Seite 6 In Friedland eingetroffen
Im Juni sind aus russischer Internierung folgende ostpreußische Landsleute als Einzelreisende im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen eingetroffen und in ihre neuen Wohnorte im Bundesgebiet weitergeleitet worden.
Gertraud Broscheit, geb. Klaus, geb. 30.07.1911, aus Liskaschaaken, Samland, Wohnort im Jahre 1939.
Gertrud Eggert, geb. 05.12.1907, aus Gr. Dirschkeim, Samland.
Edith Haupt, geb. 10.02.1932, aus Tilsit-Stadtheide
Dorothea Janz, geb. 27.03.1927, aus Königsberg
Christel Kahnert, geb. Müller, geb. 30.04.1913, aus Friedland, Kreis Bartenstein
Gertrud Kahnert, geb. Lötzke, geb. 18.03.1907, aus Allenau, Kreis Bartenstein
Hans Kimm, geb. 25.03.1931, aus Dittlacken, Kreis Insterburg
Erich Klein, geb. 20.11.1904, aus Königsberg
Minna Kompa, geb. 21.07.1896, aus Biothen
Liesbeth Kursim, geb. 08.06.1908, aus Königsberg, Luisen-Allee
Günter Kurschus, geb. 10.04.1927, aus Memel, Tilsiter Straße
Elsa Krause, geb. 09.07.1925, aus Tranßsau, Samland, mit Sohn Hans, geb. 02.04.1955
Rudi Lange, geb. 16.06.1929, aus Mehlauken, Kreis Labiau
Herta Nehmke, geb. 18.05.1912, aus Königsberg
Gerhard Nehmke, geb. 29.06.1932, aus Königsberg
Albert Pohl, geb. 22.08.1900, aus Gr.-Galbuhnen, Kreis Rastenburg
Margarete Rautenberg, geb. 21.06.1912, aus Mensgut, Kreis Ortelsburg
Luzia Rombusch, geb. 31.10.1914, aus Poweyen, Samland
Elisabeth Sachse, geb. 08.04.1919, aus Labiau
Käte Samariter, geb. 28.08.1912, aus Königsberg
Rudi Sulies, geb. 24.09.1929, aus Gr.-Schönau, Kreis Gerdauen
Elfriede Sulies, geb. 11.02.1928, aus Gr. Schönau, Kreis Gerdauen
Heinz Schoel, geb. 01.04.1932, aus Baum, Kreis Labiau
Anna Tobies, geb. 14.09.1924, aus Possindern, Samland
Erna Tobias, geb. 07.07.1935, aus Possindern, Samland
Charlotte Uschkamp, geb. 16.07.1905, aus Königsberg
Christa Wichert, geb. 14.08.1928, aus Pomauden, Kreis Wehlau
Helene Wicht, geb. 14.05.1889, aus Ober-Alkehnen-Königsberg
Max Woska, geb. 12.10.1899, aus Tilsit
Seite 7 Ortelsburg
Im Monat Juli begehen zwei treue Mitarbeiter der Kreisgemeinschaft Ortelsburg, Ernst Breyer, Bauunternehmer und Obermeister, jetzt (24) Grönwohld-Trittau, Kreis Stormarn und Richard Borchert, Hauptlehrer, Ortelsburg, jetzt Paderborn, Husener Straße 8, ihren 70. Geburtstag. Wir gratulieren unseren beiden Landsleuten zu ihrem Ehrentage und wünschen ihnen weiterhin von Herzen Gesundheit und Schaffenskraft.
Ich darf auf das Ostpreußenblatt vom 28.05.1955, Seite 24, und die dortige Ausführungen unter Schleswig-Holstein und unter Unsere Toten, Frau Ems von Groddeck hinweisen.
Am 5. Juni 1955, ist uns unser Mitarbeiter Kaufmann Emil Leskien, Ortelsburg, jetzt Frankfurt-Süd, durch den Tod entrissen worden. Wir sprechen seiner Gattin und seinen Angehörigen unsere tiefempfundene Anteilnahme aus.
Seite 7 Lötzen
Den Teilnehmern des Treffens in Frankfurt teilen wir mit, dass Briefe zurückkamen, weil die im folgenden angegebenen Anschriften nicht stimmten:
Hermine Frohwerk; Gerda Zollenkopf; A. Kloß; Gerhard Matheika; Kurt Puck und Artur Baumann
Seite 7 Für Todeserklärungen
Hermann Adam Wenzlawski, geb. 06.08.1878, Landwirt aus Hansburg, Kreis Neidenburg, ist Ende Januar 1945 bettlägerig auf seinem Hof in Hansburg zurückgeblieben. Wer kann Auskunft über sein weiteres Schicksal geben? Seine Ehefrau Frieda Wenzlawski, geb. Kalwitzki, geb. 18.11.1880, wurde im Februar 1945 auf der Flucht verwundet und starb drei Wochen später an den Folgen dieser Verwundung. Es werden Augenzeugen gesucht, die ihren Tod bestätigen können.
Wilhelm Olbricht, geb. 01.07.1858, Landwirt, aus Grammen, Kreis Ortelsburg, soll im Jahre 1935 oder 1936 dort verstorben sein. Seine Ehefrau Wilhelmine Olbricht, geb. Rutkowski, geb. etwa 162, sowie die Tochter Ida Olbricht, geb. etwa 1892, sind in Grammen an Hungertyphus verstorben. Der Sohn Wilhelm Olbricht, geb. etwa 1896, soll in Königsberg verstorben sein. Die Tochter Emilie Heyduck, geb. Olbricht, geb. 1894, verstarb am 26.05.1955 in Allenstein und wurde dort am 30.05.1955 beerdigt. Es werden Landsleute gesucht, die den Tod der Obengenannten bestätigen können.
Seite 7 Kamerad, ich rufe dich!
In Soest veranstaltete die 217./249. I.D. ein Treffen von ehemaligen Divisionsangehörigen. Oberstleutnant d. R. a. D. Engelhardt sprach über den Werdegang der Division, die sich aus dem Grenzschutz zur aktiven Truppe entwickelte. Er erinnerte daran, dass in vielen, harten und verlustreichen Kämpfen Treue, Opferbereitschaft und Kameradschaft der Soldaten der Division ihre Probe bestanden hätten. Im Auftrage des Bürgermeisters und der Stadtverwaltung hieß Stadtoberinspektor Hilse die ehemaligen Soldaten in der westfälischen Stadt willkommen. Als Vertreter des Roten Kreuzes sprach Oberst a. D. Bendelar über die Verpflichtung aller ehemaligen Soldaten, den Suchdienst zu unterstützen. Er teilte am Ende des Treffens mit, dass 53 Kameradenschicksale geklärt werden konnten. Am Sonntag legten die ehemaligen Divisionsangehörigen auf dem Ehrenfriedhof der Stadt Soest Kränze nieder. Kamerad Engelhardt fand herzliche Worte des Gedenkens an die Gefallenen der ostpreußischen Division.
Gesucht wird Walter Neumann, 1944/1945 Stabszahlmeister auf dem Übungsplatz Trandum (Norwegen), Berufssoldat, geboren etwa 1910, früher in Insterburg oder Tilsti wohnhaft.
Seite 8 Mit seinem Hund nach Kanada geflogen. Der 91jährige Blindenführhund-Lehrer aus Ostpreußen
Kürzlich flog der aus Ostpreußen stammende, sehr rüstige 91jährige, Vater der Blinden, Franz Wittmann, nach Kanada. Er führt dort auf Einladung mit seinem Hund, Astor, eine Vortragsreihe durch. In dem nachstehenden Beitrag wird die Leistung dieses Landsmannes, der in Unna, Westfale, wohnt, gewürdigt.
Franz Wittmann wurde am 11. Dezember 1863 in Gr.-Daguthelen, Kreis Pillkallen, geboren. Er lernte sowohl das Schreiner- wie das Zimmermanns- und Maurerhandwerk. In Berlin besuchte er Fachschulen und er bestand das Examen als Bauingenieur. Von 1898 bis 1929 war er innerhalb der Eisenbahndirektion Essen im Dienst der Reichsbahn, zuletzt als Bahnmeister und Bahningenieur, tätig. Zwei seiner Töchter leben noch; seine Frau und eine Tochter sind verstorben.
Nach seiner Lebensweise befragt, erklärte der erstaunlich widerstandsfähige alte Herr: Seit über siebzig Jahren keinen Alkohol, keine Zigarre, keine Zigarette, kein Fleisch und kein tierisches Fett.
Foto: Franz Wittmann und sein zuverlässiger Rottweiler-Blindenführhund, Astor, den er nach Kanada mitnahm.
Täglich um 5.30 Uhr beginnt für mich das Tagewerk.
Seit 1904 befasst er sich mit der Ausbildung von Hunden. 1914 meldete er sich freiwillig, und er wurde im Frontabschnitt am Priesterwald eingesetzt. Die von ihm ausgebildeten Sanitätshunde retteten vielen Verwundeten das Leben. Wegen einer Kriegsdienstbeschädigung mit einer Erwerbsminderung von 40 Prozent wurde er 1916 entlassen; auf die Zahlung einer Rente verzichtete er.
Foto: Einer von Wittmans Sanitätshunden im Ersten Weltkrieg bei einer Sprungübung im Priesterwald.
Franz Wittmann, der zuerst Polizeihunde angelernt hatte, übernahm 1926 im Auftrage des Landesfürsorgeverbandes Westfalen die Betreuung von Blinden mit Führhunden, und er widmete sich ganz der Ausbildung dieser Hunde. Ihm fehlten zu jener Zeit noch alle Erfahrungen. Auf Grund seiner Beobachtungen verfasste er eine Broschüre, Befehlsworte für den Blinden und seinen Führhund, die bis heute gültig ist. Die nach diesen Richtsätzen ausgebildeten Hunde arbeiten und führen so zuverlässig, dass mir noch immer aus allen Teilen der Bundesrepublik private Aufträge zugehen. Besonders gerne übernehme ich die Ausbildung von Rottweilern, Riesenschnauzern, Airedales-Boxer, Schäferhunde und Dobermänner dürfen nicht, zu scharf, noch überzüchtet sein, um gute Blindenführhunde zu werden. Für geschickte und gut veranlagte Tiere genügen acht Wochen Ausbildung; weniger gut veranlagte Tiere brauchen ein halbes Jahr.
Tell, fuhr auch ohne Herrchen
Gerne erzählt Franz Wittmann von den Hunden, die er ausbildete, es sind annähernd zweitausend. Zwei von diesen Geschichten seien hier herausgegriffen, weil sie für die Klugheit und Treue dieser besten Begleiter des Menschen zeugen:
1904 schenkte mir ein Getreidehändler in Walsrode einen Dobermann, der Tell hieß. Es war das dollste Stück von Hund, das mir je unter die Augen gekommen ist. Hatt ich ihn einmal verloren, so fuhr Tell im Packwagen die ganze Strecke ab, um mich zu suchen. Er schien nicht nur alle Bahnhöfe, sondern sogar den Fahrplan zu kennen. Auf jeden Fall fand er immer wieder zu mir zurück.
Die schönste Tat eines Führhundes, die ich kenne, vollbrachte eine Schäferhund in Kamen, im Kreise Unna. Sein blinder Herr war auf die Straßenbahnschienen gestürzt. Mit hoher Geschwindigkeit näherte sich ein Straßenbahnzug. Bevor sich die Beherztesten der vor Schreck gelähmten Passanten gefasst hatten und zu Hilfe eilen konnten, schleifte der treue Hund seinen Herrn, an der einzig geeigneten Stelle, den Mantelkragen, packend, aus der Gefahr heraus und zerrte ihn auf den Bürgersteig.
Viele Ehren wurden Franz Wittmann für seine mühevolle und uneigennützige Tätigkeit zuteil. Die Blinden, denen er zum Helfer wurde, verehren ihn in Liebe und Dankbarkeit. Im Juli 1954 verlieh ihm der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande. Vor seinem Flug nach Kanada äußerte Franz Wittmann, er hoffe, durch eine gute Tat eine Brücke vom deutschen zum kanadischen Volk schlagen zu können und somit einen Beitrag zur allseitigen ersehnten und notwendigen Völkerverständigung zu leisten.
Seite 8 Der heutige Zustand der Forsten im Quellgebiet der Alle
Die Waldungen südlich von Allenstein sind in ihren wertvollsten Teilen vernichtet worden. Dies ist aus Berichten über den Zustand der Reviere innerhalb der früheren Forstämter Kudippen, Allenstein, Landskerofen, Ramuck, Corpellen, Purden und Ortelsburg zu entnehmen. Alle deutschen Forstbeamten, soweit sie nicht bei der Wehrmacht waren, oder nicht rechtzeitig flüchten konnten, sind umgebracht oder verschleppt worden. Zunächst wurde von den Polen der Einschlag wohl in normalen Grenzen festgesetzt, und zum Teil legten sie Kulturen nach dem bewährten Vorbild der deutschen Förster an. Doch einige Jahre später wurde ein Raubbau angeordnet; das Holz wurde angeblich zum Aufbau von Warschau gebraucht. Schäden durch Nonnenfraß und Käfer, infolge des zu lange lagernden Holzes, machten sich bemerkbar. 1947/1948 sind durch die Nonnen sämtliche Fichten in Kudippen und Purden vernichtet worden, und die Kiefern wurden stark befressen. Es mangelt an Arbeitskräften und an Fuhrwerken, um das geschlagene Holz wegzubringen, denn Pferde sind knapp.
Die Höhe der Einschläge ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Man kann annehmen, dass acht Jahre hindurch das Dreifache des normalen Einschlages gehauen wurde; in den bahnnahen Waldungen mehr, in den abgelegenen Wäldern weniger.
In der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1955 verursachte ein gewaltiger Schneesturm in den gelichteten Wäldern riesigen Schaden. Es ist sicher, dass in einzelnen Forstämtern in jener Nacht 50 000 bis 60 000 Festmeter gefallen sind. Diese Zahlen gelten für je ein Forstamt. Wertvolle Kiefernbestände dürften nur noch in Forstbezirken stehen, die weit von der Eisenbahn entfernt sind. Das begehrte Kiefernschneideholz wurde nämlich auch exportiert. Kulturen sind angelegt worden; es ist aber nicht bekannt, in welchem Umfang.
Zerstörte Förstereien
Die polnischen Forstbeamten, die in die leeren Häuser einrückten, und die sorgsam gepflegten Kiefernschneideholzbestände und die hervorragende Kulturen betrachteten, mögen sich alles ganz anders vorgestellt haben, als es schließlich gekommen ist. Auch in privater Hinsicht! Auf den Forstmeisterstellen mit 25 bis 35 Hektar Wirtschaftsland, auf denen früher zehn bis zu achtzehn Kühe standen, werden heute durchschnittlich nur noch ein bis zwei Kühe und ein Pferd gehalten. Äcker und Wiesen sind völlig verwildert. Die Waldarbeiter setzen lediglich Kartoffeln für den Hausbedarf. Die polnischen Forstbeamten, die zunächst Landwirtschaft treiben wollten, haben diese Absicht infolge der hohen Steuern und der immer stärker einsetzenden Bolschewisierung aufgegeben, und es geht den Waldarbeitern und Holzrückern um nichts besser. Fanden die polnischen Forstbeamten in den Häusern noch Möbel vor, was nur selten der Fall war, weil die meisten Häuser ausgeplündert waren, so mussten sie diese vom polnischen Staat kaufen. Die meisten Forstdienstgehöfte wurden beim Eindringen der Russen durch Feuer, weniger durch Beschuss, zerstört. In manchen der im Anfang dieses Berichtes genannten Forstämter sind bis zu 70 von Hundert der Forstgehöfte zerstört worden. Die Forstmeistergehöfte sind, in den Forstbezirken Allenstein und Corpellen wohl alle, in Ramuck teilweise niedergebrannt.
Rotwild hat wieder zugenommen
Der Wildbestand wurde zunächst stark gelichtet, weil die sowjetischen Soldaten alles niederschossen, was ihnen vor die Gewehre kam. Das Rotwild hat sich inzwischen wieder erholt und es wurden einzelne starke Hirsche mit bis zu neun Kilogramm Geweihgewicht erlegt. Wer sie erlegte, ist unbekannt; die Revierverwalter sollen nur einen Hirsch frei haben. Der Bestand an Schwarzwild ist vermutlich stärker als früher. Rehe dagegen sind außerordentlich rar geworden, woran die Wölfe schuld sind. Die Wolfsplage macht sich besonders im Kreise Neidenburg bemerkbar, aber auch in den Forstämtern Ramuck, Purden und Landskerofen treiben sich Wölfe herum. Vielfach ist ihnen Vieh zum Opfer gefallen, und es wurden sogar Überfälle auf Menschen gemeldet. Das Ergebnis der Hasenjagden soll kümmerlich sein. Die Jagd wird im allgemeinen durch die, geheime Polizei, ausgeübt. Oft haben die polnischen Forstbeamten gar keine Waffen, meist nur diejenigen, die in der Partei sind.
Alle Berichte stimmen darin überein, dass die Waldungen im Vergleich zu der zeit vor 1945 nicht mehr wiederzuerkennen sind. Die Landflächen im Walde sind verwahrlost, Äcker bleiben unbestellt, die Gräben werden nicht geöffnet, Zäune und Entwässerungsanlagen sind verfallen. Würde man jetzt die Waldungen wiedersehen, die wir einst mit Bewunderung durchwanderten, so würde Trauer den Wanderer befallen. Ein in Jahrhunderten aufgebautes und von Fachleuten gepflegtes Volksgut, denn als solches muss man ja den Wald betrachten, wurde in wenigen Jahren vernichtet.
Seite 9 Mittsommernächte in Masuren. Von Wilhelm Matull
Oft in diesen Tagen und Wochen der hochsommerlichen Mitte des Jahres wandern meine Gedanken in die ostpreußische Heimat zurück, und in der Erinnerung an sonnendurchflutete Kindheits- und Ferientage tauchen im Bewusstsein Erlebnisse auf, die um die masurische Landschaft kreisen.
Zu meinen frühesten Eindrücken zählt ein Besuch der Großeltern im Angerburgischen, der noch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fiel. Vom Bahnhof der Kreisstadt wurde ich mit dem Zweispänner abgeholt, und entlang der Chaussee nach Stgeinort mit prachtvollen Ausblicken auf den Mauersee ging es durch den weiten Besitz des Grafen Lehndorff nach Rosengarten. Immer wieder erhebt sich vor meinen Augen die achteckige Patronatskirche und das etwas altersschwache Schulhaus; ich besinne mich auf Namen wie Lalla, Meisterknecht und Przyborowski, die Gefährten früher Jugenspiele waren. Foto: Lustige Spielgefährten. Dieses Bild wurde auf der dreihundert Morgen großen, mit herrlichem Mischwald bestandenen Insel Upalten aufgenommen.
Wie ein weg gesunkener Traum erscheinen mir heute jene Bootsfahrten zu den versteckten Buchten und lauschigen Plätzchen des Schwenzait- und Mauersees, die Besuche der von uralten Bäumen umstandenen Insel Upalten, die Spazierritte über wellige Hügel nach Guja, das später durch Walter von Sandens Vogelbeobachtungen und schriftstellerischen Verdichtungen seinen besonderen Klang erhalten sollten. Im großelterlichen Hause lebten noch aberhundert Geschichten und Anekdoten vom alten Masuren und seinen Originalen, wozu die Fahrenheids in Beynuhnen, der alte Graf Lehndorff, der Angerburger Musiklehrer Fehr, Komponist von Dewischeits, Wild flutet der See, und der Herausgeber des Boten am Mauersee, Priddat, gehörten.
Wilde Jagd der Hütejungen
Aus der Fülle solcher bereits zwischen Phantasie und Wirklichkeit vagabundierender Eindrücke ist mir ein Erlebnis haften geblieben, das nahezu romantische Formen angenommen hat. Einmal hatten wir nämlich die Erlaubnis erhalten, nachts die auf den Wiesen zum Bleichen ausgelegte Wäsche zu bewachen. Es war eine sternenübersäte Mittsommernacht. Die Fluren rochen nach Reife und Sattheit, eine wohltuende Stille lag über den verdunkelten Feldern, wie eine unsichtbare Decke hüllte die Nacht alle Gegenstände ein, nur ein paar Bäume und Sträucher steckten gespenstisch ihre Äste und Zweige aus. In die zu solcher ungewohnten Stunde ohnehin doppelt erregbare kindliche Phantasie fiel dann bestürzend eine wilde Jagd, die Hütejungens mit ihren Pferden veranstalteten, die sie in unserer Nachbarschaft zu betreuen hatten. Klappern von Hufen, jauchzende Aufschreie, unentwegtes Peitschengeknall, dazwischen warnende Hornrufe eines aufgestörten Nachtwächters, alles das verdichtete sich zu einer Romanze, die noch lange unsere Gemüter beschäftigte. Diese Szene ist in mir immer erneut wach geworden, wenn ich Carl Bulckes, Reise nach Italien, las, die in Wirklichkeit eine großartige Fahrt in das Masuren der Jahrzehnte vor unserem Jahrhundert war.
Wieder einmal war es eine Mittsommernacht, als ich von diesem der heutigen Sicht zauberisch-unberührt erscheinenden Masuren der Vorweltkriegszeit Abschied nahm. In die Sommerferien 1915 fiel jene Ferienreise, die unmittelbar nach dem Russeneinfall in das Lehrerhaus von Sobiechen führte. Nach stundenlanger, oft unterbrochener Fahrt vorbei an entstellten Fluren, zerschossenen Dörfern und zerstörten Bahnhöfen langte ich spät abends in Angerburg an. Großvater wartete schon mit dem Fuhrwerk, und nun ging es im leichten Schuckeltrab viele Kilometer auf Launingker Chaussee dahin. Wohlig warm war die Nacht. Hoch wölbten sich über mir die alten Bäume der Landstraße, deren Wipfel ineinander zu greifen schienen. Myriaden von Sternen funkelten und Leuchtkäfer schwirrten um unser Gefährt. Großvater saß auf dem Kutscherbock, ich träumte im Plafond des Wagens. Von Zeit zu Zeit erspähte ich auf dem Sommerweg genannten helleren Teil der Straße kleine Hügel mit einem Holzkreuz und einem Helm darauf. Das waren die ersten Soldatengräber. Wie anders sah mein gewohntes Ferienidyll am anderen Morgen aus! Ruinen, leer gebrannte Fensterhöhlen, verwüstete Zimmer ---- Aus der Ferne drang oft das dumpfe Grollen der Schlachten herüber; die Sinne wurden bald hellwach und die Träume der Kinderzeit versanken.
Mit frohem Lied nach Sybba
Als ich das nächste Mal in dieser masurischen Landschaft weilte, war es schon Nachkriegszeit. Wir waren eine vielköpfige Wandergruppe, Reichsmünzensammler, nannte uns mein Vater, weil wir Essen und Nachtquartier durch Singen erwarben, die von Angerburg nach Lyck zog. Diesmal ging es auf der anderen Seeseite über Possessern, Kruglanken nach Lötzen und von dort über Arys in die Johannisburger Heide. In so mancher Gutsscheune haben wir genächtigt, an manchem fremden, doch bald gastlichen Tisch Platz gefunden, mit frohem Lied Abschied genommen, in der Glut des Tages den Staub der sandigen Wege verwünscht und an der Kühle der Wälder und Seen erquickt. Im Hertha- und im Tartarensee haben wir gebadet, von der Bunelkahöhe mit ihrem Ehrenfriedhof in eine gottgesegnete Landschaft gespäht und schließlich mit hunderten gleichaltriger junger Menschen in der Aula des Lehrerseminars Lyck Wanderweisen und Volkslieder gesungen. Es war die Nachblüte der Jugendbewegungsepoche. Nachts zogen wir dann zu unseren Quartieren nach Sybba, und einer unter uns wusste spannend von den eigenwilligen Gestalten dieser Grenzgegend zu erzählen, die uns die Brüder Skowronnek in ihren Schmugglergeschichten und Romanen bewahrt haben.
Nächtliches Schauspiel bei Jägerhöhe
Eine italienische Nacht am deutschen Lido, so lautete eine vielversprechende Einladung, die mich Ende der zwanziger Jahre vom Redaktionssessel in Königsberg nach Angerburg entführte. Damals amtierten dort zwei Männer, die viel zur Hebung des Ansehens und zur Fremdenverkehrswerbung in ihrem Wirkungskreis beigetragen haben: Bürgermeister Laudon und der damalige Landrat Ellinghaus, der später als Regierungsvizepräsident nach Gumbinnen berufen wurde und heute Richter beim 1. Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe ist. Foto: Erfrischendes Bad am Löwentinsee. Aufnahme: Rimmeck (3)
Im Schloßhotel gab es zur Begrüßung einen zünftigen Bärenfang, zum Mittagessen selbstverständlich Maränen. Dann traten wir die Wanderung zu einem der herrlichsten Plätzchen Masurens an. Ich meine den Heldenfriedhof am Schwenzaitsee mit seinen 360 deutschen und 233 russischen Gräbern. Hoch ragte sein Mahnmal über die hügelige Landschaft hinaus, und weithin spähte ein staunender Blick über den unabsehbaren Spiegel der silbrigen Wasserfläche. Nach solcher besinnlicher Einkehr machten wir dann Station im Waldhaus Jägerhöhe. Als die Nacht hereingebrochen war, eine einzigartige ostpreußische Mittsommernacht, erlebten wir ein unvergessliches Schauspiel. Rings um die Seeufer wurden Sonnenwendfeuer entzündet, Scheinwerferstrahlen durchdrangen das nächtliche Dunkel der Wasserfläche und erhaschten dabei Segelboote, die dort kreuzten. Dazu die Farbtupfen bunter Lichterketten um Park und Anlegestelle und die sorglose Heiterkeit frohgemut plaudernder und scherzender Menschen, ach, es war ein herrlich-beschwingtes Bild! Man konnte für Augenblicke glauben, man weile in Gefilden südlicher Sehnsucht, so zauberhaft konnte sich unsere ostpreußische Heimat darbieten!
Zum letzten Male habe ich diese masurische Landschaft im Zweiten Weltkrieg wiedergesehen. Ernste Sorgen und böse Ahnungen bildeten den Hintergrund für mein Abschiednehmen. Viele Bekannte hatte die Pflicht in einen weit entfernten Einsatz berufen, in Ausflugstätten und Gutshöfen waren Hauptquartiere und Stäbe einlogiert, der Gutsherr von Steinort war den Ereignissen des 20. Juli zum Opfer gefallen. Allein für mich wanderte ich zum sagenumwobenen Konopkenberg oder kletterte in der Nachbarschaft des durch einen Umbau zum Gerichtsgebäude verunstalteten Angerburger Ordensschlosses in ein Boot und vertraute mich den Einsamkeiten des Schwenzaitsees an. War es ein Zufall, dass mich wehmütige Gedanken überkamen? Auf diesen Seen hatten schon meine Vorfahren gerudert und gefischt, hier hatten wir so manche Wettfahrt ausgetragen und in frostklirrenden Wintertagen die Eissegelregatta erlebt.
Foto: Am Schwenzaitsee bei Jägerhöhe. Aufnahme: Betzler
Das Wetter wollte und wollte nicht sommerlich beständig werden. Auf drückend schwüle Tage folgten anhaltende Regengüsse. Einmal schien doch die Wendung zu kommen, mit aller Kraft brütete die Sonne, die Kornähren streckten sich, roter Mohn und das Blau der Kornblumen durchwirkten die Felder. Spät abends noch suchte ich Erholung auf dem See.
Hatte ich nun das ständige Wetterleuchten am Horizont nicht ernst genommen oder das warnende Murren des Donners nicht richtig eingeschätzt, auf einmal war ich mitten drin im Ausbruch des entfesselten Elements. Zwar entfloh ich unter Aufbietung der äußersten Kräfte in eine Bucht, aber den Aufruhr der zürnenden Natur musste ich in einer Heftigkeit sondergleichen miterleben. Der Feuerschein grell zuckender Blitze riss nicht ab, jäh losbrechende Sturmböen rissen mein Boot immer wieder aus seiner Verankerung, herabstürzende Regenfluten hatten mich längst bis auf die Haut durchnässt. Dennoch genoss ich voller Bewunderung die außergewöhnlichen Verhandlungen des Landschaftsbildes.
Was war aus dem so vertrauten lockend ruhigen masurischen See geworden. Eine hoch gepeitschte Gischt mit weißen Wellenkämmen, die sich wütend mit kurzen Brechern auf das Ufer warf und Schilf und Binsen umriss. Zuzeiten war es, als ob die Erde bebte und die menschliche Kreatur mit ihr.
Werden wir jemals Natur in solchem Urzustand, werden wir je Mittsommernächte voller Geheimnisse und Rätsel in unserer Heimat miterleben? Walter von Sanden erzählte mir neulich, dass polnische Naturschutzpfleger wenigstens über der Einmaligkeit seines Vogelparadieses wachten. Wer sitzt heut sonst an unseren Wiesenrainen und Seeufern? Haben die Urkräfte der natur von einer nicht genügend behüteten Kulturlandschaft schon Besitz genommen oder zieht die Furche eines fremden Pfluges durch die Ackerkrumen? Wir wissen es nicht genau, aber wessen wir bei jedem Atemzug gewiss sind, ist, dass wir ungeachtet allen notwendigen Umdenkens in der Verbannung Mittsommernächte wie in Masuren als unauslöschlichen Bestandteil unseres Erlebens und des untilgbaren Anspruches auf unsere Heimat im Gedächtnis behalten werden. Landschaft und Menschen wuchsen zu einem zukunftsträchtigen Symbol.
Foto: Mummelblätter und Röhricht im Uferwasser einer abgelegenen Bucht des Mauersees. Der Fischer steuert auf die Einfuhrschneise im Schilf zu.
Seite 10 Uhleflucht
Wenn die Dämmerung die hereinbrechende Nacht verkündet, wagen sich die Eulen aus ihrem Tagesversteck. Die Zeit nach Sonnenuntergang, in der die Arbeit vor dem Lichtanstecken ruht, nannte man in Ostpreußen: die Uhleflucht. De goahne opp de Uhleflucht, hieß es von einem Paar, das in der Dämmerung ausging. Von einem Kind, das früh schläfrig wurde, sagte man: He ist en de Uhleflucht gebore