Bewusstseinsbildung der Bauernschaft 17./18.Jahrhundert

Hallo Forscherfreunde,

vor einem Jahr hatte ich bereits diese Frage gestellt und ich möchte ab
und zu diese Fragestellung wiederholen, denn es kommen doch immer
neue Mitglieder dazu. Vielleicht hat sich einer auch mal mit der
Bewusstseinsbildung unserer Vorfahren befasst. Es ist mir schon klar, dass
dem grössten Teil der Bevölkerung der Wechsel eines Landesherrn bzw.
Grundherrn eigentlich ganz gleich war, es änderte sich fast nichts für sie persönlich.
Bitte betrachten Sie es aber mal aus der Sicht unserer Zeit, wenn eine Firma
von einer anderen Firma oder gar von einer ausländischen Firma
übernommen wird. Es gibt/gab immer Gewinner und Verlierer.

In meinen Forschungen konnte ich feststellen, dass die Hermsdorfer Bauern
schon um 1650 (Ende des 30-jährigen Krieges) vom Grundherrn der
Grundherrschaft Waldenburg-Neuhaus das Erbrecht zu ihren Bauerngütern
erhielten. Sicherlich ist das nicht so ganz nur aus Güte der Herrschaft
geschehen, denn ...

"Im Jahre 1701 bestätigte Ernst Heinrich von Czettritz den Hermsdorfer
Bauern eine schon früher gegebene Kohlordnung, in der es heißt, daß das
von allen Zeiten genossene Kohlurbar, auf sämbtliche Bauerschaft ihre erb-
und nachkommende Besitzer ihrer Gütter bey denselben zu allen-ewigen
Zeiten gerichtlich ungeirrt verbleiben soll".
Quelle: Schöppenbuch 1687-1758.
http://www.boehm-chronik.com/forschung/unterthanen1740.htm#10

Man kann doch annehmen, das dies nicht ohne Debatten/Verhandlungen
zustande kam. Diese Errungenschaft stärkte sicherlich das Selbstbewusstsein
der Bauernschaft. Die Kohlenbauern waren zusammen mit dem Grundherrn
in einer Gewerkschaft organisiert (nichts zu tun mit der Gewerkschaft im
heutigen Sinne). Es war eine Gemeindegrube, in dem der Bauer durch sein
Bauerngut Kuxeninhaber (Teilhaber) war.

Durch die Übernahme Schlesiens durch Preussen 1740/42 von Böhmen und
die danach eintretende Förderung des Steinkohlenabbaus durch die
neugegründete Bergbehörde mussten sich die (Kohlen-)Bauern anfangs gegen
ihren Willen an das neue Bergrecht anpassen. "Da erschien am 5. Juni 1769
die neue schlesische Bergordnung, deren Hauptpunkt darin bestand, daß das
Abbaurecht als Regal des STAATES erklärt wird. Neu war das
VORBAURECHT, das den GRUNDHERREN eingeräumt, durch die
Deklaration vom 1. Februar 1790 aber in ein MITBAURECHT des
GRUNDBESITZERS UMGEWANDELT wurde. Somit hatte jeder das Recht,
auf fremden Grund und Boden zu schürfen und die gefundenen, dem Bergregal
als Mineralien unterworfenen Kohlen zu muten und deren Verleihung zu
begehren. Vor der Verleihung mußte aber dem Grundbesitzer, auf dessen
Besitz die Fundgrube lag, das Mitbaurecht angeboten werden. Ebenso mußte
dieser mit der Hälfte der Kuxe in die Gewerkschaft aufgenommen werden."
Quelle: Hermsdorfer Chronik.
http://www.boehm-chronik.com/hermsdorf.htm

Auch hier ist ein Interessenskampf der Bauernschaft gegenüber dem Grundherrn
zu erkennen. Es folgte für knapp hundert Jahre die Blütezeit der
Kohlenbauern.

Wie waren die Verhältnisse Grundherren gegenüber dem neuen
Landesherrn (Preussen)? Wurden 'unwillige' Grundherren konfisziert, wie etwa
1740/42 Rittergut Tannhausen? Auch in jener Zeit ging nicht alles glatt über
die Bühne. Der Grundherr hatte ja ein Treueverhältnis zur böhmischen Krone
aufzulösen.
http://www.boehm-chronik.com/tannhausen.htm

Ziel meiner Forschung: Warum nannte mein Urgroßvater 1870 seinen neu
erworbenen Gasthof in Langwaltersdorf (Kreis Waldenburg) "Zur Stadt Wien"?
http://www.boehm-chronik.com/forschung/stadtwien.htm
Obwohl 1866 der Krieg Preussen gegen Österrreich.
War mein Urgrossvater nostalgisch noch an Böhmen orientiert?

Wer hat ähnliche Erfahrungen in seiner Familiengeschichte gemacht?

Herzliche Grüsse aus Upstate New York,
Guenter Boehm (*1939 Friedland, Kreis Waldenburg in Schlesien)

Hallo G�nther,

du hast die Frage in den Raum gestellt, ob dein Urgro�vater nostalgisch noch
an B�hmen orientiert war. Mein Urgro�vater Maximilian Haase wurde 1852 in
Neurode geboren. Aus dem Jahre 1871 fand ich sein Schulzeugnis aus dem
erzbisch�fl. Knabenseminar Mariascheune, das im B�hmischen lag. Anschlie�end
hat er wohl laut �berlieferung in Wien studiert, kam dann zur�ck nach
Niederwalditz, weil sein Vater starb. Anschlie�end muss er lt. meiner
Recherchen ab 1887(ich bin noch nicht sehr weit) bei einer Firma Taube in
Wien erst als Buchhalter und anschlie�end als Gesch�ftsf�hrer gearbeitet
haben. Diese Auskunft habe ich vom Archiv in Wien, sie stammt aus dem
"Lehmann", �hnlich einem Adressbuch. Sp�testens ab 1895/96 ging er zur�ck
nach Peterswaldau und war Rentmeister im Schloss der Grafen
Stolberg-Wernigerode. Er heiratete in M�nchen 1896 meine Urgro�mutter, die
aus M�nchen stammte.

Leider wei� ich aber sonst keine Einzelheiten.
Herzliche Gr��e aus Bayern

RenateJ ahn

Wie waren die Verh�ltnisse Grundherren gegen�ber dem neuen
Landesherrn (Preussen)? Wurden 'unwillige' Grundherren konfisziert, wie etwa
1740/42 Rittergut Tannhausen? Auch in jener Zeit ging nicht alles glatt �ber
die B�hne. Der Grundherr hatte ja ein Treueverh�ltnis zur b�hmischen Krone
aufzul�sen.
http://www.boehm-chronik.com/tannhausen.htm

Ziel meiner Forschung: Warum nannte mein Urgro�vater 1870 seinen neu
erworbenen Gasthof in Langwaltersdorf (Kreis Waldenburg) "Zur Stadt Wien"?
http://www.boehm-chronik.com/forschung/stadtwien.htm
Obwohl 1866 der Krieg Preussen gegen �sterrreich.
War mein Urgrossvater nostalgisch noch an B�hmen orientiert?

Wer hat �hnliche Erfahrungen in seiner Familiengeschichte gemacht?

Herzliche Gr�sse aus Upstate New York,
Guenter Boehm (*1939 Friedland, Kreis Waldenburg in Schlesien)

Hallo Renate Jahn,
hallo Klaus Liwowsky,
ich beantworte Eure Mitteilungen zusammen.

wir hatten uns bereits �ber den Gasthof "Zur Stadt Wien" ausgetauscht.
Vermutlich hatte Dein Vorfahr irgendwann Wien besucht - die Sache wird
sicher eine harmlose Erkl�rung haben. Da� ein Schlesier (Nichtadliger!)
1870 noch viel den Habsburgern nachtrauerte, kann man ausschlie�en.

In den �berlieferungen war von einem "weitgereisten" Urgrossvater (*1841)
nie die Rede. Bevor er seine Abfindung/Erbschaft "Stadt Wien" (um 1870)
bekam, wird er in der Geburtsurkunde meines Grossvaters (*1870) als
Maschinenw�rter gef�hrt. Ich vermute in der Gl�ckhilf-Grube, in der sein
Vater Kuxeninhaber war.

Was mich nachdenklich macht:
1866 Krieg Preussen gegen �sterreich, den Preussen gewann.
1870/71 Krieg gegen Frankreich.
Gr�ndung des Kaiserreiches unter Preussen.
Um 1870 Kauf/Bau des Gasthofes/Kutschenstation "Zur Stadt Wien".
http://www.boehm-chronik.com/forschung/stadtwien.htm

Urgrossvater muss ein Querkopf gewesen sein. Das geht aus den
�berlieferungenhervor. Kam mit den Dorfbewohner nicht klar. Verpachtete
mehrmals den Gasthof. 1883 wurde er sogar wegen Amtsbeleidigung zu
10 Mark Geldstrafen verurteilt. 1889 wurde er angezeigt, da in seinem
Gasthof als Kaninchenz�chter getarnte streikende Bergarbeiter tagten. Eine
Verurteilung (Sozialistengesetz) konnte ich in den Archiven nicht finden,
jedoch zerfiel die famili�ren Bindungen zur Hermsdorfer Verwandtschaft.
1890 wurde unsere B�hms zur Hochzeit seines Cousins nicht eingeladen.
http://boehm-chronik.com/tannhausen.htm
Urgrossvater starb 1892.

Es muss ja keine �berzeugte politische Loyalit�t zu Habsburg gewesen sein.
Nein, das war es sicherlich nicht, aber wohl eine gewisse Trotzreaktion.
Das gibt es doch heute noch.

Ich mu� Dir sehr widersprechen. Dem schlessichen Landvolk war es alles
andere als egal, wer sein Grundherr oder Landesherr war. Es �nderte sich
nichts f�r sie? Denk nur mal an die Konfession; ohne Habsburger w�re
Schlesien vermutlich bis 1945 zu 90% evangelisch geblieben. Dann w�re
aber manche Sache ganz anders ausgegangen. Oder denk an die
Leibeigenschaft in Schlesien. Der allergr��te Teil unserer Vorfahren
wurde verkauft, verschenkt oder eingetauscht. �hnliche Verh�ltnisse also
wie auf den Farmen im S�den der USA. Wie gro� war der Unterschied in der
Lebensweise zwischen einem schles. Dreschg�rtner und einem Negersklaven?
Dieses Elend haben die Preu�en in Schlesien beendet. Oder denke an den
Bauernschutz und sp�ter an die Bauernbefreiung.
Die Sache mit der �berlassung des Bauernguts mu� man vielleicht etwas
anders sehen. In Niederschlesien war es durchweg �blich, dem Landvolk
seinen Besitz erblich zu �berlassen. Das �nderte aber nichts an dem
Obereigentumsrecht des Grundherren. Nur sparte dieser sich dadurch die
Instandhaltungs- und Unterst�tzungsgelder, wie sie beim unerblichen
Besitzrecht �blich waren.

Ich bestrebe immer pers�nliche Erlebnisse oder famili�re �berlieferungen
vorzubringen, also Beispiele von einzelnen Personen. In einer allgemeinen
Betrachtung sieht alles "schwarz und weiss" aus und es gibt doch immer so
viele Schattierungen. Man ertappt sich dann manchmal in falschen
R�ckschl�ssen.
Diesen Fehler machen sogar heute noch wichtige Politiker :wink:

Ich glaube schon, dass ich davon ausgehen kann, das unsere Vorfahren im
Waldenburger Bergland, vornehmlich in Weissstein und Hermsdorf, eine
beg�terte Familie war. Seit 1409 liegen Dokumente in den Archiven vor.
In den ev. Kirchenb�chern 1571-1574 wird oft der Bauer Adam B�hm als
Taufpate erw�hnt. Ich nehme an, Adam B�hm war eine angesehene Person.
Auf welchem Bauerngut er in Weissstein sass, konnte ich noch nicht
herausfinden.
Heincze Behem hatte 1409 das herzogliche Lehnsgut im Afterlehen vom
Waldenburger Grundherrn Ulrich Schof (Schaffgotsch) erhalten.
Auf dem selben Gut (nur etwas kleiner) sass 1734 Caspar B�hm (*1676)
und 1808 Ehrenfried B�hm. Das Bauerngut unserer Linie in Hermsdorf lag nur
wenige hundert Meter von dem Gut des Heincze Behem entfernt.

Der schlesische Adel hatte seine liebe M�he mit den Preu�en. Das stimmt.
So gut wie bei den Habsburgern ging es ihm in den Folgejahren nach 1740
sicher nicht.

Also, im Waldenburger Bergland versuchten die Preussen 1769 durch die
neue Bergordnung die Grundherrschaften (Obereigentum) gegen�ber den
Grundbesitzern (Untereigentum) zu bevorzugen. Man brauchte die Grundherren
(sie waren wie heutzutage die Landr�te der Kreisverwaltungen) um die
�bernahme reibungslos zu gestalten. Erst als die preussische Macht gefestigt
war,
erhielten die Grundbesitzer 1790 wieder mehr Mitspracherecht.
Politik -- damals wie heute.

Herzliche Gr�sse aus Upstate New York,
Guenter Boehm (*1939 Friedland, Kreis Waldenburg in Schlesien)