Einsatz von KI bei FamilySearch

Originally published at: Einsatz von KI bei FamilySearch • Verein für Computergenealogie e.V. (CompGen)

Der Vortrag von Torsten Kux, Area Manager Europe von FamilySearch International, am 3. Juli 2025 im Zoom-Meeting des Ahnenforscherstammtischs Unna über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei FamilySearch fand großen Zuspruch. Da nicht alle den Vortrag verfolgen konnten, wollen wir hier auf das sehenswerte und gerade veröffentlichte YouTube-Video verweisen, das der Organisator Georg Palmüller auf der Webseite des Ahnenforscherstammtisches verlinkt hat. Neben der Aufzeichnung gibt es noch ein umfangreiches Info-Padlet mit vielen Links zum Thema dieses Vortragsabends.

Vorstellung von FamilySearch

Nachdem sich der Referent kurz selbst vorgestellt hatte, zeigte er ein Video, in dem FamilySearch mit seinen kostenfrei zugänglichen familiengeschichtlichen Quellen präsentiert wird. Die Fakten zu dieser 130 Jahre alten Organisation, unterhalten von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage in Salt Lake City, USA, lassen staunen, was den Umfang der Daten und Aktivitäten angeht: 75 Millionen Nutzer haben weltweit Zugriff auf fast 17 Milliarden Einträge, die aus 11.000 Digitalisierungsprojekten weltweit extrahiert wurden. Die 2,4 Millionen digitalisierten Mikrofilme und neue Digitalisierungsprojekte machen eine Datenmenge von 27 PB (Petabytes; 1 PB = 1.000 Terabytes) aus, und jeden Tag kommen 5 Terabytes hinzu. Die Langzeitspeicherung und -sicherung ist eine große technische Herausforderung.

Erst wenn die zirka 5,5 Milliarden Bilder durchsuchbar gemacht worden sind, können die darin verzeichneten Personen in der Familienstammbaum-Datenbank genutzt werden. Bisher sind dort 1,7 Milliarden Personen enthalten. Damit sind aber bisher erst etwa 20 % der Bilder indexiert. Weitere 30 % sind indexierbar; bei den restlichen 50 % der Bilder ist es schwierig, die Daten z.B. aus Fließtexten zu extrahieren.

KI wird die Welt der Genealogie verändern

FamilySearch setzt schon seit einigen Jahren maschinenlernende Programme ein, um handschriftliche Texte lesbar zu machen, zu segmentieren und die Inhalte zu interpretieren. Die Bilder werden in Abschnitte und Zeilen eingeteilt und der Text erkannt und gelesen. In der weiteren Verarbeitung werden aus den Textinhalten Namen, Orte oder Datumsangaben identifiziert. Daraus wird ein Index erzeugt, der für die Suche zur Verfügung steht. Die weitere Entwicklung der Software in den letzten Jahren fasst diese einzelnen Prozessschritte in einen „Transformer“ zusammen, der ähnlich wie ChatGPT funktioniert. Bei Karteikarten oder logisch aufgebauten Tabellen kann die Software erkennen, in welchem Feld welche Daten stehen.

Die Volltextsuche mit KI in den digitalisierten Bildern, die auch hier im CompGen-Blog mit Anwendungsbeispielen beschrieben wurde, ist ein weiteres Hilfsmittel, das riesige bisher unerschlossene Datenmengen auswertbar macht. Die Qualität von Stammbäumen kann durch KI mit einem Forschungsassistent verbessert werden, indem dieser Vorschläge zur Ergänzung des eigenen Stammbaums macht. Ein Chat-Tool unterstützt durch Antworten auf Nutzerfragen die Navigation auf der FamilySearch-Plattform.

Auch die KI-unterstützte Erstellung von FamilySearch-Nutzer-Stammbäumen ist hier im Blog bereits mit Praxisbeispielen behandelt worden. Im Gegensatz zum bisherigen Familienstammbaum werden dabei in einem geschützten Raum – reserviert für einzelne Bearbeiter und Gruppen – Daten zum Stammbaum bearbeitet. Diese neuen Tools sind auf der Webseite FamilySearch.org/labs zu finden. Dort werden weitere noch in Entwicklung befindlichen Tools vorgestellt, meist noch in englischer Sprache.

Wer wissen möchte, wie die genealogische Datenerschließung und -verknüpfung bei Einsatz Künstlicher Intelligenz erfolgen kann, sollte sich die Aufzeichnung und das Info-Padlet anschauen.

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Es wird vor allem zu einem weiteren „Deskilling“ (Verlust von Fähigkeiten) kommen, bspw. bei der inhaltlichen Einordnung von Angaben in historischen Dokumenten. Dazu braucht es eines historischen Kontextwissens, das entweder aus eigener Erfahrung (ein Neunzigjähriger konnte mir neulich hervorragend mit Verwaltungsabläufen im West-Berlin der 1960er Jahre helfen oder mit Details zur Campagne, der Zuckerrübenernte) stammt oder - altmodisch oder nicht - umfassende Beschäftigung mit einem Thema voraussetzt.

Auch wenn die kommerziellen Genealogie-Anbieter bemüht sind, jede Form von Algorithmus, OCR, anderer Mustererkennung oder Kolorierung als „KI“ zu bewerben, stößt man als praktischer Genealoge schnell an die Grenzen der Sprachmodelle (i.d.R. geht es beim Hype um diese). Viele Fragen zu historischen Sachverhalten, Bildinterpretationen etc. beantworten eben auch die besten Modelle in Ermangelung von Weltwissen mit einem Schwall aus ungefährem Blabla. Das kommt leider zu einer kritischen Zeit, weil viel Expertise - nicht zuletzt in den historischen Hilfswissenschaften und anderen Bereichen - aus demographischen Gründen weggefallen ist und als Korrektiv nicht mehr zur Verfügung steht. Dieses Korrektiv ist aber wichtig, wenn man bei gleichzeitigem Wegfall von Büchern und menschlicher Expertise eben nicht eine plausible/wohlfeile/selbstbewusste sondern eine richtige Antwort möchte.

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Ja, sehe ich genauso. Wird sich aber leider nicht aufhalten/vermeiden lassen. Beim Kampf gegen die Windmühlen sollten wir das beste draus machen und die Vorteile der Entwicklung (kritisch hinterfragend) mitnehmen.

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Ich vergleiche die Umbruchphase, in der wir uns gerade befinden, gerne mit der Industriellen Revolution. Ein Motor, kleiner und genügsamer als ein Pferd, hat eine Leistung von 100 PS. Damit wurde damals die Welt verändert. Eine KI kann Textmengen auswerten, für die man bisher 100 Menschen benötigt (oder 1 Mensch 100 mal so lange). Also wie bei der Industriellen Revolution eine Effizienzsteigerung um den Faktor 100. Nur ist dieses Mal nicht physische Arbeit betroffen, sondern geistige.

Natürlich bringt eine solche Revolution große Veränderungen mit sich. Berufe und Tätigkeiten fallen weg, neue entstehen. Kenntnisse gehen verloren: ich weiß weder wie man mit einem Pferd einen Acker bestellt noch wie man einen Traktor repariert. Kann aber gut damit leben.

Die gewaltige Effizienzsteigerung bei geistigen und kreativen Tätigkeiten durch den Einsatz von KI führt dazu, dass sich diese Revolution nicht aufhalten lässt. Nur durch frühzeitige und intensive Beschäftigung damit kann man dafür sorgen, dass man selbst auch Vorteile daraus zieht. Und wir müssen, genau wie bei der Industriellen Revolution, darauf achten, dass nicht die Macht in die Hände einiger weniger gelangt und die Demokratie Schaden erleidet.

Wir setzen uns bei CompGen dafür ein, dass genealogische Daten und Fähigkeiten allen offen zur Verfügung stehen. Natürlich haben auch kommerzielle Angebote, wie MyHeritage oder Ancestry, ihren Platz. Beim Einsatz von doch komplexen Werkzeugen wie KI besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass nur wenige große Akteure ihre Position stärken. Wir alle müssen wissen, wie man mit KI umgeht, wo man vorsichtig sein muss. KI kann man in der tagtäglichen genealogischen Tätigkeit an so vielen Stellen gewinnbringend einsetzen, man muss aber wissen, wie das geht.

https://wiki.genealogy.net/Künstliche_Intelligenz

Da mag es passable Anwendungszwecke geben, aber bspw. schon bei der Aufgabe „Zusammenfassen“ ist nicht zwangsläufig ein pointiertes Ergebnis zu erwarten, was die Sachverhalte auch richtig darstellt. Wenn wir das allein hinsichtlich „Geschwindigkeit“ bewerten, ist unsere Bewertung eingeschränkt.

Ich warte auf den Tag, wo dies in dieser Allgemeinheit empirisch bestätigt wird.

Bis dahin muss ich mich jeden Tag auf Arbeit mit KI-generierten weitschweifigen Mails auseinandersetzen, eine Flut von KI-generierten Veröffentlichungen in meinen Recherchen ausfiltern und jedesmal einen Euro ins Phrasenschwein werfen, wenn die KI von morgen als Lösung für die Probleme von heute angeführt wird; wohlgemerkt von Leuten, die damit weniger praktische Erfahrung haben als ich. (Ich nutze LLMs durchaus als Programmierassistenz, habe das Experimentieren in diversen anderen Bereichen - bspw. Literaturrecherche - aber eingestellt).

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Das ist richtig. Geschwindigkeit ist eine Sache, Qualität eine weitere. Ich sehe da KI als Werkzeug, das es mir erlaubt, einfache Dinge schnell zu erledigen. Für die Qualität muss ich dann gerade stehen. Das nutzt Du ja anscheinend beim Einsatz als Programmierassistenz genauso wie ich.

Bei der Recherche, also beim Suchen nach etwas, was ich nicht weiß, bin ich auch vorsichtig. Mal findet die KI gute Dinge, mal liegt sie leicht daneben, mal halluiziniert sie etwas, was ich nur mit Aufwand bei der genauen Prüfung entdecke. Wenn ich seit Jahren an einem toten Punkt forsche, kann ich nicht erwarten, dass die Frage nach einem unbekannten Vorfahren von der KI eine sofortige Lösung bringt. Aber ich kann darstellen, was das Problem ist und was ich bereits versucht habe. Dann kann mir die KI Feedback geben, was ich vielleicht noch versuchen könnte. Oft kommen dabei neue gute Recherche-Ideen bei heraus.

Hallo,

[Hermann_Hartenthaler] Hermann_Hartenthaler <https://
discourse.genealogy.net/u/hermann_hartenthaler>
25. August

Ich vergleiche die Umbruchphase, in der wir uns gerade befinden, gerne
mit der Industriellen Revolution. […]

Natürlich bringt eine solche Revolution große Veränderungen mit sich.
Berufe und Tätigkeiten fallen weg, neue entstehen. Kenntnisse gehen
verloren: ich weiß weder wie man mit einem Pferd einen Acker bestellt
noch wie man einen Traktor repariert. Kann aber gut damit leben.

Du bist auch kein Landwirt, soweit ich weiß.

Es ging @Christoph_M aber um Fähigkeiten, die mit der Genealogie zu tun
haben.

[Christoph_M] Christoph_M
https://discourse.genealogy.net/u/christoph_m
24. August

Es wird vor allem zu einem weiteren „Deskilling“ (Verlust von
Fähigkeiten) kommen, bspw. bei der inhaltlichen Einordnung von Angaben
in historischen Dokumenten. Dazu braucht es eines historischen
Kontextwissens, das entweder auf eigene Erfahrung (ein Neunzigjähriger
konnte mir neulich hervorragend mit Verwaltungsabläufen im West-Berlin
der 1960er Jahre helfen oder mit Details zur /Campagne/, der
Zuckerrübenernte) oder - altmodisch oder nicht - umfassende
Beschäftigung mit einem Thema herrührt.

Ein Vergleich wäre die Einführung von GPS-Navigation in Autos: Wir
kennen alle die Berichte aus der Navi-Anfangszeit (oder vielleicht gibt
es das immer noch, nur wird nicht mehr darüber berichtet) über Leute,
die Hunderte Kilometer in die falsche Richtung gefahren sind, weil sie
das Ziel falsch eingegeben haben? Offenbar fehlte da auch das
geographische Kontextwissen.

Schöne Grüße
Renate