Hallo zusammen,
das ist zwar richtig, aber leider bringt es auch dieser Artikel nicht
fertig, den von den Gentest-Laborfirmen versprochenen (!), angeblich
so hohen, effektiven Nutzen für die Ahnenforschung klar zu definieren
- so wenig, wie diese Firmen tatsächlich in der Lage dazu sind.
Es bleibt festzustellen, daß die sog. DNS-Genealogie (DNS ist die dt.
Abkürzung für die Desoxyribonukleinsäure, engl.: DNA) nicht das
leisten kann, was den Käufern der Tests versprochen (aber tatsächlich
als Nutzen nur höchst undeutlich beschrieben wird). Dieser
DNS-Test-Markt brummt seit längerem auf hohen Touren, die vielen
Laborfirmen kämpfen um Marktanteile, insbesondere in den USA. Um auch
den finanzkräftigen europäischen Markt zu erschließen, wurden hier
bereits Ableger gegründet. Angesichts der hohen Preise, die für die
Tests, je nach Genauigkeit, verlangt werden, ist es ein
Milliardenmarkt und -geschäft.
Ein paar Fakten zu diesen DNS-Analysen, kurz und knapp formuliert:
- Ahnenforschung im eigentlichen Sinn ist mit diesen Testergebnissen
nicht im mindesten möglich. Dies kann nur aus schriftlichen Quellen
erfolgen. Wo damit Schluß ist, hilft auch die DNS-Analyse nicht
weiter.
- Es ist allenfalls möglich, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit
zu ermitteln, wie verwandt man möglicherweise (!) mit einer anderen
Testperson sein könnte und vor wie vielen Generationen möglicherweise
(!) der jüngste gemeinsame Vorfahr gelebt hatte.
- Diese Vergleichsperson benötigt man dazu aber erst mal. In der
Datenbank der größten Laborfirma mit Schweizer Ableger findet man etwa
(nur! - vgl. damit die heutige Bevölkerungszahl Europas) 240.000
Personen, mit denen man sein Ergebnis mehr oder weniger genau teilt,
oder auch nicht. Die allermeisten sind Amerikaner. Ihnen wird
tatsächlich weisgemacht, sie fänden auf diesem Weg ihre deutsche oder
europäische Herkunft und ihre heutigen Verwandten. Einige haben mich
anhand der DB wegen übereinstimmender Testergebnisse bereits
angeschrieben, um dann doch resignierend feststellen zu müssen, daß
dies, wie mir eine Dame schrieb, "doch tatsächlich nur ein weiterer
Weg sei, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen" ...
- Es müssen die Allele (Wiederholungen) auf möglichst vielen Markern
(Stellen auf der Y-DNS) der DNS untersucht werden, um im Vergleich mit
den Ergebnissen anderer Testpersonen höhere Wahrscheinlichkeiten der
Übereinstimmung zu erzielen.
- Für eine 99%ige Wahrscheinlichkeit handelt es sich jedoch um einen
Zeitraum von bis zu 50 Generationen = ca. 1.000 Jahren oder mehr (daß
viele von uns über diesen Zeitraum mehr oder weniger "verwandt" sind,
ist ohnehin bekannt, dafür benötige ich keinen teuren und vagen
DNS-Test).
- Daß wir von damals (sowieso fast nie vor ca. 1580/1550) keine
Urkunden finden werden, auch nicht unsere Vergleichsperson mit dem
möglicherweise gemeinsamen Vorfahren, ist uns auch klar.
- Je höher aber die Anzahl der untersuchten Marker, desto höher sind
natürlich auch die Kosten für die Laboranalyse. Mit der angeblich
höheren Genauigkeit wird aber massiv geködert!
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich selbst habe eine
12-Marker-Analyse durchführen lassen und muß leider (aber wie
prinzipiell erwartet) feststellen, daß der Test nicht mal ansatzweise
das bringt, was zwar vollmundig, aber beim Lesen zwischen den Zeilen
und beim Durchdenken der Angaben der Laborfirmen überall erstaunlich
unpräzise formuliert wird. Ich erhielt vom Schweizer Ableger einer
US-amerikanischen Laborfirma als Testergebnis die Angaben, ich gehöre
zur Haplogruppe I1a, mein Urvater sei "Wikinger (Antike) aus dem
Deutschland des 10./11. Jh." (???) gewesen, meine Urmutter "Keltin
(Antike) aus dem Vereinigten Königreich des 10./11. Jh." (noch mal
???).
Was in aller Welt soll man mit solchen Durcheinander anfangen?
Zugesandt erhielt ich von der Laborfirma dann noch eine dünne,
thermogebundene und gleich zerfallende Broschüre mit einigen
zusammenkopierten Seiten mit knappen und teils dilettantisch
ungenauen, unwissenschaftlichen Texten sowie einigen Übersichtskarten,
die man ohnehin überall frei im Internet finden kann und die nicht
alle von dieser Firma stammen. Meine Erfahrung: Das ist Geschichte,
Anthropologie und Ethnologie (keine Genealogie!), wie sie sich eher
Fritzchen und Klein Erna vorstellen ...
Nur ein Beispiel aus dem Text über meine "Wikinger"-Vorfahren: Man
bringt es tatsächlich fertig, dem Empfänger weiszumachen, "die
Wikinger" seien a) eine eigenständige Völkergruppe gewesen, die noch
dazu b) zeitlich neben den Italikern, Germanen und Slawen gelebt habe.
Muß ich noch mehr sagen?
Was man mit einem Ergebnis wie meinem anfangen könnte? Nun ja, ich
selbst interessiere mich neben Ahnenforschung, Geschichte und
Archäologie auch sehr für Anthropologie, Ethnologie und Sprachen. Für
mich ist es insoweit also schon sehr interessant, zu erfahren, zu
welchen Haplogruppen ich genetisch (aber nicht: genealogisch) gehöre.
Für meine Ahnenforschung in unserem Sinne aber kann ich nichts damit
anfangen, daß ich weiß, daß meine Urur...ahnen der Haplogruppe I vor
etwa 40.000 Jahren von Südosten nach Europa einwanderten, sich vor
etwa 25.000 Jahren vor der wachsenden Vergletscherung Europas in den
Süden des heutigen Frankreichs und auf die iberische Halbinsel
zurückzogen und dort über 10.000 Jahre lang lebten. Dort bildete sich
bei einem Teil der Bevölkerung durch eine Mutation die Haplogruppe I1a
aus und diese meine Vorfahren zogen etwa 14.000 vor heute den
schwindenden Gletschern nach Nordwesteuropa hinterher. Dies jedoch
erfuhr ich nicht etwa von dieser Laborfirma, sondern durch eigene,
intensive Beschäftigung mit diesen Themenkreisen.
Das heutige, überaus deutlich erkennbare Vorkommen der Hg I1a in der
Bevölkerung mit einer Konzentration bis zu 45 % liegt im nördlichsten
Teil Mecklenburgs, in Schleswig-Holstein und Dänemark und - in etwas
geringerer Konzentration - auch auf den britischen Inseln und in
Westfinnland, vor allem aber in Südnorwegen und Südschweden, die das
Dichtezentrum bilden. In der gesamtdeutschen Bevölkerung gehöre ich
als I1a-Träger einer Minderheit von 15 % an.
Wenn ich nun den Faden weiterspinne über die letzten ca. 8.000 Jahre
hinweg in Richtung Ahnenforschung im weitesten Sinn, dann stellt sich
für mich die Frage, woher denn nun meine väterlichen I1a-Vorfahren
(und wer waren sie?) ins südliche Sachsen-Anhalt gekommen waren, woher
seit 1580 meine FRITSCHE-Ahnen stammten? Und schon dies ist trotz
guter Kenntnisse der Vor- und Frühgeschichte, Archäologie,
Anthropologie und Ethnologie Mitteleuropas schwierig zu beantworten:
Trugen bereits die vor Chr. Geburt dort ansässigen Hermunduren die Hg
I1a in sich? War etwa schon deren Vorbevölkerung I1a-Träger? Oder kam
diese Hg erst im 3./4. Jh. aus dem westlichen Mecklenburg und Holstein
mit den Warnen und den Angeln in die Saale-Unstrut-Gegend?
Vom Ergebnis des mtDNA-Testergebnisses (mütterliche Urahnen) und
seinem praktischen Nutzen will ich gar nicht reden: Ich gehöre der Hg
H an, d. h., von meiner Urmutter "Helena" stammen außer mir auch sage
und schreibe 40 % aller Europäer ab!
Wie gesagt, für Anthropologen und Ethnologen interessante Ergebnisse,
aber was in aller Welt will man damit in der Ahnenforschung anfangen?
Diese unvorstellbar lange Lücke von Tausenden von Jahren hin zur
Ahnenforschung sagen wir des späten 16. Jh. n. Chr. kann man nicht mit
noch so ausführlichen DNS-Tests schließen!
Fazit: Hätte ich diesen Test nicht geschenkt bekommen, ich selbst
würde dafür nicht mehr als 10 Euro hinlegen!
Bedenkenswert ist darüber hinaus auch Folgendes:
Eine sehr unbehagliche Tatsache ist, daß bei den Laborfirmen von jedem
Testkandidaten die komplette DNS vorliegt, aufbewahrt wird und je nach
Belieben analysiert werden kann, ohne daß die Testperson dies jemals
erfahren dürfte. Klar, man hat jederzeit das Recht seine Probe und die
Ergebnisse vernichten zu lassen - nur: Wer von uns kann das
zuverlässig nachprüfen? Wir wissen schon heute nicht, wem diese
Laborfirmen tatsächlich gehören (insbesondere die US-amerikanischen
und deren Töchter) und erst recht nicht, wem sie in der näheren oder
späteren Zukunft gehören werden und an welche zahlenden oder
anordnenden Interessenten sie Analyseergebnisse weitergeben werden.
Das können staatliche oder halbstaatliche Behörden oder Organisationen
sein, das können Versicherungsgesellschaften sein (die schon jetzt
sehr an Angaben über ererbte Krankheiten interessiert sind, um ihr
Risiko zu minimieren), usw., usw.. Sicher reicht unsere Phantasie gar
nicht aus, uns im Entferntesten vorzustellen, was und wozu welche
Interessengruppen so alles aus unserer DNS erfahren möchten ...
Viele Grüße,
Jürgen