Seite 10 Gerd und Gretel finden ihre Eltern.
Wie die Geschwister Simbrowski wieder einen Namen bekamen.
Es waren einmal zwei brave Kinder, Hänsel und Gretel mit Namen. Eines Tages verirrten sie sich im dunklen Wald und fanden nicht mehr nach Hause.
Ach nein, wir wollen unsere Geschichte anders beginnen. Denn es ist ja kein Märchen, das wir erzählen wollen, sondern eine wahre Begebenheit, deren hier geschildertes Kapitel an einem Frühlingstage im Jahre 1945 in Lüneburg beginnt. Da standen an jenem Tage auf dem Lüneburger Bahnhof zwei Kinder in der Menschenmenge, die sich aud dem eben angekommenen Flüchtlingstransport ergoss. Sie standen unbeweglich zwischen Koffern und Bündeln und hielten sich ganz fest an den Händen. Niemand kannte sie, niemand wusste ihren Namen, konnte von ihrer Herkunft sagen. Sie waren irgendwo von dem Flüchtlingsstrom aufgesogen worden und in ihm mitgetrieben.
Sie ließen auch nicht voneinander, als das Rote Kreuz sie in ihre Obhut nahm. Zögernd gaben sie Auskunft: Gretel hieß das ältere Mädelchen, Gerd der Junge. Den Nachnamen verstand man als Simbrowski. Man trug die Geschwister als Gretel und Gerd Simbrowski in die Liste der unbekannten Kinder ein.
Gretel wusste noch mehr zu erzählen. Dass die Eltern und außer ihrem Brüderchen noch drei Geschwister gehabt hätte. Sie wären gemeinsam von zu Hause fortgegangen. Aber dann in einer großen Stadt wären soviel Bomben gefallen. Vater und die anderen sind nicht mehr wiedergekommen. Und Mutter wollte Brot einkaufen und ging fort. Aber sie kam auch nicht mehr.
Das war alles, was man erfuhr. Der Dialekt der Kinder verriet, dass sie aus Ostpreußen stammten. Bei der großen Stadt musste es sich wohl um Danzig gehandelt haben. Bis dorthin waren die beiden Kinder mit Eltern und Geschwister gekommen. Aber dann? Lebten die Eltern noch? Waren sie tot?
Gerd und Gretel wurden im Kinderheim Ochtmissen untergebracht. Dort war ihr Schicksal nur eines von vielen. Sie waren alle eltern- und heimatlos, die Zwei-, Drei- und Fünfjährigen, die irgendwo nach Bombennächten und Artillerieangriffen aufgefunden, nach Schiffsuntergängen aus der See gezogen wurden. Viele waren noch so klein, dass sie nicht die geringsten Angaben machen konnten. Namen, Geburtsdatum und –ort wurden auf Antrag vom Minister des Innern bestimmt. Manches dieser Kinder wird nie erfahren, wer es in Wirklichkeit ist, wo seine Heimat war.
So blieben auch Gerd und Gretel im Kinderheim Ochtmissen. Ihre Bilder aber wanderten mit dem Suchdienst des Roten kreuzes durch das deutsche Land. Sie riefen von Anschlagtafeln und Litfaßsäulen, vergebens. Und die jahre vergingen. Viele der Erlternlosen hatten zu Vater und Mutter zurückgefunden. Nach Gerd und Gretel fragte niemand!
Die Kinder wurden größer, es musste nach Pflegestellen gesucht werden, aber niemand wollte beide Geschwister nehmen. So mussten sie auseinander gehen. Der braunäugige Gerd kam nach Hildesheim, wo ihn ein kinderloses Ehepaar in liebevolle Pflege nahm. Der kleine Kerl gewann bald das Herz seiner neuen Beschützer, die später eine Adoption beantragen wollten. Schwesterchen aber reiste nordwärts nach Schleswig-Holstein. Es war ausdrücklich festgesetzt worden, dass die Kinder in ständiger Verbindung bleiben sollten.
Damit schien der Fall Simbrowski für Lüneburg erledigt.
Da trifft aber nun vor wenigen Tagen auf der Dienststelle des Roten Kreuzes am Michaeliskloster ein Schreiben ein. Absender: Suchdienst, Zonenzentrale Hamburg. Und plötzlich fällt ein Lichtstrahl in das dunkle, rätselhafte Geschick der Findelkinder. Gerd und Gretel finden ihre Eltern.
Einem bei Hamburg wohnenden ostpreußischen Vertriebenen fiel erst jetzt das Bildheft des Suchdienstes in die Hände. Beim Anblick der bloden Gretel stutzt er, blättert weiter und findet Brüderchens Bild. Das ist doch eine Nichte, das ist mein Neffe, denkt der Überraschte.
So standen in dem Brief des Suchdienstes folgende wenige Zeilen, die aber das Leben zweier kleiner Menschenkinder nun grundlegend ändern:
Herr W. R. hat mit Bestimmtheit seinen Neffen Gerhard Dembowski, geboren 08.08.1941, und seine Nichte Grete, geboren 31.07.1939, beide aus Thierberg, Kreis Osterode, Ostpreußen, wiedererkannt. Die Eltern der Kinder wohnen mit den anderen Geschwistern jetzt noch dort. Sie flüchteten mit ihren fünf Kindern Mitte Janaur 1945 von Thierberg und verloren die beiden Kinder Gerhard und Gretel am 24.01.1945 bei einem Luftangriff auf Danzig.
Es folgen genaueste Beschreibungen der Kinder und die Anschrift der Eltern im jetzt polnisch besetzten Gebiet, in das sie wohl von Danzig aus zurückkehren mussten.
Zwei kleine Unbekannte wissen auf einmal, wer sie sind. Sie haben plötzlich einen richtigen Onkel, eine richtige Tante und wissen, dass Eltern und Geschwister leben. Vielleicht erhalten zur gleichen Stunde in dem fernen Heimatort jenseits vieler, vieler Grenzen die Eltern die erlösdende Nachricht, dass ihre beiden, seit 4 ½ Jahren vermissten Kinder leben.
Seite 17 Verschollen? Ostpreußische Frauen in der Sowjetunion
Vor mir liegen vier Suchzettel von in Russland verstorbenen ostpreußischen Frauen, deren Angehörige nicht zu ermitteln sind:
Ida Thiele, ca. 40 Jahre, aus Cranz.
Henriette Sahm, ca. 60 Jahre, aus Neu-Heiligenwalde
Frau König, geb. Fröse, ca. 30 Jahre, aus Rogahnen
Frau Franz, ca. 40 Jahre, aus Strobjehnen.
Zwei dieser Frauen haben anscheinend ihre Kinder mit in Russland gehabt. Wer weiß nun, wohin wir diese inhaltsschwere Nachricht weitergeben sollen?
Seite 17
Sein vierzigjährigs Meisterjubiläum feierte kürzlich Sattlermeister Fritz Schäfer, früher Schloßberg, jetzt Celle, Rolandstraße 19
Seite 18 Nachrichten von ostpreußischen Heimkehrern
Otto Loppnow, früher Oberleutnant und Kreisführer der Gendarmerie in Braunsberg, Ostpreußen (Notiz in Folge 17), teilt mit, dass er aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt ist und sich bei seinen Angehörigen in (24b) Geschendorf, Kreis Segeberg, Holstein, befindet. Am gleichen Tage ist der Meister der Gendarmerie Friedrich Slawski aus Langwalde, Kreis Braunsberg, Ostpreußen heimgekehrt; er wohnt bei seinen Angehörigen in Flensburg-Mürwick, Mützelburglager, Baracke 1. Bei dem erwähnten Hauptwachtmeister der Gendarmerie Koradt im Kreis Mühlhausen, handelt es sich um Max Konrad in Kurau, Kreis Braunsberg, der nicht an Unterernährung, sondern an Lungenentzündung am 18.01.1947 im Gefangenenlager Pr.-Eylau verstorben ist.
Rudolf Mertins, Leiter der Landsmannschaft der Königsberger in (23) Delmenhorst i. Oldenburg, Försterhof 26, der die letzten Kämpfe im Samland mitgemacht hat, ist in der Lage, über folgende Personen Auskunft zu geben:
Willy Fritsch; Friedrich Jensch; Karl Spengler; Ernst Buchholtz; Michel Labies; Gustav Zitzewitz; Johann Piklaps; Andreas Simanofski; Emil Reinhardt und die Rote-Krez-Schwester, Emma Schulz und eine andere bei ihr befindliche unbekannte Rote-Kreuz-Schwester.
Ernst Steguweit in (24a) Dakendorf, Post Dissau über Lübeck kann ‚Auskunft über ostpreußische Kameraden vom Bau-Bataillon XX/6, das Anfang Februar 1945 in Danzig aufgestellt wurde, über Müllermeister Polixa, Gumbinnen. Hausmeister F. Radtke, Königsberg und Otto Krabs, Schloßberg
Hedwig Reinhold, geb. Laser gesucht. Die Geschäftsführung der Landsmannschaft teilt mit: Anfang Februar 1945 kam mit einem Flüchtlingstransport in Sachsen an Hannelore Laser, geb. am 23, Februar 1943. Hannelore war aus dem Säuglingsheim Heilsberg evakuiert worden. Kostenträgerin war die Mutter Hedwig Reinhold, geb. Laser, Kontoristin, seiner Zeit Luftwaffenhelferin in Wolfsee, Kreis Lötzen, Ostpreußen. Hannelore ist seiner zeit von einer Frau in Sachsen an Kindesstatt angenommen worden. Die Frau möchte jetzt gern etwas über den Verbleib der Mutter erfahren. Wer kennt Hedwig Reinhold, geb. Laser? Wer war mit ihr zusammen, wer kenn Auskunft über ihren Verbleib oder ihre jetzige Anschrift geben?
Wer kann Auskunft geben über den deutschen Bürgermeister der Stadt Königsberg im Jahre 1947 der Kommandantur 7, Stegemannstraße? Nachricht erbittet Herr Milch, Düsseldorf, Richardstraße 105, bei M. Simon