Liebe Listenmitglieder,
ich bekam das gewünschte Werk von meinen Kindern geschenkt:
Hrsg von Ortwin Pelc und Jürgen H. Ibs
Arme, Kranke, Außenseiter
Soziale Randgruppen in Schleswig-Holstein seit dem Mittelalter
Wachholtz 2005
Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Band 36
in verschiedenen Kapiteln werden folgende Themen bearbeitet, wobei der Rahmen Schleswig-Holstein zu eng gezogen ist
"Zigeuner" S. 41
Zucht- und Arbeitshäuser in norddeutschen Hansestädten S 101
Geisteskranke in Lübeck 1693-1828 S. 113
Zuchthaus Odense - würdige und unwürdige Arme im 18. Jahrhundert S 141
südostholsteinische Landschullehrer -Selbstwahrnehmung - 19. Jahrhundert S 199
Wilde Ehen - hansestädtische Unterschichten (Hamburg) S. 231
Armenunterstützungsempfänger in Rostock - kommunale Fürsorge für eine Randgruppe 1881-1918 S. 257
Zu Wilden Ehen: ein trauriges Zeugnis über die Männer (Klau Riecken)
S. 253
"Ein Arbeitsmann, z.B. ein Fabrikarbeiter, ein Ewerführer, Tagelöhner u.s.w., der nicht bei Leuten in Schlafstelle liegen mag, dessen Verdienst ihm erlaubt, sich einen Saal oder Bude zu miethen, wo er reinlicher und unabhängiger leben kann als in einer Schlafstelle, mu nothwendig irgend ein weibliches Wesen um sich haben, wenn er nicht bald in Schmutz vergehen will, auch kann er viel wohlfeiler leben, wenn er für sich kochen läßt, als wenn er in ein Speisehaus geht. Ein Dienstmädchen muß er bezahlen,und wird überdies vielleicht von demselben betrogen oder sonst bevortheilt." StAHbg. 111-1 Sernat Cl. VII Lit. Bc. No. 7b Fasc. 20 act. 124
In diesem Abscchnitt der wilden Ehen wird deutlich, dass viele Einwohner Hamburgs sich eine Eheschließung finanziell nicht erlauben konnten, denn zur Heirat bedurfte es der Bürgerrechte, die für Bremen zwischen 55 und 65 (Männer) und 75-90 Reichstaler für Mann und Frau kosteten.
In Hamburg kostete eine Heirat zu Beginn der 1830er Jahre für Zugezogenen mindestens 125 Mark Courant bei einem Jahresverdienst eines Straßenarbeiters von 230-280 Mark Courant bei durchschnittlichen Lerbenshaltungskosten von 320-360 Mark Courant. Bei Heirat kamen natürlich noch weiter Kosten dazu: Aufgebot, kirchl. Gebühren, Kleidung und Feier(?). Also war eine Heirat unerschwinglich für die unteren sozialen Gruppen.
Aufschiebung der beabsichtigten Heirat brachte auch nichts, woher sollten Besserungen kommen? Der einzige Ausweg war die Familiengründung ohne obrigkeitliche Genehmigung und ohne den Segen der Kirche.
Eine Erleichterung in dieser Sache waren die wohnlichen Verhältnisse. Die Gängeviertel verhinderten eine Übersicht der derzeitigen Situation, man war weit ab der "herrschenden" Moral und der Kontrolle.
Fast 20% aller zu Beginn der 1830er Jahre im St. Michaeliskirchspiel registrierten unehelichen Geburten stammten aus wilden Ehen.
Die verfolgung wuchs an, solche Verbindungen wurden getrennt durch "Abschiebung".
Reaktionen der Betroffenen:
In zu untersuchenden Wohnungen waren getrennte Zimmer anzufinden mit jeweiliger Schlafstelle und Anstellung der Frau als Dienstmädchen.
Niederkunft erfolgte außerhalb der Stadt, um der Meldepflicht einer Hebamme zu entkommen.
Auch zog man kurzzeitig auseinander mithilfe der Nachbarschaft oder Verwandten.
Falschaussagen der Nachbarn.
Sollten doch wilde Ehen durch staatliche Eingriffe zerbrechen, drohte den MännernAlimenteforderungen und Strafverfolgung, also eine zunehmende Kriminalisierung, den Frauen und Kindern Obdachlosigkeit und Abhängigkeit von der öffentlichen Armenfürsorge.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Riecken
www.Riecken-online.de