[OWP] geringe Anzahl an Familien in Adressbüchern

"Mary-Ann Bauer" <mary-ann.bauer@gmx.de> schrieb:

Liebe Liste,

hat jemand eine Erklärung dafür, warum in den Adressbüchern von Elbing (Landkreis) häufig nur sehr wenige Familiennamen, aber viele Einwohner verzeichnet sind.
Beispiel:
Landkreis Elbing 1908
17 Familie 257 Einwohner in Alt-Terranova
Demnach müsste jeder Familie im Durchschnitt über 15 Mitglieder gehabt haben.

Liebe Mary-Ann,

es liegt wahrscheinlich an der oberflächlichen Bearbeitung der Adressbücher, oder es wurden nur bestimmte Haushaltungen/Personen aufgenommen.

Im Gemeindelexikon für die Provinz Westpreußen von 1908, Stand 01. Dezember 1905, Sonderschrift des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e. V., Nr. 102, Nachdruck Hamburg 2003
Im Selbstverlag des Vereins, heißt es:

10. Landkreis Elbing

b) Landgemeinden.

2. Alt Terranova
Gesamtflächeninhalt: 243 ha

Durchschnittlicher Grundsteuer-Reinertrag auf 1 ha: 34,36 M

Bewohnte Wohnhäuser: 41

Haushaltungen
Gewöhnliche Haushaltungen von 2 und mehr Personen: 60

Einzellebende mit eigener Hauswirtschaft: 2

Ortsanwesende Bevölkerung am 1. Dezember 1905
Überhaupt: 271

darunter befinden sich männliche Personen: 147

Religionsbekentnis
Evangelische
Überhaupt: 255

davon sprechen (Muttersprache) deutsch: 255

Katholische
Überhaupt: 9

davon sprechen (Muttersprache) deutsch: 9

Andere Christen überhaupt: 7

Kirchspiel
evangelisch: Zeyer, Elbing (Heiliger Leichnam)

katholisch: Elbing (St. Nikolai)

Standesamtsbezirk: Terranova

Stadt- bzw. Amtsbezirk: Terranova

Viele Grüße

Heinz (Muhsal)

Guten Morgen,

Bei den Adressbüchern wird immer wieder fälschlicherweise gedacht, es
handele sich um "Einwohnerverzeichnisse". Das ist natürlich nicht der
Fall, setzt doch so ein Verzeicnis, was es ja später gab, ein
einwandfreies, lückenloses Meldewesen voraus.
Die Elbinger Adressbücher - auch oft Wohungsanzeiger genannt - nehmen
erst im Jahre 1890 auch die Landgemeinden auf. Alt-Terranova hatte in
diesem Jahre 9 Einträge bei 317 Einwohnern: Gastwirt - Gastwirtin -
Einsasse - Besitzer - Mühlenbesitzer - Einsasse - Lehrer - Gutsbesitzer
und Höker. Schon an dieser Auflistung erkennt man, dass es Einträge von
"wichtigen" Leuten oder Haushalten sind. Natürlich gab es auch noch die
vielen Einwohner, Knechte, Mägde, Dienstboten, Kutscher usw., aber deren
Adressen waren vollkommen unwichtig! Der Bauer und der Gastwirt blieben
auf ihrer Scholle, da wechselten wegen Alters nur die Vornamen. Die
Landarbeiter, die irgendwo im Instenhaus oder einer Kate zur Miete
wohnten, arbeiteten mal hier und mal dort.
Trotzdem erschließt es sich auch mir nicht, warum die Einträge 1892 = 7
(316 Einwohner), 1894 = 7 (295 Einwohner), 1900 = 14 (301 Einwohner),
1906 = 15 (268 Einwohner), 1908 = 17 (257 Einwohner), 1912 = 24 (255
Einwohner) und 1925 = (jetzt praktisch als "Samtgemeinde" Alt- und
Neu-Terranova mit nicht genannter Einwohnerzahl) 62 Einträge aufweist.
Eine befriedigende Erklärung dafür, "wer" in so ein Buch kam, habe ich
noch nicht gefunden. Möglicherweise ist es aber so, dass man sich selbst
nennen musste - wie im Branchenverzeichnis heute - um in das Buch zu
kommen. Dafür spricht auch, dass die Elbinger Adressbücher keineswegs
"behördliche Ausgaben" waren, sondern immer nur von Buchdruckerein
(Hartmann, Meissner, Siede) hervorgebracht wurden.
Übrigens: Auch ich fand es anfangs entäuschend, dass nicht jeder
Einwohner aufgelistet worden ist. Inzwischen konnte ich mit Freude
feststellen, dass die Elbinger Adressbücher eine noch unterschätzte
geschichtliche Quelle darstellen.

Beste Grüße aus Elmshorn

Günter Mauter

"Mary-Ann Bauer" <mary-ann.bauer@gmx.de> schrieb:

Liebe Liste,

hat jemand eine Erklärung dafür, warum in den Adressbüchern von Elbing

(Landkreis) häufig nur sehr wenige Familiennamen, aber viele Einwohner

verzeichnet sind.

Beispiel:
Landkreis Elbing 1908
17 Familie 257 Einwohner in Alt-Terranova
Demnach müsste jeder Familie im Durchschnitt über 15 Mitglieder gehabt

haben.

M�glicherweise ist es aber so, dass man sich selbst

nennen musste - wie im Branchenverzeichnis heute <<
ja so war es nach Erz�hlungen meiner Eltern.
Gru� Gisela L.

Hallo "listige MitstreiterInnen",

eine weitere Vermutung w�re (ich kann dies jedoch nicht
belegen), dass die Eintragung in die Adressb�cher (Wohnungs-
anzeiger/Einwohnerverzeichnisse) im 19.Jhd. kostenpflichtig
war. In einigen Adressb�cher fand ich zudem im Vorspann
ein Abonnentenverzeichnis mit der Zahl der abgenommenen
Exemplare. Hier war dann die st�dtische/d�rfliche Oberschicht
vetreten (Gutsbesitzer, Lehrer, Pfarrer, M�hlenbesitzer etc.)
sowie verschiedene Institutionen, die ein Interesse an solch
einem Verzeichnis hatten - dies waren sicher nicht der einfache
Landarbeiter, H�usler oder Instmann.
Somit konnte der Verlag entsprechend f�r den Druck kalkulieren
und der Absatz eines Teils der Auflage war garantiert gesichert.

Kann jemand diese Vermutung best�tigen?

Gru� aus dem fr�hlingshaften S�dwesten

Matthias (E. Theiner)