errichten. Sp�tere Wellen zogen ins Schwarzmeergebiet und nach Georgien.

      Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs lebten im zaristischen Russland 1,6
Millionen Deutsche, jene in den Baltischen Provinzen, Polen und Bessarabien
nicht eingerechnet. Sie hatten �berwiegend ihre nationale Identit�t bewahrt und
waren auch im orthodoxen Umfeld Protestanten und Katholiken geblieben. Von
"Integration" sprach man damals nicht. Aber was dieses Wort heute beschreibt,
hatten die Russlanddeutschen l�ngst vollzogen.

      Nachdem die Revolution gesiegt hatte, setzte Lenin (seine Mutter trug den
M�dchennamen Blank) gro�e Hoffnungen auf die Fortsetzung der Umsturzbewegung in
Deutschland. Dies d�rfte eine Rolle gespielt haben, als den Russland-deutschen
als einem der ersten V�lker nationale weitgehende Autonomie zugesprochen wurde.
In ihrem Hauptsiedlungsgebiet entstand die Wolgadeutsche Republik.

      Das �nderte sich mit Kriegsbeginn: Unter dem Vorwand, sie h�tten nicht
gemeldet, dass in ihrer Mitte "Zehntausende von Diversanten und Spionen auf ein
Signal aus Deutschland f�r Sabotageakte warteten", wurden nach dem deutschen
�berfall auf die Sowjetunion 800 000 Russlanddeutsche nach Sibirien und in die
asiatischen Teile des Landes verschleppt. Die so genannte Aussiedlung erfolgte
unter unmenschlichen Umst�nden: Enteignung, Zur�cklassung pers�nlicher Habe,
Zerrei�ung von Familien, Trennung kleiner Kinder von ihren M�ttern, wochenlanger
Transport in Viehwagen bei unzureichender Versorgung, ohne Kleidung f�r die
einbrechende K�lte, Erfassung der M�nner f�r die "Arbeitsarmee", was Gulag
bedeutete. Viele starben schon vor der Ankunft. Mindestens ein Drittel �berlebte
die Deportationsjahre nicht. Selbst nach formeller Rehabilitierung im Jahre 1964
durften die Russlanddeutschen nicht in ihre fr�heren Siedlungsgebiete
zur�ckkehren. Die Wolgadeutsche Republik wurde nie wieder hergestellt.

      Dokumentarisch unterlegt ist das Buch "Die Zone der totalen Ruhe" von
Gerhard Wolter durch Befehle an die Vollstrecker oder andere Aktenst�cke
moderner Barbarei, die der Verfasser nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht beim
KGB ausgrub. Nur vordergr�ndig ging es um die Mobilisierung der Arbeitskraft der
Russlanddeutschen f�r die Kriegswirtschaft. Als politisches Ziel wird dahinter
ihre Liquidierung sichtbar - entweder physisch, oder durch Ausl�schung ihres
Bewusstseins.

      Inferno an Bord

      Doch viel aufr�ttelnder sind die Berichte jener, die durch dieses Inferno
gegangen sind, vor allem die pers�nlichen Erinnerungen von Frauen. Zitat aus dem
Brief einer Frau, die aus dem Kaukasus per Schiff nach Krasnowodsk gebracht
wurde: "Im Lauf von zwei Monaten schleppte man uns aus irgendwelchen Gr�nden hin
und her �ber das Kaspische Meer, und immer mehr Menschen, vor allem Kinder,
starben vor Hunger. Sie alle warf man einfach �ber Bord. Auch meinen
vierj�hrigen Sohn warf man so hinunter. Das sah mein anderer siebenj�hriger
Sohn. Er klammerte sich mit den H�nden an meinen Rock und flehte unter Tr�nen:
Mamachen, lass mich nicht auch ins Wasser werfen! Ich bitte dich, lass mich
leben, ich werde immer bei dir bleiben und mich um dich k�mmern, wenn ich gro�
werde."

      Keine leichte Lekt�re. Es ist bezeichnend, dass der Verfasser sein Buch
auf Russisch schrieb. Offenbar reichte sein Deutsch nach Jahrzehnten der
kulturellen Unterdr�ckung nicht mehr aus. Die vorliegende Fassung ist eine
�bersetzung.

      RUDOLPH CHIMELLI, 29.9.03
     
http://www.sueddeutsche.de/sz/literatur/red-artikel2226/