Folge 16 vom 15.09.1949
Seite 3 Aus der Geschichte Ostpreußens. Von Professor Dr. Bruno Schuhmacher, Hamburg
Es ist gut, wenn wir die Geschichte unserer ostpreußischen Heimatprovinz an uns vorüberziehen lassen, wenn wir uns noch einmal und immer wieder vor Augen führen, wie das geworden ist, was dann Ostpreußen war. Wir bringen daher, in dieser Nummer beginnend, eine kurze Darstellung der Geschichte Ostpreußens, für uns von Professor Dr. Bruno Schumacher geschrieben. Professor Schumacher, einer alten ostpreußischen Familie entstammend, ist wohl der bekannteste Historiker Ostpreußens. Am 2. Dezember 1879 geboren, war er Schüler, Lehrer und dann als Oberstudiendirektor Leiter des berühmten Friedrichskollegiums in Königsberg und von 1937 ab auch Honorarprofessor für die Geschichte Altpreußens an der Universität Königsberg. Er wurde auch weiteren Kreisen bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte Ost- und Westpreußens, besonders des Deutschen Ordens, und durch zahlreiche Vorträge. Er lebt jetzt in Hamburg, wo er an der Universität einen Lehrauftrag für Geschichte hat. Seine Darstellung die wir in jeweils abgeschlossenen Kapiteln bringen werden, ist so gehalten, dass sie wohl jedem verständlich ist. Vor allem werden auch Eltern und Lehrer diese Veröffentlichung gerne benutzen, um unsere heranwachsende Jugend mit der Geschichte unserer Heimat vertraut zu machen. Nach Abschluss der Veröffentlichung kann die Darstellung auch als Material für Vorträge bei Heimatabenden verwandt werden. Diese allgemeine Darlegung der Geschichte unserer Heimatprovinz wird dann später noch durch die Behandlung einzelner geschichtlicher Themen ergänzt werden.
1. Von den Ureinwohnern des Landes.
Der Vorsitzende der Bayernpartei, Dr. Josef Baumgartner, schrieb vor kurzem u. a. folgendes: „Bayern war bereits ein Staatswesen und hatte eine große Kultur, als der slawische Stamm der Pruzzen, der uns seit 1871 beherrschen will, noch gar nicht existierte“. Auf die innerdeutschen Gegenwartsfragen, die dieses in der Wahlkampfhitze niedergeschriebene Wort wiederspiegelt, sol hier nicht eingegangen werden. Auf das schärfste ist aber zu betonen, dass hier zwei schwerwiegende geschichtliche Irrtümer vorliegen, die sowohl im ostpreußischen wie im gesamtdeutschen Interesse auf jeden Fall berichtigt werden müssen. Leider ist ja auch sonst im Westen und Süden Deutschlands die Ansicht weit verbreitet, dass die Urbevölkerung Ostpreußens, die „Pruzzen“ (richtiger heißt es „Prussen“) ein slawischer Stamm gewesen sein soll.
Davon kann nach den einwandfreien Ergebnissen vorgeschichtlicher und geschichtlicher Forschung gar keine Rede sein. Wir wissen vielmehr durch die Fülle der Bodenfunde, dass seit dem Ende der sogenannten Bronzezeit und dem Beginn der Eisenzeit (etwa 800 v. Chr.) in dem eigentlichen Ostpreußen eine Bevölkerung wohnte, die von der slawischen Welt völlig verschieden und abgeschlossen war. Sie gehörte eindeutig zu der Gruppe der „baltischen“ Völker, deren andere Mitglieder uns später unter dem Namen der Litauer, Letten und Kuren begegnen. Was aber vorher, d. h. in der jüngeren Steinzeit und in der Bronzezeit (etwa 4000 – 800 v. Chr.) in Ostpreußen gesessen hat, ist völkisch überhaupt nicht mit Sicherheit zu bestimmen.
Ein Name nun für diese seit etwa 800 v. Chr. Deutlich werdende Bevölkerung taucht erst etwa um 100 nach Chr. auf. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus bezeichnet sie in seiner „Germania“ als „Aestier“ und kennt sie als Anwohner der Bernsteinküste und als nächste Nachbarn der Germanen, diesen in mancher Beziehung ähnlich, doch sprachlich von ihnen verschieden. Was er von ihnen rühmt, ihre Friedfertigkeit, ihren Fleiß im Ackerbau, das wiederholt sich in den Schilderungen späterer Berichterstatter des Altertums und des früheren Mittelalters, die auch ihrerseits immer von dem Volk der Aestier oder Aesten reden. Ja, noch um 800 n. Chr. nennt ein angelsächsischer Seefahrer, Wulfstan, der von dem bekannten Hafen Haithabu an der Schlei nach dem damals blühenden Handelsort Truso (an der Stelle des späteren Elbing) gefahren war, das Land rechts der Weichsel und Nogat das „Eastenland“, das Land links davon das „Wendenland“ (Slawenland). Das trifft genau den Kern der Sache. Denn die Germanen, Vandalen, Burgunder, Goten, die seit etwa 150 v. Chr. nacheinander an der Weichsel, also vor allem in Westpreußen gesessen hatten, waren in den Stürmen der Völkerwanderung nach Südwesten und Südosten abgezogen, und in die ziemlich leer gewordenen Räume Ostdeutschlands waren seit etwa 600 n. Chr. von den Ursitzen der Slawen her (etwa im Raum zwischen Karpathen, Dnepr und Prjipet) allmählich die westslawischen Stämme der Wenden eingedrungen, die sich im Westen bis an die Saale und Elbe ausbreiteten, im Osten aber an die Weichsel stießen. So bildete nun die Weichsel die Völkerscheide zwischen Westslawen und den baltischen Aestiern, während eine zweite westslawische Gruppe, die Polen, bis in das Warthe-Netzegebiet nachgerückt war, nach Norden aber durch die Masurische Seenkette von Ostpreußen getrennt blieb.
Für dieses deutlich von den umliegenden Slawen unterschiedene Volk der Aestier kommt nun bei den abendländischen Berichterstattern seit dem Ausgang des 10. Jahrhunderts der Name „Prussen“ auf. Vielleicht könnte jemand meinen, und das scheint auch Dr. Baumgartner zu tun, dass damit ein neues Volk in Ostpreußen aufgetreten wäre, das dann allerdings jünger wäre als das Herzogtum Bayern. Dem ist aber nicht so, vielmehr zeigen die Bodenfunde deutlich, dass zwischen der Kultur der Aestier und der der prussen nicht der geringste Unterschied besteht, die Prussen also nichts anderes sind als die einst so genannten Aestier. Auch was uns dann seit etwa 1000 n. Chr. abendländische Geschichtsschreiber von Leben und Sitten der Prussen erzählen, deckt sich genau mit dem, was schon Tacitus und die älteren Schriftsteller von den Aestiern berichtet haben.
Übereinstimmend wird auch jetzt die große Friedlichkeit und die Gastlichkeit des Prussenvolkes hervorgehoben. Vielleicht hat ihre Friedensliebe sie verhindert, einen festgefügten Staat zu bilden. Das Land bestand aus Gauen, denen ein gemeinsames Oberhaupt fehlte. Als solche Gaue werden un (teilweise schon früh) genannt: Kulmerland, Pomesanien, Pogesanien, Warmien (Ermland), Natangen, Sambia oder Sembia (Samland), Barten, Galindien, Nadrauen, Schalauen und Sudauen. Aber auch diese Gauen scheinen wieder in eine Reihe von Famileinverbänden, zerfallen zu sein, an deren Spitze Edelherren standen, Diese Edelherren verfügten anscheinend über großen Grundbesitz und geboten über freie Hintersassen und unfreies Gesinde. Die Hauptmasse des Prussenvolkes aber bestand aus freien Bauern, die in Dörfern und Einzelhöfen saßen. Der Ackerbau war also die Hauptnahrungsquelle des landes, wie schon Tacitus von den alten Aestiern berichtet hatte. Im Zusammenhang damit stand eine blühende Pferdezucht. Von der Pferdeliebhaberei der alten Prussen erzählt der Seefahrer Wulfstan bei der Schilderung ihrer Begräbnisstätten allerlei Ergötzliches; den späteren Ostpreußen ist sie bis zur Gegenwart im Blut geblieben. Auch das „Fleisch das beste Grmüse“ ist, wussten schon die alten Prussen. Ordenschroniken des 14. Jahrhunderts erzählen, dass ein prussischer Kundschafter in den deutschen Ordensrittern, entgegen allen möglichen Schaudermärchen, ganz normale Menschen gefunden habe; nur das eine sei ihm unnatürlich und unheimlich vorgekommen, dass sie „Gras fräßen“ (er hatte nämlich die Ritter beim Kohlessen beobachtet!)
Aber auch der handel war dem Prussenlande nicht fremd. Schon zur Römerzeit wurde das Gold des Samlandes, der Bernstein („glaesum“) im mittelmeerischen Raum stark begehrt, und auch der Überfluss des waldreichen Landes an Pelztieren lockte fremde Händler an. Es war mehr ein Passiv-, als ein Aktivhandel; aber jedenfalls kam viel fremdes Geld ins Land, wofür die zahlreichen Funde römischer und später auch arabischer Münzen im ostpreußischen Boden Zeugnis ablegen. An einem Handelsplatz wie Truso muss im 9. und 10. Jahrhundert ein lebhaftes Treiben geherrscht haben. Ebensowenig fehlte es in Altpreußen an Gewerbefleiß. Die Bodenfunde, wie sie neben anderen Museen der Provinz unser Königsberger Prussiamuseum in reicher Fülle barg, zwugten von einer hochstehenden Kunsttechnik; berühmt ist z. B. der Silber- (Töpferei), sondern auch in der Metallfertigkeit, nicht nur in der Keramik schatzfund von Skomentnen (Kreis Lyck). Römische Importwaren, wie buntfarbige Gläser, bronzene Kessel und Sch´üsseln aus dunkelroter Siegelerde („terra sigillata“), fehlten nicht. Ein Teil der Funde, besonders aus der zeit von etwa 200 – 400 n. Chr., zeigt deutlich germanische (gotische) Herkunft oder wenigstens germanischen Kultureinfluss. Als Glanzstück sei der Goldfund von Hammersdorf (Kreis Heiligenbeil) genannt. Wir erinnern uns, dass jahrhundertelang germanische Stämme an der Weichsel gesessen hatten, zuletzt die Goten. Ihre Siedlungen hatten sich z. T. weit über diese nach Osten herübergeschoben, mindestens bis zur Passarge, auf dem Seewege auch die Samlandküste erreicht. Blutmischung mit den Eingesessenen wird nicht ausgeblieben sein, besonders als das Aestiertum nach dem Abzug der Hauptmasse der gotischen Bevölkerung bis an die Weichsellinie nachgerückt war.
Von dem geistigen Leben der alten Prussen wissen wir wenig. Eine Literatur haben sie, schriftlos wie sie waren, nicht hinterlassen. Mündlich überlieferte Lieder und Sagen sind mit der Christianisierung untergegangen. Ihre Sprache, mit dem Litauischen, dem Lettischen und dem Kurischen verwandt, ist erst im 17. Jahrhundert erloschen. Wir kennen sie nur aus gelegentlichen mittelalterlichen Erwähnungen, vor allem aber aus drei Übersetzungen des lutherschen Katechismus, die Herzog Albrecht im 16. Jahrhundert zur besseren religiös christlichen Unterweisung der damals noch sehr zahlreichen altprussischen Landbevölkerung anfertigen ließ. Doch lebt sie noch bis in unsere Tage in zahlreichen Orts- und auch einigen Personennamen (v. Perbandt, Perkuhn), ferner in einer Reihe von Worten, die zu Unrecht als „ostpreußische Provinzialismen“ belächelt werden, wie z. B. Kaddig (Wacholder), Margell (Mädchen, Jungfrau) und Zarm (Leichenbegängnisschmaus).
Etwas deutlicher sehen wir in die religiösen Vorstellungen der alten Prussen hinein. Hier haben wir Nachrichten deutschen Quellen aus der Zeit der Christianisierung, selbst noch aus der Reformationszeit, und gewinnen auch einigen Aufschluss durch die Bodenfunde. Die reichen Grabbeigaben und die sorgfältigen Bestattungssitten (sie kannten von jeher nur die Brandbestattung) beweisen jedenfalls, dass sie an die Unsterblichkeit der Seele und an ein Fortleben nach dem Tode glaubten. Ihr Gottesdienst bestand wohl in älterer zeit in bloßer Anbetung der Naturkräfte, erst allmählich scheinen sie auch den Glauben an persönliche Gottheiten entwickelt zu haben. Götternamen, wie Perkuns, Natrimpe oder Patrimpe, Patollu, werden uns in deutschen Berichten genannt, der Name einer Feldgottheit Curche oder Curcho ist sogar urkundlich überliefert. Einige erhaltene und jedem Ostpreußen bekannte rohe Steinbilder mögen Göttergestalten vorstellen. Gottesdienstliche Gebäude, Tempel hatten sie nicht. Naturkräfte oder Götter verehrten sie in heiligen Hainen. Als Hauptheiligtum wird ein Hain „Romove“ genannt, der wohl in Nadrauen zu suchen ist. Es gab auch einen Priesterstand bei ihnen. Manche ihrer religiösen Vorstellungen und Gebräuche erhielten sich trotz der Christianisierung noch bis in die Neuzeit hinein beim Landvolk. Die Kirchenvisitationen der Reformationszeit brachten da manche überraschende Feststellungen.
Nach einer mehr als tausendjährigen Friedenszeit begann das Aestier-Prussenvolk in seinen letzten Jahrhunderten seiner Selbstständigkeit den Druck auswärtiger Feinde zu verspüren. Seit dem 9. Jahrhundert suchten nordische, zunächst schwedische, später dänische Wikinger, wie die Weichselmündung, so auch die Küsten Ostpreußens heim, als kühne Krieger und Seeräuber, aber auch als gewandte Kaufleute. Von ihrer Kultur geben und die Funde der Gräberfelder von Wiskiauten bei Cranz und von Linkuhnen bei Tilsit, sowie die Reste einiger im Moorboden geborgener Schiffe, z. B. bei Frauenburg, Kunde. Fanden diese seewärtigen Gefährdungen im 11. Jahrhundert mit dem allgemeinen Aufhören der Wikingerzüge ihr Ende, so nahm schon seit etwa 1000 vom Lande her der Druck des polnischen Nachbarn dauernd zu. Polen, selbst erst seit 965 als ein selbständiges christliches Staatswesen im Warthe-Neize-Gebiet erscheinend, bemüht sich seitdem, den Weg zur Ostsee zu finden. In diese Eroberungsbestrebungen, die sich im 11. und 12. Jahrhundert auf die Gewinnung Pommerns und des links der Weichsel gelegenen Pmmerellens richteten, wurde nun das Prussenvolk insofern hineingezogen, als das Kulmerland ein heißumstrittener Boden wurde. In diesen südwestlichsten Winkel des Landes, in das Gebiet zwischen Weichsel, Drewenz und Ossa, war schon frühzeitig polnische Siedlung neben der prussichen eingedrungen, und so spielte sich denn auch hier, aber auch nur hier im Prussenland, ein richtiger „Nationalitätenkampf“ ab, der an Schärfe zunahm, je mehr Polen auch die politische Angliederung dieses Grenzlandes erstrebte.
Die dritte Bedrohung des Prussenlandes erfolgte von Osten her durch den von den Warägern begründeten altrussischen Staat (Hauptstadt Kiew). Sie richtete sich hauptsächlich gegen den großen südöstlichen Prussengau Sudauen, der sich damals, übrigens noch bis tief in die Ordenszeit hinein, weit über die spätere ostpreußische Grenze nach Osten erstreckte.
Alle diese auswärtigen Gefahren haben in dem ursprünglich so friedfertigen Prussenvolk den kriegerischen Sinn erwachen lassen. In jener Zeit der Abwehrkämpfe sind auch wohl grötenteils erst die zahlreichen vorgeschichtlichen Wallburgen in Ostpreußen entstanden, die überall noch heute in ihren deutlich erkennbaren Überresten die Höhen des Landes krönen und auch sonst an stategisch wichtigen Punkten, wie Seenengen, Flußübergängen usw., geschickt angelegt sind. Dass die kriegerisch gewordenen Prussen sich nicht nur auf die Verteidigung beschränkten, sondern zunehmend auch zum Angriff übergingen, hat schließlich, auf polnischen Hilferuf, zum Eingreifen des Deutschen Ordens geführt. Aber auch die Seeküste des Prussenlandes muss den Ostseefahrern damals gefahrdrohend erschienen sein. Denn anders als zur Wikingerzeit gingen die Handelsfahrten der von Lübeck nach den Flussmündungen der Düna und der newa segelnden Fernkaufleute jetzt an der Bernsteinküste vorbei. Als mit dem Auftreten des Deutschen Ordens um 1230 die Geschichte des Prussenlandes die große Wende von der Vorgeschichte zur Geschichte erfuhr, waren auch die Lübecker alsbald zur Stelle.