Re: [DSL] Auswanderung nach Amerika

Hallo Ernst,

[...]

Anfänglich habe ich nur die Textstellen in meine Homepage aufgenommen, die
für meine Familiengeschichte interessant waren - aber, da ich jetzt erfahren,
dass es auch andere "Suchende" gibt, habe ich auch die Namen der anderen
Auswanderer eingefügt - vielleicht findet der eine oder andere dort ja seine
Vorfahren und weißt dann, wo er weiter suchen kann. [...]

Hallo Marian und Listenfreunde,

ich glaube der Zeitungsartikel aus dem Jahr 1936 über die Auswanderer aus der Oppelner Gegend ist nicht nur für die
Amerikanischen Nachkommen der ausgewanderten Schlesier interessant, sondern auch für uns, die wir in Schlesien
nach unseren Vorfahren und das sie begleitende Zeitgeschehen forschen.

Ich will mal mit der letzten Frage des Zeitungsartikels beginnen: Was weiß man in unseren Dörfern heute noch davon?

Im Jahr 1860 veröffentlichte der Loslauer Oberlehrer Franz Henkel eine Chronik über die Stadt Loslau O/S. Auf den
Seiten 169/170 steht folgendes

"Auswanderung nach Amerika. 1856 den 24. Mai wanderten vier Familien, aus etwa 18 Köpfen bestehend, nach dem
Freistaat Chili in Südamerika aus, und kamen dort am 24. September desselben Jahres glücklich an. Ihre Namen sind
Wilhelm Einfalt, Schuhmacher, mit Frau und 4 Kindern, Joseph Rotter, Tischler. mit Frau und 3 Kindern, Zimmerpolir
Louis Bawlitza mit Frau und 2 Kindern und Buchbinder Oskar Finsterbusch mit Frau und einem Kinde. Sie landeten in
Puerto=Monte und gaben auch ihren hiesigen Freunden und Anverwandten bald Nachricht von dem Glücke, welches
sie über alles Erwarten dort gefunden haben wollen".

Und auf Seite 164:

"Ueber die Gemüthsstimmung der hiesigen Einwohner sprechen sich die Verwaltungsberichte folgendermaßen aus:
«die Stimmung der hiesigen Einwohner neigt sich mehr zum Trübsinn, weniger zur Fröhlichkeit, woran die
Nahrungslosigkeit des Orts und der Mangel an Verdienst bei den Einwohnern Ursach ein mag».

In dem genannten Zeitungsartikel aus dem Jahr 1936 werden als Auswanderungsursachen die wirtschaftliche Not und
die Wanderlust angegeben. Ich glaube die «Wanderlust» kann man von vornherein ausschließen, denn wer wird es
wagen aus purem Jux auf einem kleinen Segelschiff über den Atlantik in ein fremdes Land zu segeln, in dem ihn noch
dazu eine ungewisse Zukunft erwartet? Von "Fernweh" ganz zu schweigen.

Die wahren Ursachen zu ihrer regelrechten "Heimatflucht" waren m. E. die Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Notlage,
die ständigen Hungersnöte und die politsche Unterdrückung von Seiten der königlichen Regierung.

Zwei Familien der Loslauer Auswanderer verfügten nicht über die nötigen finanziellen Mittel um die Passagen von
Hamburg nach Puerto Montt /Chile zu bezahlen. Sie mussten sich in Hamburg Geld borgen, was im Chilenischen
Generalkonsulat in Hamburg am 30.Mai 1856 protokolliert wurde. Kann man das mit "Wanderlust" bezeichnen?

In der Chronik wird der Beruf Louis Bawlitza's als "Zimmerpolir" angegeben. Da die Chilenische Regierung nur
Handwerkern und Bauern die Einreise gestattete, kam Bawlitza als "Tischler" nach Chile. In Loslau arbeitete er aber als
Gerichtsvollzieher in der kgl. Kreis-Gerichts-Commission, wie es im Taufeintrag seines jüngsten Sohnes Emanuel
einen Monat vor seiner Auswanderung angegeben wird! Da er ja auch nicht das Geld für die Passagen hatte, ist es
schwer zu entscheiden, ob er nun aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen auswanderte. Eine Passage im
Zwischendeck kostete damals 70 Thaler. (Siehe www.finsterbusch.de)

Wenn man bedenkt, dass die nach Chile einreisenden Auswanderer 4 geschlagene Monate bei auch damals
unmenschlichen Verhältnissen die Seereise über sich ergehen lassen mussten bis sie im Zielhafen ankamen, müssen
sie sehr schwerwiegende Gründe gehabt haben, um ihrer angestammten Heimat den Rücken zu kehren! Nur eine
Minderheit verfügte über mehr oder weniger Kapital, der größte Teil der deutschen Einwanderer wurde hier in den
ersten Jahren ihrer Ankunft von der Regierung finanziell unterstützt, mussten es aber später auf Heller und Pfennig
wieder zurückzahlen!

Die chilenische Regierung hatte damals durch einen Agenten in Deutschland mittels Broschüren und Zeitungsartikel
katholische Auswanderungslustige mit wenig Erfolg angeworben, da einige Bischöfe ihren "Schäfchen" die Erlaubnis
dafür nicht erteilte. Aus diesem Grund kamen anfangs nur evangelische Auswanderer in das katholische Chile.

Die Auswanderung der insgesamt 593 Schlesier nach Chile begann bereits im Jahr 1848 und hielt bis 1875 an. Unter
ihnen befanden sich auch zahlreiche Tiroler Exulanten, die in 1837 ihres Glaubens willen, aus Tirol ausgewiesen und in
Erdmannsdorf angesiedelt wurden. Die nach Chile ausgewanderten Schlesier kamen aus folgenden Ortschaften:

Alt Liebichau/Altstadt/Altstett/Altwasser/Bad Landeck/Bad Reinerz/Bieskau/ Bowallno/Breslau/
/Brieg/Bunzlau/Bunzlau/Conitz/Cosel/ Eichberg/Fischbach/ Gieshübel/Gläsersdorf/Glatz/Gleiwitz/ Glogau/
/Gremsdorf/Grunau /Habendorf/Hain /Heinrichau/Heinrichsdorf/Herbersdorf/Hinterholau/Hirschberg/ Jauer
/Josephsgrund/Kaiserswalde/Kamenz/Kunersdorf/ Kunzendorf/Kuttlau/Landsberg/ Langenbielau/ Lauban/
Leobschütz/Lewin/Liegnitz/Lohnia/Lomnitz/Loslau/ Löwenberg/Maltsch/Mechwitz/Mittelwalde/Neuhaus/
Neusalz/Neusorge /Rothenburg/Oels/Oppelsdorf/Peterswaldau/Preichau/Radmeritz/Ratibor/Reichenbach/
Ringwitz/Rothenburg/Rückers/Rybnik/ Schmiedeberg/Schweinsdorf/Slawikau /Steinseifen /Streidelsdorf
/Striegau/Talbendorf/ Teschen/Volkmannsdorf/Weigelsdorf/Wünschelburg/ Wünschendorf/Wüstegiersdorf/
Zeisberg /Zillerthal-Erdmannsdorf/Zucklau/Zülz.

Viele Grüße aus Santiago/Chile
Klaus Keller.