Kreis Gie�en*
Nach 275 Jahren wieder ein "Salzburger Fr�hst�ck"*
Samstag um 11 Uhr Gedenkgottesdienst zum "Triumphzug des Protestantismus" auf dem Kirchberg bei Ruttershausen - Essen an der "Casseller Gr�nze"
[Fotos: Ein zeitgen�ssisches Gem�lde: �berall in Deutschland werden die Salzburger Protestanten auf dem Weg nach Preu�en empfangen und verpflegt.]
KREIS GIESSEN (ae). Nach 275 Jahren gibt es auf dem Kirchberg bei Lollar-Ruttershausen am Samstag, 12. Mai, gegen 12.15 Uhr wieder ein "Salzburger Fr�hst�ck". Der "Salzburger Verein" hat es organisiert. Serviert wird es nach einem Gedenkgottesdienst. Und es handelt sich dabei nicht etwa um eine Spezialit�t aus dem Salzburger Land. Ein "Salzburger Fr�hst�ck" ist vielmehr eines, das Salzburgern als kr�ftigende Wegzehrung gereicht worden ist. 1732 geschieht das viele hundert Mal in Deutschland. In 16 Marschz�gen sind 20000 protestantische Vertriebene aus dem F�rstbistum Salzburg durch die Staaten des alten Reiches auf dem Weg nach Preu�en. Auf dem westlichsten davon kommen in Gie�en 249 Menschen �ber W�rttemberg und die St�dte Darmstadt, Frankfurt, Friedberg und Butzbach am 8. Mai an, halten hier einen Rasttag und marschieren gegen 9 Uhr am 10. Mai 1732 weiter in Richtung Hessen-Kassel. �berliefert ist davon, dem Amtsverwalter Wittlich sei "ferner demandiret worden/die Emigranten den Morgenden Sambstag/wann sie sich auf dem Rathaus versammlet/ins Geleite zu nehmen/und bis auf die F�rstl. Hessen-Casselsche Gr�nze zu f�hren/worbei man Veranstaltung machen lassen/ dass ihnen unter Wegs zu Kirchberg/ehe sie an die Casselische Gr�nze kommen /ein nothd�rfftiges zum Fr�hst�ck gereicht worden.
Bei einem Abmarsch um 9 Uhr in Gie�en werden sie den Kirchberg kaum vor 11 Uhr erreicht haben, so dass von einem "Fr�hst�ck" eigentlich nicht mehr zu sprechen ist. Das gab es schon in Gie�en. Bei der Sattlerinnung, wo neun von 249 Salzburgern untergebracht worden waren, zum Beispiel "Brandwein, Butter und Kes". Einer "quittierten Specifikation" des Sattlers D.C. R�bsamen nach hat er die "saltzburger Leute" vom 8. bis 10. Mai 1732 f�r zusammen f�nf Gulden verpflegt.
Am "Seltzer Tor" begr��tAuch sonst meint man es demonstrativ gut mit den Durchz�glern. Am Abend des 8. Mai empf�ngt sie in Gie�en der "Rath und Oberschulthei� Freund" und f�hrt sie vom "Seltzer Tor" zur Stadtkriche, wo man sie begr��t und in ihre Quartiere f�hrt. Der Landgraf l�sst ihnen eine "Beysteuer von dreyhundert Gulden" zukommen.
Das ist nicht mal besonders viel. 5500 Gulden hatte eine Kirchenkollekte allein in Frankfurt ergeben. Der Marsch der Salzburger geht als "Triumphzug des Protestantismus" in die Geschichtsb�cher ein. Die Vertreibung der Lutheraner aus dem Salzburger Land hat damals eine Welle der Emp�rung in den protestantischen deutschen Staaten ausgel�st.
Ursache ist die Politik des 1727 zum Erzbischof gew�hlten Leopold Anton Freiherr von Firmian, der den "alten Glanz der katholischen Religion" neu herstellen will und erstmal eine Analyse der religi�sen Lage im Lande bei den Jesuiten in Auftrag gibt. Dabei werden in den Bergregionen der zu Salzburg geh�renden Bezirke Pinzgau und Pongau von der Gegenreformation bisher verschonte 20000 Menschen festgestellt, die als Protestanten anzusehen sind. Das Bekenntnis war durch Wanderarbeiter �ber lange Zeit in die Region hineingetragen worden. Man verf�gt Versammlungsverbote und stationiert Milit�r. Verbote werden jedoch nicht eingehalten, was die katholische F�hrung des Erzbistums in Salzburg als Rebellion definiert. Nach einem Emigrationspatent vom 11. November 1731 beginnen die Vertreibungen zun�chst unter 4000 "unangesessenen" Knechten, M�gden und Gesellen. Diese "Salzburger" ohne Haus und Hof irren zwei Monate lang in S�ddeutschland umher. Dann reagiert K�nig Friedrich Wilhelm I in Preu�en am 2. Februar mit einem Einladungspatent.
Er schickt Kommissare los, die Transport und Reise der Salzburger betreuen. Die zahlen den Fl�chtlingen Zehrungsgelder, vier Groschen pro Tag f�r den Mann, drei f�r die Frau und zwei f�r jedes Kind.
Der K�nig hat einen religionspolitischen Diplomatie-Erfolg, aber auch handfeste �konomische Gr�nde f�r seine Aufnahmebereitschaft. Seit 1650 muss Ostpreu�en unter entsetzlichen Heimsuchungen leiden. 1656 entf�hren die Tataren 34000 Menschen in die Sklaverei, weitere 80000 sterben an Seuchen. Der ehemalige Staat des Deutschen Ordens war im 16. Jahrhundert zun�chst weltliches Herzogtum und polnisches Lehen geworden, um dann 1660 im Frieden von Oliva an Brandenburg zu fallen. Von da an ist man zust�ndig in Berlin. 1709 werden 235806 Menschen, mehr als ein Drittel der Bev�lkerung, Opfer der Pest. Land, Wirtschaft und Leute sind verelendet.
Schon 1721 ver�ffentlicht K�nig Friedrich Wilhelm I. daher ein Einwanderungspatent, das zahlreiche Zuwanderer aus der Pfalz, vom Rhein und vom Main, Holl�nder, Schweizer, B�hmen und Franzosen ins Land zieht.
"Ackerleute nach Preu�en" Die spektakul�rste Aktion aber ist die vom Februar 1732. Vom Tag der Antragstellung an sollen die Fl�chtlinge als preu�ische Staatsb�rger respektiert werden. So ziehen lange Fl�chtlingstrecks unter dem Schutz preu�ischer Kommissare auf deutschen Stra�en nach Berlin. Schon am 30. April 1732 kommen die ersten 843 Salzburger dort an. Urspr�nglich ist die Aktion auf etwa 6000 Fl�chtlinge angelegt, aber es bewerben sich �ber 20000. Den k�niglichen R�ten wird der finanzielle Aufwand bedrohlich, aber der K�nig ist begl�ckt: "Gottlob! Was thut Gott dem brandenburgischen Hause f�r Gnade! Denn dieses gewiss von Gott kommt!"
Die logistisch bis ins Detail geplante Aktion kostet etwa f�nf Millionen Gulden. Doch das Geld, meint der K�nig, ist gut angelegt. Denn schlie�lich werden die Siedler "Plus" f�r den Staat machen. Und au�erdem schl�gt der K�nig mit politischem Druck auch noch 4 Millionen Gulden Entsch�digung beim Salzburger Erzbischof heraus.
Der K�nig reitet den Salzburgern entgegen und singt mit ihnen gemeinsam das Lied "Auf meinen lieben Gott trau ich in aller Not". Friedrich Wilhelm I. ist tief ger�hrt von den Erz�hlungen der Fl�chtlinge, Sophie Dorothea bewirtet sie im Berliner Schloss Monbijou. Dann geht es weiter nach Stettin zur Einschiffung nach K�nigsberg. "Die Manufacturisten nach der Neumark, die Ackerleute nach Preu�en", ordnet der K�nig an.
Von den 15508 Asylanten, die in der Provinz Preu�en angesiedelt werden, erhalten fast 12000 eine Existenzgrundlage auf Kosten des Staates. Ackerland, Bauland, Bauholz, Vieh, Ackerger�te, Saatgut werden gestellt, dazu kommen drei Jahre Abgabenfreiheit, gro�z�gige Kredite, Zusch�sse zu den Baukosten und langfristige Befreiung vom Milit�rdienst.
In K�nigsberg kommen in der zweiten H�lfte des Jahres 1732 mit 19 Schiffstransporten 10780 Salzburger an, �ber Land erreichen 5533 Emigranten die Stadt.
Zur Begr��ung finden Gottesdienste statt, danach bewirten die K�nigsberger die Ank�mmlinge und bringen sie an die ihnen zugewiesenen Siedlungspl�tze. In K�nigsberg bleiben 715 Salzburger.
Ein gigantisches Aufbauwerk beginnt besonders im Raum Insterburg/Gumbinnen im heute russischen n�rdlichen Ostpreu�en. Sechs St�dte, 332 neue D�rfer entstehen, 180000 Morgen w�stes Land werden kultiviert.
Der Text eines Liedes auf dem Marsch der Salzburger lautet:
"Mu� ich gleich Haus und Hof, Freund und Eltern, Kinder lassen,
So will mich doch der Herr in seine Arme fassen;
Er h�lt mich v�terlich bey seiner rechten Hand,
Und f�hrt mich wohl vergn�gt in Friedrich Willhelms Land".
GIESSENER ANZEIGER, 10.05.2007 // http://www.giessener-anzeiger.de/sixcms/detail.php?id=2764257&template=d_artikel_import&_adtag=localnews&_zeitungstitel=1133842&_dpa=