Folge 18 vom 15.10.1949
Seite 5 Aus der Geschichte Ostpreußens. Wie der Ritterorden nach Preußen kam.
1. Fortsetzung
Um das Jahr 1000 n. Chr. war der Sieg der christlichen Religion in Europa entschieden. Hatte doch in den letzten Jahrzehnten vorher das Christentum nacheinander in Polen, in Russland und in den skandinavischen Ländern Eingang gefunden. Damit war für die Völker Europas, bei allen sontigen Verschiedenheiten und Gegensätzen, ein starkes Band geistiger Einheit geschaffen. Nur ein kleiner Kreis hielt sich vorläufig noch aus dieser großen Gemeinschaft heraus, das waren die baltischen Völker am Ostufer der Ostsee, die Prussen, die Letten, die Litauer und einige kleinere Stämme. Auch diese entfernten Heidenvölker in die europäische Glaubenseinheit einzubeziehen, war also geradezu ein europäische Glaubenseinheit einzubeziehen, war also geradezu ein europäisches Anliegen. Am frühesten ist das bei den Prussen versucht worden, und zwar waren es zunächst einzelne Männer, die sich dieser gefahrvollen Aufgabe unterzogen. Schon 997 machte der aus tschechischem Adel stammende, in Magdeburg deutsch erzogene Bischof Adalbert von Prag (sein tschechischer Name war Woytech) auf dem Wege über Polen und den Unterlauf der Weichsel diesen Versuch. In reinem Idealismus jede äußere Hilfe verschmähend, fand er schon wenige Tage, nachdem er prussischen Boden betreten hatte, im Südwesten des Samlandes den Märtyrertod. Das große eiserne Gedenkkreuz bei Tenkitten mag ungefähr die Gegend bezeichnen, wo er sein Leben im Dienst der europäisch-christlichen Mission hingab.
Nicht besser gelang ein Versuch, den Brun von Querfurt, aus thüringischem Fürstengeschlecht stammend, ein Jahrzehnt später über Russland unternahm. Mit achtzehn Gefährten fand er 1009 seinen Märtyrertod in Sudauen, an unbekannter Stelle. Beide Fälle haben damals Aufsehen in Europa gemacht; erst durch sie wurde der Name der Prussen in weiteren Kreisen bekannt, freilich auch gefürchtet, so dass die Missionsversuche für längere Zeit ruhten. Aber noch ehe ein Jahrzehnt vergangen war, entlud sich das europäisch-christliche Gemeinschaftsgefühl in der großen Massenbewegung der Kreuzzüge gegen die arabisch-mittelmeerische Welt des Islam (seit 1095). An die Stelle friedlicher Einzelmission trat jetzt das Bestreben, die Ungläubigen im, heiligen Krieg, unter das Panier Christi zu beugen. Das Vorbild des Islam und das allgemeine Aufvlühen des Ritterstandes in Europa hatten das ihrige dazu getan. Seine dauernde Verwirklichung fand dieser Gedanke in der Stiftung zweier geistlicher Ritterorden auf dem Boden Palästinas, des Templer- und des Johanniterordens (um 1130), die neben den mönchischen Gelübden des Gehorsams und der Besitz- und Ehelosigkeit den Kampf gegen die Ungläubigen und zugleich den Dienst an Pilgern, Schwachen und Kranken zu ihrem Programm machten. Ihnen folgte am Ende des Dritten Kreuzzuges (1190) als dritter der Deutschen Ritterorden. Im Lager der Kreuzfahrer vor Akkon an der syrischen Küste von Bremer und Lübecker Bürgern ursprünglich als eine Hospitalgemeinschaft gegründet, wurde er schon 1198 zu einem geistlichen Ritterorden umgewandelt und früh von Papst und Kaiser begünstigt. Er hat dann zunächst im Bereich des vorderen Orients neben den beiden älteren Orden seine Aufgabe erfüllt Seine Brüder trugen als Abzeichen das schwarze Kreuz auf weißem Mantel.
Inzwischen hatte man im Abendland damit begonnen, das Kreuzzugsbestreben auch denjenigen Teilen Europas zuzuwenden, wo noch Ungläubige saßen oder gar mit Angriff drohten, und da schien die Mitwirkung solcher zum Glaubenskampf statutenmäßig verpflichteter Ritterorden besonders erwünscht. So war es in Spanien schon einige Jahrzehnte früher zur Gründung dreier nationaler Ritterorden zum Kampf gegen die islaitischen Mauren gekommen. 1211 aber forderte König Andreas II. von Ungarn den Deutschen Orden auf, die Verteidigung des an den Grenzen Siebenbürgens gelegenen Burzenlandes gegen die Angriffe des heidnischen Stammes der Kumanen zu übernehmen. Der Orden folgte dieser Aufforderung; er hat bis 1225 hier als Grenzwacht des Abendlandes erfolgreich gewirkt.
Seite 5 Der Herzog von Masowien rief um Hilfe
Auch der baltische Nordosten war erneut in das Blickfeld der abendländischen Menschheit getreten. Schon um 1180 hatte der Mönch Meinhard von Segeberg (Holstein) mit der Mission unter den heidnischen Bewohnern Livlands begonnen. Zwanzig Jahre später nahm der Domherr Albert diese Arbeit in größerem Umfang wieder auf. Er gründete nicht nur Riga als neuen Bischofssitz, sondern stiftete auch einen eigenen Ritterorden, die, Schwertbrüder, so genannt nach dem roten Schwert, das sie auf weißem Mantel trugen. Und jetzt schien auch die Zeit günstig, die Mission unter den heidnischen Prussen aufzunehmen. Von dem in Polen gelegenen Zisterzienserkloster Lekno, dessen Mönche übrigens fast alles Deutsche waren, gingen schon bald nach 1200 Missionsversuche in Preußen aus, denen der Papst besonderes Interesse widmete. Unter den Sendboten des Klosters zeichnete sich der Mönch Christian (später fälschlich Christian von Oliva genannt) durch seine Bekehrungserfolge, die im Kulmerland begannen, so aus, dass der Papst ihn schon im Jahre 1215 zum Bischof der Preussen ernannte. Gerade damals tobte jener schon erwähnte Nationalitätenkampf zwischen Prussen und Polen um den Besitz des Kulmerlandes, und so wurden nicht nur Christians Missionserfolge bei den Prussen durch eine Gegenbewegung ihrer heidnisch gebliebenen Landsleute in Frage gestellt, sondern auch die südlich von Ostpreußen liegenden polnischen Grenzgaue Cujawien und Masowien, nicht zu verwechseln mit Masuren, durch mehrfache Einfälle der Prussen schwer getroffen. Polen befans sich ohnehin zu jener Zeit in einem Zustand der Zerrüttung, und die einzelnen Teilfürstentümer waren zu schwach, um aus eignen Kräften Widerstand zu leisten. In dieser Not richtete im Winter 1225/1226 der polnische Herzog Konrad von Masowien und Cujawien von seiner Hauptstadt Plock aus einem Hilferuf an den deutschen Orden. Dieser, der eben damals seine Tätigkeit in Siebenbürgen wegen Zwistigkeiten mit dem König von Ungarn und dessen Adel hatte aufgeben müssen, erkannte, dass sich ihm hier ein neues Betätigungsfeld für seine Aufgabe eröffnete.
Seite 5 Die Bestätigung durch Kaiser und Papst
Damals stand an der Spitze des Ordens der Hochmeister Hermann von Salza, ein Thüringer. Er war ein Mann, der wie vielleicht niemand unter seinen europäischen Zeitgenossen die Einheit der Christenheit als höchstes Gebot der Stunde empfand und sie durch unermüdliche Vermittlung zwischen den streitenden Häuptern der Welt, Kaiser und Papst, zu befestigen suchte. Sicher sah er deutlich die größte Gefahr, die dem damaligen Abendland drohte, das Herannahen des Mongolensturmes. In seiner großartigen weltpolitischen Tätigkeit, die ihn dauernd an die Welt des Mittelmeeres fesselte, konnte das preußische Unternehmen nur ein Außenposten sein, wie er denn auch den Boden des Prussenlandes nie betreten hat. Seiner europäischen Einstellung gemäß ließ sich Hermann zunächst (1226) den Besitz des herrenlosen Preußenlandes von dem Kaiser, etwas später vom Papst bestätigen. Er griff erst wirklich ein, nachdem sich seine Beauftragten in vierjährigen Verhandlungen mit Herzog Konrad und Bischof Christian über den Besitz des Kulmerlandes geeinigt hatten. Eine päpstliche Kreuzzugsbulle von 1230 forderte die Bewohner der benachbarten deutschen und polnischen Landschaften zu tatkräftiger Mitwirkung auf, und an der Spitze eines kleinen kreuzfahrerheeres, begleitet von sieben Ordensbrüdern, betrat der von Hermann von Salza damit beauftragte Ordensburder Hermann Balk 1231 vom linken Weichselufer aus das Prussenland in der Gegend des heutigen Thorn. Ein rasch aufgeworfenes Erdwerk bei dem späteren Dorfe Altthorn war die erste preußische Ordensburg; ein mächtiger Eichbaum diente als Wartturm. Bei seinem weiteren Vorrücken hielt sich der Orden vorsichtig an die Wasserstraße der Weichsel. 1232 wurde auf ihrem hohen rechten Ufer die Burg Kulm, 1233 auf einer Weichselinsel die Burg Marienwerder angelegt, letztere bald danach auf die jetzige beherrschende Höhe verlegt. Ein größeres Kreuzheer polnischer und schlesischer Fürsten hatte 1233 Hermann Balk, dem nunmehrigen, Landmeister von Preußen, ermöglicht, auch in das Innere des Landes vorzustoßen, wo sich bald danach die Feste Rheden erhob. Im übrigen aber zog das Ordensheer weiter weichsel- und nogatabwärts und gelangte 1237 bis an die Mündung des Elbingflusses, wo etwa an der Stelle des alten Truso die Burg Elbing gegründet wurde. Dann ging es in zwei auf der Nogat erbauten Kriegsschiffen, Pilgrim und Friedeland, ins Frische Haff hinein, und hier erhob sich auf der Grundlage einer alten Prussenfeste Honeda die Burg Balga, die das damals gegenüberliegende Tief und dadurch die Verbindung mit dem Meere und mit den Lübeckern sicherte. Von dieser äußeren Wasserlinie, Weichsel, Nogat, Frisches Haff, her gelang es dann in den nächsten Jahren, auch einen Teil des westlichen Inneren zu bezwingen und durch Anlage von Burger zu sichern. Freilich waren diese ältesten Wehranlagen des Ordens noch nicht die späteren hochragenden Backsteinbauten, sondern Holz-Erdewerke, die sich in Grundriss und Technik vielfach an die altprussischen Befestigungen anlehnten. Der verhältnismäßig rasche Fortgang der Eroberung erklärt sich aus der mangelnden politischen Organisation der Prussen, insbesondere aus der Uneinigkeit der einzelnen Gaue.
Seite 6 Von europäischen Gesichtspunkten aus
Mittlerweile war der Schwertbrüderorden in Livland nach anfänglichen raschen Erfolgen auf außenpolitische Schwierigkeiten gestoßen, d. h. auf die Feindschaft der angrenzenden heidnischen Litauer und auf die Ausdehnungs- und Missionsbestrebungen des alten russischen Reiches. Hier griff der Papst ein und vereinigte 1237 den livländischen mit dem deutschen Orden, wieder ein Beweis dafür, wie sehr diese nordöstlichen Fragen von europäischen Gesichtspunkten, nicht einfach von deutschen Eroberungsabsichten oder eigensüchtigen Bestrebungen des Deutschen Ordens aus entschieden wurden. Im Gegenteil, für den letzteren eher eine Erschwerung war diese Erweiterung seines Aufgabenbereiches des in Preußen eben erst begonnen Werkes, da er fortan auch mit der Freindschaft Litauens und Russlands zu rechnen hatte. Wie gefährlich sich diese Tatsache für ihn auswirken konnte, zeigte sich schon 1242, als der russische Großfürst Alexander Newski dem livländischen Ordenszweige eine schwere Niederlage auf dem Eise des Peipussees beibrachte. Die Folge davon war nämlich, dass in den bisher bezwungenen westlichen Landschaften Preußens, Pomesanien, Pogesanien, Natangen und Barten, 1243 ein Aufstand ausbrach, der den Orden wiederholt in sehr schwierige Lagen brachte. Erst als Russland an der Ausnutzung seines Sieges durch den bald danach erfolgenden Einfall der Mongolen gehindert war, gaben auch die aufständischen Prussen den Kampf auf, und es erfolgte durch persönliche Vermittlung eines päpstlichen Gesandten zwischen ihnen und dem Orden 1249 der Friedensschluss von Christburg, in dem die Prussen gegen Anerkennung ihrer persönlichen Freiheit und ihres Besitzes Gehorsam gegen den Orden und Annahme des Christentums gelobten.
Die Befriedung des westlichen Prussenlandes erschien aber solange unsicher, als die nördlichen und östlichen Landschaften unberührt blieben. Hauptsächlich galt es, das volkreiche Samland zu bezwingen, das schon seit ältester Zeit der bedeutendste und kulturell am höchsten stehende Prussengau gewesen war. Auch dieser Kampf erschien wieder als ein europäisches Anliegen. Ein großes Kreuzfahrerheer kam dem Orden zu Hilfe. An seiner Spitze stand König Ottokar II. von Böhmen; ihm zu Ehren wurde die etwas oberhalb der Pregelmündung auf der Waldhöhe Tuwangse errichtete Ordensburg, Königsberg, genannt. Ottokars Gedächtnis ist in Königsberg immer lebendig geblieben; das Königstor in Königsberg war wohl die einzige Stelle, an der dieser tschechische Fürst in Deutschland ein Standbild erhalten hat. Hier kreuzte die uralte Handelsstraße von Natangen nach dem Samland die Wasserstraße des Pregels, und von diesem wichtigen Punkte aus gelang es ohne sonderliche Mühe, das Pregeltal und den großen Binnengau Galindien zu bezwingen, nachdem schon 1252 der livländische Ordenszweig durch die Anlegung der Burg Memel die seewärtige Verbindung zwischen Ostsee und Kurischen Haff gesichert hatte. 1260 konnte die Unterwerfung des inneren Preußenlandes als abgeschlossen gelten.
Freilich wurde alles Errungene wieder in Frage gestellt durch einen zweiten, allgemeinen Aufstand, der diesmal besser organisiert war. Von den einzelnen Gauführern, die ihn leiteten, ist am bekanntesten der Natanger Heinrich Monte geworden, der in Magdeburg eine christliche Erziehung und wahrscheinlich auch seinen christlichen Vornamen erhalten hatte. Auch jetzt rief der Papst durch wiederholte Kreuzfahrerbullen die Hilfe Europas an; 1267 setzte sich zum zweitenmale ein böhmisches Heer zur Unterstützung des Ordens nach Preußen in Bewegung. Schließlich brach der Aufstand 1273 doch zusammen und es folgte nun in einem zehnjährigen Ringen noch die Unterwerfung der drei Randlandschaften Schalauen, Nadrauen und Sudauen, so dass 1283 das Preußenland als gesicherter Besitz des Ordens gelten konnte. Ein dichter, wenig besiedelter Waldgürtel, die Wildnis, genannt, etwa das heutige Masuren, umschloss fortan den Osten und Süden des Landes als eine schwer zu druchdringende Schutzwehr gegen Litauen. Die Bewohner waren zum Teil nach Litauen ausgewandert, zum Teil nach dem westlichen Preußen, besonders nach dem Samland, umgesiedelt worden, dessen Nordwestecke noch bis in die Neuzeit hinein den Namen, Sudauer Winkel, trug.
Seite 7 Ostpreußische Familientragödie. Ein Vater vergiftet sich und seine fünf Kinder
Wie ein greller Blitz die tiefe Dunkelheit erhellt, so beleuchtet die Tragödie einer ostpreußischen Familie, die sich in diesen Tagen in Russee bei Kiel abgespielt hat, das graue Elend, in dem viele unserer Landsleute leben müssen. Der dreißigjährige ehemalige Vermessungsangestellte Otto Flick aus Gumbinnen hat sich und seine fünf Kinder vergiftet, während die Mutter