Folge 39 vom 24.09.1955
Seite 1 Wilhelm Gustloff gehoben. Noch Hunderte von Leichen im Wrack
Das Wrack des ehemaligen deutschen Passagierschiffes, Wilhelm Gustloff, wude von Marine- und Bergugskommandos gehoben. Es soll auf Grund gesetzt und in Swinemnde abgewrackt werden.
Diese knappe Meldung findet man in der polnischen Fachzeitung für Binnenschiffahrt, Zagluga na Odrze. Das schlamm- und algenbedeckte Wrack des einstigen deutschen Urlaubsschiffes sei nach monatelangen schwierigen Bergungsversuchen endlich aus den Fluten der Ostsee aufgetaucht. Dabei habe man festgestellt, dass die Meldungen der Taucher stimmten, wonach sich im Schiffsinneren der, Wilhelm Gustloff, noch unzählige Leichen, wahrscheinlich mehrere hundert, befänden.
Das erschütternde Schicksal der, Wilhelm Gustloff, mit der bekanntlich in der furchtbaren Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945, vor nunmehr über zehn Jahren, auch unzählige ostpreußische Landsleute den Tod fanden, ist im Ostpreußenblatt mehrfah eingehend geschildert worden. Die Zahl der ostdeutschen Heimatvertriebenen, verwundeten Soldaten, Frauen, Kinder, Mütter und Greise, die sich in jener Naht an Bord des über 25 000 BRT großen einstigen Urlaubsschiffes und späteren Transporters befanden, konnte nie genau ermittelt werden. Die Schätzungen schwanken zwischen 4500 und über 6000 Menschen. Nur etwa achthundert Personen haben nach der Katastrophe Platz in den wenigen Rettungsbooten gefunden und jene Nacht des Grauens überlebt.
Wie glücklich waren inmitten alles furchtbaren Geschehens doch die Fünf- bis Sechstausend gewesen, die in Gotenhafen doch noch ein Plätzchen auf diesem mächtigen Transportschiff erhielten! Wilhelm Gustloff, lief, wie eine Überlebende in unserem Blatt fünf Jahre nach dem Unglück schilderte, am Spätnachmittag des 30. Januar 1945 aus. Kinder und Frauen legten sich, während das mächtige Schiff auf dem Wege um die Halbinsel Hela die freie See gewann, auf Anordnung des Kommandos mit Schwimmwesten in die Kojen. Zwischen Rixhöft und Stolpmünde wartete bereits ein sowjetisches U-Boot auf das Schiff der Vertriebenen; es wurde später festgestellt, dass etwa um 21:16 Uhr abends von diesem Boot die drei Torpedos auf das völlig wehrlose und ohne Geleit fahrende Schiff gelöst wurden. Es herrschte in diesem Augenblick eisiger Wintersturm, und auf einen Schlag ging das Licht aus. Grauenvolle Szenen haben sich auf dem todgeweihten Schiff abgespielt. Während sich die, Gustloff, schon sehr bald nach der Backbordseite neigte, drängten sich auf den Decks angsterfüllte, schreiende Menschen. Nur sehr wenige hatten das Glück, doch noch bis zu den Rettungsbooten vorzudringen. Viele andere haben das Schiffsinnere überhaupt nicht mehr verlassen können, und auch von den übrigen wurden Ungezählte noch das Opfer der eisigen See.
Am 10. Februar 1945 ging bekanntlich auch noch der Lloyddampfer, General Steuben, mit über dreitausend Menschen in die Tiefe, und nahezu siebentausend ostdeutsche Landsleute und Soldaten fanden am 16. April 1945 ebenfalls vor Stolpmünde nach einer Torpedierung den Tod in der Ostsee auf dem Motorschiff, Goya. Noch eine ganze Anzahl weiterer Schiffe mit Vertriebenen sind durch sowjetische U-Boote und Flugzeuge in jenen Monaten vernichtet worden. Über 2,2 Millionen Menschen aus Ostpreußen und den anderen deutschen Ostgebieten hat bekanntlich die deutsche Kriegs- und Handelsmarine in unermüdlichem Einsatz und unter den schwierigsten Verhältnissen doch noch in Sicherheit bringen können. In der Folge 15 vom 5. November 1950 konnten wir seinerzeit in „Wir Ostpreußen“ eine Reihe von Namen der Opfer der „Wilhelm Gustloff, bekanntgeben, die, insgesamt handelte es sich um 123 Personen, von der Kriegsmarine nach Pillau gebracht und dort in einem Massengrab auf dem Friedhof in Pillau I zur letzten Ruhe gebettet worden sind. Auch unter diesen Toten befanden sich Ostpreußen.
Wie die, Trybuna Ludu, das Blatt der polnischen Kommunisten in Warschau, aus Stettin berichtet, wurde in der Stettiner Bucht die Hälfte des Wracks eines versenkten Transportschiffes nach monatelangen Vorarbeiten gehoben. Das Wrackstück, ds etwa fünftausend Tonnen Schrott ergibt, wurde nach Swinemünde transportiert, wo es zerlegt und von wo der gewonnene Schrott an polnische Hüttenbetriebe weitergeleitet wird. Eine ähnliche Meldung hat auch die Polnische Nachrichtenagentur gebracht.
Es ist anzunehmen, dass es sich bei diesem Wrack um die, Wilhelm Gustloff, handelt, doch müssen erst weitere Nachrichten abgewartet werden.
Seite 6 Suchanzeigen
Mit Foto. Russlandheimkehrer! Wer kann Auskunft geben über meine Schwester Emmy Christofzik, geb. 01.02.1930 in Stollendorf, Kreis Johannisburg? Meine Schwester wurde 1945 nach Russland verschleppt. Für die kleinste Nachricht ist dankbar, Frau E. Awischus, geb. Christofzik, Berlin-Neukölln, Fuldastraße 8. Ferner brauche ich für eine Bestätigung die Anschrift von Fräulein Adelheid Krepf, und Frau Eva Laukat, früher: Lötzen, Ostpreußen
Achtung! Wer kann Auskunft geben über meinen Mann, Emil Harder, geb. 25.02.1895. Beruf: Kämmerer in Palmnicken, Ostpreußen, vermisst seit 18. April 1945? Nachricht erb. Frau Elise Harder, Wintersheim, Kreis Mainz, Hillesheimer Weg, früher: Palmnicken, Ostpreußen
Gesucht aus Königsberg Pr. Frau Maria Holtsch, geb. 24.02.1889, geb. Nowotka, Holländerbaum 6, und Luise Pauluhn, geb. Nowotka, geb. 04.02.1880, Wrangelstraße 21a. Nachr. erb. Hedwig Stgeinweg, Holzwickede, Kreis Unna, Bahnhofstraße 27
Suche die Firma W. Jander, Hoch- und Tiefbau sowie Straßenbau, früher Königsberg-Maraunenhof, Büro Hoverbeckstraße, und die Firma Matusches, Straßenbauwesen, in einer Rentenangelegenheit. Nachr. erb. Fr. Hedwig Kleinfeld, Essen-Rüttenscheid, Ulmenhof 39
Wer kann Auskunft über meinen Sohn, Helmut Krisp, aus Ortelsburg, Ostpreußen, Uffz., zuletzt Braunsberg, Ostpreußen, Marsch.-Komp. Füs.-Ers.-Bat. 22? Nachricht erb. Fr. Auguste Krisp. Lübeck, Marquardstraße 17
Suche meinen Bruder, Willy Scheller, geb. 13.07.1920, aus Insterburg, Ostpreußen, von Beruf Polizeiwachtmeister, vermisst am 10.04.1944 in Bessarabien zwischen Chisinau und Jassi, Feldpostnummer 33 732 F. Nachr. erb. Frau Maria Hülse, Koblenz, Karmeliterstraße 1
Mit Foto. Wer kann Auskunft geben über den Verbleib von Siegfried Reszies, aus Tilsit, Ostpreußen, Blücherstraße 8, geb. 26.12.1922? Siegfried Reszies wird als Obergefreiter bei einer mot. Einheit, Feldpostnummer 67 226 C seit Januar 1945 im Raume Rollbahn Warschau-Radom vermisst. Nachr. erb. seine Mutter Marta Reszies, Coburg, Alexandrinenstraße 2
Aus Königsberg Pr. werden gesucht: Ingenieur Julius Krüger und Frau, geb. Biernath, Hoffmannstraße 3; Buchhalter Franz Schmidtke und Frau Ida, geborene Stahl, Kurfürstendamm 19; Martha Lipkowsky, Tragh. Kirchenstraße 36; Geschwister Klara und Lisbeth Preuss, Kalthöfsche Straße 41; Frau Thea Englick, geborene Helm, Große Schloßteichstraße. Nachricht erb. Emma Valde, Schwenningdorf 273, über Bünde, Kreis Herford.
Wer weiß etwas über das Schicksal der Ehefrau Minna Krüger, geborene Geneit aus Powayen, Ostpreußen, geboren am 22.09.1889 in Lauknigen, Samland? Am 8. Februar 1945 war sie auf der Flucht von Gallgarben. Es wird um Nachricht gebeten an Amtsgericht in Detmold, Aktenzeichen 4 II 209/55
Suche Wilhelm Mitzkus und Frau, beide wohnhaft Pageldienen bei Plaschken, Kreis Heydekrug, Ostpreußen, sowie deren Pflegetrochter, Anni Redweik, geb. 25.10.1922/1923, zuletzt bei der Luftwaffe in Hamburg von 1943 – 1945. Unkosten werden erstattet. Nachricht erb. Helene Milewski. Gill, Rommerskirchen, Landw. Trocknung, bei Köln am Rhein.
Gesucht wird Fräulein Charlotte Schäfer, aus Kussen, Kreis Schloßberg, mit der ich vom 17.04.1945 bis 17.05.1947 im Lager Königsberg-Charlottenburg zusammen war. Ferner werden Lagerinsassen des Lagers Löwenhagen bei Königsberg gesucht, die am 22.02.1948 ausgewiesen wurden. Nachr. erb. Frau Anna Paschkewitz, Alvesen 23, Kreis Harburg
Mit Foto. Wer weiß etwas über das Schicksal des Leutnants Heinz Wolf, geb. 20.08.1913, Konzertmeister aus Stettin, zuletzt wohnhaft in Stuttgart? Heinz Wolf soll Anfang März 1945 zu einer Infanterie-Einheit im Raum Schwarwasser, Schlesien, versetzt worden sein und wird seit dem 12. März 1945, vermisst. Nachr. erb. sein Bruder Günter Wolf, (13a) Coburg, Alexandrinenstraße 2
Seite 6 Amtliche Bekanntmachungen
Amtsgericht I Karlsruhe-Durchlach, den 3. September 1955
Az.: UR II 33/55 Aufgebot
In dem Aufgebot, veröffentlicht in, Das Ostpreußenblatt, am 27.08.1955, Folge 35, Nr. 56 407, wegen Todeserklärung der Eheleute Rentner Franz Stanowicki, geb. am 07.10.1863 in Skarlin, Ostpreußen, und dessen Ehefrau Marianna, geb. Materna, geb. am 28.12.1888 in Dietrichswalde, beide zuletzt wohnhaft ebenda, wird die auf 8. Oktober 1955 festgesetzte Frist verlängert auf: Samstag, den 12. November 1955, vormittags, 10 Uhr. Die Genannten werden aufgefordert, sich bis zu diesem Zeitpunkt vor dem Amtsgericht hier, II. Stock, Zimmer Nr. 25, zu melden, widrigenfalls sie für tot erklärt werden können.
II 25/55 Beschluss:
Es wird für tot erklärt der Verschollene Werner Stanowski, zuletzt Buchdruckerlehrling in Goldap, Ostpreußen, Lilienthalstraße 2, geb. 20.04.1925 in Goldap, Ostpreußen, als Gefreiter der Einheit Aufklärungsabteilung 8, sodann unbekannte Feldeinheit im Osten, seit Neujahr 1945 in den Kämpfen in Ostpreußen vermisst. Als Todeszeitpunkt wird der 31. Dezember 1945, 24 Uhr, festgestellt.
Straubing, den 10. September 1955 Amtsgericht Straubing.
Seite 7 Ebenrode, Stallupönen
Gesucht werden:
Die Eisenbahner Franz Schwarz, aus Schloßbach und Karl Heims, aus Buschfelde
Seite 7 Lyck
Seinen 85. Geburtstag feierte am 17.07.1955, Jakob Zacharias, Schönhorst, in Düsseldorf, Bandelstraße 20.
Ihren 75. Geburtstag feierten am 23. August 1955, der älteste Sybbaner Friedrich Faltin in Bochum-Harpen, Gertrudistraße 4, und Frau Anna Koch, aus Lyck, Morgenstraße 17, in Recklinghausen, Westf., Herzogwald 22, und am 9. September 1955, Post-Betr.-Ass. a. D. Leopold Konopatzkl in Visselhövede, Hannover, Danziger Straße 7.
Am 17.07.1955 wurde Adam von Lojewski aus Kreuzborn, 80 Jahre; er feierte am 24.08.1955 seine Goldene Hochzeit in Goldberg, Mecklb., Straße der Solidarität 7. Von Lojewski war Kreistagsabgeordneter.
Am 1. und 2. Oktober 1955 feiert das Sängerkränzchen der Lycker Prima, in Hannover im Künstlerhaus, sein 125. Stiftungsfest.
Seite 9 Eine helle Jungenstimme rief, Papa!. Erhard Napiletzki kannte die Eltern nur vom Foto.
Auf dem Bahnhof des Heimkehrer-Durchgangslagers Friedland wartete in diesen Tagen ein hochgewachsener Mann Stunden um Stunden. Machen Sie sich nicht zuviel Hoffnung, er wird Sie ja nicht erkennen, hatten die Angestellten der lagerleitung gesagt. Aber Vater Napiletzki aus Gadenstedt im Kreise Peine harrte aus. Aber ich werde doch meinen Jungen kennen! Endlich, zwei Stunden nach Mitternacht lief der angekündigte Zug mit den Heimkehrern aus Polen ein. Und doch ehe der Mann auf dem Bahnsteig ein Wort über seine Zunge brachte, erschien über einem geöffneten Abteilfenster ein blonder Jungenschopf, und eine helle Stimme gellte durch den Bahnhof: Papa!
Erhard Napiletzki, mit seinen zwölf Jahren der vermutlich jüngste Heimkehrer aus dem Osten, hatte den Vater erkannt, obwohl er dessen Angesicht noch nie im Leben mit Bewusstsein gesehen hatte. Denn Erhard war zwei Jahre alt gewesen, als er zusammen mit der Großmutter allein im ostpreußischen Mohrungen zurückgeblieben war. Der Vater war zu jener Zeit Soldat, die Mutter erwartete, als die Rote Armee gegen Ostpreußen anbrandete, in einem Krankenhaus gerade ihr zweites Kind und war rechtzeitig nach Westen evakuiert worden.
Alles was das Kind bis jetzt von seinen Eltern kannte, war ein Foto, das der Vater ihm hatte vor Jahren schicken können. Die Eltern, die sich nach Kriegsende in Gadenstedt im niedersächsischen kreis Peine wiedergefunden hatten, haben nichts unversucht gelassen, den Aufenthaltsort von Erhard aufzuspüren. Mit Hilfe des Kindersuchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes hatten sie erfahren, dass die Großmutter 1951 in Ostpreußen verstorben war, dass der Junge dann zunächst zu einer anderen deutschen Frau in der Heimat gekommen und schließlich in ein polnisches Kinderheim in Stettin einquartiert worden war. Sie schrieben wiederholt. Aber nie, nicht ein einziges Mal, war eine Antwort des Kindes nach Gadenstedt gelangt.
Jetzt, nachdem unzählige Briefe des Vaters an caritative Stellen, an Behörden und selbst an den polnischen Staatspräsidenten geschrieben worden waren, traf überraschend in Gadenstedt die Nachricht ein: Ihr Sohn wird mit dem nächsten Heimkehrertransport im Lager Friedland eintreffen.
Zum erstenmal in seinem Leben sagte in diesen Tagen der zwölfjährige zu seinen Eltern, Papa und Mama, und es ist schwer zu sagen, wer dabei glücklicher lacht, der kleine Bondschopf oder Vater Napiletzki und seine Frau. Aber diese beiden Worte, die für Millionen von Kindern eine Welt, ihre Welt, umschließen, sind die einzigen Worte, die Erhard bisher in seiner Muttersprache beherrscht. Denn er spricht nur polnisch. Erhard erinnert sich an die Großmutter, an Einzelheiten der ostpreußischen Wohnung, aber an kein deutsches Wort. Der Vater, der etwas Polnisch kann, muss vorläufig jedes Gespräch am Familientisch verdolmetschen.
Napiletzkis sind nicht nur überglücklich, ihren jungen wieder zu haben. Sie freuen sich auch, dass der kleine Kerl in guter gesundheitlicher Verfassung ist, und dass er augenfällig wohlerzogen zurückkam. Er muss in den letzten Jahren eine sehr gute, offenbar katholisch beeinflusste Erziehung genossen haben. Er ist höflich, hat gute Tischsitten und ein gutes Schulzeugnis mitgebracht. Danke, ist das erste deutsche Wort, dass er in seiner neuen Heimat bei den Eltern von selbst gelernt hat.
Nach Herzenslust tobt der kleine Heimkehrer in Gadenstedt mit Schwester Sigrid, die sehr stolz auf den neuen, großen Bruder ist, und mit den anderen Kindern des Dorfes umher. Was tut es schon, dass er ihre Sprache noch nicht spricht? Kinder haben eine eigene Verständigung, und Erhard ist längst einer der ihren geworden. Foto: Familie Napiletzki ist glücklich.
Seite 11 Im alten Garten. Von Toni Schawaller
Es ist noch morgens ganz früh, da weckt mich ein Vogellied. Es sit mir so bekannt und vertraut. So hörte ich es auch daheim in den Büschen über dem alten Gartentor.
Und ehe ich mich versehe, bin ich an den alten Hoflinden vorbeigegangen, schon fasse ich die rostige Klinge des alten Gartentors. Die kreischt freudig auf, fast wie die Muhme einst, wenn wir Kinder unverhofft zu Besuch kamen.
Gun Dag, gun Da, sagt de Klinke, und Wöllkomm tohus, nicht der Flieder, der eine blühende Ehrenpforte über dem Tor bildet. Doch mir ist fast, als hätte ich eine Kirchentür aufgemacht. Vor mir liegt der Garten meiner Kindheit.
Da sind die Beeste in Herz- und Sternformen, umrandet mit Jungfer in Grün, Männertreu und Reseda. Da blühen alte Sommerblumen, schöne Mädchenaugen, Jelängerjelieber und Astern mit Levkojen. Vor den mit wildem Wein umrankten Fenstern stehen hohe Malven oder Stockrosen. Im Wein lärmen die Spatzen: Letzt di ok moal sähne, letzt di ok moal sähne! Heidi geht es um die Hausecke, vorbei an den langen Reihen von Himbeersträuchern, die den Gang umsäumen. Dort abseits steht das Rondell mit dem weißen Flieder. Unter dem Fliederstrauch begruben wir damals das zahme Rehchen. Es war mein erster großer Kinderschmerz. Was ist das doch nur für ein Duft, denke ich, da hakt sich etwas an mein Kleid fest, und schon begrüße ich den großen Engeltürstrauch. O, da bist du ja, rufe ich fröhlich, weißt du noch, als du mir mein nagelneues hellblaues Kleid zerrissen hast? Ei, sagte der Engeltür, hättest du nicht so nach des Nachbars Fritz gegickt, wär es dir nicht geschehen. Ich sage: Hast recht, hast recht.
Plötzlich sehe ich Großmutter im schwarzen Kirchenkleid, das Spreittuch umgehängt, das Gesangbuch in den Händen. Hol mir Marienblatt. Margeblatt sagt sie, und schon stehe ich vor meinem lieben Marienblatt. Kennst mi noch? Nun, meint der Strauch, du warst doch die große Marjell mit dem blonden Lockenkopf, die in der Johannisnacht wartete, dass ich blühen soll. Na, sage ich, der alte Kielhorn hatte es mir doch erzählt, dass du dann eine wunderschöne Blüte bekamst, blau, wie der Mutter Gottes ihr Kleid.
Nun gehe ich den langen, langen Gang entlang. Da stehen sie, die alten Bauernblumen. Das blaue Gesellenschühchen, das uns Kindern Hochzeitskutschen lieferte. Das tränende Mädchenherz, aus dem wir ganze Storchenfamilien machten; es war uns immer besonders lieb. Da ist auch der stolze Rittersporn und die hochnasige Kaiserkrone, die wir Kinder nicht leiden Konnten, denn sie färbte unsere Nasen gelb. Aber den bunten Ackelei, der dort neben den gelbroten alten Lilien steht, der gehörte zu unseren Lieblingen, denn seine Glocken mussten läuten, wenn Kükenbegräbnis und Katzentaufe war. Auch die Staude mit den weißblühenden Mutterkraut seh ich dort neben den Begonien, den roten und den weißen, die Mutters ganzer Stolz waren und auch Bauern- oder Pfingsrosen genannt werden. Von den Begonien durfte keine Blüte abgepflückt werden, darauf hielt Mutterchen streng.
Ich laufe zur kleinen Jasminlaube. Dort auf der mit wildem Hopfen umrankten Bank habe ich mal auf jemanden gewartet; doch es kam Besuch, und der Vergißmeinnichtstrauß, den ich hingelegt hatte, war dann auch fort von dem alten Tisch. Ich aber musste Rührei in der Küche machen und mit tränenden Augen Schinken aufschneiden, und ich wünschte den Bsuch zum Racker.
In der Lindenhaube, die die vielen Herzen und Namen mit den alten Jahreszahlen trägt, haben wir am Johannisabend gesessen und Kränze aus neunerlei Kraut gewunden, Lehrers Else und Herta, meine Schwester, und ich. Wir warfen die Kränze rückwärts in die alten Linden. Die Kränzlein der anderen Mädels blieben hängen, schon nach fünfmal werfen, aber ich hatte zehnmal meinen Kranz hochgeworfen, und der letzte Haken war von meinem Rock abgeplatz. Da fasste ich den Rock zusammen, warf das Kränzlein in den Fliederstrauch und sagte: Ach, de Manns dauge aller nuscht, öck wöll gornich frie.
In der großen Lindenlaube wurde an Sommersonntagen Kaffee getrunken. An solch einem Sonntag saß ich in dem hohen alten Birnbaum, wie so oft als Kind, und hatte beschlossen, nach dem Kaffee zur Bedugnis, einem See in Pabbler Wald, zu gehen. Da fangen die Hunde an zu bellen, als wollte sie einer rein abledern, und ein Wagen rollt an. Mein kleiner Bruder kommt angestürmt und schreit: Hier oben aufem Kruschkebaum huckt sie. Ich höre auch son, Toni, Toni, Toni, schreien und muss runter vom Baum. Ade, Pabbler Wald und Bedugnis! Ich musste Waffeln einrühren, und ich rührte in der großen Schüssel, dass der Teig über den Rand sprang. Großmutter gab mir einen Stanickel und mahnte mich zur Ordnung. Nun begann ich zu backen. Jeden Augenblick kam meine Schwester mit dem leeren Teller aus der Laube. Die Waffeln waren so rösch und so schön, und die Gäste aßen wie die Scheunendrescher. Mein kleiner Bruder kam mir erzählen, dass meine Tante schon die zwölfte Waffel genommen habe und der Augustlohm schon die zwanzigste. Als ich nun sah, dass ich wohl bis zum Abend backen musste, gab ich dem großen Waffeleisen einen Rabacks, und ehe ich mich versah, zerbrach ein Ring auf dem Herd, das Waffeleisen sauste ins Feuer, und ich hatte mir die Hände verbrannt. Meine Schwester brachte wieder den leeren Teller an. Für heute ist Schluss der Vorstellung sagte ich zu ihr.
Alte Linden und hohe Pappeln umgaben den Garten von außen. Sie standen am Staketenzaun und halfen mir oft hinüber, wenn ich stiebitzte Äpfel für die Kinder, die im Korn- oder Haferfeld lauerten, hintrug.
Am Zaun drin im Garten standen Haselnußhecken. Haushoch waren sie, und oben reichten sie mit den Kronen zusammen. Diese Hecken gingen um den ganzen Garten. Dort schritt man wie durch einen grünen Dom. Vom frühesten Frühling begann unter den Haselnußsträuchern ein Grünen und Blühen ohne Ende. Wenn die Haseln blühten und wie im goldenen Nebel standen, war es weiß von Anemonen, blau von Leberblümchen, echten und Hundeveilchen, weißen Sternblumen, Kuckucksblumen und Vergissmeinnicht; selbst Hasenklee wuchs dort. Es war, als hätte sich der Wald in diese Gartenwildnis verirrt.
Am Ende der Haselnußhecken stand in jeder Gartenecke ein hoher, mit mächtigen Tannen bepflanzter Hügel. Von diesen Hügeln sah man weit ins Land hinaus, man sah das alte Insterburger Schloß, auch die Türme der Kirchen. Sonderbar war es, dass immer der Wind dort oben in den Tannen sang und rauschte, auch wenn es ringsum windstill war. Mutterchen meinte, es hänge eine unsichtbare Harfe dort, die die Traurigen tröstet und die Bösen mahnt.
Auf diesen Hügeln saßen wir Kinder an Sommerabenden und mussten dem Vater Volkslieder vorsingen, die wir dreistimmig in der Schule gelernt hatten. Und nie vergesse ich das Lied, Im schönsten Wiesengrunde. Mit welcher Inbrunst haben wir es doch gesungen!
Die Hasel aber waren unser rechtes, echtes Kinderland. Da spielten wir Räuber und Prinzessin, da feierten wir Kükenbegräbnis, da hatten wir Bienenkörbe aufgestellt mit Hummeln und wilden Bienen, die uns oft so zerstochen hatten, und dort war auch Katzentaufe.
Ja, wir hatten viele, viele Katzen und spielten mit ihnen wie mit Puppen. Meine Schwester war die Katzenmutter, und sie bestand darauf, dass der graue Kater getauft würde. Ich erzählte es, wie es wirklich war. Mein Bruder stand an den Haselstrauch gelehnt, ehrwürdig mit Großmutters schwarzem Kleid angetan, das wir heimlich stiebitzt hatten. Dem August wollten wir ein Puppenkleid anziehen. Wir hatten gerade nur noch einen Knopf zuzumachen, da riss sich der Kater los und lief fort und wir, heidi, hinterher. Ich voran sah nicht, dass das Torchen von innen aufgemacht wurde, ein Reisender trat gerade ein, ich sahn ihn nicht, lief und stieß mit meinem Kopf ihm gerade in den Bauch. Es war ein kleiner dicker Mann, und er fiel kopfüber in die Fliederbüsche. Es sah drollig au! Mein Bruder kam angelaufen, fiel über Großmutters Kleid, riß die Rockkrausen aus und geriet in Großmutters Hände. Der Reisende schimpfte, ich hätte ihm den Magen mit meinem Bullenkopf ausgeschlagen. Mutter musste ihm Schmandspirgel machen. Er gab jedem von uns fünf Pfennig und schwatzte der Mutter eine Zentrifuge auf. Unser August aber saß auf dem strohgedeckten Stallendach, riß und zerrte an seinem Puppenkleid, setzte sich schließlich auf die Hinterbeine und wusch sich, während meine arme Schwester bittere Tränen vergoss. Es war das Staatskleid der einzigen richtigen Puppe, die sie besaß, und der Kater hatte schon den einen Ärmel vollständig zerrissen. Wir gingen zu den Haseln zurück, und bald darauf sangen wir andächtig das Liede von der goldenen Abendsonne.
Ich nehme Abschied vom alten Birnbaum, Abschied vom Garten meiner Kindheit.
Den Hof haben die Russen angesteckt, es ist dort alles verbrannt. Aber vielleicht wird doch der eine oder andere alte Baum noch ausgrünen. Dann kann er doch noch einmal erzählen, wie es einst war im Garten meiner Kindheit.
Foto: In Kahlholz. Aufn.: Laupichler. Nach dem Dorf Kahlholz wurde der Kahlholzer Haken genannt. Es ist dies die Halbinsel, die sich gegenüber Pillau weit in das Frische Haff vorschiebt und auf der die alte Komturieste Balga liegt. Das Ufer zwischen Kahlholz und Balga steigt steil an.
Seite 12 Pr.-Eylau. Gesucht werden:
Aus Pr.-Eylau:
Frau Zellmer, Otto-Reinke-Straße 12, und Familie Gallfart
Aus Perscheln:
Botho von Berg
Aus Bekarten:
Frau Erna Busse
Aus Zehsen:
Erhard Dawert
Aus Sophienberg bei Posmahlen:
Frau Elsbeth Schmidt
Aus Pacherau:
Otto Podewils
Aus Gr.-Karwinden:
Ernst Koopmann
Aus Penken:
Bogislav von Katzler
Aus Schnakeinen:
Emil Kollin
Seite 12 Osterode. Gesucht werden:
Horst Schulz, Osterode, geb. 4. März 1925, zuletzt Kellnerlehrling in Kühls Hotel.
Emma Grzesch, Osterode, Kaiserstraße 7.
Fritz und Gertrud Galka, Zollhaus Heeselicht.
Margarethe von der Marwitz, geb. Ehrlichmann, zuletzt in Ziegelau, Kreis Fischhausen.
Liesbeth Weiß, geb. Ehrlichmann, zuletzt in Waltersdorf, Mohrungen.
Heinz Boyny und Familie, Osterode, Markt 5.
Frau Hanny Boyny, geb. Brauer.
Reinhold Strijewski, Nasteiken.
LandsmannThönes, von der Buchstelle Osterode der Mühlenwerke Emil Schimanski, Hohenstein; Kurt Peters und Angehörige aus Hohenstein; Mutter soll in Ost-Berlin leben.
Heinrich Burghof aus Reichenau, und Ursula Becker aus Groeben, Kreis Osterode
Seite 12 Mohrungen. Wer kann über folgende Personen und Familien aus Saalfeld und Ebenau berichten:
Wilhelm Adam; Gustav Borkowski; Otto Bodem; Gertrud Brehm, geb. Ketzer; Hans Brosowski; Adolf Buchholz; Wilhelm Buchholz; Landarbeiter Corten; Friedrich Dziggel; Hermann Falkowski; Rudolf Gross; Willy Grunwald; Cornelius Gründemann; Kurt Hartmann; Max Hendrian; Adolf Hensel; Paul Janzen; Witwe Gertrud Jähnke; Erich Kalkowski; Familie Klaffke; Ernst Kowalla; Theophil Krause; Viktor Kreft; Walter Kroh; Paul Krolzick; Herbert Kunze; Margarete Ladde; Paul Lunk; Herrmann Marquardt; Käthe und Grete Markau; Karl Meiritz; Heinrich Meiritz; Witwe Meier, geb. Petter; Rudolf Meier; Arbeiter Plaschkies; Rebitzki; Lina Ritzki; Rietz; Rosnerski; Karl und Anna Schmidt; Ferdinand Schulz; Hermann Schulz; Fritz Schüttkowski; Stanislaus Skrzoska; Emma Strauss; Gustav Tröder; Arthur Weiss; Emma Wenzel; Fritz Zerpowski.
Wer weiß etwas über den 1945 verschleppten Robert Migowski aus Himmelforth, geb. 05.09.1900 in Rogehnen, Kreis Pr.-Holland?
Seite 12 Kamerad, ich rufe dich!
Gesucht wird Hans Lusga, geboren etwa 1916 in Ostpreußen. Er wurde zuletzt in einem amerikanischen Hospital in Cham, Oberpfalz gesehen.