Rote Armee in Deutschland 1945 (ZDF)

Die Befreier als T�ter

Das Erste schildert den Feldzug der Roten Armee 1945

Von Michael Ridder

"Sterben an der Ostfront", Teil 1: "Von der Weichsel zur Oder", ARD, 21.45
Uhr. Sie pl�nderten hemmungslos, sie jagten Menschen aus den H�usern in die
eisige K�lte, sie massakrierten M�nner, vergewaltigen Frauen, t�teten sogar
Babys. Sie waren Bestien.

Eine Beschreibung der deutschen Truppen, die unter Hitlers Befehl im Zweiten
Weltkrieg das "Tausendj�hrige Reich" bis weit in den Osten ausdehnen
wollten? Gewiss. Der ARD-Zweiteiler zielt jedoch auf die Rote Armee, die
1945 ihren Vormarsch auf Nazi-Deutschland startete. Autor Sven Ihden hat den
Mut, die Befreier auch als T�ter zu zeigen.

Dass die Gr�ueltaten der sowjetischen Soldaten in deutschen
TV-Dokumentationen meist eher vorsichtig am Rande behandelt werden, h�ngt
mit einem erz�hltechnischen Problem zusammen: Wer den Feldzug der Roten
Armee gegen das faschistische Dritte Reich kritisch dokumentiert, erweckt
leicht den Eindruck, Ursache und Wirkung zu verwechseln, gar Anh�nger eines
revisionistischen Geschichtsbildes zu sein. Schlie�lich war es Hitler, der
die Kette furchtbarer Ereignisse in Gang setzte.

Sven Ihden zeigt, dass sich solche Klippen mit wissenschaftlicher Sorgfalt
und dem konsequenten Bem�hen um die richtige Tonlage meistern lassen. Sein
Film ist zweierlei: Chronologie der letzten Kriegsmonate an der Ostfront und
zugleich der Versuch, auf der Basis von Zeitzeugenberichten empathisch in
den psychischen Apparat der Soldaten einzudringen.

Dabei treten auf russischer Seite �berlebende auf, deren Aussagen weit �ber
szenische Schilderungen hinaus gehen. Besonders der ehemalige "politische
Kommissar" Wassili Yaramenko beeindruckt sowohl mit milit�rstrategischen
Analysen als auch mit menschlicher Anteilnahme. Er hatte die Rolle eines
Frontagitators inne und geh�rte einer Panzereinheit an, die 1945 in
Brandenburg Deutsche aus ihren H�usern vertrieb. In seinen Erz�hlungen legt
er den Zwiespalt offen, den auch leitende Milit�rs aufgrund der brutalen
Kriegslogik zuweilen versp�rten. Mitten im Gespr�ch kommen ihm angesichts
des erinnerten Entsetzens die Tr�nen.

Die Differenziertheit dieser Doku zeigt sich auch in der Pr�zision, mit der
sie die Propagandatricks der deutschen wie der sowjetischen Kriegsf�hrung
herausstellt. Stalin etwa lie� nach der Entdeckung der Vernichtungslager
Auschwitz und Majdanek seinen Soldaten einbl�uen, es seien �berwiegend
Sowjetb�rger in den Lagern ermordet worden - was die Bereitschaft der Roten
Armee zu Massakern an der deutschen Zivilbev�lkerung erh�hte.

Auch an solchen Stellen, die eine schwierige Gratwanderung bedeuten, weil sie
in die N�he monokausaler Erkl�rungen und wohlfeiler Entschuldigungen zu
geraten drohen, bleibt Ihden dem Prinzip der Wahrhaftigkeit verpflichtet.
Die Sowjet-Soldaten, so sagen Augenzeugen, seien nicht nur �ber die
deutschen Frauen (die "blonden Hexen"), sondern auch �ber Polinnen
hergefallen. So wird der Krieg als etwas fassbar, das in seiner Eigendynamik
letztlich jenseits aller Rationalit�t liegt.

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