Hallo Herr H�ffken,
aus dem Buch: Franz-Josef Br�ggemeier: Leben vor Ort, Ruhrbergleute und Ruhrbergbau 1889-1919
Sonderausgabe f�r die Mitglieder der IG Bergbau und Energie 1983, S. 25-28
II. Lebens- und Wohnbedingungen
1. Ankunft
"Masuren!
In rein l�ndlicher Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und W�ldern, den Vorbedin�gungen guter Luft, liegt, ganz wie ein masurisches Dorf, abseits vom gro�en Getriebe des westf�lischen Industriegebietes, eine reizende, ganz neu erbaute Kolonie der Zeche Victor bei Rauxel.
Diese Kolonie besteht vorl�ufig aus �ber 40 H�usern und soll sp�ter auf etwa 65 H�user erweitert werden. In jedem Hause sind nur 4 Wohnungen, zwei oben, zwei unten. Zu jeder Wohnung geh�ren etwa 3 oder 4 Zimmer. Die Decken sind 3 Meter hoch, die L�nge bzw. Breite des Fu�bodens be�tr�gt �ber 3 Meter. jedes Zimmer, sowohl oben, als auch unten, ist also sch�n gro�, hoch und luftig, wie man sie in St�dten des Industriegebiets kaum findet.
Zu jeder Wohnung geh�rt ein sehr guter, hoher und trockener Keller, so da� sich die eingelagerten Fr�chte, Kartoffeln etc. dort sehr gut erhalten werden.
Ferner geh�rt dazu ein ger�umiger Stall, wo sich jeder sein Schwein, seine Ziege oder seine H�hner halten kann. So braucht der Arbeiter nicht jedes Pfund Fleisch oder seinen Liter Milch zu kaufen.
Endlich geh�rt zu jeder Wohnung auch ein Garten von etwa 23 bis 24 Quadratruten. So kann sich jeder sein Gem�se, sein Kumpst und seine Kartoffeln, die er f�r den Sommer braucht, selbst ziehen. Wer noch mehr Land braucht, kann es in der N�he von Bauern billig pachten. Au�erdem liefert die Zeche f�r den Winter Kartoffeln zu billigen Preisen.
Dabei betr�gt die Miete f�r ein Zimmer (mit Stall und Garten) nur 4 Mark monatlich, f�r die westf�lischen Verh�ltnisse jedenfalls ein sehr niedriger Preis. Au�erdem verg�tet die Zeche f�r jeden Kostg�nger monatlich 1 Mark. ( ... ) Die ganze Kolonie ist von sch�nen breiten Stra�en durchzogen, Wasserleitung und Kanalisation sind vorhanden. Abends werden die Stra�en elektrisch erleuchtet. Vor jedem zweiten Hause liegt noch ein Vorg�rtchen, in dem man Blumen oder noch Gem�se ziehen kann. Wer es am sch�nsten h�lt, bekommt eine Pr�mie.
In der Kolonie wird sich in n�chster Zeit auch ein Konsum befinden, wo allerlei Kaufmannswaren, wie Salz, Kaffee, H�ringe usw. zu einem sehr billigen Preise von der Zeche geliefert werden, auch wird dort ein Fleischkonsum eingerichtet werden. ( ... ) F�r die Kinder sind dort 2 Schulen erbaut worden, so da� sie nicht zu weit zu laufen brauchen, auch die Arbeiter haben bis zur Arbeitsstelle h�chstens 10 Minuten zu gehen. Bis zur n�chsten Bahn�station braucht man etwa eine 1/2 Stunde.
Die L�hne stellen sich durchschnittlich im Juni 1908 so:
Tagesarbeiter, 8 Stunden Schicht 3,8o Mk. bis 4,- Mk.
Platzarbeiter, 12 Stunden Schicht 3,6o Mk. bis 4,50 Mk.
Kokslader 4,72 Mk.
Koksf�ller 4,46 Mk.
Ziegeleiarbeiter 4,00 Mk. bis 4,50 Mk.
Schlepper bei Kokerei 3,80 Mk.
Schlepper in der Grube 3,00 Mk. bis 4,10 Mk.
Lehrhauer im 1. Jahr 5,50 Mk.
Hauer im Gedinge etwa 6,35 Mk.
Gesteinshauer etwa 6,40 Mk.
Zimmerhauer etwa 5,35 Mk.
Man sieht also, da� jeder Arbeiter gut auskommen kann. Wer sparsam ist, kann noch Geld auf die Sparkasse bringen. Es haben sich in Westfalen viele Ostpreu�en mehrere Tausend Mark gespart. Das Geld ist dann wieder in die Heimat gekommen, und so hat die Heimat auch etwas davon gehabt. �ber�haupt zahlt diese Zeche wohl die h�chsten L�hne. [?] Feierschichten kommen dort nicht vor, vielmehr �berschichten, so da� die Arbeiter immer Verdienst haben werden. [!!!] Entlassungen masurischer Arbeiter werden, au�er dem Falle grober Selbstverschuldung nicht vorkommen.
Masuren! Es kommt der Zeche haupts�chlich darauf an, brave, ordentliche Familien in diese ganz neue Kolonie hineinzubekommen. ja, wenn es m�glich ist, soll diese Kolonie nur mit masurischen Familien besetzt werden. So bleiben die Masuren ganz unter sich und haben mit Polen, Ostpreu�en usw. nichts zu tun. jeder kann denken, da� er in seiner masurischen Heimat w�re. "'
Mit diesen und �hnlichen Versprechungen einer guten Wohnung, eines sicheren Arbeitsplatzes und hohen Lohnes versuchten die Zechen seit den 1870er Jahren, Bergleute f�r die in gro�er Zahl neu entstehenden Schachtan�lagen zu gewinnen.
Mit den besten Gr��en,
Marc Plessa