Jüdische Personenstandslisten

Liebe Mitforschenden,

ich suche nach Geburtseinträgen für Personen jüdischen Glaubens aus der Zeit vor Einführung der Standesämter. Das NLA Hannover hat dazu den Bestand Hann. 83b Jüdische Personenstandslisten verzeichnet. Kann mir jemand mit besserer Kenntnis dieses Bestandes vielleicht bei einer Frage weiterhelfen?

In meinem konkreten Fall suche ich die Geburt von Gustav Rothenberg in Adenstedt, Kreis Alfeld im Jahr 1858 oder 1860, da sind sich die bisher ausgewerteten Quellen nicht einig. Die Gemeinde Adenstedt ist aber bei den Verzeichnungseinheiten nicht genannt.

In welcher der vorhandenen Listen aus benachbarten Gemeinden könnte Adenstedt enthalten sein? Oder muss ich davon ausgehen, dass eine entsprechende Liste verloren gegangen ist, wenn sie für die Gemeinde Adenstedt nicht verzeichnet ist?

Für jeden Hinweis bin ich dankbar.

Viele Grüße

Dirk (Musfeldt)

Hallo Dirk,

schau mal im Genwiki in den Artikel „Jüdische Genealogie“. Da findest Du viele Quellen und Links.

Schöne Grüße,
Renate

Hallo Renate,

danke für den Hinweis. Für Niedersachsen ist der Eintrag leider denkbar kurz und hilft mir nicht.

Für die gesuchte Person liegen mehrere Quellen vor, tlw. sekundär, z.B. im Gedenkbuch des BArch oder in den Arolsen Archives. Ich hatte gehofft, mit einem Geburtseintrag die widersprüchlichen Angaben zum Geburtsjahr klären zu können.

Viele Grüße

Dirk (Musfeldt)

Moin Dirk,

ich habe das Findbuch zum Bestand Hann 83b seinerzeit in Hannover fotografiert und den Ort nicht in der Übersicht gefunden.
Auch im zweibändigen Werk „Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen“ (Hrsg Obenaus, Bankier, Fraenkel) ist Adenstedt nicht aufgeführt, insofern wird dort vermutlich keine jüdische Gemeinde gewesen sein, sondern die Familie des Gustav Rothenberg war eine Ausnahme in dem Ort. Im Umfeld waren sog. Synagogengemeinden in Alfeld und Lamspringe (zu Groß Rhüden).

Die Listen, die im Archiv liegen, sind (schlechte) Kopien der sog. Gatermann-Filme, gebunden zu ca. A3-großen Bänden. Die Originale sind verschollen. In dem Vorwort zu einem alten Findbuch heißt es „Der Beginn der meisten Register im Jahre 1844 beruht auf der ‚Bekanntmachung über die Führung der jüdischen Geburts-, Trauungs- und Sterbelisten vom 4. November 1843‘. Sie machte die Führung der Listen den Vorstehern der Synagogengemeinden ab 1. Juni 1844 zur Pflicht“.

Möglicherweise ist also die Geburt in folgendem Band versteckt, auch lohnt es, sich die Sterbefälle durchzusehen:
NLA HA, Hann 83b, Foto 1 Nr. 138 Groß Rhüden Geburten 1844-1885 - Film 1215
NLA HA, Hann 83b, Foto 1 Nr. 138 Groß Rhüden Sterbefälle 1844-1885 - Film 1216

Diese Unterlagen sind eine Art Familienbuch nach Orten, die eigentlichen Listen sind für manche Gemeinden in den Archivalien in den Ämtern „versteckt“ - zumindest sind sie für das Amt Grohnde erhalten.

Mit der erweiterten Suche habe ich mit den Stichworten Adenstedt und Juden (ich gehe immer die Stichworte Schutz, israel jüd Juden, etc. durch, um alle Judensachen zu „erwischen“) eine Familie Esaia Rothenberg gefunden, das sieht nach einem Volltreffer aus:

NLA HA Hann. 74 Alfeld Nr. 2283
Schutzverteilungen an den Juden Itzig Abraham aus Groß Rhüden sowie die Genehmigung eines Grunstückskauf durch den Juden Esaia Rothenberg in Adenstedt.

Irgendwann werde ich wieder eine Recherchefahrt nach Hannover machen, aber momentan kann man nicht planen. Vielleicht findet sich ja jemand, der in der Nähe wohnt und die Akte fotografieren kann und auch den entsprechenden Band im Bestand 83b durchsehen kann. Ich meine, die Bände sind im Lesesaalbestand des Staatsarchivs in Hannover. Jedenfalls musste ich sie nach Pattensen bestellen.

Ich freue mich über einen Austausch, wünsche viel Erfolg und
sende freundliche Grüße aus dem Hamburger Umland

Corinna (Wöhrl)

Hallo Dirk,

eine Ergänzung habe ich noch:

in der
„Familiendatenbank der Juden im Deutschen Reich“
gibt es einen Jesaias Scheye Rothenberg, geboren in Mackensen
verheiratet mit einer Johanna Brandt, geb. ca. 1804 in Groß Rhüden,
drei Kinder sind aufgeführt - nicht aber Gustav - von denen zwei in Adensen geboren sind. Sieht so aus, als könnte das die passende Familie sein:

https://ofb.genealogy.net/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I74626&nachname=Rothenberg&lang=de

Dort gibt es auch einen Verweis auf eine
Stammtafel der Familie Rothenberg i. Mackensen, Ballin, G., die vermutlich Ingo Paul vorliegt.

Übrigens ist die Entfernung der Wohnorte des Jesaias und der Johanna (von zu Fuß ca. 40km) eine sehr übliche „Größe“ bei der Verheiratung von jüdischen Paaren im niedersächsischen Raum. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass die Gemeinden sehr klein waren und eine inzenstuöse Verbindung vermieden werden sollte, aber auch lagen die Wohnorte „strategisch“ günstig, sodass die oftmals als wandernde Kleinhändler (und als Schlachter) tätigen Landjuden innerhalb der Familie bei ihren Touren unterkommen konnten. Aus meinen Forschungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Landjuden untereinander sehr gut vernetzt waren.

Nochmal viele Grüße

Corinna (Wöhrl)

Hallo Corinna,

ganz herzlichen Dank für die kundigen Hinweise, das bietet mir auf jeden Fall weitere Forschungsansätze! Das sieht für Rothenberg in Adenstedt tatsächlich nach einem Volltreffer aus!

Es gibt offenbar zur selben Person einen weiteren Treffer beim NLA:

NLA HA Hann. 72 Hildesheim Acc. 61/99 Nr. 2564
Jesaias Rothenberg aus Adenstedt
(Offenbar das Testament)

Leider ist für Alfeld selbst, das deutlich näher an Adenstedt liegt, offenbar keine Liste erhalten, obwohl dort eine größere Gruppe. Dort hätte ich die Wahrscheinlichkeit für höher gehalten. Aus dem Amt Alfeld ist sonst nur noch Groß Freden enthalten, das ebenfalls in Betracht kommen könnte.

Mal sehen, was sich da noch finden lässt!

Vielen Dank und viele Grüße

Dirk

Hallo Corinna,

die von Dir benannte Familie könnte irgendwie passen, aber so ganz simpel noch nicht.

Ich suche eine Geburt in Adenstedt, nicht Adensen. Und Gustav (Jg 1858 oder 1860) hatte noch zwei Schwestern, die 1865 und 1869 in Hannover geboren sind. Das passt nicht zum Geburtsjahrgang 1804 der möglichen Mutter Johanna Brandt.

Trotzdem herzlichen Dank für Deine Mühe und nochmals viele Grüße

Dirk