Deutsche Kolonisation in Schlesien

Liebe Listenmitglieder,
Lieber Reinhard,

zun�chst nochmals herzlichen Dank an Reinhard f�r seine Quellenabschrift.

Mich interessiert nun die deutsche Kolonisation:
Begann sie schon 1742 nach dem ersten schlesischen Krieg oder erst
eigentlich so richtig 1763 nach dem
siebenj�hrigen Krieg (dem dritten schlesischen Krieg)?
Wurden die Dreschg�rtnerstellen, die zu Erhaltung der Arbeitskraft dienten,
da die Frondienste in Deutsch-Schlesien
nur 1-2 Tage in der Woche betrugen, zumeist erst nach der deutschen
Kolonisation vergeben?

Viele Gr��e aus Bremen,
Thomas Oszinda

...Im deutschen Kolonisationsrechte lag das Verh�ltnis zwischen Grundherrn
und
l�ndlichem Untertan so, dass "zwei Personen verschieden gestaltet Anrechte
an
dasselbe St�ck Land haben" , also "ein doppeltes Eigentumsrecht" besteht. Am
Ende der Siedlungszeit sitzen in Schlesien etwa 180 000 deutsche Bauern, die
"friedlich, ohne Kampf, gerufen und unterst�tzt von den Landesherren aus
slawischen Geschlechtern" neben den slawischen Bauern wirken. ...

...In Deutsch-Schlesien stiegen die Frondienste selten h�her als
1 -2 Tage in der Woche, in den polnischen Teilen betrugen sie 4 - 5 Tage.
....

  ... Um trotz der geringen Frondienste die n�tigen Arbeitskr�fte f�r
Deutsch-Schlesien zu erhalten, werden die "Dreschg�rtner" angesetzt, deren
Aufgaben zuerst 1387 beschrieben werden. Sie m�ssen, da ihr kleiner Besitz
sie nicht n�hrt, gegen einen Anteil am Rohertrage die ganze Ernte des
Gutsherrn einbringen und das Getreide ausdreschen. Die entsprechenden
"Dienstg�rtner" in den polnischen Landesteilen stehen unter viel
ung�nstigeren Arbeitsbedingungen und haben schlechtere Besitzrechte. Die
Lage der Dreschg�rtner wird im Verh�ltnis zu der der Bauern immer besser, da
sich ihre Bez�ge erh�hen, aber auch sie werden wie die Bauern erbuntertan.
Die dr�ckendste Seite dieser Erbuntert�nigkeit ist die Verpflichtung zum
Zwangsgesindedienst auf dem Gute. Das bessere Besitzrecht f�hrte dazu, dass
z.B. im Landkreise Breslau den Landgemeinden 52 vom Hundert des Bodens
geh�ren, gegen 48 vom Hundert Boden der Gutsbezirke, w�hrend z.B. im Kreise
Lublinitz 70 vom Hundert Boden des Bodens auf die Gutsbezirke und nur 30 vom
Hundert auf die Landgemeinden f�llt. Erst unter Friedrich dem Gro�en k�mmert
sich der Staat um Bauernschutz und Bauernbefreiung. ......

Quelle: Schlesische Volkskunde, Joseph Klapper, 1925, Verlag Ferdinand Hirt,
Breslau, Seite 23 und 24

Lieber Thomas,
Deine zweite Frage kann man pauschal mit Nein beantworten. Reinhard hatte
die Jahreszahl 1387 genannt, und generell setzt die Ansetzung der
Dreschg�rtnerstellen nicht die deutsche Kolonisation der jeweiligen Region
voraus.
Auf die erste Frage kann man so pauschal nur antworten, dass die
Kolonisation 1163 begann (1175 Stiftung Kloster Leubus, ab 1201
entscheidende F�rderung der Einwanderung deutscher Siedler durch Heinrich I.
von Schlesien) und sich in verschiedenen Sch�ben immer fortsetzte, bis sie
etwa Ende des 14. Jahrhunderts zu einem vorl�ufigen Stillstand kam. Durch
die Hussitenkriege 1419-1436 und durch wirtschaftliche Probleme kam es dann
zu einem Siedlungsr�ckgang.

Man muss aber nach den einzelnen Regionen Niederschlesiens differenzieren,
wenn man den Zeitpunkt der l�ndlichen deutschen Besiedlung festlegen will.
W�hrend die St�dte auch im �stlichen Niederschlesien alle schon von der
mittelalterlichen Kolonisation erfasst worden waren, wurden die D�rfer
�stlich von Oels vielfach erst sp�ter deutsch besiedelt. In der uns
interessierenden Region Neumittelwalde setzte der entscheidende
Siedlungsschub erst im achtzehnten Jahrhundert ein. F�r diese Region muss
man Deine Frage so beantworten, dass eine verst�rkte Ansiedlung von Sachsen,
Hessen, W�rttembergern und Tschechen durch Friedrich den Gro�en schon ab
1742 erfolgte. �ber diese Siedlung m�ssten im Archiv mehrere Mails z.B. von
G�nter B�hm aus Hilden, aber auch von mir zu finden sein. Hier aber noch
einige Zitate dazu:
"[...] Neumittelwalde [kam] mit dem Herzogtum Oels an die s�ddeutschen
W�rttemberger, unter denen der letzte m�nnliche Erbe, Karl Christian
Erdmann, f�r die Herrschaft von gr��ter Bedeutung wurde. Er trat sein Erbe
1744 an und folgte als Zeitgenosse Friedrichs des Gro�en den
wirtschaftlichen Pl�nen des k�niglichen Volkswirts, als er auf seinen G�tern
mehrere neue Siedlungen oder Kolonien anlegte. In seiner Zeit wurde auch die
herzogliche Verwaltung der Oels-Braunschweigischen G�ter so von den
merkantilistischen Vorstellungen vom Nutzen einer Bev�lkerungsvermehrung
erfasst, dass sie in der zweiten H�lfte des 18. Jahrhunderts den
friderizianischen Siedlungsgedanken aufnahm und vier neue D�rfer begr�ndete:
Erdmannsberg, Friederikenau, Mariendorf und Wielgy mit zusammen 72 G�rtner-
und 4 H�uslerstellen."
(aus dem Heftchen: Aus der Entwicklung von Neumittelwalde von Herbert
Schlenger, S. 9)

"Und trotzdem ist die Welle, die mit dem Anbruch der preu�ischen Zeit 1740
�ber Schlesien brauste, nicht achtlos an Neumittelwalde vor�bergerauscht. Im
Gegenteil, ein lebendes Denkmal hat sich der K�nig in den Weinbergen, die im
S�den und Norden die Stadt �berragen, gesetzt. Sie wurden f�r Neumittelwalde
das Symbol der friderizianischen Zeit und ihres Staates. Neue B�rger aus
S�ddeutschland wanderten in gr��erer Zahl zu, und das, was der Stadt
vielleicht im Mittelalter noch nicht in diesem Ma�e verg�nnt war, wird ihr
nun zuteil: Sie kann als rechte ostdeutsche Grenzstadt F�den famili�rer
Bande kn�pfen zu den altdeutschen Siedlungsgebieten westlich der Elbe und
s�dlich des Mains. [...] Am 3. Januar 1743 schloss er [Johann Jakob Lutz]
als B�rgermeister unter dem Beistand von Johann Gottfried Schreiner mit dem
Grundherrn von Ober- und Nieder Ossen, Karl Wilhelm von Koschembar, einen
pers�nlichen Kaufvertrag �ber ein an der Kraschener Grenze stehendes Haus
samt dem zwischen dem sog. Karls- und K�tzelberg gelegenen Acker ab, der
Lutz und seinen Erben f�r 130 Reichstaler �berlassen wird.[...] Die Reben
wurden gepflanzt, und bereits am 25. Oktober 1745 konnte mit Glockengel�ut
und frohem Lied die erste feierliche Weinlese gehalten werden. [...] Unter
den bis zu diesem Jahre [Gr�ndung eines Zusammenschlusses der Weinbauern
1755] neu zugewanderten Weing�rtnern finden sich Namen alteingesessener
Stadtb�rger, wie Weiniger, Krau�, Dittrich, Maurer, Frey, die aus der Gegend
von Ottmarsheim, Northeim, Liebenstein und L�blingen im heutigen W�rttemberg
gekommen sind."
(aus dem Heftchen: Aus der Entwicklung von Neumittelwalde von Herbert
Schlenger, S. 21)

"Gleichzeitig mit den schw�bischen Kolonisten in Neumittelwalde entstanden
in seiner weiteren Umgebung durch die Initiative der Gutsherren und
gef�rdert durch staatliche Beihilfe zahlreiche Kolonien, wie Charlottenfeld,
Wegersdorf, K�nigswille u.a. Sie alle waren schon an ihrer Namensgebung,
aber auch in ihrer Anlage als Gr�ndungen des 18. Jahrhunderts zu erkennen."
(aus dem Heftchen: Aus der Entwicklung von Neumittelwalde von Herbert
Schlenger, S. 24)

"Um eine Zunahme der Bev�lkerung, eine Vermehrung der Eink�nfte und Dienste
zu bewirken, verlangte der K�nig, dass gr��ere G�ter und Vorwerke zerst�ckt
und mit Wirten eingent�mlich oder erbpachtig besetzt w�rden, wie er in
diesem Sinne bereits selbst w�hrend der Sequestration der Standesherrschaft
mit seinem Beispiel vorangegangen war, indem er die Kammerg�ter Tschermin
und M�rzdorf zerst�cken und an Kolonisten hatte austun lassen. [...] [Die
Beh�rden ermunterten] immer und immer wieder die Grundherrschaften zur
Anlage neuer Kolonien und zahlten sogar f�r jede Stelle, die neu errichtet
und mit dem erforderlichen Lande versehen war, eine Beihilfe von 150
Reichstalern. So entstand im Kreise damals eine ganze Anzahl von Kolonien,
die meist nach ihren Anlegern oder deren Familienangeh�rigen benannt
wurden."
(aus: Geschichte der freien Standesherrschaft, der Stadt und des
landr�tlichen Kreises Gro� Wartenberg von Joseph Franzkowski)

Friedrich der Gro�e hat sich bem�ht, niemals Menschen anzusiedeln, die aus
anderen preussischen Gebieten kamen, z.B. aus Brandenburg oder Pommern, da
es sein Ziel war, �berall gleicherma�en die Bev�lkerungsentwicklung zu
f�rdern. Deshalb kamen au�er Zuwanderern aus Mittel- und Westdeutschland,
die Eisenh�tten- und Glash�ttenarbeiter- sowie Holzf�llersiedlungen
anlegten, vor allem Protestanten aus �sterreichisch-Schlesien und aus
B�hmen. Diese Siedlungen wurden bereits in den 40er Jahren angelegt.

Ganz anders ist es mit der Siedlung im angrenzenden Posen in den Kreisen
Adelnau und Ostrowo, die so richtig erst um 1770 einsetzt.

Viele Gr��e von Peter Ebenfeld