Liebe Listenteilnehmer,
leider muss ich nun doch (noch) mal mit einer Dialekt-Mail nerven, nicht nur wegen meines allgemeinen Interesses für schlesische Dialekte, sondern auch, weil ich mir dadurch Indizien für die Beantwortung der Frage erhoffe, ob meine Vorfahren aus den Kreisen Groß Wartenberg und Adelnau ursprünglich aus diesen Kreisen stammen oder zum Teil irgendwann vor 1800 eingewandert sind.
Folgende Fragen habe ich:
1. Entstand durch den Sprachenwechsel der ursprünglich slawischsprachigen Bevölkerung in den Kreisen Groß Wartenberg und Adelnau sowie in Oberschlesien ein neuer Dialekt, wurde das Hochdeutsche angenommen oder wurde der jeweilige Nachbardialekt übernommen ?
2. Wie sind die statistischen Angaben von 1905 über die Sprachen aus den Gemeindelexika zu deuten ?
3. Was gibt es für Literatur speziell zum Sprachenwechsel ?
zu 1) Meine erste Frage stellt sich aufgrund des Dialekts meines Urgroßvaters:
Mein 1872 in Kottowski geborener Urgroßvater hat in der Familie einen Dialekt gesprochen, der sich stark, aber auch fast ausschließlich durch die Aussprache auszeichnet. Das ist erstaunlich, wenn man den Vergleich zu meinen Vorfahren aus Schweidnitz zieht, wo vielfach völlig andere Wörter verwendet wurden (meine Schweidnitzer Urgroßeltern sagten z.B. Scholaster für Elster, Putte für Henne, Gansch für Ganter). Nach allem, was ich mit meiner Mutter von der Sprache meines Urgroßvaters gesammelt habe, hat er immer die im Hochdeutschen vorkommenden Wörter verwendet, nur hat er sie anders ausgesprochen.
Sowohl mein Urgroßvater als auch meine Großmutter haben auch polnisch gesprochen, aber meine Oma hat immer betont, dass sie polnisch nur als Fremdsprache gesprochen hätten, da sie in Schwarzwald später den Gemischtwarenladen hatten und dort eben auch einige Polen einkauften (in Schwarzwald war etwa jeder Sechste katholisch und polnischsprachig, nur diese Einwohner wurden als Polen bezeichnet).
Der Vater meines Urgroßvaters wurde 1831 in Kalkowski geboren. Was dessen Muttersprache war, kann ich natürlich nicht herausfinden. Bei meinem Urgroßvater spricht aber durch den Dialekt alles dafür, dass die deutsche Sprache auch seine Muttersprache war. War dieser Dialekt nun ein neuer Dialekt, den gerade die ehemals slawischsprachige Bevölkerung nach ihrem Sprachenwechsel sprach ? Oder sprach die ehemals slawischsprachige Bevölkerung nach ihrem Sprachenwechsel hochdeutsch ?
Oder wurde der neiderländische Dialekt des Kreises Groß Wartenberg übernommen ?
In allen mir bisher bekannten Veröffentlichungen werden die Kreise Groß Wartenberg und Adelnau noch zum Gebiet des neiderländischen Dialekts gezählt. Aber sowohl durch die Sprache meines Urgroßvaters als auch durch die im Schlesischen Wörterbuch von Walther Mitzka wiedergegebenen Wortkarten ergibt sich, dass sich bei vielen Vokabeln eine Grenze mitten durch den Kreis Groß Wartenberg zieht. Östlich dieser Linie ist auf vielen Wortkarten das hochdeutsche Wort oder ein jedenfalls sehr ähnliches Wort angegeben, häufig stimmt das Wort mit dem in Oberschlesien verwendeten Wort überein. Westlich dieser Linie ist aber ein Wort angegeben, das es im Hochdeutschen so nicht gibt, wie z.B. Hoppepferd für Heuschrecke.
In einem Aufsatz von Friedrich Graebisch "Zur neiderländisch-schlesischen und nordschlesischen Mundartenkunde" habe ich zu den dort wiedergegebenen neiderländischen, in den Kreisen Glogau (Quaritz), Oels (Klein Ellguth) und Freystadt (Streidelsdorf) gesprochenen Dialekten und zu den nordschlesischen, in den Kreisen Sorau (Wellersdorf), Grünberg (Laesgen), Krossen (Messow), Schwiebus (Stentsch) und Meseritz (Dürrlettel) gesprochenen Dialekten Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede herausgefunden.
Besonders auffällig ist, dass die Diphthongierung, das hervorstechendste Merkmal des neiderländischen Dialekts, sich bei den gleichen Wörtern in der Aussprache meines Urgroßvaters nicht findet.
Z. B. bei dem Wort "übrig" hat mein Urgroßvater iebrich gesagt, es heißt nur in Wellersdorf Kreis Sorau und Messow Kreis Krossen so.
Hd. Urgroßvater Quaritz Streid. Laesgen Messow Kl. Ellg. Stentsch Dürrl. Wellersdorf
übrig iebrich aibrk aibrich iebrik iebrich ? iebrle ? iebrich
spielen spieln spaion speeln spieln spieln speil spieln spion spieln
Prügel Priegl Praigo ? Priegl ? ? ? Priegol Priegl
Kühe Kiee Kie Kie Kiee Kiee Kiee Kie Kie Kiee
Hühner Hienr Hindr Hindr Hindr Hinr Hindr Hinr Hine Hienr
Komischerweise ergibt sich zu Wellersdorf Kreis Sorau die größte Übereinstimmung, während bei Klein Ellguth im Kreis Oels der Diphthong bei spielen/speil steht, den hat mein Urgroßvater nicht gesprochen. Ich hatte erwartet, dass die Mundart von Klein Ellguth am ehesten mit der Sprache meines Urgroßvaters übereinstimmen würde.
Auch die Wortkarten im Schlesischen Wörterbuch von Walther Mitzka zeigen, dass die Dörfer rund um Neumittelwalde und Adelnau im Gegensatz zu denen rund um Militsch und Festenberg außerhalb des Gebiets der Diphthongierung liegen:
Brotscheibe Igel
Militsch Schneite, Schnitte, Schniete Eigel, Eigul, Eigol
Festenberg Schneite, Schnitte, Schniete Igel, Eegel, Iju
Neumittelwalde Schnitte, Stulle, Brotscheibe Igel
Adelnau Schnitte, Stulle, Brotscheibe Igel
Pleß Schnitte, Fettschnitte Igel
Guttentag Schnitte, Stulle, Brotscheibe Igel, Schwienegel
Schweidnitz Schniete, Schnitte, Putterschniete Igel, Stacheltier, Schweiniggel
Nimptsch Schniete, Schnitte, Putterschniete Igel
Frosch
Militsch Froasch
Festenberg Frausch, Frosch
Neumittelwalde Frosch
Adelnau Frosch
Pleß Frosch
Guttentag Frosch, Quaker
Schweidnitz Froosch, Hutsche
Nimptsch Froosch, Hetsche
Bei einigen Wortkarten zeigt sich deutlich, dass in den Dörfern rund um Neumittelwalde und Adelnau dieselben Wörter wie in den Dörfern rund um Pleß/Oberschlesien verwendet wurden, die auch häufig mit den hochdeutschen Wörtern übereinstimmen:
ernten (Kartoffeln) Brombeere Beule
Militsch hacken Rahmbeere Horn, Beule
Festenberg hacken Raumbeere Horn, Beule
Neumittelwalde hacken Brombeere Beule
Adelnau hacken Brombeere Beule
Pleß hacken Brombeere Beule
Guttentag hacken Kratzbeere Beule
Schweidnitz (auf)lesen Kroatzbeere Horn, Knoten, Beule
Nimptsch klauben Brumbeere Horn, Beule
zu 2) Ursprünglich war ich der Ansicht, dass die in der Sprachenzählung von 1905 als polnischsprachig bezeichnete Bevölkerung in Wirklichkeit zweisprachig war, da ja auch meine Vorfahren beide Sprachen gesprochen haben und sie aus Dörfern kamen, die 1905 fast ausschließlich polnischsprachige Einwohner hatten. Vielleicht gab es auch ein Spektrum, das vom Wasserpolnischen bis zum mit polnischen Wörtern versetzten Hochdeutschen reichte. Wie wurden aber diejenigen Einwohner bezeichnet, die den Sprachwechsel vollzogen hatten und deren Kinder deutschsprachig waren ? Wurden sie und ihre Kinder dann wegen der Herkunft immer noch als polnischsprachig bezeichnet ? Außerdem wurden manche Einwohner explizit als zweisprachig bezeichnet, während die Mehrheit in diesen Dörfern als polnischsprachig bezeichnet wurde. Bestand zwischen diesen Einwohnern ein Unterschied in der Herkunft, in der Sprache oder in beidem ?
Unsicher in der Interpretation der polnischsprachigen evangelischen Einwohner als zweisprachig bin ich auch durch folgendes Zitat geworden (im Zusammenhang mit der Abspaltung der Altlutheraner unter Pastor Werner von der unierten Kirche in Schwarzwald 1874): "Die Schwarzwälder Separation erregte in der ganzen freikirchlichen Welt großes Aufsehen. Manche der lutherischen Größen besuchten die Gemeinde, ,um sie im Glauben zu stärken', konnten sich aber der fast nur polnischsprechenden Gemeinde nur durch Werners Dolmetschen verständlich machen" (aus: Geschichte der evangelischen Kirche im Posener Lande von Arthur Rhode). Nun liegt dieses Ereignis ja noch 30 Jahre vor der Sprachenzählung von 1905. Trotzdem würde es sich widersprechen, wenn meine Vorfahren einerseits zu dieser Bevölkerungsgruppe gehört hätten und andererseits schon nach 1870 deutsch als Muttersprache gehabt hätten, oder nicht ?
Ich würde mich sehr über Ratschläge, Hinweise, Hilfen und Kommentare freuen.
Vielen Dank und viele Grüße von Peter Ebenfeld
P.S. Vielen Dank auch noch an alle Listenmitglieder für die Antworten auf die Frage nach dem Maibaum und für die interessanten Informationen über die schlesischen und polnischen Frühjahrsbräuche.