Liebe Listenleser,
die interessante Glockengeschichte aus Dirschau von Herta
_pasqualdt@t-online.de_ (mailto:pasqualdt@t-online.de) möchte ich zum Anlaß nehmen, noch
einmal von meiner derzeitigen Forschung zu berichten. Vielleicht weiß jemand
etwas dazu beizutragen:
Seit einiger Zeit kann ich gesichert nachweisen, daß mein Urahn Heinrich von
Schwichel(l/t), als Glocken- und Geschützgießer ab Herbst 1514 in Ostpreußen
tätig war. Er hat bis in die 1540ger Jahre gelebt und sich dauerhaft in
Ostpreußen niedergelassen. 1542 tauscht er sein Haus in Königsberg-Löbenicht
gegen ein dem Georg Oglin vom Herzog Albrecht verliehenes Gut in Kalkeim (im
Kirchspiel Heiligenwalde, etwa 20 km östlich von Königsberg am nördl. Ufer des
Pregel gelegen). Dieses Kalkeimer Gut von etwa 6-7 Hufen bleibt über 300 Jahre
in Familienbesitz. 1549 beschwert sich Heinrichs Witwe beim Herzog Albrecht,
daß die Privilegien dieses Gutes nicht angemessen respektiert werden.
Heinrich von Schwichel(l/t) hat offenbar überall in Ost- u. Westpreußen
Glocken gegoßen. Leider sind nur noch 5 seiner Glocken in einem Bericht des
Landeskonservators 1917 nachgewiesen: eine in Thierenberg (Samland) von 1522, eine
in Böttchersdorf (Krs. Friedland) von 1515, eine in Marienthal (Krs.
Rastenburg) von 1518 und 2 in Medenau (Samland) von 1521. Interessant wäre auch die
Frage, ob jene Glocken, die durch die Gutachterarbeit des Landeskonservators
vor der Verwertung in der Rüstungsindustrie während des 1. WK bewahrt wurden,
auch den 2. WK irgendwie "überlebt" haben.
Es muß aber ursprünglich weit mehr als jene gegeben haben, die noch 1917
festgestellt werden konnten. Zufällig fand ich in einer Stadtchronik von
Schippenbeil (auf der Suche nach ganz anderen Ahnenlinien) eine Beschreibung der
Kirche und der Glocken. Es war auch eine Glocke von Heinrich von Schwichelt
dabei. Erst im Verlauf des 19. Jh. wurde sie wohl umgegossen. Nachweislich war
Heinrich 1517 auch in Danzig für die Kirche St.Johannis tätig. 1519 ist er
wieder kurze Zeit in Reval zum Gießen. Ich vermute, daß er ab 1515 bis in die
1530ger Jahre viele Glocken in Preußen gegossen haben müßte.
Aus anderen Quellen weiß ich, daß er 1514 aus dem baltischen Ordensland kam
und dort unter Wolter v. Plettenberg sich bereits einen Namen gemacht hatte,
so daß der ihn dann nach Königsberg an den dortigen Hochmeister weiterempfahl
(Ich suche derzeit nach Glockenliteratur für das Baltikum). Aus Akten des
Staatsarchivs weiß ich z.B., daß er 1515 Paßbriefe bekommt, um mit dem Schiff
nach der Stadt Campen in Holland zu reisen, um von dort seine Frau zu holen.
Die Stadt Kampen/NL ist der Wohnsitz des berühmtesten Glockengießers jener
Zeit: Geerd van Wou oder Meister Gherardus de Wou. Er hat nicht nur in Holland
viele bedeutende Glocken gegossen, sondern auch in Bremen, Hamburg, Osnabrück,
die berühmte Gloriosa im Dom in Erfurt und viele andere mehr. Und Gherardus
de Wou hatte wiederum Geschäftskontakte mit Wolter v. Plettenberg im Baltikum.
Es ging um gute Kanonen, die per Schiff geliefert wurden. Die Indizien
lassen also den Schluß zu, daß Heinrich und Meister Gherardus in Kontakt standen,
Heinrich möglicherweise bei ihm das Handwerk erlernte und über dessen
Kontakte ins Baltikum kam.
Und nun meine neugierige Bitte in die Runde an alle Jene, die sich in ihren
Forschungsregionen gut auskennen und vielleicht die entsprechenden älteren
Bücher, Chroniken oder heimatkundlichen Werke im Regal stehen haben: schaut
bitte bei Gelegenheit mal nach, ob sich Glockenbeschreibungen finden lassen, die
auf "meinen" Heinrich verweisen. Heinrich von Schwichel(l/t) hat seine
Glocken überwiegend in der niederdeutschen Form seines Namens gekennzeichnet:
Hinrich/Hinnerik/Henrich von/van Svichel/Svichelt/Swichell
Der Name wurde üblicherweise in einen Sinnspruch mit eingebunden. Es sind
niederdeutsche, lateinische und Mischformen dokumentiert. Mir geht es um diese
Glockeninschriften, die mitunter sehr seltsam lauten. Auf der Schippenbeiler
Glocke stand z.B. zu lesen: ICK BIN SO VRI ALS DEN WINT * DE MI EGHENT DAT IS
VAN AERDEN EN HORKINT * HENRICK VAN SVICHELT GOS MICH * MCCCCCXXI
Wenn sich irgendwo etwas derartiges finden läßt, gebt mir bitte Nachricht
mit Quellenangaben. Ich erhoffe mir darüber unter anderem auch mehr Aufschluß
über seine Herkunft. Die Familie von Schwicheldt ist eine recht bedeutende
Adelsfamilie in der Region Hildesheim, Peine, Goslar gewesen. In den sehr
zahlreich vorhandenen Quellen, Urkunden etc. dieser Familie aus der Zeit um 1500
und den "offiziellen" Stammtafeln paßt "mein" Heinrich aber nicht so recht in
die vorhandenen Informationen. Außerdem ist die Ausübung eines Handwerks in
diesen Adelskreisen eigentlich völlig undenkbar gewesen. Möglicherweise handelt
es sich um eine illegitime Geburt.
Heinrich von Schwichel wird 1542 bereits Heinrich von Schweichel genannt.
Der Familienname ändert sich in den nächsten 2 Generationen auf SCHWEICHLER. Ich
vermute, daß dieser Heinrich der Urahn aller in Ostpreußen existierenden
Schweichler-Linien ist (Schweichler ist der Geburtsname meiner Mutter).
Grüße aus Berlin
Viktor Haupt