Verschwundene Doerfer

Hallo an alle,

ich habe soeben bei Google-Maps mit Erschrecken entdeckt, dass das Dorf meiner Vorfahren im Kreis Insterburg nicht mehr existiert. Dort ist nur noch eine Gruenflaeche zu erkennen. Auch bei anderen Doerfern in der Umgebung ist das der Fall. Sie sind einfach nicht mehr da, obwohl sie um 1930 knapp 300 Einwohner hatten.

Wie kann das sein? Ich kenne dies aus der Archaeologie, doch da verschwinden Doerfer ueber einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren, und nicht innerhalb von 80 Jahren.

Es muessten doch zumindest Ruinen dort sein, aber da ist nichts, nicht einmal ein Feld. Nur Wald oder Wiese.

Hat jemand eine Erklaerung?

Liebe Gruesse, Maria Tomuschat

Liebe Maria,

wahrscheinlich liegen die Dörfer im heute russischen Teil des ehemaligen
Ostpreußen?!

In dem Fall könnte es sein, (ich habe mal darüber gelesen) dass in der
fraglichen Gegend eine militärische Sperrzone eingerichtet wurde oder ein
militärisches Übungsgelände.

Alles was im Weg war, wurde im Laufe der Zeit durch "Übungseinwirkungen"
plan gemacht ...

Liebe Grüße
Uli (Szepanski)

Hallo Maria Tomuschat,
auch von dem Dorf (Hollenau, nahe bei Trakehnen), wo meine Mutter lebte, ist
kaum noch etwas vorhanden. Erst wurde alles was brauchbar war, mitgenommen
und dann wurden (häufig erst in den Siebziger Jahren) die restlichen
Ruinenreste in die häufig vorhandenen großen Teiche geschoben. Dies soll
auch mit dem Hof der Eltern meiner Mutter geschehen sein.
Es sollte wollte nichts mehr an die Deutschen erinnern. Anders kann ich mir
das nicht erklären. Der Bauernhof meiner Großeltern war größtenteils erst in
den Zwanziger Jahren erneuert worden, weil er im 1. Weltkrieg von den Russen
angesteckt worden ist. So habe ich auch keinen Ort, den ich besuchen möchte.
Liebe Grüße
Alexa (Röttger)

Maria, ich m�chte einmal ganz vorsichtig anfragen, wie alt Du bist? Dass unsere heutige Jugend bei den Zust�nden an den Schulen so etwas schon lange nicht mehr mitbekommt, ist bekannt, aber Du auch..?!
Tatsache ist, dass in Ostpreu�en die gro�e Wildnis wieder um sich greift, oftmals nur Steppe, soweit das Auge reicht. Als Kontrastprogramm schau Dir dann ruhig mal die Flickr-Fotos von vorgestern, 29.9., an...
Herzliche Gr��e - Martin (geb in Kermuschienen Kr. Pillkallen)

Hallo Maria

Die Geschichte ist oft nicht froehlich oder gut. Hier sind Bilder von
damals Pietzkendorf, wo meine Oma geboren war.

Hier ist eine Geschichte von der Zeit von Fred Rump:

Es gibt viele Verschwundene Doerfer.... und die die da sind, sind nicht
Deutsche Doerfer heute.

Hier sind einige andere Geschichte von der Zeit:

http://many-roads.com/key-topics/vertriebenen/

Pax Vobiscum,
...mark (Mark Rabideau)

ManyRoads Family Genealogist (Rabideau-Henss Family)
Visit us at: http://many-roads.com
Snail mail at: 711 Nob Hill Trail - Franktown,CO USA - 80116-8717
phone:+1.303.660.9400 fax:+1.303.660.9217
member: Association of Professional Genealogists & National Genealogical
Society

Hallo Martin,

ich denke nicht dass dies etwas mit dem Alter zu tun hat.
Aber wie dem auch sei -ein Dorf kann von der Natur ueberwuchert werden, doch dann wuerde man ganz klar die Strukturen aus der Luft erkennen. Vor allem wenn es sich zum Beispiel um ein grosses Gut gehandelt hat.

Plausibler ist mir die Erklaerung dass die Gegend ein Truppenuebungsplatz oder aehnliches war, und somit auch die Ruinen "platt" gemacht wurden.
Nach und nach ist dann sicherlich auch die Natur zurueckgekehrt...

MfG
Maria Tomuschat (30)

-------- Original-Nachricht --------

Hallo Mark,

danke dir fuer die Links.
Aehnlich wie auf deinem Foto sieht es auch in der Gegend "meines" Dorfes aus. Es ist einfach Schade dass man sich nicht mehr den Ort der Ahnen anschauen kann.

LG Maria

-------- Original-Nachricht --------

Hallo Maria,

das Gut Paradeningken, auf dem meine Vorfahren lebten, existierte bis Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts noch fast komplett. Lediglich die vorgelagerten Insthäuser und Ställe waren zu der Zeit bereits verschwunden. Im Jahr 2008 waren nur noch einige wenige Grundmauern zu erkennen. Recht eindrucksvoll kann man die Entwicklung auf meiner Homepage erkennen. Wenn Du Dir das dritte und vierte Foto auf der folgenden Seite ansiehst, weisst Du, was ich meine:

Ursächlich für diese Vorgänge in den 90er Jahren war die Perestroika, die das Land in ein Chaos stürzte. Zu dieser Zeit wurde im nördlichen Ostpreußen viel Bausubstanz zerstört, da die gewonnen Mauerziegel u.a. gewinnbringend nach Litauen verkauft wurden, d.h. die Häuser wurden nicht einfach zusammengeschoben sondern sie wurden Stein für Stein abgetragen. Dies erkennt man am Gut Paradeningken daran, dass die mit Feldstein gemauerten Bereiche auch im Jahr 2008 noch einigermaßen in Takt waren.

In diesem Jahr habe ich einen Rundflug über das Gut gemacht, in der Hoffnung, dass man aus der Luft noch erkennen kann, wo die Insthäuser und Ställe mal gestanden haben. Leider haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt, denn man erkennt aus der Luft keinerlei hinweisende Strukturen. Es dauert vermutlich keine fünf Jahre mehr und man erkennt vom Gut überhaupt nichts mehr.

Viele Grüße
Andreas (Hamdorf)

Maria, es hat schon etwas mit dem Alter zu tun. Die Informationen, die bis zur Wende in Westdeutschland aus dem total abgeschotteten n�rdlichen Ostpreu�en ankamen, besagten schon immer, dass dort in der Gegend viele der verstreuten Geh�fte einfach geschleift worden w�ren, weil sie der damals noch bestehenden gro�fl�chigen Landwirtschaft hinderlich waren.
Solche Informationen gab es auf jedem Vertriebenentreffen, auch in der Presse. Dass man in der DDR dar�ber nur hinter vorgehaltener Hand sprechen durfte, ist auch bekannt.
Wer also in den letzten 20 Jahren, seit der �ffnung und mit den Reisem�glichkeiten oder durch die Nachrichten, die die Zur�ckkehrenden mitbrachten, dar�ber immer noch nichts geh�rt hatte, der ist entweder zu jung oder er war mit anderen Dingen besch�ftigt.
Es gibt nat�rlich noch ganz andere Ursachen. Die Truppen�bungsplatzgeschichte ist eine, die Mentalit�t, wie meine Irina immer wieder betont, ist auch urs�chlich. Der Kolchos war f�r Reparaturen zust�ndig, in der DDR war ja alles auf dem gleichen Wege. Anatolij Bachtin hat den Verfall der Kirchen in Ostpreu�en in seinem Buch dokumentiert, das ist vergleichbar. Sobald ein Dachziegel schadhaft ist, dauert es maximal zwanzig Jahre, bis ein Haus einst�rzt.
Nichts f�r ungut Maria, ich wollte Dich mit meiner Frage um Himmelswillen nicht beleidigen, aber es �rgert mich schon, wenn ich sehe, wie unser Teilnehmerh�uflein beim Heimatkreistreffen immer kleiner wird. Von der Jugend ist da sowieso nichts zu sehen (ich mu� allerdings gestehen, dass ich auch erst seit zehn Jahren mich intensiv mit der Heimat besch�ftige, da h�ttest Du ja noch 30 Jahre Zeit...).
Herzlichen Gru� - Martin
PS: den Namen Tomuschat gab es �brigens im Kreis Schlo�berg h�ufiger im Kirchspiel Kussen als anderswo, also an der Grenze zu den Kreisen Insterburg und Gumbinnen.

Liebe Maria,

über das Thema "verschwundene Dörfer" ist bereits in der VfFOW-Liste einmal gesprochen worden.
Es handelt sich dabei um so genannte "Wüstungen", die in allen Ländern vorkommen und durch folgendes beeinflusst sein können:

1. Krieg mit Zerstörung
2. Abbau
3. Aussterben der Bevölkerung (Beispiel Pest, Epidemien)
4. Tötung der Bevölkerung
5. Umgestaltungen (im hessischen Edersee ist ein Dorf begraben; bei Niedrigwasser erscheint die Spitze des Kirchturmes; Berg- und Straßenbau...)
6. Vertreibung

Am Beispiel des Gutshauses ist es leicht erklärlich: Wird ein Gebäude nicht gepflegt, verfällt es mit der Zeit. Dafür sorgen Wind und Wetter. Wird ein Feld oder Garten nicht bestellt, übernimmt die Natur ihr Recht, zu wachsen (das schönste Beispiel ist Tschernobyl). In einem hochgradig verseuchten Gebiet hauchen Bäume und Sträucher, Gras und Blumen wieder neues Leben ein !
Luftaufnahmen können höchstens die Umrisse des Fundamentes erkennen lassen. Meines Wissens bedarf man aber dafür besondere Kameras, die Umrisse erkennen lassen können - Infrarot-Kameras ? Ergo nützt ein Rundflug über das Gebiet nichts, "da unten" sieht man auch nur das Gras.
Was einen Verfall angeht, passiert er sehr schnell, wenn man bedenkt, wie rasend der *Rasen* im Garten wächst und Unkraut sich breit macht. Das oben genannte Tschernobyl brauchte keine 80 Jahre, sondern weitaus weniger Zeit - und dieses trotz Verseuchung.

Liebe Wochenendgrüße --- Gisela

Es erinnert mich an mein camping trip in Polen wo wir alte Landkarten
mit hatten aber wie dumm in der Gegend herum gefahren sind. Alles war
anders. In Steinort, nicht weit vom Gut des Grafen Heinrich von
Lehndorf, sollte ein Friedhof sein. Wir wollten nach alten Namen
suchen. Die Straßen waren aber nicht mehr da. Man merkte aber die
großen Bäume die sich im Unland in langen Reihen behaupteten. Diese
riesen Eichen standen mal am Straßenrand und führten uns durch das
Gebüsch bis zu dem verlassenen Friedhof. Hier fand man hauptsächlich
tiefe Löcher wo nach Schätzen gegraben wurde. Die Kapelle stand noch
da aber man konnte sie nur von dicht sehen weil alles überwachsen war.
Es war eine traurige Ansicht. Ich möchte das wirklich nicht nochmal
sehen.
Fred

Hallo Andreas,
danke fuer den Link.
Es war sehr interessant, aber leider auch traurig wie wenig von diesem riesigen Gut uebrig ist.
Es freut mich aber dass du die Wohnung deiner Familie ansehen konntest.

LG Maria

-------- Original-Nachricht --------