Re: [OSL] Wort zum Sonntag :-) (fwd)

"Werner Feja" <wdfeja@gmail.com> schrieb:

Hallo Uwe;

RICHTIG "etwas" später (ca. 300 Jahre).

Und ob dieses Zeichen dort ein "ß" oder eine Ligatur "ss" ist(?), ist für
manchen noch nicht entschieden. Ich halte es für eine Ligatur.

Schönen Sonntagnachmittag

Lieber Werner,

möglicherweise Ligatur. Denn auch das a/o/u mit dem jeweiligen "Häkchen"
darüber (was wie ein kleines "e" aussieht), aus dem später ae oe ue und
noch später ä/ö/ü wurde ist ja wohl Ligatur - oder!?
[Ach ja früher wurde ja auch Aeltern und nicht Eltern geschrieben ;-)]
Aber eine Leseprobe kann das evtl. auch widerlegen.
Die obigen Umlaute schreibe ich unten ae/oe/ue, ansonsten die Erklärung
der gedruckten Form des Buchstaben "S"
direkt hinter dem Wort in eckiger Klammer.

Leseprobe:

DAS [rund "s"] Durchlauchtigster Fuerst [beide lang "s"]!
der unsterb [lang "s"] ewige Ruhm Roemischer [lang "s"]
Tapfferkeit annoch in unserm [lang "s"] Gedaechtnues [rund "s"]
schwebet [lang "s"]; daß [sz?] Dero preißbare [sz?] Klugheit annoch in
unsern [lang "s"] Gedancken hafftet / und das [rund "s"] graue Alterthum
trozet; daß [sz?] dero Helden Thaten annoch in diesem [lang "s"] weiten
Erden - Rund mit Ruhm erklingen; machte dises [1. lang, 2. rund "s"]
Volkes [rund "s"] Gelehrsamkeit [lang "s"] und dardurch ward Rom ein
Ruhm der grossen [hier zwei lang "s"!] / als eine Goettin von jedem
Außlaendischen [sz?] verehret / ja biß [sz?] hinzun Sternen [rund "s"]
erhaben.

Mit freundlichen Grüßen,

Uwe (Färber)

Hallo Uwe,

bei der Transliteration Deiner Textvorlage ist es sehr deutlich, dass das
Doppel-s dazu diente Stimmlosigkeit zu signalisieren, daher bei:
... daß ... nicht [sz?], sondern [langes "s", rundes "s"].
Zusammen bilden diese beiden die Ligatur, also alle Deine "sz" ersetzen
durch "ss" in unserem "Setzkasten" des PCs. Sonst kommt es zu
Missverständnissen.

Ein Symptom für diese Interpretation sind die Rechtschreibregeln selber:
1. alte Rechtschreibung (1901-2002):
Das "ß" ist auf Schreibmaschinen ohne diese Taste immer als "ss" zu
schreiben.

2. alte Rechtschreibung (1901-2002):
Bei der Trennung ist "ß" in "s-s" aufzulösen. (Beispiel: Straße -> Stras-se)

3. alte Rechtschreibung (1901-2002):
Bei VERSALER SCHREIBUNG ist immer "SS" zu nehmen, wo in Kleinbuchstaben "ß"
steht.

Allein diese Regeln der alten Rechtschreibung lassen den eindeutigen Schluss
zu, dass es sich auch früher schon bei "ß" nur um eine Ligatur handelte und
bis heute handelt.

Die heutige, neue Rechtschreibung bestimmt die Regel 3 anders:
"ß" ist - wie EIN Buchstabe - NICHT MEHR zu trennen.

Die Regeln 1 u. 2 gelten heute auch in der neuen Rechtschreibung!

Ein Wort in Deinem Beispiel bildet eine Ausnahme:
...
grossen [hier zwei lang "s"!]
...
(Du hast es richtig gelesen, aber falsch interpretiert!)
Hier ist das erste "s" ein rundes, da am Ende der Silbe "gros-", und das
zweite ein langes "s", da am Anfang der Silbe "-se".

Mit dieser Kostellation kann man Prüflinge - und so auch bewusste Schreiber
und Leser alter Handschriften - verwirren. Hier sollte nach den Regeln des
Setzkastens / klassischer Schriftsetzer keine Ligatur, sondern die Folge
dieser beiden Grapheme einzeln stehen. Dies wissen und wussten damals
allderdings nur die wenigesten Anwender bzw. nur gute Schriftsetzer, daher
wird und wurde oft fälschlich auch hier die Ligatur "ß" gesetzt.

Nun ist mein Wort zum Sonntag zum richtigen Wortmarathon geworden, wie schön
doch ein solches Thema in der Freizeit zu haben :slight_smile:

Beste Grüße
Werner Feja.net