Vom Schräpffen - 1688 (Fortsetzung)

Weiter/ die nur schwitzen und sich keine Laßköpffe setzen lassen/ wann sie
etwa zu geschwinde in eine kalte Lufft wo weniger Bewegung sich begeben/ oder
eine mit Citronen und Zucker bereitete so genannte Kalteschale gehling
einsauffen/ den Tonum Ventriculi verderben/ und das in einer etwas stärckeren
Bewegung fliesende Geblüte stremmen und aufhalten/ dadurch sie sich nicht
anders als übel können befinden/ so muß die Schuld seyn/ daß sie durch
schräpffen nicht etwas Geblüt lassen außpressen. In Wahrheit eine thörichte
Gewonheit von so viel hundert Jahren dero im Gebrauch/ da man nebenst dem
Schwitzen in der Bad=Stuben angefangen die Adern zu öffnen und das Blut
herauß zu lassen; und kompt mir eben so für/ als wann ein Krancker/ der keine
Lufft kan haben/(nach der gemeinen Art zu reden) sich hin und wieder wolte
Löchlein machen lassen/dadurch die Lufft ein und auß zu gehen freyen statt
hätte.
Solchen thörichten Mitteln sind gemeiniglich die Jungfern und jungen Weiber
ergeben/ welche gern wolten weiß und bleich seyn/ oder die Mägdlein so dicke
rothe Arme/ die Männer so rotheNasen haben/ ohne daß sie gedencken solten/
wie die so schräpffen/ noch röther an solchen Theilen werden/ statt daß sie
solten weiß seyn/ und dardurch offtmahls einer doppelten Anwachs der Nasen
zur Schande ihres Angesichts bekommen. Rechtschaffene Practici werden alles
Schräpffen suchen zu verbannen/ dann es giebet bessere Remedia, als ein
solches Mord=Mittel dem verderbten Leibe zu helffen. Mein Absehen ist itzo
nicht/ solche fürzustellen/ sondern nur zu zeigen/ wie das Schräpffen unter
die Medicinische Mord=Mittel mitgehöre/ weil dadurch ein zu unserm Leben
nöthiger Safft/
(wie durch die Aderlasse) wird abgeführet. Glückselige Leute/ die sich
solches niemahlen bedienet/ und wie man den jenigen wird für einen albern
Organisten halten/ der/ wann das Orgelwerck nicht recht klinget/ ein hauffen
kleine Löcher in die Pfeiffen machen solte/ daß der Wind auff eine Zeitlang
könte heraußgehen/ und dieselbe hernach wieder verlöthen/ in der Meinung/ ein
Orgelwerck solcher gestalt zu stimmen; als halte ich denselben für einen
thörichten Menschen/ der die kleine/ nahe an der Haut liegende Aederlein
öffnen/ und hernach wieder zugehen lässet/ einem krancken Leibe dardurch zu
helffen. Fürwahr wäre das ein schöner Oculist, welcher in den Augapffel
stechen und die humores derselben ausfliessen lassen solte/ wann der Patient
nicht wohl sehen könte/ ein besser Gesicht dardurch zuwege zu bringen/ doch
was helffen Gläser und Brillen/ wann man nicht sehen will. (Ende vom
Schräpffen)
MfG Anita