Ostpreußenblatt Juli 1955, Folge 28, Teil 1

Seite 1 Mit Foto: Ilse Pässler, Gelsenkirchen. Die Marjellchen
Auf einem Bootssteg, nah zum Greifen,
sitzt hier ein rührend-nettes Paar:
Beate mit den weißen Schleifen,
und Helga mit dem Wuschelhaar.

Die beiden niedlichen Mariellchen,
die baden ihren großen Zeh,
und lauter kleine Wasser-Wellchen
verlaufen sich weithin im See.

Ein schönes Bild aus Kindertagen
  mit Sonnenglanz und Blütenduft,
Die Beiden warten mit Behagen,
dass Mutti sie zur Mahlzeit ruft.

So haben wir auch mal gesessen.
Die Welt war schön; wir waren jung.
O Heimat, du bleibst unvergessen
in seliger Erinnerung
F. M.

Seite 2 Rund 1300 Jahre Zuchthaus
haben neben acht Todesurteilen und achtzehn lebenslänglicher Zuchthausstrafen die Sowjetzonengerichte in den letzten sechs Monaten verhängt.

Seite 5 Drüben lag die Mandschurei. Landsmann Masuhr war im fernsten Asien, Arbeitssklaven, Tiger und Gold
Zweite Fortsetzung
Johannes Masuhr aus Klausmühlen bei Memel, vor wenigen Wochen aus sowjetischer Gefangenschaft in Sibirien zurückgekehrt, wurde im April 1947 in Heydekrug im Memelland zu zehn Jahren Straflager verurteilt. Er sollte ein Partisan gewesen sein. Als Verbrecher wurde der Sechzehnjährige in den östlichsten Teil Sibiriens, an die Grenze der Mandschurei gebracht. Dort arbeitete er als Holzfäller in den riesigen Urwäldern. Er lebte achteinhalb Jahre unter Angehörigen aller Völkerschaften Asiens. Seine Mutter und seine Schwester aber befinden sich immer noch in der Verbannung in Mittelsibirien. An den Ufern des Jennissei arbeiten sie in einem Sägewerk. Dies berichtet Johannes Masuhr:

Im Reich des sibirischen Tigers
Tief im Inneren des Urwaldes, wo kaum jemals ein Mensch hinkommt, ist das Reich des Tigers. Oft, wenn ich nachts im Walde am Feuer lag, hörte ich, wie er in der Ferne brüllte. Dann verstummten alle Tiere, die nachts im Walde auf Jagd gehen. Das Gebrüll kam näher. Es ging in ein Schnarchen und knurren über und schwieg endlich ganz. Ich wusste dann: jetzt ist der Tiger in der Nähe und streicht um das Feuer herum. Aber ich blieb ganz ruhig, denn ich wusste, dass ich sicher war, so lange das Feuer brannte, denn alle Tiger fürchten den hellen Lichtschein.
Wenn ich dann am Tage aufbrach, fand ich oft in der Nähe meines Lagers die Spuren der großen Tigertatzen, doch es hat sieben Jahre gedauert, bis ich meinen ersten Tiger zu Gesicht bekam. Es wäre beinah mein letzter gewesen.
Damals jagte ich mit einem Mongolen zusammen. Er war ein Tigerjäger und hatte schon mehrmals junge Tiger in Gruben lebendig gefangen und sie an den Zirkus verkauft. Wir streiften durch die Taiga. Plötzlich sagte mein Jagdgenosse: Hier ist eine Tigergegend, wir wollen ein paar Fallen anlegen, vielleicht haben wir Glück.
Wir hoben drei tiefe Gruben aus, legten dünne Baumstämme darüber und bedeckten sie mit Lauf. Mein Kamerad hatte an den drei Stellen, wo wir die Fallen anlegten, Tigerwechsel ausgemacht. Wir haben dann in der Nähe, auf großen Bäumen versteckt, drei Tage gewartet. Nichts geschah. Wohl hörten wir in der Nacht immer ein paar Tiger brüllen, aber wir sahen keinen.

Den fangen wir lebendig!
Am Morgen des vierten Tages, die Sonne ging gerade auf, hörten wir aus der Richtung einer unserer Fallen ein furchtbares Gebrüll. Blitzschnell glitt der Mongole von seinem Baum herunter. Komm, rief er mir zu, wir haben einen Tiger! Ich folgte dem Mann. In der ersten Grube fanden wir nichts, aber als wir uns der zweiten näherten, sahen wir, dass das Laub über der Falle verschwunden war.
Da ist er, flüsterte aufgeregt der Mongole. Mit schussbereiten Gewehren schlichen wir uns an die Grube heran. Nichts rührte sich. Jetzt standen wir am Rande des Loches. Ich sah, dass ein mächtiger Tiger darin saß, zum Grubenrand emporblickte und wütend mit dem Schweif die Flanken peitschte.
Ich wollte schießen, doch mein Kamerad schlug mir das Gewehr aus der Hand und sagte: Nicht schießen, den fangen wir lebendig! Wir gingen in den Wald und suchten uns einen dünnen Baum aus, den hieben wir um und schlugen die Äste ab.
Pass mal auf, sagte der Mongole, du nimmst den Pfahl und stößt damit nach dem Tiger im Loch. Wenn er springt, werde ich versuchen, ihm das Netz über den Kopf zu werden. Er nahm aus seinem Gepäck ein großes Netz von starken Stricken, ich packte den Pfahl.
Der Tiger sprang ruhelos in seinem Gefängnis umher und versuchte, den Rand der Grube zu erreichen. Doch das Loch war zu tief. Ich stieß ihm den Pfahl immer wieder in die Seite. Er schlug mit den Pranken danach, zeigte die dolchartigen Zähne und stieß ein grollendes Knurren aus. Mein Freund versuchte, ihm das Netz über den Kopf zu werfen. Doch es gelang ihm nicht.
Plötzlich hatte der Tiger meinen Pfahl mit beiden Vorderpranken erwischt. Ich verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Grube.

In letzter Sekunde gerettet
Das geschah so plötzlich, dass auch der Tiger erschrak. Ängstlich drückte er sich an die Grubenwand. Doch dann stieß er ein böses Knurren aus und duckte sich. Ich schloss die Augen und erwartete den Sprung der Bestie. Ich war wie gelähmt.
Plötzlich fielen zwei Schüsse. Als ich die Augen aufmachte, lag der Tiger vor meinen Füßen und zuckte nur noch ein wenig. Mein mongolischer Jagdfreund hatte im letzten Augenblick geschossen.
Schade um das Tier, meinte er und lächelte dabei. Der Zirkus hätte bestimmt dreitausend Rubel für das Söhnchen gezahlt.
Das Fell habe ich heute noch. Aber von der Tigerjagd hatte ich genug.
Soweit die Erzählungen des alten Kosaken. Wer ihn sah, glaubte ihm seine Berichte. Er war am ganzen Körper mit Narben bedeckt. Das Tigerfell, mit dem Kopf daran, brachte er einmal mit zur Arbeit und zeigte es mir. Ich hatte in Ostpreußen schon manchmal Tiger im Zirkus gesehen, doch die kamen aus Indien oder von den Malaiischen Inseln. Dieser sibirische Tiger jedoch war viel größer als die Tiere im deutschen Zirkus. Sein Fell war lang und zottig und sehr hell in der Zeichnung. Grässlich aber war das Maul mit den langen Dolchzähnen, die weit über die Ober- und Unterlippe hinausragten. Ich konnte verstehen, dass der alte Kosak nie mehr auf Tigerjagd gehen wollte.

Die Mutter schreibt
Im Jahre 1948 erhielt ich im Lager in Chabarowsk die erste Post von meiner Mutter. Sie schrieb mir aus Petrellen einen langen Brief. Als ich den Brief bekam, hatte ich Heimweh. Die Mutter teilte mir mit, dass es ihr gut ginge. Was sollte sie schließlich auch anderes schreiben? Sie wusste ja, dass in Russland die Post von der Zensurbehörde geöffnet und gelesen wird. Meine Schwester, die zwölf Jahre alt war, als ich verhaftet wurde, war jetzt bei der Arbeit auf dem Felde die einzige Hilfe meiner Mutter. Auch die übrigen Hausbewohner in Petrellen, meine Tante Urte Naujokat, ihre Tochter Herta und die Großmutter, waren noch am Leben. Neu war, dass die Frauen jetzt mit ihren landwirtschaftlichen Produkten nach Heydekrug auf den Markt fahren durften. Das war 1946 noch verboten gewesen.
Wir machen uns viel Sorgen um Dich, schrieb meine Mutter. Noch nie haben wir von Dir Post bekommen, schreibe doch, wie es Dir geht und ob wir Dir nicht ein Paket schicken können.
Doch ich durfte ja nicht schreiben, da die Mutter nicht in Russland lebte. Es war schon verwunderlich, dass man ihren Brief durchgelassen hatte.
Es wird Dich auch interessieren, zu hören, was aus unserem Bürgermeister und seiner Frau geworden ist, stand weiter in Mutters Brief. Den hat man eines Morgens erhängt im Walde gefunden. Neben dem Baum, an dem er hing, lag seine Frau. Sie war erschlagen. Bis heute weiß man noch nicht, wer das getan hat. Es war schon bald, nachdem Du fortgegangen warst.
Mehr durfte die Mutter nicht schreiben, aber ich konnte mir auch so einen Vers auf die wenigen Zeilen machen. Dieser Bürgermeister Starkuttis hatte viele Deutsche und Litauer denunziert. Er hatte auch mich bei der MWD angezeigt. Ihm verdankte ich es, dass ich an der Grenze der Mandschurei in einem Straflager war. Jetzt hatte auch ihn sein Schicksal ereilt. Nun hatten wohl Partisanen für die Denunziation ihrer Kameraden an Starkuttis grausame Rache genommen.

Flucht in die Mandschurei?
Meine beiden Lagerfreunde, der Litauer Vyskopaitis und der Japaner Ushumato, die mit mir in einer Brigade arbeiteten, ich erzählte schon von ihnen, hatten einen Plan gefasst. Mir war aufgefallen, dass sie sich von den anderen Gefangenen fernhielten. Sie schützen immer die Arbeit vor, wenn ich sie nach dem Grunde ihres Verhaltens fragte. Ich arbeitete zu der Zeit bei einer anderen Gruppe im Walde.
Eines Abends kam Vyskopaitis zu mir. Höre Johannes, flüsterte er, wir haben einen Plan. Ushumato war als Soldat in der Mandschurei. Er kennt Land und Leute und spricht auch die Sprache. Er hat schon dreimal versucht zu fliehen. Aber damals war er immer allein. Diesmal muss es gelingen. Wir gehen türmen. Du kannst mitkommen. Ich ließ ihn meine Überraschung nicht merken.
Komm morgen zu unserer Gruppe, raunte der Litauer, bei der Arbeit können wir unauffällig über alles sprechen.
Am anderen Morgen trat ich mit der Gruppe an, zu der Vyskopaitis und Ushumato gehörten. Bei der Arbeit erzählten die beiden mir, wie sie sich die Flucht dachten. Sie wollten in die Taiga fliehen und sich durch die Mandschurei nach Korea durchschlagen. Von Korea aus kommen wir immer mit einem Schiff nach Japan, meinte Ushumato. Wenn wir erst aus der Taiga heraus sind, dann ist die Flucht gelungen, denn in Mandschukuo und Korea kenne ich mich aus.
In der Taiga aber brauchen wir Dich, Johannes, sagte Vyskopaitis. Du hast Dich oft mit dem kosakischen Trapper unterhalten und weißt doch wie man sich im Urwald zu verhalten hat. Wir werden auch nicht unbewaffnet sein.
Ich sagte, dass ich gern mitmachen würde. Lieber in der Taiga tausend Gefahren bestehen, als im russischen Lager langsam verrecken. Wir setzten den Tag der Flucht fest.

Der Skorbut kam dazwischen
Doch es wurde nichts mit der Flucht. Zwei Tage nach dem Gespräch mit meinen beiden Freunden hatte ich morgens plötzlich hohes Fieber. Schon vorher waren meine Vorderzähne lose gewesen. Das Zahnfleisch blutete ständig im munde. Jetzt war eingetreten, wovon mir alte Häftlinge immer wieder erzählt hatten: Ich hatte Skorbut! Zwar hatten sich die Russen im Lager bemüht, etwas gegen diese Mangelkrankheit zu tun. Jeden Morgen vor dem Abdrücken mussten wir alle einen Löffel Slanik einnehmen. Das ist eine bittersüße Medizin, die aus Tannennadeln hergestellt wird. Doch die Medizin wirkte nur in den seltensten Fällen.
Nach ein paar Tagen waren alle meine Vorderzähne in Ober- und Unterkiefer ausgefallen. Ich hatte starke Schmerzen und das Fieber ließ nicht nach. Man brachte mich im Lazarett des Lagers unter. Dort bekam ich Vitaminspritzen. Erst nach drei Wochen war ich wieder arbeitsfähig. Meine Freunde aber hatten die Flucht verschoben. Als ich in die Baracke zurückkehrte, freuten sie sich sehr. Und neue Pläne wurden geschmiedet. Fortsetzung folgt.

Seite 5 Unerwartet heimgekehrt. Die Angehörigen waren seit 1947 ohne Nachricht
Selbst Unbeteiligte kämpften mit ihren Tränen, als sich auf einem Bahnsteig des Hauptbahnhofes Bremen drei Menschen in den Armen lagen, und eine verhärmte, abgemagerte Frau stammelte: Was machen meine Kinder?

Der Leidensweg der 36jährigen Frau Elisabeth Sachse, geborene Christahl, begann im Januar 1945 in Labiau. Bis 1947 sahen sich Frau Sachse und ihre Schwägerin, die Frau ihres Bruders Hans Christahl, wenigstens noch in den sowjetischen Lagern um Tilsit und Insterburg. Dann verlor sich die Spur von Elisabeth Sachse. Acht Jahre hindurch blieb sie verschollen. Erst ein Telegramm, das plötzlich in das Haus Dillenerstraße 81 in Bremen-Blumenthal schneite, brachte die Gewissheit: Elisabeth lebt! Tags darauf erfolgte das Wiedersehen zwischen drei Menschen, die sich gegenseitig für tot gehalten hatten.

Zu allem Leid, das diese ostpreußische Frau erdulden musste, kommt der Verlust ihres Mannes Horst Sachse, der seit 1942 vermisst wird; zuletzt schrieb er aus dem Kampfgebiet um Leningrad. Auch das Schicksal eines der beiden Kinder dieser schwer geprüften Frau ist bis heute noch nicht geklärt worden.

Als die sowjetische Welle Ostpreußen überflutete, pressten die Russen in Labiau die beiden Frauen Elisabeth Sachse und ihre Schwägerin in Arbeitskolonnen. 1947 trennten sich ihre Wege: während Elisabeth in ein Lager an der Eismeerküste um Workuta verschleppt wurde, durfte die Schwägerin 1948 nach Westdeutschland reisen. Sie fand ihren aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Mann Hans Christahl in Bremen-Blumenthal.

Die Frage, wohin Elisabeth hingekommen sein mochte, quälte das Ehepaar sehr. Es richtete mehrfach Anfragen an die Suchstellen des Deutschen Roten Kreuzes. Umsonst! Und doch hatten diese Briefe einen Zweck, wie es sich jetzt herausstellt. Ohne Kenntnis der Bremer Anschrift des Landsmanns Hans Christahl hätte die Leitung des Heimkehrerlagers Friedland Frau Elisabeth Sachse keine Auskunft über ihre Verwandten geben können.

Es gibt noch viele Deutsche in den Lagern am Eismeer, so berichtet Frau Elisabeth Sachse stockend. Vor anderthalb Jahren beantrage sie die Ausreisegenehmigung. Siebenhundert Rubel hatte sie sich als Arbeiterin im Lager abgespart. Diese Summe reichte für die Fahrkarte bis Friedland aus. Alle, alle haben inzwischen die Ausreisegenehmigung beantragt, erzählte Frau Sachse von den zurückgebliebenen Deutschen.
Ernst Grunwald.

Seite 6 Braunsberg, Suchanzeigen
Andreas Reimann, geb. 16.12.1899, zuletzt Braunsberg, jetzt in Pinneberg/Holstein, Rübekamp 19, wohnhaft, suchte seine Tochter Anneliese Reimann, geboren am 20. April 1920 in Braunsberg.

Eine Ostpreußin ist im Besitz eines Sparbuches für das bei der Vertreibung minderjährige Kind Christel Kuhn, aus Braunsberg (Geburtsjahr etwa 1933 – 1939), Wer weiß etwas über das Schicksal oder den Aufenthalt der Christel Kuhn.

Seite 6 Pogegen
Gesucht werden die Straßenmeister Masuhr, aus Pogegen; Paulat, aus Piktupönen und Obermeister Jagst, Roter Krug Mikieten.

Seite 6 Tilsit-Ragnit
Gesucht werden aus:
Quellgründen: Familie Franz Steppat. Franz Steppat war zuletzt beim Volkssturm. Frau Ella Steppat, geb. Bublies, wurde aus dem Kreise Braunsberg verschleppt.

Ragnit: Franz Nickeleit, geb. 1898, und Frau Emma, geb. Dudszus, geb. 1903, Hindenburgstraße 35;
Arbeiter Volkmann und Frau, geb. Reckert

Schillen: Frau Auguste Banse, Witwe des Viehhändlers Franz Banse;
Frau Martha Räder, geb. Schmidtke

Ostfelde: Fritz Manzau, geb. 28.02.1911 in Ostfelde.

Wer weiß etwas über Gustav Reichard, geb. 07.05.1903 in Kullminnen, Melker, verheiratet mit Martha, geb. Preuss. Längere Zeit tätig gewesen bei Kraupischken; seinen Bruder Erwin Reichard, geb. 01.01.1913 in Kleginnen. Er war seit 1938 beim Heeresdienst; deren Schwester Frieda Kledtke, geb. Reichard, geb. 05.10.1916 in Tusseinen. Letzter Wohnort Budwethen.

Seite 6 Ebenrode (Stallupönen)
Gesucht werden:
Straßenwärter Fritz Rinhardt und Familie aus Göritten.
Helene Rettig, wohnhaft gewesen bei Frau Theophiel in Stadtfelde.
Gustav Kaminski, Kattenau
Kameraden der Vet.-Komp. 1 (1 Ostpr. Inf.-Div.) von Matschenz, Bergisch-Gladbach, Hauptstraße 152

Seite 6 Rößel
Gesucht werden:
Anton Erdmann und seine Frau Auguste Erdmann, geb. Kroh, aus Freudenberg.
Familie Otto Lerbs, Bischofstein.
Schneidermeister Ernst Nieswand, Rößel.
Familie Arthur Broschinski, Bischofsburg

Seite 6 Ein Ehrentag unserer Geschichte
Etwa 35 Jahre rechnet man für eine Generation. Die Männer und Frauen, die heute dieses Alter erreicht haben, wurden zu einer Zeit geboren, in der eine für Ostpreußen hochbedeutsame Entscheidung fiel. Mit friedlichen Mitteln errang das Deutschtum des Ostens einen seiner schönsten Siege. Am 11. Juli 1920 bezeugten 97,8 Prozent der Abstimmungsberechtigten im südlichen Ostpreußen ihre unwandelbare Treue zu Deutschland; nur 2,2 Prozent stimmten für eine Angliederung an Polen.
Damals konnte sich noch der echte Volkswille äußern. Von Flensburg bis zum Bodensee sammelten sich die Abstimmungsberechtigten, die aus den elf bedrohten ostpreußischen Kreisen stammten, aufgerufen durch die Gefahr, die ihrem Geburtslande drohte. Sie scheuten die Strapazen der Reise in jenen schlimmen Jahren der Inflation nach dem Ersten Weltkriege nicht. Überaus herzlich wurden sie von den Landsleuten in der Heimat aufgenommen. Ein einheitlicher Geist vereinte alle in Masuren, in Teilen des Oberlandes und Ermlandes. Wer Zeuge dieser Tage war, wird sie nie vergessen. Aber weit wichtiger ist es, dass die heranwachsende Jugend das Ergebnis der Abstimmung von 1920 nicht vergisst.

Was dann später 1945 mit Ostpreußen geschah, gehört zu den traurigsten Verirrungen menschlichen Machtwahns. Die Missachtung einer ganz eindeutigen Meinungsäußerung, die Vertreibung der Deutschen, der Diebstahl ihres Eigentums und der unverbrämte Raub allen deutschen Landes forderten menschliches und göttliches Recht heraus. Wahrer Frieden in Europa wird erst dann herrschen, wenn sich die Einsicht überall durchsetzt, dass das begangene Unrecht wieder beseitigt werden und dass den Ostdeutschen ihre Heimat wiedergegeben werden muss. Die am 11. Juli 1920 gefällte Entscheidung, die unter alliierter Besetzung erfolgte, ist auch heute noch bindend. Es gibt keine Verjährung des Raubes, unabdingbar ist das Wort: DIES LAND BLEIBT DEUTSCH: