Re: Rundfunkorchester Breslau

Hallo Alfred (Hilbig),

in den alten Radioprogrammen ist er bis Ende 1936 zu finden.
https://anno.onb.ac.at/

Als Suchworte den Namen "reinhold birke" eingeben.

Viele Grüße
Astrid (Kreuz)

Hallo Astrid,

danke, Dein Hinweis ist einfach klasse.
Damit hast Du mir einen großen Schritt weitergeholfen.

Liebe Listenmitglieder,

hier kommt nun eine Folgefrage:
Wie kann man sich Anfang des 20. Jahrhunderts den Ausbildungsgang eines Berufsmusikers vorstellen? - Über ein Studium oder eine Art praktische Ausbildung? Wie erfolgte eine Finanzierung?
In dem Einwohnerverzeichnis von Breslau finde ich einen Reinhold Birke mit der Berufsbezeichnung "Friseurmstr.". Die Namensgleichheit fällt zwar ins Auge, aber meines Erachtens kann es sich nicht um dieselbe Person handeln. Dann würde sicherlich auch ein Hinweis auf die Tätigkeit als Musiker aufgenommen sein. Oder mache ich einen Denkfehler?

Herzliche Grüße

Alfred (Hilbig)

Hallo Alfred (Hilbig),

noch ein Fund bei der Google Büchersuche:

Routinierter Oboist nimmt ab sofort Vertretung oder Aushilfe an.
Offerten an REINHOLD BIRKE , ( 216 ) LIPPSTADT / Westf . , Möllerstraße 4 .

Mehr sieht man leider nicht, es scheint lediglich eine Anzeige zu sein, bietet aber vielleicht einen Anhaltspunkt.
Meine Mutter mit Brüdern, Mutter und Großeltern landete ebenfalls in Lippstadt. Sie wurden aus Habelschwerdt vertrieben. In ihrem Eisenbahnwaggon befand sich aber auch jemand, der aus Breslau stammte.

Vor 1900 hatten viele Bürger eine musikalische Grundbildung, das gehörte dazu und man konnte auf gesellschaftlichen Veranstaltungen beweisen, dass man das Geld dazu hatte, seinen Kindern eine solide Ausbildung zu bieten. Besonders bei Mädchen gehörte eine Gesangsausbildung und Klavierunterricht zu den Dingen, die das Herz eines zukünftigen Ehemannes gewinnen konnten und den unterlegenen Intellekt eines weiblichen Wesens nicht überanstrengten (nicht meine Worte, sondern damals ein durchaus gängiges Frauenbild).
Wer allerdings seinen Lebensunterhalt als Musiker verdiente, musste schon sehr gut sein, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Für Frauen war dies natürlich nicht möglich. Außer Lehrerin und Gesellschafterin gab es kaum einen Beruf, den ein Mädchen ergreifen konnte (und immer ein Beweis für das Versagen des Vaters, anständig für sie zu sorgen oder sie standesgemäß zu verheiraten).
Diese Ansichten änderten sich erst langsam mit dem ersten Weltkrieg und dem Untergang des Kaiserreiches.

Eine Anstellung beim Rundfunk erhielt eigentlich nur ein Berufsmusiker, die Ansprüche waren sehr hoch und es war etwas Besonderes, eine Stelle zu bekommen. Was man auch dadurch sieht, dass sogar die Namen der Musiker in den Programmzeitschriften genannt wurden. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass ein Friseurmeister gleichzeitig auch noch beim Rundfunk arbeitete.
Berufsmusiker lernten oft bei bekannten oder ehemaligen Musikern, die Unterricht gaben. Dies war nicht billig und lässt auf eine Unterstützung der Familie und ein überdurchschnittliches Talent schließen. Einzige Ausnahme wäre nur, wenn im Bekanntenkreis jemand (ein Adliger oder eine andere reiche Persönlichkeit) für die mehrjährige Ausbildung aufkam.

Soweit meine Einschätzung, hier noch ein Internetfund über die Situation des Berufes in Österreich, über den ich gerade gestolpert bin:

Viele Grüße
Astrid (Kreuz)

Danke Astrid (Kreuz),

wieder ein Bausteinchen mehr. Lippstadt könnte ein Hinweis für die weitere Suche sein. Meine Eltern und Großeltern (väterlicherseits) sind 1946 aus Königswalde, Krs. Neurode in Ahlen gelandet. Der Reinhold Birke gehört zu dieser väterlichen Linie und stammt aus Goldwasser bei Königswalde. Es ist nur verwunderlich, dass eine ältere Cousine von mir, die über die Musikertätigkeit von Reinhold berichtet hatte, Lippstadt bislang noch nicht erwähnte. Da muss ich noch einmal nachhaken.

Mittlerweile vermag ich auch auszuschließen, dass es sich beim Friseurmeister gleichen Namens in Breslau um den Musiker Reinhold Birke handelt. Ich habe in der Suchmaschine www.szukajwarchiwach.gov.pl Steuerakten über den Friseurmeister gefunden, wo in der Überschrift dessen Geburtsdatum stand. Dies ist nicht gleich dem des Musikers.

Deine weiteren Ausführungen sind sehr interessant und gewinnen vor dem familiären Hintergrund eine besondere Bedeutung. Der Vater des Reinhold, mein Urgroßvater, steht auf dem Hochzeitsbild (1871, kurz nach Ende des deutsch-französischen Krieges) neben seiner Frau als Unteroffizier in Paradeuniform. Das deutlich erkennbare "Schwalbennest" auf seiner linken Schulter weist auf eine militärische Verwendung im Musikdienst hin. Es kann also sein, dass er das musikalische Talent an seinen Sohn weitervererbt hat. Reinhold, 1883 geboren, könnte also ähnlich wie sein Vater, eine Verpflichtung bei der kaiserlichen Armee und dort im Musikdienst eingegangen sein. Dieses könnte eine instrumentale Grundlagenausbildung für eine weitere Profimusikerlaufbahn erklären. Die Unterstützung seiner Eltern dürfte er gehabt haben.

Einen herzlichen Dank auch an Dennis (Gebel),

der Hinweis auf die Reichsmusikkammer motiviert mich, nach dem möglichen Lagerort der Personalakten zu suchen. Über jeden Hinweis aus der Runde bin ich dankbar.
In diesem Zusammenhang fällt mir auf, dass der Oboist Reinhold Birke nur in Besetzungslisten von Konzerten zwischen 1926 und 1936 auftaucht und danach nicht mehr. Ist es also denkbar, dass er die von Dennis erwähnten Überprüfungen der Reichmusikkammer aus irgendwelchen Gründen nicht überstanden hatte und nachher seinen Beruf nicht weiter ausführen durfte!? Klären lässt sich dieses nur durch Einsicht in die vorhin erwähnten Personalakten klären.

Dieses spannende Thema wird mich sicherlich noch einige Zeit beschäftigen. Interessante (Teil-)Ergebnisse werde ich natürlich dieser Runde bekannt geben.

Vielen Dank und herzliche Grüße

Alfred (Hilbig)