Folge 14 vom 15.08.1949
Seite 1 Lied in der Memelniederung. Ruth Geede
Träge ziehen meine Kähne,
Wind schlief ein auf ferner Flut.
Hell steht überm Haff der Himmel,
und das Land ist weit und gut.
Unterm Rohrdach meiner Hütte,
dort am muschelgelben Gang,
strickt mein dünenblondes Mädchen
Netze für den nächsten Fang.
Wird der Strom zum weiten Wasser,
singt der Wind in Rohr und Ried.
Flügelschlagend flieht die Möve,
wenn ein Elch zur Tränke zieht.
Wacher werden meine Kähne,
Wind erzählt von fisch und Fang;
Und mein buntgeschnitzter Wimpel
Grüßt den fernen Dünenhang.
Seite 3 Von 1945 bis 1948 in Königsberg. Von Dr. Ing. Erich Bieske, früher Königsberg
Fortsetzung
Was geschah nun als der Russe die Stadt besetzte? Zunächst erfolgte ein schwer zu fassendes Aufhören alles bisher bestehenden. Ein Nichts trat an seine Stelle. Die gewohnte Ordnung war dahin. Es gibt keine Lebensmittelversorgung, keine Versorgung mit Strom, Gas und Wasser, keine Behörden, keine Geschäfte mehr, die Stadt ist wie ausgestorben.
Wahllose Massenverhaftungen durch die NKWD folgten. Unbarmherzig wurden Männer, Frauen und Kinder in die Gefängnisse geworfen. Bei uns im Polizeigefängnis befanden sich unter uns Männern Schuljungen von zehn und elf Jahren. Gelegentlich erfolgte eine Freilassung, bald eine Wiederverhaftung durch die „Hundefänger“, wie wir die Soldaten mit der roten Armbinde nannten, die als Patrouillen durch die Straßen gingen.
Eine Vertreibung der Bevölkerung aus den Wohnungen, bei der nichts mitgenommen werden durfte, beraubte diese ihres gesamten Hausrats. In den ersten Tagen nach der Einnahme wurden die Menschen vielfach in die Provinz geführt zu verschiedenen Lagern, in denen ebenfalls Hunderte und Tausende wochen- und monatelang festgehalten wurden. Auf diesen Märschen starben viele am Straßenrand. Berüchtigte Sammelpunkte dieser Art waren Löwenhagen und Carnitten, das bekannte Mustergut, dessen Besitzer im Gerichtsgefängnis verstarb. Darüber hinaus sind Tausende von Königsbergern, vor allem auch Frauen, ins Innere Russlands und bis nach Sibirien verschleppt worden. Teils nahm die zurückgehende Truppe die Frauen zur Arbeit und auch zum „Zeitvertreib“ mit, teils erfolgte die Verschickung auf Veranlassung irgendwelcher untergeordneten Stellen. Es ist eine der Merkwürdigkeiten der Sowjetunion, dass untergeordnete Stellen, eine Zeitlang wenigstens, die Maßnahmen der höheren Dienststellen einfach durchkreuzen können.
Am schlimmsten hatten es unsere Mädchen und Frauen. Es ist nicht zu schildern, mit welcher Gier sich Russen auf unsere Frauen stürzten. Was auf sexuellem Gebiete an Schrecklichem und Grausamen vorgekommen ist, darüber vermögen außer unseren Frauen die Ärzte in den Kliniken Angaben zu machen, denen die Frauen auf den Operationstisch gelegt wurden. Eine auf der Straße allein gehende Frau lief auch am hellen Tage Gefahr, mit Gewalt in einen Keller gezerrt und missbraucht zu werden. Aber auch die Männer waren gelegentlich Belästigungen und Vergewaltigungen durch Homosexuelle ausgesetzt. Wenn man dann an die Plünderungen und Beraubungen, an Überfälle, Morde und Verbrechen aller Art denkt, die durch Angehörige der Siegermacht an der schutzlosen deutschen Bevölkerung verübt wurden, so ist es sehr zurückhaltend ausgedrückt, wenn man sagt, dass ein Zustand völliger Rechtsunsicherheit eingetreten war, ein Aufhören jeden Rechtsempfindens, welches uns bei jeder Gelegenheit erkennen ließ, dass wir einem erbarmungslosen Feinde ausgeliefert waren. Ich bin zweimal bei hellem Tage auf offener Straße von sowjetischen Soldaten angehalten und beraubt worden. Einmal wurde ich dabei niedergeschlagen und schwer misshandelt.
Zu allem Unglück kamen Krankheiten und Seuchen über die Bevölkerung. Eine Typhusepidemie raffte ungezählte Menschen dahin. Hungerödeme und Wassersucht waren weit verbreitet. Es trat auch eine bis dahin unbekannte Seuche auf: die Malaria. Die Überträgerin der Malaria, die Anopheles-Mücke, war seit jeher in den Sümpfen bei Cranzbeeck und Schwentlund als harmloses Insekt bekannt. Als nun mit der Roten Armee zahlreiche Malariakranke in das Land kamen, verrichtete diese Mücke nach ihrer Infizierung ihre fürchterliche Arbeit und fand unter der ausgezehrten deutschen Bevölkerung zahlreiche Opfer.
Die Leiden der Königsberger Bevölkerung bekamen ihren besonderen Ernst und ihre fast untragbare Schwere durch die Hungerzeit, die allmählich einsetzte. Wenn in der zeit der Belagerung die Ernährung der Einwohnerschaft nicht verhältnismäßig gut gewesen wäre, hätte wohl kaum jemand von uns diese Hungerzeit überstanden. In den ersten Tagen und Wochen konnte man noch in den verlassenen Luftschutzkellern hier und da Lebensmittelvorräte finden, dann war aber auch hier alles geplündert und verschwunden. Als die Ernte reifte, gingen die Menschen hinaus, um Körner zu sammeln. „Körner“, das war unser Roggen. Er wurde auf der Kaffeemühle gemahlen und diente zum Brotbacken und zur Bereitung der Speisen. Auch das lernten wir, dass man Hafer, den die russischen Soldaten stahlen und uns verkauften, auf der Kaffeemühle nicht mahlen konnte. Er musste heiß gequollen und dann ein- oder zweimal durch die Fleischmaschine geschickt werden. Ich denke noch oft an die Abende, an denen ich, hundemüde, mich noch mit der Fleischmaschine abquälte, die alle Augenblicke durch die sehr harten Schlauben verstopft war. Glücklich, wer durch Beziehungen zu einer russischen Küche gelegentlich einen Teller voll „Kascha“ bekam.
Im Spätsommer 1945 gab es die ersten russischen Lebensmittelkarten in Königsberg. Wer die zeit miterlebt hat, wird aus den ersten Wochen das Roggenbrot mit dem Petroleumsgeschmack nicht vergessen können. Die russischen Bäckereien rieben die Brotbleche mit „Salerka“, dem stark nach Petroleum duftenden Treibstoff ein, so dass die Brote bis zur Ungenießbarkeit nach Petroleum rochen.
Bald bildete sich in Königsberg in der Hagenstraße, Ecke Luisenallee, der „Bazar“ ein schwarzer Markt, auf dem zu sehr hohen Preisen nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kleider und alle möglichen Sachen des täglichen Bedarfs und in ganz großem Umfange alte Sachen zu kaufen waren. Dieser Bazar war behördlicherseits eingerichtet; wer dort kaufte und verkaufte, war nach sowjetischen Begriffen aber ein „Spekulant“ und stellte sich so etwas außerhalb des Gesetzes. Die Polizei veranstaltete wahllos Razzien und Durchsuchungen, obwohl die Verkäufer ein marktstandgeld entrichten mussten. Das Gefühl der Rechtsunsicherheit trat besonders in dem Bazar in Erscheinung. Andererseits bot der Bazar vielen Deutschen, die als Kaufleute, Beamte und Angehörige freier Berufe im staatskapitalistischen Wirtschaftssystem keine Existenzberechtigung hatten, durch den Verkauf von Zigarretten, Schokolade, Lebensmitteln, Schmuck und alten Sachen eine Verdienstmöglichkeit. Vor allem gab der „Lumpenmarkt“, wie wir ihn nannten, Gelegenheit, die unmöglichsten alten Klamotten gegen Geld loszuwerden. Der Bazar wurde später an einen freien Platz an der Schleiermacherstraße verlegt und befand sich zuletzt in dem ausgedehnten Hof der Kürassier-Kaserne an der Wrangelstraße. Dort war ein großer Handelsverkehr vor allen Dingen an Sonntagen im Gange, der vielen Deutschen über die schreckliche Zeit hinweghalf.
Seite 7 Wie es heute im Kreis Pillkallen aussieht.
Der Kreis Pillkallen ist seit August 1944 Operationsgebiet gewesen. Nach den Berichten, die unsere von dort ausgewiesenen Landsleute geben, kann man sich in gewissem Umfange ein Bild über den jetzigen Zustand des Kreises machen.
Der Kreis hat unter den Zerstörungen des Krieges schwer gelitten, besonders im Südosten und Süden. Viele Orte sind dem Erdboden gleichgemacht worden, so z. B. Schirwindt, Willuhnen, Blumenfeld, Petereitschen, Heinrichsfelde. Auch Pillkallen ist fast vollständig zerstört; in Schaaren, Laschen, Eymenischken usw. stehen kaum noch nennenswerte Reste. Viele andere Orte sind zu mehr als fünfzig Prozent vernichtet. Nördlich einer etwa von Schillehnen über Gr. Rudszen nach Rautenberg verlaufenen Linie sind Gebäudeschäden in kleinem Ausmaß oder nur vereinzelt oder gar nicht entstanden, da in diesem Gebiet die Front kampflos zurückgenommen wurde. Allerdings sind überall nachträglich viele Gebäude abgetragen und zum Teil verbrannt oder sonst wie verbraucht oder nach Litauen abtransportiert worden. Weide-, Hausgarten- und Hofzäune gibt es kaum noch. Wo die Russen nicht seine Betriebe hat, geht die Vernichtung weiter. Das lebende Inventar, das beim Zusammenbruch zurückgeblieben war, kam um oder wurde geraubt, zum Teil auch nach Litauen genommen. Alles tote Inventar, landwirtschaftliche und gewerbliche Maschinen usw., wurde zum großen Teil nach Russland abtransportiert oder ebenfalls nach Litauen verschleppt. Was dageblieben ist, ist unbrauchbar. Möbel und Hausgerät sind restlos geraubt.
Die Staats- und Privatforsten weisen gleichfalls sehr große Schäden auf. Große Strecken sind vollständig Kahlschlag. Eine planmäßige Bewirtschaftung erfolgt nicht, insbesondere keine Wiederaufforstung. Waldschädlinge verbreiten sich sehr stark. Die Eisenbahnstrecke Tilsit-Stallupönen und die Pillkaller Kleinbahnen sind vollständig abgebaut. Der Kreis hat also keinerlei Eisenbahnverbindungen mehr. Die Brücken in Schirwindt und Lasdehnen sind zerstört; Lasdehnen hat jetzt Kahnfährbetrieb. Die Straßen sind in sehr schlechtem Zustand. Nur soweit die Russen wegen ihrer Betriebe ein Interesse an ihnen haben, verkommen sie nicht ganz.
Ein Teil des landwirtschaftlich genutzten Bodens im Kreise ist alsbald nach der Besetzung durch die Sowjets in Bewirtschaftung genommen worden; bis Herbst 1947 gab es eine Militärverwaltung. Es bestehen kolchosen und Sowchosen u. a. in Gr. Rudszen, Szameitkehmen, Henskischken, Kussen, Spullen, Draugupönen, Blumenthal, Droswalde, Löbegallen. Dabei sind benachbarte Betriebe willkürlich zusammengefasst worden; alle Grenzen und Grenzsteine wurden beseitigt. Die deutschen Arbeitskräfte sind inzwischen restlos durch russische ersetzt worden. An der Scheschuppe sind ebenfalls Russen angesiedelt worden. Im Übrigen liegt der Boden ungenutzt da, besonders im Südosten des Kreises. Er ist zum großen Teil durch Sprengwirkungen oder Schützengräben aufgewühlt; andere Flächen sind Übungsfeld für Bomber, Kraut und Gehölz wuchern überall und übermäßig. Die Vorflutanlagen (Kanäle, Gräben und Drainagen) werden nicht gepflegt. Wirtschaftlicher Mittelpunkt des Kreises ist jetzt Lasdehnen, wo sich gewerbliche Betriebe befinden (Sägewerke, Mahlmühle, Molkerei, Ziegelei).
In dieser unserer Heimat, die man kaum noch wiedererkennen würde, war das Schicksal der deutschen Menschen ein besonderes Kapitel. Die zurückgebliebeen Bewohner wurden zusammengetrieben und, in ihrer Zahl durch Verschleppte aus dem Westen der Provinz (vorzugsweise aus Königsberg und dem Samland) verstärkt, auf den neuen Wirtschaftsbetrieben eingesetzt. Die wenigen Männer wurden für die Hauptarbeiten eingeteilt (Spezialisten), „alles übrige hatten die Frauen zu leisten. Die Arbeit war hart und dauerte von früher Morgenstunde bis zum späten Abend; Sonn- und Feiertage gab es nicht. Teilweise mussten große Landflächen mit dem Spaten umgegraben werden. In vielen Fällen wurden Frauen vor den Pflug und Egge gespannt. Als dann später Pferde als Zugtiere eingesetzt wurden, hatten die Frauen die Gespanne zu übernehmen. Immer und überall wurde scharf angetrieben, wobei in den meisten Fällen Deutsche sich ihren Volksgenossen gegenüber schwer schuldig gemacht haben. Die verlangten Normalleistungen konnten selten erfüllt werden. Die Verpflegung war vollkommen unzureichend, auch als später eine Besserung eintrat. Der weitaus größte Teil der Menschen starb an Hunger, Ruhr und Entkräftung; z. B. waren von 1400 Menschen in einem Lager Schillfelde 1948 nur noch 400 verblieben. Diejenigen, die dabei ertappt wurden, dass sie sich irgendetwas zum Essen auf den Feldern „besorgten“, erhielten schwerste Strafen, meist langjähriges Zuchthaus oder Zwangsarbeitslager. Eine Versorgung mit Kleidung und Schuhwerk gab es nicht, im Gegenteil, es wurde den Deutschen noch vieles weggenommen, so dass vielfach nicht einmal das Nötigste auf dem Leibe verblieb, besonders bei Abtransporten. Viele Menschen sind in ihrer übergroßen Not nach Litauen geflüchtet, um sich dort das Leben zu erhalten. Im September 1948 wurden auch die letzten Deutschen aus dem Kreise ausgewiesen.