Re: Genealogische Mythen

Liebe Listenfreunde

Familienlegenden gehören zu meinen absoluten genealogischen Lieblingsthemen :wink:
Sie erinnern mich immer an das Schema der Radio-Erewan-Witze: "Stimmt es, dass....? Im Prinzip ja, aber...".
Solche finden sich auch bei meinen Vorfahren und anderen Familien

Natürlich ist da auch die Legende von den verarmten Adligen, die ihren Titel aus Not verkaufen mussten. Dabei hatte die aus Westpreussen zugewanderte Tagelöhnerfamilie lediglich einen Nachnamen, der auf -ski endete...
Bei einer anderen Familie las ich die durchaus kuriose Variante, dass der Titelverlust geschehen sei, weil das Anwesen abbrandte....

Oder die "Gustloff", die wir auf unserer Flucht 1945 nicht mehr erreichten, weil die Rote Armee uns überrollte...

Ein wenig richtig ist da noch die Geschichte von dem Onkel, der während des Krieges der Fahrer von Wernher von Braun gewesen sei. Tatsächlich hatte er den Fahrer einmal krankheitshalber vertreten....

Ein Ahn einer Familie sei Oberrabbiner in Moskau gewesen. Nach meinen Recherchen wurde daraus ein Schammes (Synagogendiener) in einem kleinen Ort bei Minsk...

Immer wieder tauchen auch Erklärungen auf, die die Germanisierung ihrer ehemals östlichen Namen mit dem Zwang von Nazigesetzen begründen oder sogar, dass ihre Aufnahme in die Nazipartei ohne ihr Wissen geschehen sei.

Schön sind aber auch die amerikanischen Familienlegenden, in denen der immigrierte Vorfahre bevorzugt wegen politischer oder religiöser Verfolgung aus Europa auswanderte. Ich wurde von Amerikanern einmal (symbolisch) fast gesteinigt, als ich aus der Ortschronik meines Wohnortes in der Schweiz zitierte, dass der Gemeinderat im 19. Jahrhundert Einwohner, die kleinkriminell und/oder arm waren, vor die Wahl stellte, entweder ein Schiffsticket nach Amerika anzunehmen oder ins Gefängnis zu kommen....

Den absoluten Phantasie-Schönheitspreis bekommt aber diese amerikanische Familienlegende: Die indianische Vorfahrin in der Familie sei eine Cherokee-Prinzessin gewesen.... (Die Indianer hatten überhaupt keinen Adel...:wink:

Mit Gruss aus Zürich
Heinz (Radde)

Hallo Listenfreunde,

es gab in Hessen zumindestens eine Gemeinde die unbequeme Einwohner abschob. Hierzu wurden Auswanderungsverträge geschlossen.

Viele Grüße

Johannes Morhart

Liebe Listenfreunde,

es fällt aus unserer heutigen Sicht leicht, (Fehl) Urteile über Aussagen unserer Vorfahren zu fällen.

Man könnte Romane über die Familienlegenden schreiben, aber in meiner langjährigen Familienforschung war es mir möglich, fast alle dieser "Legenden" logisch zu erklären, es bewahrheitete sich zumindest ein Teil der Aussage, wenn nicht sogar Alles. Man kann sich das vorstellen wie bei dem alten Spiel "Stille Post", es wird von Generation zu Generation weitergetragen und zum Schluß kommt dabei etwas heraus, was ursprünglich etwas ganz anderes aussagen sollte.

Mein schönstes Beispiel dazu, auch nachzulesen auf meiner Webseite: Es wurde in der Verwandtschaft erzählt, Opa Jeckeln (ein Dekan) habe gesagt, daß die Familie von einer "Urmutter" abstammte, der "Jacqueline (= Jeckel) de la Roche", der Besitzerin eines Schlosses in Ussés in Frankreich. Diese Verwandtschaft reiste sogar vor einigen Jahren da hin, nervte den heutigen Schloßbesitzer. Mir fiel gleich auf, daß dies unmöglich sein konnte, hatten wir doch die Familie Jeckeln - früher Jöckel - zurück bis 1600 in Hanau gefunden, diese Jacqueline aber lebte um 1700.

Der Fehler lag bei den Zuhörern, es ging nicht um die Familie der Jeckeln, sondern um die Linie seiner Frau - und die geht weit zurück auf eine Adelsfamilie aus dem Ort "La Roche" in Luxembourg, was ich nur dadurch herausfinden konnte, daß ich in Wien eine Kopie der Adelserhebung anforderte.
Opa Jeckeln war also nur falsch verstanden worden und bis heute will man meiner "Version" (zu 100% belegt) nicht richtig Glaube schenken.

Im Übrigen - es gab tatsächlich eine Indianerprinzessin - auch wenn kein Adel - siehe Wikipedia usw., auch hier wieder ein Mißverständnis.

Freundliche Grüße
Gabriele (Wiechert)
www.genealogischefunde.de

Was für tolle Geschichten!

Leider gibt es in meiner eigenen Familie keine derartigen Legenden, aber
vor einigen Jahren konnte ich einem jungen Mann aus Arizona dabei
helfen, die wahre Identität seines Ur-Ur-Großvaters zu enthüllen, um
den sich viele Märchen rankten:

Páriga – Patikan – Padeken – Asegut – und eigentlich Kolschen | Genealogie-Tagebuch

Gruß von Irmi

Werte Zeitreisende,

falls jemand genealogische (und ähnliche) Mythen sammeln wollte: Unter den Stichworten Martin Luther (Stotternheim, Thesenanschlag, Reichstag zu Worms usw.) und Katharina von Bora (verarmter Adel. böse Stiefmutter, Klosterflucht aus Nimbschen usw.) fände er mehr Material als genug.

Freundliche Grüße

Jürgen Wagner

Hallo,

meine Großmutter hat mir erzählt, dass ein Vorfahre aus Ungarn stamme.
Dafür habe ich bisher keine Anhaltspunkte gefunden.

Weiß jemand etwas über Einwanderungen von Ungarn nach Ostpreußen?

Gruß
Axel (Morbach)

Guten Abend Axel,

sicherlich gab es auch Wanderungen von Ungarn nach Ostpreußen oder
umgekehrt.
Um aber zu recherchieren, müssten zumindest einige Daten, wie Namen,
Ortschaften und Jahreszahlen zur Verfügung stehen.
Alles Andere ist stochern im Nebel, vergeudete Zeit und führt zu Nichts.
Gruß
Dietmar (Blum)

Guten Morgen,

mit viel Interesse lese ich die Beiträge zu diesem Thema gelesen, die ich auch teilweise aus meiner Familie kenne.:wink:

Was nicht überliefert, aber möglich ist, ist die Herkunft des Familiennamens Papay/Papai. In meiner direkten Linie taucht er im 18. Jh. im Kreis Neidenburg (Kirchspiel Usdau-Szuplienen) und Kreis Osterode (Kirchspiel Rauschken) auf und deutet laut GOOGLE auf ungarische Wurzeln hin. Doch das ist nur eine Vermutung von mir, denn in keinem Kirchenbucheintrag wird die Herkunft erwähnt.

Freya (Rosan)

Frau Rosan,

dass er ungarischer Herkunft ist, glaube ich, steht zu fast 100 prozentiger
Wahrscheinlichkeit fest.
So weit ich recherchieren konnte, bedeutet er soviel wie "päpstlich".
Ob es damit zutun hat, dass die Namensträger als Katholiken in einem
protestantischen Umfeld als "päpstliche" genannt wurden...heute würde man
sogar diskriminiert wurden?

Gruß
Dietmar Blum

Gabriele Wiechert schrieb:
....Im Übrigen - es gab tatsächlich eine Indianerprinzessin - auch wenn kein Adel - siehe Wikipedia usw., auch hier wieder ein Mißverständnis.

Liebe Gabriele
Mit Verlaub gesagt: Ich würde die Geschichte der Häuptlingstochter Pocahontas vom Anfang des 17. Jahrhunderts nicht als Missverständnis sondern als Missbrauch bezeichnen. So, wie ihr kurzes Leben propagandistisch verdreht wurde von Geschichtsschreibern, Filmemachern oder Städtegründern.
Es rühmen sich ja u.a. durchaus auch einige amerikanische Prominente, von ihr abzustammen.
Irgendwie gefällt es manchen einfach, etwas anscheinend Besonderes, Berühmtes in der Biografie zu haben. Das war offenbar immer so.
So, wie mit den ehemals adligen Vorfahren.
Ich muss zugeben, dass es mir zunächst auch gefiel, als ich die Familienlegende von der angeblich verpassten "Gustloff" auf der Flucht 1945 hörte.
Bis ich mir dann überlegte, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass man in dem Fluchtchaos Anfang bei Lauenburg so genau mit einem Schiff, das in Gotenhafen lag, planen konnte. Und das obendrein zu dem fraglichen Zeitpunkt bereits versenkt worden war...

Mit Gruss
Heinz (Radde)