Wir Ostpreußen, Juni 1949, Folge 09

Folge 09 vom 01.06.1949

Seite 03 Ex-Gauleiter Koch verhaftet
Unter dieser Überschrift meldet die in Hamburg erscheinende Zeitung, Die Welt, am 28.05.1949:
Jawohl, ich bin Erich Koch, erklärte der ehemalige Gauleiter von Ostpreußen und spätere Reichskommissar der Ukraine sofort, als er dem Haftrichter in Hamburg vorgeführt wurde.

Bei seiner Verhaftung am Mittwoch durch deutsche Polizei, die von Beamten der Militärregierung unterstützt war, machte er nicht den Versuch, sich einer im Anzug verborgenen Giftphiole zu bedienen. Koch befindet sich auf der Kriegsverbrecherliste vom Juni 1948. Nach seiner Festnahme bat er darum, nicht an die Sowjetrussen ausgeliefert zu werden.

Die oberstaatsanwaltschaft Hamburg teilt hierzu ergänzend mit, dass sich Koch bis zu seiner Festnahme am Mittwoch als Landarbeiter in Hasenmoor bei Kaltenkirchen unter dem Namen Rolf Berger aufhielt. Er bewohnte ein Einzelzimmer und beschäftigte scih vor allem mit Gartenarbeit und Hühnerzucht. Der Exgauleiter ließ sich 1945 mit gefälschten Militärpapieren als Major a. D. entlassen, unterzeichnete alle Dokumente mit dem von ihm angenommenen Namen, unter dem er auch im Dorf allen bekannt war. Allerdings lebte der Herr Major recht zurückgezogen und empfing außer, zwei Nichten, keinen Besuch. Es fiel auf, dass er bei einer Versammlung ostpreußischer Flüchtlinge plötzlich eine dunkle Brille trug. Nach der Währungsreform wurde auch für Rolf Berger trotz Gartenarbeit und Hühnerzucht das Geld knapper und knapper.

Koch soll sich nun vor dem Spruchgericht Hamburg-Bergedorf verantworten. Außerdem wird Anklage wegen Urkundenfälschung gegen ihn erhoben. Er befindet sich zur Zeit in Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis Hamburg.

Seite 4 Unter Birkengrün und Kalmus. Pfingsbräuche in Ostpreußen. Ein Ast der Pfingstbirke musste unter dem Dache stecken bleiben.

Dass dereinst das Maienfest in ganz Ostpreußen eine wahre Freudefeier in jeder dörflichen und kleinstädtischen Gemeinschaft war, wird nur noch den Ältesten unter uns dunkel in erinnerung sein. Da gab es bis an die Jahrhundertwende Umzüge durch den geschmückten Ort mit Vieh und Wagen, vereinte Gesang, Tanz und Frohsinn die ländliche Gemeinde. Der erste Pfingsfeiertag führte alle Einwohner auf einer Waldlichtung, am See- und Haffufer oder ein einem sonnigen Grund zusammen, vereine Bauern und Gesinde, Handelsmann und Kommis im menschlich schönen Geiste von Verbundenheit und Fröhlichsein. Stadt und Dorf hatten, ausgemait. Wagen voll Birkengrün waren herangefahren. Vor jeder Haustür, an jedem Ladeneingang, selbst bei den Toreinfahrten standen die schlanken Birkenstämmchen. Die gemütlichen Bänke vor den Haustüren waren zu kleinen Lauben verwandelt. Lichtes Laub schmückte die Fenster und Giebelbalken, die Ställe und Scheunen. Der frühlingsjunge Wald zog zu Pfingsten in die Siedlungen, denn auch Fichten- und Kaddickzweige verwendete man zum festlichen Putz. Überall duftete es süß nach frischem Birkenlaub und in Masuren wie an den Haffen trugen Büschel von Kalmus in wassergefüllten Steintöpfen den herben Geruch der Gewässer in die Stuben. Die weißgescheuerten Dielen der Wohnzimmer und Gasthausräume waren mit feinem weißen Sande, mit gehacktem Kalmus und Tannenzweigen bestreut in Erwartung der fröhlichen Gäste.

Für uns Jungen, die wir bei der Anfuhr des Birkengrün ja nicht fehlen durften, waren schon die Vorbereitungen zum, Ausmaien, ein Fest. Wie schmeckte das zarte, blassrosa, Fleisch, eigenartig frisch. Man konnte Kalmuspfeifen machen und Rohrflöten und wenn man die, Seele, aus dem Kalmus zu ziehen verstand, womit der noch weiche Kern gemeint war, und diesen aß, sollte man gegen alle Krankheiten gefeit sein. So hatte es und die alte Mine erzählt und geheimnisvoll geflüstert, dass wir ein bisschen Pfingstlaub ins Kommodenfach legen sollten, dann würde es eine gute Ernte geben und reiche Geschäfte für das Haus. Die alte Masurin wusste auch, dass ein Ast der Pfingstbirken unter einem Dachblaken bis zum nächsten Jahr stecken bleiben müsse, damit der Blitz nicht ins Haus fahre und im Stall das Vieh schütze. Wenn eine Frau zu Pfingsten nähe, schlage beim nächsten Gewitter bestimmt der Blitz ein, und es wäre besser, alle Nadeln zu verwahren und die Nähmaschine mit einem Tuch zuzudecken. Sie wusste vieles Geheimnisvolle zu sagen, die alte Mine, und wir Kinder hörten ihr mit blanken Augen und einem kleinen angenehmen Gruseln zu.

Aber das Schönste am Pfingstfest war doch der Ausflug! In der Frühe des 1. Feiertages fuhren die Leiterwagen auf dem Markt oder dem Dorfanger auf, alle geschmückt mit jungen Birken. Die Krepsch der Mutter war gefüllt mit Kuchen, Schinkenstullen, Soleiern und kalten Koteletts, mit Himbeersaftflaschen und anderen guten Sachen. Vorne spielte die Musik und die lange Wagenkolonne fuhr, zum Städtle hinaus, mit Gesang, Gelächter und lautem Gejuchze, weil es auf den harten Sitzbrettern der Leiterwagen so schön stuckerte. Draußen im Walde, am Seeufer wurde gefeiert, gesungen, gespielt und getanzt. Die Alten wurden wieder jung und die jungen Pärchen verkrümelten sich. Berge von Fladen und Fluten von Grog und Meschkinnes trugen zur Hochstimmung bei, bis am Abend es heimwärts ging vom großen Pfingstausflug in die junge, blühende Gotteswelt.

Es waren anspruchslose, schlichte Volksfeste, zu denen sich in Ostpreußen dereinst die Menschen zu Pfingsten zusammenfanden. Dass sie ihre einfachen Feiern immer unter freiem Himmel und an besonders schönen Orten im Walde abhielten, knüpft unbewusst an alte religiöse Überlieferungen an. Noch bis 1914 waren diese Pfingsausflüge allgemein Brauch. Sie wurden an der Küste bisweilen in geschmückten Booten, an den Seen mit Dampfern und angehängten Schleppkähnen unternommen. Andere Bezirke kannten wiederum das gemeinsame Wandern zu bestimmten bevorzugten Zielen, woraus sich in den katholischen Gegenden eine gewisse Art fröhlicher Wallfahrten entwickelte. Im Ermland traten die Pfingsfeiern stark vor den Fronleichnamsbräuchen kirchlicher Art zurück, doch war es hier allgemein üblich, am Pfingstsonnabend Haus, Hof, Stallungen, Garten und Felder symbolisch mit Weihwasser zu besprengen.

Eine sehr hübsche Sitte wurde in begrenzten Gebieten um Rastenburg und Bartenstein, aber auch im Oberland geübt. Hier bekränzte man am 1. Feiertag das Vieh mit Laubkränzen. Jedes Stück bekam um Hörner oder Hals seinen Kranz, der gelegentlich auch aus dicken Gewinden von Butterblumen bestand. Diese Pfingstochsen trieb der Hirt durch das Dorf und lieferte jedem Bauern das geschmückte Vieh mit steifer Förmlichkeit ab, die aber formloser und schließlich ganz unzeremoniell wurde, je häufiger ihm dafür ein, dreistöckiger, Weißer sepndiert wurde.

Zweifellos auf heidnischen Ursprung geht ein Brauch zurück, der nur am Südufer des Frischen Haffes bekannt war. Mit einem Weidenkorb, in den eine lebende Krähe gesetzt war, gingen Knechte und Mägde zu den Gehöften und sprachen dort ihre beschwörenden Srpüche, die den Sinn hatten, Schaden von den Feldern fernzuhalten. Die Krähe stellte den gefangenen Unglücksbringer dar. Die knechte und Mägde wurden für ihre Wünsche mit gaben an Lebensmitteln, Branntwein und Geld belohnt, die am Nachmittag bei einer Feier unter freiem Himmel verwendet wurden. Als Festspeise wurden Flinsen gebacken und mit viel Zucker verzehrt. Unter derben Späßen und Spielen dauerten diese, Schoadoaer, -Feste bis tief in die Nacht hinein. Wieder nahm die ganze Dorfgemeinschaft teil und Birkengrün und Kalmus waren auch der Schmuck dieses pfingtlichen Festes.
Masuricus.

Seite 4 Flucht aus Königsberg
Die 29-jährige Hilde Gerlach berichtete in Lübeck über die Flucht von elf Deutschen aus Königsberg mit einem kleinen Fischerkutter. Sie erzählte, dass sie zusammen mit 62 anderen deutschen Männern und Frauen in einem Internierungslager untergebracht war und vor wenigen Wochen von den Russen erfahren hatte, dass sie zur Arbeit in einem Uranbergwerk herangezogen werden sollten. Ein deutscher Fischer, der von den Russen eine Zulassung für seinen Kutter hatte, unternahm nachts mit zehn anderen Deutschen die Flucht. Sie hatten Glück, nicht kontrolliert zu werden und konnten nach 16 Tagen Lübeck erreichen. Am Tage wechselten wir sehr oft den Kurs, damit die Russen glaubten, dass wir fischen, und des Nachts segelten wir nach Westen. Unsere Herzen schlugen uns oft bis zum Hals, erzählte Frau Gerlach. In Königsberg befinden sich jetzt noch etwa 1000 deutsche Zivilisten aus allen Teilen Ostpreußens und 3 – 4000 deutsche Kriegsgefangene. Die Zivilisten, Männer und Frauen, sind bei Aufräumungsarbeiten eingesetzt, und die Kriegsgefangenen leisten Wiederaufbauarbeiten. In den nach 1945 leer gebliebenen Wohnungen sind russische und ukrainische Familien eingezogen. Frau Gerlach erzählte weiter, dass sie von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends für einen Rubel monatlich arbeiten mussten. Die Tagesration betrug 12 Scheiben Brot und 1 Liter Wassersuppe mittas und 1 ¾ Liter Suppe abends.

Seite 8 Familienanzeigen
Dietrich Grodde und Liselotte Grodde, geb. Wandhoff. Croplens, Kreis Samland. Vermählte. Lobberich, Rhld., 24. Mai 1949

Ihre Vermählung geben bekannt. Heinz Rohde und Frau Ruth-Margaret, geb. Esser. 23. Mai 1949. Gut Heyde, Kreis Bartenstein, Ostpreußen. Blunken, Kreis Bartenstein. Jetzt: Dersau, Plön, Holstein

Für die uns anlässlich unserer Hochzeit erwiesenen Aufmerksamkeiten, danken wir allen recht herzlich. Ottfried Schmidt, Frau Dorothea, geb. Gotter. Schleswighöfen, Pillkallen. Jetzt: Sulingen- Hannover

Am 5. April 1949 konnten die Eheleute Ing. F. Kupsch und Frau. Bückeburg, Langestraße 1, früher: Königsberg, Hermannallee 6, das Goldene Ehejubiläum begehen.

Es ist bestimmt in Gottes Rat, dass man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden. Nach Gottes ewigem Ratschluss, nach einer schweren Operation infolge Darmverschlingung, mein innigstgeliebter Mann, unser herzensguter Vater, mein lieber Sohn und Schwiegersohn, unser lieber Bruder, Schwager und Onkel, der Bauer Johann Molloisch, aus Thomken, Kreis Lyck, Ostpreußen, im Alter von 52 Jahren, fern seiner geliebten Heimat für immer seine gütigen, treuen Augen. Im Namen aller Leidtragenden: Ida Molloisch, geb. Quaß. Hamweddel, den 5. April 1949. Am 8. April 1949 haben wir ihn zur letzten Ruhe geleitet.

Am 22.05.1949 entschlief sanft, mein geliebter Mann, unser gütiger Vater und lieber Bruder, Schwiegersohn, Schwager und Onkel, der Landwirt Franz Stadie, auf Saraunen, Kreis Pr.-Eylau und Grünhof bei Insterburg, fern seiner ostpreußischen Heimat. Im Namen aller Hinterbliebenen: Edith Stadie, geb. Hasse. Albert Stadie, zurzeit vermisst. Eberhard Stadie. Henriette Stadie und Clara von Homeyer, geb. Stadie. Dransfeld 215

Erst jetzt wurde uns die Gewissheit, dass nach kurzem Eheglück, mein lieber Mann, mein hoffnungsvoller Sohn, unser lieber Bruder, Heinz Peters, Grunau-Höhe, Kreis Elbing, am 22.03.1945 bei Heiligenbeil, gefallen ist. In tiefem Schmerz: Hannelore Peters, geb. Wiehler, Trendelburg, Bezirk Kassel. Anna Peters, Büdelsdorf bei Rendsburg, Kampstraße 50. Willi Peters und Frau, Büdelsdorf bei Rendsburg, Kampstraße 50. Gerhard Peters, in russischer Gefangenschaft.

Nachträglich zur Kenntnis.
Fern der Heimat entschlief am 26.10.1947, mein lieber Mann, mein herzensguter Papa, mein einziger, hoffnungsvoller Sohn und Bruder, unser lieber Schwiegersohn, Schwager und Neffe, der Schriftsetzter Heinz Schmidt, im 28. Lebensjahre. Er fand seine letzte Ruhestätte in Flensburg, Holstein a. d. Friedenshügel-Friedhof. Im Namen der Hinterbliebenen: Frau Walburga Schmidt. Insterburg, Ostpreußen. Jetzt: (13b) Ottisried, Allgäu, Post Haldenwang

  Am 21. Mai 1949 entschlief nach kurzer, schwerer Krankheit, entkräftet durch Sorgen und Not, meine unvergessliche, treusorgende Mutter, meine liebe Tochter, unsere liebe Schwester, Frau Elisabeth von Gottberg, a. d. H. Groß-Klitten, im 45. Lebensjahr. Sibille Dorsch. Else von Gottberg, geb. von Berg. Leonie von Gottberg, geb. von Gottberg, früher Allenau, jetzt Schliestedt. Heinrich von Gottberg, früher: Groß-Klitten. Schliestedt über Schöningen, Bezirk Braunschweig. Die Beerdigung fand am 24. Mai 1949 in Schliestedt statt.

Gott, der Herr, hat am 3. Mai 1949, meine geliebte Frau, unsere treusorgende, nimmermüde Mutti und liebe Omi, Schwiegermutter, Schwester, Schwägerin und Tante, Frau Luzia Ostrowski, Frau Luzia Ostrowski, geb. Schulz, früher: Zinten, Ostpreußen, nach kurzer, schwerer Krankheit, im 62. Lebensjahre, in die ewige Heimat aufgenommen. In unfassbarem Schmerz: Bernhard Ostrowski. Hugo Ostrowski und Frau, Hackeboe. Hildegard Wenzler, geb. Ostrowski. Fritz Wenzler. Karin und Hans-Jügen, als Großkinder. Konstanz am Bodensee, Döbelestraße 28

Fern der Heimat, verstarb am 9. April 1949 in Cloppenburg i. O., unsere liebe Mutter, Schwiegermutter, Großmutter und Urgroßmutter, Frau Caroline Rubelowski, im 71. Lebensjahr. Aus Mensguth, Kreis Ortelsburg, Ostpreußen. Sie starb im Herzeleid um ihren Ehemann und ihre Schwiegertochter mit Kindern, welche sich noch in Mensguth, Ostpreußen befinden. Im Namen aller trauernden Hinterbliebenen: Familie Wilhelm Ober, Cloppenburg i. O., April 1949

Am 8. Mai 1949, entschlief in Greifswald, fern ihrer ostpreußischen Heimat, unsere über alles geliebte und für uns sorgende Mutter, meine geliebte Pflegetochter, unsere treueste Freundin, Olda von Schleußner-Teistimmen, geb. Müller, nach einem schweren, heldenhaft getragenen Leidensweg. Im Namen der drei unmündigen Kinder: Frau Maria Embacher, Hameln-Weser, Nelkenstraße 2, früher: Insterburg, Ostpreußen. Was du liebst, musst du lassen und das Leid nur ist lang.