Die unter diesem Betreff von Burkhard Schenk am 10. Januar veröffentliche Liste enthält offensichtlich nicht die Namen jüdischer Einwohner Mecklenburgs, obschon man doch annehmen möchte, daß die Behörden in jener Zeit sicherlich mit denen nicht vorsichtiger umgegangen ist als mit christlichen Mitbürgern. Weiß hier jemand, wie das zu erklären ist?
Ich glaube es zu wissen, Wolfgang, und biete Dir folgenden
Erklärungsversuch an.
Das Pogrom von Sternberg und die Ausweisung aller Juden aus Mecklenburg
finden wir in den Geschichtsbüchern unter der Jahreszahl 1492. Ob wir
aus dieser Zeit auch jüdische Namen in schleswig-holsteinischen
Gerichtsakten fänden, sofern es diese denn gäbe, vermag ich nicht zu
sagen. Unsere namentlich genannten Zuchthäusler jedoch finden wir in
den schleswig-holsteinischen Zuchthausakten zwischen den Jahren 1803-
1824. Nach allem was mir aus der Literatur bekannt ist, treten
antijüdische Agitationen in dieser Zeit in Mecklenburg nicht deutlicher
in Erscheinung, als etwa Agitationen gegen arbeitslose Tagelöhner, von
denen einige noch 1824 nach Brasilien deportiert wurden. 1813 wurde den
Juden die bürgerliche Gleichstellung eingeräumt. 1817 wurde dieses
Gesetz ersatzlos gestrichen, dennoch finden wir in der Literatur über
die Geschichte der Juden in Mecklenburg für diesen Zeitraum den
Ausdruck "Emazipationszeitalter". Juden waren damit beschäftigt, ihre
Handelsgeschäfte zu organisieren und gehörigen Gewerbefleiß an den Tag
zu legen. Vor allem aber pflegten sie das jüdische Gemeindeleben,
wodurch sie Kraft und Geborgenheit erfuhren und in besonders schlechten
Zeiten auch mit finanziellen Zuwendungen rechnen konnten. Sie hatten
keinen Grund von Mecklenburg nach Schleswig-Holstein zu ziehen. Auch
wird kein Jude die Hoffnung gehegt haben, in Schleswig-Holstein mehr
politische und bürgerliche Anerkennung zu erfahren als in Mecklenburg.
Vielmehr zog es die Juden an weltoffene Handelsplätze wie etwa Hamburg
oder Berlin.
Die Situation der Tagelöhner in Mecklenburg zu dieser Zeit war eine
ganz andere. Die Widrigkeiten, denen sich ein Landarbeiter
gegenübergestellt sah, mag ich hier nicht alle aufzählen. Die Situation
wurde durch die Abschaffung der Leibeigenschaft 1820/21 noch
verschlimmert, weil für die Landbesitzer die Pflicht für Beschäftigung
zu sorgen entfiel. War die Landbevölkerung schon vorher von Hunger und
Wohnungslosigkeit bedroht, so verarmte sie zu dieser Zeit noch mehr.
Verlor ein Tagelöhner sein Arbeitsverhältnis, verlor er damit auch
gleichzeitig sein Wohnrecht. Wohnungslose ehemalige Leibeigene wurden
über Nacht zu Landstreichern und Bettlern. Schlimmer konnte es nicht
kommen und viele von ihnen sahen keine andere Möglichkeit, als die
Heimat hinter sich zu lassen um in fremden Landen nach Hüsung zu
suchen. Aber auch vor 1820 zogen viele Mecklenburger fort. Außer den
schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen und der Aussicht auf eine
entbehrungsreiche Zukunft, wird ebenfalls das Heiratsverbot für Arbeits-
und Wohnungslose eine maßgebliche Rolle für die Migration gespielt
haben.
Und können wir eigentlich ganz sicher sein, dass der in der Liste
namentlich genannte Jacob Hildemann kein Jude war?
In einigen Schriften des Vereins für mecklenburgische Familien- und
Personengeschichte e. V. wird das Thema "Familiennamen der Juden in
Mecklenburg" behandelt.
Freundliche Grüße aus Schleswig-Holstein
Burkhard Schenk