Re: FN Rinio und Malente-Vortrag

da auch ich einen dieser mysteriösen Namen mit io in Ostpreußen trage, wende
ich mich an Sie. Bernhard Maxin erzählte mir von Ihrem Vortrag in Malente.
Würden Sie mir ein Exemplar dieses Vortrages zur Info geben können. Ich
konnte nicht nach Malente kommen. Mein Gefühl sagt mir, daß es sich bei den
io-.Namen um lateinische Namen aus alter Zeit handelt. Meine Rinio-Familie
soll lt. Aussage einer 91-jährigen geborenen Rinio seit 1486 in Opstpreußen
ansässig sein.

Hallo Frau Rinio-Carli,

mein Malente-Vortrag behandelte kein namenkundliches Thema, sondern die
masowische Einwanderung hauptsächlich des 15. und 16. Jahrhunderts nach
Preußen sowie etwas Forschungsmethodik und Forschungsmöglichkeiten in Polen
zur "vorpreußischen" Zeit. Eine Veröffentlichung des Vortrages ist
voraussichtlich in der APG geplant. Ich verfüge derzeit nur über ein noch für
die Publikation zu überarbeitendes Vortrags-Manuskript, was ich nicht "unter
die Leute geben" möchte. Ich bitte deshalb um etwas Geduld.

Ihrer Mail entnehme ich, dass meine Antwort auf Ihre über Herrn Dost in die
VFFOW-Liste gestellte Anfrage zu Rinio möglicherweise nicht bei Ihnen
angekommen ist. Ich füge sie deshalb weiter unten - nach der Grußformel -
nochmals an. Die Angabe, dass die Ansiedlung in Preußen 1486 erfolgte, halte
ich für plausibel.

Zu meiner Ausführung aus der VFFOW-Liste möchte ich ergänzen, dass die
spätmittelalterliche Schreibweise des Namens mit "y" lautete und die
Stammform Ryn(us)/Hrynus (litauische Variation) gewesen sein dürfte. Nach
BYSTRON: Nazwiska Polskie, entspricht der Name Hryn dem poln. Grzegorz
(Gregor).

Im Fürstentum Halitsch-Wolhynien (über die Region sollen nach den Sagen im
10. Jahrhundert Italiener nach Litauen gezogen sein) gibt es z.B. ein
Dorf/Gut Hryniowiec. Die Eigentümer hießen Hryniowski, 1. Hälfte 15.
Jahrhundert. (BONIECKI: Herbarz Polskie).

Die sagenhafte Ableitung litauischer Adelsgeschlechter oder Wappen(stämme)
von römischen oder norditalienischen Helden oder Patriziergeschlechtern hat
Tradition und hat sich wohl auch bei einigen masurischen Familien als Teil
einer besonderen Identitätsbildung etabliert und bis heute erhalten. Bei
aller Namensgleichheit oder -ähnlichkeit, die es auffallenderweise in der Tat
zwischen nicht wenigen masurischen - keinesfalls nur Namen auf -io - und
(nord)italienischen Namen gibt (ich sprang zuerst auch auf den italienischen
Zug auf, als ich entdeckte, das es Brozio auch in Norditalien gab/gibt), sind
diese Geschichten der Phantasie entsprungen und bislang durch nichts zu
belegen.

Vielleicht beschäftige ich mich einmal mit diesem Thema. Eher denkbar wäre,
dass der Weg andersherum war und baltische Namen mit den Goten nach Italien
gelangt sind.

MfG - Wolfgang Brozio

Re: [VFFOW-L] Rinio in Ostpreußen (fwd)

Sehr geehrte Frau Rinio-Carli, sehr geehrter Herr Dost,

im südlichen Masuren gab es ca. 100 Familiennamen mit der -io Endung.
Zu diesen Namensformen gibt es in der APG 1982 einen Aufsatz von mir. Es
handelt sich bei den Namen auf -io um einen litauischen Genetiv, der als
Patronymikon fungierte, also gleichbedeutend mit "Sohn des ...".

Rynus ist ein litauischer Personenname, Rynio/Rinio somit der Sohn des Rynus.
Von Rynus/Rymus abgeleitete Familiennamen sind seit dem 15./16. Jahrhundert
in (Ober-)Litauen, also direkt östlich der Region Lyck/Oletzko reichlich
belegt.

Die io-Namen erscheinen erstmals gehäuft in der Erbhuldigungsliste von 1642.
Die Güterverschreibungen des 15. und 16. Jahrhunderts belegen eine litauische
Ansiedlung in Ostmasuren. Es gibt starke Anzeichen dafür, dass es bis in das
17./18. Jahrhundert dort zwischen der slawischsprachigen Mehrheit eine
baltischsprachige (altpreussischstämmige und litauische) Minderheit gab, die
auch bevorzugt - jetzt kommt die Genealogie wieder ins Spiel - Ehen
untereinander schloss. Einige der Namen sind von einer vormals
masowisch/polnischen Form in die baltische umgewandelt worden. Bis in das 18.
Jahrhundert erscheint bei manchen Personen in den Urkunden wechselweise die
baltische und dann wieder die slawische Form.

Eine oft vermutete italienische Herkunft der io-Namenstrer ist
ausgeschlossen.

Soweit ich mich erinnere, hat in den 1980er Jahren eine Frau Rynio (aus dem
VFFOW ?) bei den Wuppertaler Mormonen im Raum Lyck lange und intensiv
geforscht. Ich gehe davon aus, das die Rynio-Familiengeschichte bereits
erforscht ist.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Brozio