Re: konfessionelle Vornamen / Kirchenbuchführung in der Grafschaft Glatz

In einer eMail vom 09.06.02 21:23:50 (MEZ) - Mitteleurop. Sommerzeit schreibt
u-chr@nord-com.net:

Unsere Caspar und Georg waren katholisch! Sollte man das so eng sehen
können?

Guten Morgen Ursula,
häufig wurden ambivalente Namen gegeben, denen man die Konfession nicht
sofort ansehen konnte. Welcher der Täufling später schließlich angehörte, war
dann natürlich etwas anderes. Jedenfalls bestand der katholische Kaplan meist
vorschriftsgemäß auf eindeutig identifizierenden Heiligennamen (im Extrem
denen der Jesuitengeneräle Ignaz und Franz Xaver oder in böhmischer
Untertänigkeit denen von Wenzel, Ludmilla und Johann Nepomuk, ansonsten
häufig auch entsprechend der Ordenszugehörigkeit des Pfarrers [Franz,
Benedikt, Augustin o.ä.]). Ambivalente (v.a. biblische) oder symbolische
Namen von sagenhaften Heiligen (Martin, Georg) deuten häufig auf einen
Dissenz mit dem Pfarrer, wenn nicht sogar auf "unklare religiöse
Verhältnisse".

Nach 1741 gab es auch teilweise eine gewisse Aufmüpfigkeit von unten gegen
die antikatholische Politik Friedrichs II. und noch mehr seines streng
calvinistischen Generals de la Motte-Fouqué auf der Glatzer Festung, die sich
in einer Vorliebe für die Kaisernamen Joseph und Maria Theresia sowie - als
Protest gegen die Lostrennung der Grafschaft von Böhmen - für die
Heiligennamen Ludmilla, Wenzel und Johann Nepomuk ausdrückte.

Dass Kirchenbücher erst nach der Rekatholisierung durchgängig aufbewahrt
wurden, halte ich für wahrscheinlich, denn vorher waren sie sicher häufig als
Beweismittel für die lutherische Ketzerei von Pfarrer und Gemeinde
herangezogen worden. Verständlich auch, wenn der "Pfarrer mit unklarer
Konfession" solche KBer mitnahm oder zuweilen auch vernichtete, denn sie
konnten auch für ihn höchst ungemütlich werden...

Herzliche Grüße aus Hilden,
Günther