CompGen beim 93. Deutschen Archivtag in Hof (Saale)

Originally published at: CompGen beim 93. Deutschen Archivtag in Hof (Saale) • Verein für Computergenealogie e.V. (CompGen)

Vom 29. September bis zum 1. Oktober 2026 fand der 93. Deutsche Archivtag in Hof (Saale) statt. Der Verein für Computergenealogie (CompGen) war durch Georg Fertig auf dem Abschlusspodium vertreten. Als die bei weitem mitgliederstärkste Organisation von Archivnutzenden in Deutschland sind wir gut beraten, den Kontakt zur Archivwelt nicht nur dort zu suchen, wo einzelne Archive auf genealogischen Veranstaltungen auf uns zugehen, sondern auch umgekehrt hinzugehen.

Fachvorträge und Messe Archivistica

Der Archivtag bestand aus zwei Elementen: den Sessionen mit Fachvorträgen und der Messe Archivistica. Nicht jeder der dort vertretenen Anbieter ist für die Aktivitäten von CompGen unmittelbar wichtig. Archivschachteln brauchen wir höchstens privat, Regalsysteme gar nicht. Einen Scanner der Firma Zeutschel hatten wir vor Jahren einmal erworben, neue Anschaffungen dieser Art von Zeutschel oder von den nicht wenigen anwesenden Konkurrenzanbietern streben wir zur Zeit nicht an (obwohl großartige Geräte auf dem Markt sind). Mit Transkribus, Archion, FamilySearch und NFDI4memory sind wir sowieso im Gespräch. Es lohnt sich aber, dieses Gespräch vor Ort aufzugreifen, z.B. die Transkribus-Einbindung bei Archion auszuprobieren oder sich mit den Vertretern von NFDI4memory über die nächsten Schritte für das GOV auf dem Weg in den 4memory-Dataspace auszutauschen.

Und nicht alle für Archive wichtigen Technologien kennen wir schon. Planet AI bietet Schrifterkennung auf Grundlage neuronaler Netze vor allem für Behörden an, die sich mit Massen von handgeschriebenen Anträgen herumschlagen müssen. Die hier entwickelte Technik kommt nun auch bei Archiven zum Einsatz, etwa beim Bundesarchiv. Neben den Dienstleistern war noch ein weiterer Typ von für unser Feld wichtigen Playern präsent, nämlich die archivischen Ausbildungsstätten in Gestalt von Berufsschulen (für die Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste: FaMi-Ausbildung), die Fachhochschule Potsdam (die zum Bachelor und Master führt) und die Archivschule Marburg (u.a. das klassische Archivreferendariat, früher nur für Promovierte). Viele kannten CompGen, einige aber noch nicht.

Austausch in den Sessionen

In den Sessionen stand, abstrakt gesagt, die Frage im Zentrum, wie man Archivgut so in eine Ordnung bringt, dass wir Nutzer etwas damit anfangen können (eine Frage, um die sich sicherlich auch ein Großteil des Geschehens in den genannten Ausbildungsstätten dreht). Interessant war der Dialog zwischen der Archivarin Mirjam Sprau und der Bibliothekarin Barbara Fischer. Archive ticken anders als Bibliotheken, vielleicht können sie von den Bibliotheken auch lernen – oder umgekehrt. Das Archiv denkt „tektonisch“, es macht den Kontext der Entstehung (die „Provenienz“) sichtbar. Die Bibliothek schaut das einzelne Medium an. Für die Erschließung der Inhalte braucht sie normierte Begriffe, Schlagworte. Wenn aus den („tektonischen“) Bestandsbenennungen Schlagworte würden und aus den „enthält:“-Volltextvermerken bei den Aktenverzeichnungen kontrollierte Vokabulare, würden die Bestände für uns Nutzer leichter zugänglich. Erschließungsprojekte wie SoNAR oder das Themenportal Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts konkretisieren diese Problemlagen. Normdatensysteme wie das GOV für Orte wären also sehr im Trend, sind aber leider in den professionellen Projekten immer noch meist unbekannt.

KI beim Zugang zum Archiv

Das zweite große Thema war, dass wir Nutzer seit diesem Frühsommer zunehmend begonnen haben, gar nicht selbst in die online zugänglichen Archivinformationssysteme zu schauen, sondern einfach eine KI zu befragen. Das hat ganz erhebliche Konsequenzen. Wir alle kennen ja das Phänomen, dass eine unzureichend an die Kandare genommene KI den Nutzer gern totlabert. Da die Gerätschaften nicht logisch denken, sondern nur statistisch Wörter vorhersagen, liest sich der Output plausibel, führt aber oft in die Irre. Von selbst wird eine KI – mangels Denkfähigkeit – niemals auf den „Gedanken“ kommen, erst mal die digitale Beständeübersicht und dann das Online-Findbuch aufzuschlagen. Immerhin haben unsere digitalen Knechte gelernt, dass Archivare mehr wissen.

Die Folge ist: sie regen an, doch eine Anfrage ans Archiv zu stellen, und machen Formulierungsvorschläge. Zu Zigtausenden schlagen diese inzwischen bei den Archiven auf; unter den Absendern sind sowohl Menschen, die ohne KI nie den Weg ins Archiv finden würden, als auch gestandene Forscher. Die so generierten Texte legen einen Schleier zwischen Absender und Empfänger. Der Absender erscheint, als ob er sprachlich und fachlich höchst kompetent wäre und auch sein Anliegen gut vorbereitet hätte. Erst aus den Details der Anfrage wird deutlich, dass hier nur ein Apparat etwas Erwartbares zusammengestellt hat, z.B. es sei doch der Nachlass XY im angesprochenen Archiv, mit der und der Signatur, die das Ding sich aber von der Seite eines ganz anderen Archives irgendwo im Netz geholt hat. Das Problem ist, wie man solchen Anfragenden helfen kann. Archivare sind sehr höfliche und freundliche Menschen, aber wenn das Gegenüber eigentlich ein Künstliches ist, wie geht man dann in einen konstruktiven zwischenmenschlichen Kontakt?

Zwei Strategien wurden erkennbar. Erstens: Ein Teil besonders der größeren, viel befragten Institutionen gibt eigentlich keine substantiellen Antworten mehr. Die Zahl der genutzten Textbausteine wurde von einem guten Dutzend auf zwei reduziert, Anfragen lohnen sich nicht mehr. Die andere Strategie ist die, der KI das Auslesen der Informationen leichter zu machen, damit sie die Nutzer weniger in die Irre führt. Das erfordert z.B., dass Bestände maschinenlesbar und mit expliziten Hinweisen an die KI beschrieben werden, auch mit negativen Hinweisen dazu, dass z.B. an dieser Stelle eben keine Personennamen zu finden sind. Wie sich die Beziehung zwischen den Archiven und uns Nutzenden entwickeln wird, ob die Fähigkeit zum eigenständigen Forschen in Online-Archivinformationssystemen, online zugänglichen Digitalisaten und ganz „analog“ im Lesesaal eines Archivs komplett zugrunde geht oder ob nun endlich die „Archivangst“ besiegt wird – wir werden es beobachten.

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