Anwerbung von Bergleuten

An die Leser der Liste!

Mein Großvater ist um das Jahr 1900 aus Ostpreußen (Rastenburg) mit seiner Familie nach Essen in das Ruhrgebiet gezogen und hat dann dort als Bergmann gearbeitet. Es könnte sein, dass er dem Aufruf eines Anwerbe-Agenten gefolgt ist.
Hat jemand einen solchen Aufruf? Weiß jemand, wo man eionen solchen Aufruf einsehen kann?

Mit freundlichem Gruß
Günter Höffken

Lieber Herr Höffken,

für derartige Unterlagen ist das Bergbau-Archiv in Bochum für Sie die
richtige Adresse.

Sie finden dort auch Belegschaftslisten etc.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Christoph Surkau

Hallo Herr H�ffken,

aus dem Buch: Franz-Josef Br�ggemeier: Leben vor Ort, Ruhrbergleute und Ruhrbergbau 1889-1919

Sonderausgabe f�r die Mitglieder der IG Bergbau und Energie 1983, S. 25-28

II. Lebens- und Wohnbedingungen

1. Ankunft

"Masuren!

In rein l�ndlicher Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und W�ldern, den Vorbedin�gungen guter Luft, liegt, ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom gro�en Getriebe des westf�lischen Industriegebietes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche Victor bei Rauxel.

Diese Kolonie besteht vorl�ufig aus �ber 40 H�usern und soll sp�ter auf etwa 65 H�user erweitert werden. In jedem Hause sind nur 4 Wohnungen, zwei oben, zwei unten. Zu jeder Wohnung geh�ren etwa 3 oder 4 Zimmer. Die Decken sind 3 Meter hoch, die L�nge bzw. Breite des Fu�bodens be�tr�gt �ber 3 Meter. jedes Zimmer, sowohl oben, als auch unten, ist also sch�n gro�, hoch und luftig, wie man sie in St�dten des Industriegebiets kaum findet.

Zu jeder Wohnung geh�rt ein sehr guter, hoher und trockener Keller, so da� sich die eingelagerten Fr�chte, Kartoffeln etc. dort sehr gut erhalten werden.

Ferner geh�rt dazu ein ger�umiger Stall, wo sich jeder sein Schwein, seine Ziege oder seine H�hner halten kann. So braucht der Arbeiter nicht jedes Pfund Fleisch oder seinen Liter Milch zu kaufen.

Endlich geh�rt zu jeder Wohnung auch ein Garten von etwa 23 bis 24 Quadratruten. So kann sich jeder sein Gem�se, sein Kumpst und seine Kartoffeln, die er f�r den Sommer braucht, selbst ziehen. Wer noch mehr Land braucht, kann es in der N�he von Bauern billig pachten. Au�erdem liefert die Zeche f�r den Winter Kartoffeln zu billigen Preisen.

Dabei betr�gt die Miete f�r ein Zimmer (mit Stall und Garten) nur 4 Mark monatlich, f�r die westf�lischen Verh�ltnisse jedenfalls ein sehr niedriger Preis. Au�erdem verg�tet die Zeche f�r jeden Kostg�nger monatlich 1 Mark. ( ... ) Die ganze Kolonie ist von sch�nen breiten Stra�en durchzogen, Wasserleitung und Kanalisation sind vorhanden. Abends werden die Stra�en elektrisch erleuchtet. Vor jedem zweiten Hause liegt noch ein Vorg�rtchen, in dem man Blumen oder noch Gem�se ziehen kann. Wer es am sch�nsten h�lt, bekommt eine Pr�mie.

In der Kolonie wird sich in n�chster Zeit auch ein Konsum befinden, wo allerlei Kaufmannswaren, wie Salz, Kaffee, H�ringe usw. zu einem sehr billigen Preise von der Zeche geliefert werden, auch wird dort ein Fleischkonsum eingerichtet werden. ( ... ) F�r die Kinder sind dort 2 Schulen erbaut worden, so da� sie nicht zu weit zu laufen brauchen, auch die Arbeiter haben bis zur Arbeitsstelle h�chstens 10 Minuten zu gehen. Bis zur n�chsten Bahn�station braucht man etwa eine 1/2 Stunde.

Die L�hne stellen sich durchschnittlich im Juni 1908 so:

Tagesarbeiter, 8 Stunden Schicht 3,8o Mk. bis 4,- Mk.

Platzarbeiter, 12 Stunden Schicht 3,6o Mk. bis 4,50 Mk.

Kokslader 4,72 Mk.

Koksf�ller 4,46 Mk.

Ziegeleiarbeiter 4,00 Mk. bis 4,50 Mk.

Schlepper bei Kokerei 3,80 Mk.

Schlepper in der Grube 3,00 Mk. bis 4,10 Mk.

Lehrhauer im 1. Jahr 5,50 Mk.

Hauer im Gedinge etwa 6,35 Mk.

Gesteinshauer etwa 6,40 Mk.

Zimmerhauer etwa 5,35 Mk.

Man sieht also, da� jeder Arbeiter gut auskommen kann. Wer sparsam ist, kann noch Geld auf die Sparkasse bringen. Es haben sich in Westfalen viele Ostpreu�en mehrere Tausend Mark gespart. Das Geld ist dann wieder in die Heimat gekommen, und so hat die Heimat auch etwas davon gehabt. �ber�haupt zahlt diese Zeche wohl die h�chsten L�hne. [?] Feierschichten kommen dort nicht vor, vielmehr �berschichten, so da� die Arbeiter immer Verdienst haben werden. [!!!] Entlassungen masurischer Arbeiter werden, au�er dem Falle grober Selbstverschuldung nicht vorkommen.

Masuren! Es kommt der Zeche haupts�chlich darauf an, brave, ordentliche Familien in diese ganz neue Kolonie hineinzubekommen. ja, wenn es m�glich ist, soll diese Kolonie nur mit masurischen Familien besetzt werden. So bleiben die Masuren ganz unter sich und haben mit Polen, Ostpreu�en usw. nichts zu tun. jeder kann denken, da� er in seiner masurischen Heimat w�re. "'

Mit diesen und �hnlichen Versprechungen einer guten Wohnung, eines sicheren Arbeitsplatzes und hohen Lohnes versuchten die Zechen seit den 1870er Jahren, Bergleute f�r die in gro�er Zahl neu entstehenden Schachtan�lagen zu gewinnen.

Mit den besten Gr��en,

Marc Plessa

"G�nter H�ffken" <mailto:ghoeffken@gmx.de> schrieb:

An die Leser der Liste!

Mein Gro�vater ist um das Jahr 1900 aus Ostpreu�en (Rastenburg) mit seiner Familie nach Essen in das Ruhrgebiet gezogen und hat dann dort als Bergmann gearbeitet. Es k�nnte sein, dass er dem Aufruf eines Anwerbe-Agenten gefolgt ist.
Hat jemand einen solchen Aufruf? Wei� jemand, wo man eionen solchen Aufruf einsehen kann?

Hallo G�nther,
vor einigen Jahren war im Pei - Anbau des Deutschen Historischen Museums
in Berlin eine Ausstellung �ber Wanderungsbewegungen in Europa. Ich
kann mich erinnern, da� dort solches Anwerbematerial zu sehen war. Der
damailge sehr gute Ausstellungskatalog d�rfte vermutlich einen entspr.
Aufruf enthalten. Ich habe den katalog wegen des sehr hohen Preises
nicht gekauft. Im Antiquariat d�rfte er jetzt preiswerter sein, wenn er
denn zu haben ist.

Manfred K.

Guten Morgen Herr Hans-Christoph Surkau, mich interessiert dieses Thema
auch. Mein Großvater ist aus Masuren (Nikolaiken) mit seiner Familie in das
Ruhrgebiet (Werne an der Lippe) abgewandert. In Werne ist da nicht viel zu
erfahren. Haben Sie die genaue Adresse des Bergbau-Archives, eventuell mit
Ansprechperson? Ich denke das wird auch Hr. Höffken interessieren.
Danke für Ihre Mühe.
Gruß aus Hessen
Erhard (Oster)
mailto:erhard.oster@freenet.de

Hallo Herr Erhard Oster,
es ist schon interessant, dass als Auswanderungsziel häufig der Ort "Werne"
auftaucht, so auch bei meinem Großvater. Mich würde interessieren, in
welchem Jahr Ihr GV auswanderte. Als kleiner möglicher Hinweis: Ich denke,
dass Werne an der Lippe nicht der korrekte Zielort ist, sondern der Ort
Werne bei Bochum, der 1926 von Bochum eingemeindet wurde. Hiermit macht das
Bergbau-Reiseziel, so denke ich, mehr Sinn.

Freundliche Grüße aus Tübingen

Winfried (Lyszio)

Moin Erhard,

Google wei� (fast) alles!Hier geht's zum Bergbau-Archiv:

http://www.archive.nrw.de/Wirtschaftsarchive/Bergbau-ArchivBochum/index.html

Gru�

Rolf-Peter

Hallo Winfried, zunächst "Werne". Bei meinen Großeltern ist es Werne an der
Lippe. Meine einzigen Dokumente sind die Sterbeurkunden aus Werne. Eine
Cousine lebte auch in Werne. Leider konnte Sie mir da auch nicht viel
helfen. Mich würde der Auswanderungszeitpunkt sehr interessieren. Übrigens
in Werne gab es auch Zechen.
Wenn Du was Neues erfahren solltest wäre es nett mir eine Info zukommen zu
lassen. Danke
Gruß aus Hessen
Erhard (Oster)
mailto:erhard.oster@freenet.de

Hallo Rolf-Peter, da hätte ich auch drauf kommen können. Danke, sehr
spannend diese Seiten.
Gruß
Erhard (Oster)
mailto:erhard.oster@freenet.de

Ein spaeter Nachtrag zum Thema:

http://www.migrationsroute.nrw.de/themen.php?thema_id=36&erinnerungsort=Boch
um

Darin sind auch weitere Literaturverweise.

Gruss
Rainer

Dr. Rainer Ibowski
Mission, British Columbia, Canada
mail(at)ibowski.ca