Re: Korrekte Links zur IAAPA-Liste und "Euthanasie"

Hallo liebe Forscher*innen,

damit es zu keinen Mißverständnissen kommt....die IAAPA-Liste ist die veröffentlichte Liste des Bundesarchivs. Es haben von 300.000 "Euthanasie"-Opfern nur ca. 30.000 Akten im Bundesarchiv durch Zufall "überlebt". Die Tiergartenstraße 4 wurde ausgebombt, Akten waren verloren. Einige Akten liegen vielleicht noch in Polen, von Opfern, die dort getötet wurden. Es sind aber wenige. Jeder 9. Deutsche hat ohne es zu wissen, ein "Euthanasieopfer" zu beklagen. Man schwieg die Opfer tot - da es zu Stigmatisierung auch nach WW2 kam. "Totgeschwiegen" heißt auch ein Buch über das Thema.

Die Aktion zur IAAPA-Liste war, alle Opfer vorzulesen mit der Vorgabe, das die Liste nicht veröffentlicht wird. Daran hat sich die vorlesende Person nicht gehalten und es führte zu einer Gesetzesänderung, das demnach alle Opfer der "Euthanasie" mit Namen und Geburtsdatum veröffentlicht werden dürfen. Sprich: Es ist eine Anerkennung des Leides und die Rückgabe von Namen an die unzähligen zuvor namenlosen Opfer von "Euthanasie". "Euthanasie" ist ein Euphemismus, deswegen schreibe ich dies immer in "". Das wäre mir wichtiger als "Holocost" oder "Holocaust".

Die Erforschung von Opfern der Euthanasie erfordert gerade in Niederschlesien und ganz Polen Kenntnisse, die anders als im Rest vom heutigen Deutschland anzugehen sind. Es wurden Provinzial- und Heilanstalten aus Kostengründen zusammengelegt, d. h. die Patienten wurden bereits ab 1939, teilweise vorher! quer durch das Deutsche Reich verlegt. So kann es sein, dass ein Opfer durchaus in Norddeutschland landete, in Lauenburg (Lebork)/ Pommern und dann wieder zurück nach Posen oder Meseritz-Obrawalde. Es wurde viel hin- und herverlegt!!! Sie hatten ihr eigenes System zur Verschleierung. Man kann nicht sagen, ob Unterlagen in Dresden, Pirna-Sonnenstein oder Bernburg oder sogar im polnischen Archiv sind, dazu gibt es keine pauschalen Aussagen. Interessant wäre, zu schauen, ob es Sterilisierungsakten (ab 1933 galt das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", ab ca. 1935 wurde sterilisiert) im zuständigen Amtsgericht des Wohnortes oder des Anstaltsortes gibt. Diese könnten in den zugehörigen Stadtarchiven, Landesarchiven, Gerichten liegen. Patientenakten wurden den Patienten mitgegeben, wenn sie verlegt wurden. Ob Akten in der letzten Anstalt vor der Tötungsanstalt verblieben sind oder zurück gegangen sind, muss in Einzelfällen geprüft werden. Ich hatte so einigen Kontakt zu Historikern und einem Medizinhistoriker und habe viel dazu gelesen!

Ich empfehle dazu die Literatur: Ernst Klee ""Euthanasie" im Dritten Reich". Dort gibt es ein Kapitel zu "polnischen"(heutiges Polen, gemeint sind aber Deutsche) Opfern der "Euthanasie". Desweiteren lohnt sich ebenfalls zu schauen, ob es Namenslisten gibt - Anstaltsbücher (Aufnahmebücher) der Klinik bzw. deren Nachfolger. Ich habe für das Opfer in meiner Familie ein Aufnahmebuch einer Klinik im Stadtarchiv gefunden. Die Patienten aus Bunzlau, die bei Kriegsende dort in der Anstalt waren, sollen zu Fuss in Hemdchen und verwirrt in der Nähe von Dresden aufgegriffen worden sein und dort in die zuständige Klinik gebracht worden sein. Diese Auskunft bekam ich bei meiner Forschung aus Pirna-Sonnenstein vom zuständigen Leiter. Die Anstalt Bunzlau existiert heute nicht mehr, Unterlagen ebenso nicht. (siehe Bundesarchiv Bundesarchiv) - Einleitung zu Quellen in Polen.

Und versucht einfach mal den Namen bei "szukajwarchiwach" einzugeben. Wirklich, so hab ich das Opfer meiner Familie gefunden! Allerdings keine Patientenakte.

Ein guter Hinweis ist noch, wenn man auf die *Geburtsurkunde *schaut, steht unten ein Sterbedatum. Sind dort außer STA (Ort, z. B. M-O) tt.mm.jjjj noch Buchstaben angegeben, ist davon auszugehen, dass die Tötung in einer anderen Anstalt erfolgt ist. Ausgestellt hat die Sterbeurkunde nicht das Standesamt im Ort, sondern ein Büro in der Klinik, dass sie Standesamt genannt haben (M-O ist die Klinik Meseritz-Obrawalde).Sie haben Akten weitergegeben und sich gegenseitig die Tode bescheinigt, d. h. getötet in Bernburg, aber Hadamar hat ausgestellt und die Familie benachrichtigt, damit es nicht auffiel,wenn mehrere Patienten aus einer Anstalt bzw. einem Wohnort starben. Auch die Todesdaten sind teilweise gefälscht, weil sie noch Gelder kassieren wollten. Bei jüdischen Opfern der "Euthanasie" bis zu 1 Jahr!!!

Die Anstalten wurden bereits ab 1939 geleert - für SS und Wehrmacht und teilweise Patienten direkt erschossen oder vergast. Diese Opfer starben in Neustadt/Wejrowo - die Patienten kamen aus der Anstalt Stralsund. AB 1941 wurden die Patient*innen totgespritzt, verhungerten und wurden nur noch in den abgelegen Tötungsanstalten vergast. Das nennt sich dann "wilde Euthanasie".

Eine Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten zur Interpretation von Papieren, die man findet, ist unbedingt erforderlich! Auch die Todesursachen sind nicht für bare Münze zu nehmen! "Schwachsinn" oder "lernbehindert" konnte auch "gehörlos" bedeuten!

Es ist jetzt lang geworden, aber ich fand es wichtig. Belest euch, bevor ihr anfangt zu forschen, denn so kann man Ansätze finden und sich unnötige Arbeit ersparen! Oder fragt mich, ich kann mit den polnischen Opfern teilweise helfen. Ernst Klee habe ich hier, falls Fragen auftauchen - ich habe mir viele Notizen gemacht. Ich kann auch weitere Literatur empfehlen. Ein Blick in die gängigen Mediatheken oder bei youtube hilft auch weiter.

Viele Grüße

Inga