Ostpreußenblatt Juli 1955, Folge 27, Teil 1

Juli

Folge 27 vom 02.07.1955

Seite 5 Drüben lag die Mandschurei. Landsmann Masuhr war im fernsten Asien – Arbeitssklaven, Tiger und Gold

Johannes Masuhr aus Klausmühlen bei Memel, vor wenigen Wochen aus sowjetischer Gefangenschaft in Sibirien zurückgekehrt, wurde im April 1947 in Heydekrug im Memelland zu zehn Jahren Straflager verurteilt. Er sollte ein Partisan gewesen sein. Als Verbrecher wurde der Sechzehnjährige in den östlichen Teil Sibiriens, an die Grenze der Mandschurei gebracht. Dort arbeitete er als Holzfäller in den riesigen Urwäldern. Er lebte achteinhalb Jahre unter Angehörigen aller Völkerschaften Asiens. Seine Mutter und seine Schwester aber befinden sich immer noch in der Verbannung in Mittelsibirien. An den Ufern des Jennissei arbeiten sie in einem Sägewerk. Dies berichtet Johannes Masuhr: Erste Fortsetzung

Der Transport nach dem Kolyma-Goldgebiet ging also ohne mich ab. Während die dreitausend Leidensgefährten mit einem alten Dampfer durch den Tatarischen Sund nach Magadan gefahren und von dort aus mit Lastwagen ins Gebirge transportiert wurden, lag ich ruhrkrank in der primitiven Lazarettbaracke und hatte hohes Fieber.

Erst nach sechs Wochen war ich soweit wiederhergestellt, dass ich im Lager herumlaufen konnte. Ich habe dann oft am Meer gesessen, das Lager lag unmittelbar am Stillen Ozean, und nach der Insel Sachalin herübergeblickt, die als ein dunkler Streifen fern am Horizont zu sehen war. Ständig flogen Militär-Flugzeuge nach Sachalin herüber. Im Tatarischen Sund, dem Meeresarm, der Sachalin vom Festland trennt, waren russische Zerstörer und Kreuzer, manchmal sogar Flugzeugträger, unterwegs. Die Insel hatte einmal zur Hälfte zu Japan gehört und die Japaner erhoben wieder Anspruch auf das Gebiet, das reich an Kohlengruben und Erdölfeldern ist. Ich sollte mit dem nächsten Transport nach Sachalin kommen, wo in den Kohlenbergwerken viele tausend Gefangene beschäftigt waren. Das hatte ich im Lazarett gehört. Aber es kam wieder einmal ganz anders.

Eines Morgens wurde ich aufgerufen und einer Etappe zugeteilt, die aus fünfhundert Gefangenen bestand. Es ging nach Chabarowsk, einer Stadt am Amur-Fluss unmittelbar an der Grenze der Mandschurei. Auf dieser Fahrt nach Chabarowsk, die sechs Tage dauerte, ging es ziemlich human zu. Wir durften die Wagen verlassen und frische Luft schöpfen, wenn der Zug auf freier Strecke einen Aufenthalt hatte. In Chabarowsk wurden wir dem Lager 9 mit der Sammelnummer 228 zugeteilt. Ich arbeitete zuerst auf einem Bau in der Stadt. Es wurden Hochhäuser mit vielen kleinen Wohnungen gebaut. Die Arbeit war nicht allzu schwer.

Die Stadt Chabarowsk hatte bis zum Jahre 1938 etwa 100 000 Einwohner. 1939 wurden im Zuge der Industrialisierung des sibirischen Raumes wichtige Rüstungswerke nach Chabarowsk verlegt. Johannes Masuhr kannte das Ssawod Molotow und das Ssawod Kaganowitsch und andere große Industriewerke, die nach den Machthabern in Russland benannt worden waren. Dort werden Panzer, Traktoren und Flugzeuge gebaut. Auch große Schmelzereien und Gießereien befinden sich in der Stadt. Die Einwohnerzahl stieg in den letzten Jahren auf etwa 800 000 an! Zahlreiche Flugplätze sind in der Umgebung der Stadt angelegt worden. In dem großen Hafen am Amur-Fluss, wo sich eine Marinewerft befindet, wurden starke Kriegsmarine-Einheiten stationiert. Chabarowsk und die anderen großen Städte an der östlichen Grenze Russlands werden in steigendem Maße zu wichtigen militärischen Stützpunkten ausgebaut. Das erhellt schon die Tatsache, dass entlang der mandschurischen Grenze zahlreiche sowjetische Armeekorps stationiert wurden und dass der Ausbildungsstand der fernöstlichen Truppen höher gehalten wird, als der in anderen Teilen der UdSSR stationierten Einheiten.

Südlich von Chabarowsk, so berichtet Johannes Masuhr, beginnt ein sehr großes Urwaldgebiet, das etwa so groß sein soll, wie es ganz Deutschland vor dem letzten Kriege war. Am Rande dieses Urwaldes, der die Ussuriskische Taiga heißt, arbeiteten manchmal Gefangene, die für die Sägewerke in der Stadt Bäume fällen mussten. Zu dieser Arbeit wurde auch ich eingeteilt. Zu meiner Brigade gehörten der Litauer Josas Vyskopaitis und der Japaner Ushumato, die beide mit mir von Buchtewanina auf Transport gegangen waren. Wir mussten riesige Fichten, Kiefern und Lärchen fällen und trafen manchmal auf russische Trapper, die in diesem großen Urwald hausen.

Chinesen jagen am Amur
Am Rande der Taiga leben in den aus Holz gebauten Vorstädten von Chabarowsk, die sich kilometerweit hinziehen, viele Chinesen. Die Russen nennen sie im Scherz, Fasanen, worüber die Chinesen immer sehr böse werden. Dieser Spottname kommt von der merkwürdigen Art der Fasanenjagd, die die chinesischen Jäger am Rande der Taiga und auf den Wiesen am Amur-Strom ausüben.

Ich beobachtete, dass ein Chinese an einer bestimmten Stelle auf einer Wiese Körner auslegte. Er versteckte sich dann in einem Gebüsch und beobachtete den Platz, an dem er die Körner verstreut hatte. Bald kam eine Schar Fasanen herbei. Die Tiere stürzten sich auf die Körner und fraßen gierig davon. Nach einer Weile begannen die Vögel zu schwanken und torkelten auf der Wiese umher wie Betrunkene. Der Chinese wartete noch einen Augenblick, dann ging er zu der Fasanenschar, griff seelenruhig einen Vogel nach dem anderen, biss ihm die Gehirnschale ein und steckte ihn in einen Sack.

Ein kosakischer Trapper, mit dem ich mich, beim Bäume fällen, ab und zu einmal unterhalten konnte, da er unserer Kolonne als Holzsachverständiger zugeteilt war, erzählte mir von dieser komischen Fasanenjagd der Chinesen. Deren Geheimnis besteht darin, dass die chinesischen Jäger Hirsekörner mit, Feuerwasser, tränken und sie dann dort, wo sich die Fasanen in großen Scharen aufhalten, als Köder auslegen.

Die Fasanen und ganz dumme Vögel, meinte der Kosak lachend, auch die, die einem Chinesen bei so einer Jagd entgehen, fallen immer wieder auf diesen Körnertrick herein.

Auch bei der Entenjagd erlebten wir bei den Chinesen eigenartige Gewohnheiten. In den Sumpfgebieten am Amur gibt es Tausende von Wildenten. Eines Tages sah ich, wie ein Chinese an den Fluss kam und seine Kleider auszog. Er schnallte sich einen breiten Ledergürtel um den Leib, an dem mehrere eiserne Haken hingen. Dann setzte er sich einen großen, ausgehöhlten Kürbis auf den Kopf, in den kleine Löcher für die Augen geschnitten waren.
Langsam und vorsichtig stieg der Mann ins Wasser und pirschte sich an einen Schwarm Wildenten am Schilfrand heran. Man sah keine Welle. Der ganze Kerl war unter Wasser, nur der Kürbis, in dem sein Kopf steckte, schien langsam mit der Strömung auf die Enten zuzutreiben. Die Enten beachteten den treibenden Kürbis nicht.
Als der Chinese dicht an den Vogelschwarm herangekommen war, griff er unter Wasser eine Ente und zog sie vorsichtig herunter. Die anderen Enten verhielten sich ganz ruhig. Wieder verschwand eine Ente unter Wasser und dann noch ein paar, bis der Chinese eine ungeschickte Bewegung machte, das Wasser plätscherte und der ganze Entenschwarm davon stob. Der Mann stieg dann aus dem Wasser heraus, nahm seinen Kürbis vom Kopf und grinste mich an. So jagen Chinesen, sagte er in kehligem Russisch, Er hatte die fünf Enten, die er erbeutet hatte, unter Wasser gezogen, ihnen dort die Hälse umgedreht und sie dann auf die eisernen Haken an seinem Gürtel gehängt.

Illustration von Masuhr am Tehrischen Sund
Die Trapper, die in der Ussuriskischen Taiga leben, verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Bären- und Tigerjagd. Sie verkaufen die Felle der erlegten Tiere in den wenigen Ansiedlungen, die es im Walde gibt. Der kosakische Holzsachverständige in meiner Brigade hatte zwanzig Jahre lang als Jäger und Fallensteller im Urwald gelebt. Ich unterhielt mich oft mit ihm über diese Zeit. Im Frühjahr 1938 hatte dieser Kosak bei einer Begegnung mit einem braunen Bären einen Jagdunfall und war danach in die Stadt gezogen.
Ich war damals allein mit meinen beiden Hunden auf der Bärenjagd, erzählte er mir. Schon ein paar Tage vorher hatte ich das Lager eines großen Bären ausfindig gemacht. Das Tier hielt noch seinen Winterschlaf. Mit einer Holzstange stocherte ich in dem Haufen faulen Laubes herum, unter dem der Bär schlief. Ich hörte, wie Mischa, so nennen die Russen scherzhaft den Bären, wütend brummte. Plötzlich kam er unter dem Laubhaufen hervor. Es war ein alter und sehr großer Bär. Meine Hunde fielen ihn gleich an. Ich nahm das Gewehr hoch und schoss. Doch Mischa war nur am Hals verwundet. Ich hatte schlecht gezielt. Mit wütendem Brummen kam er auf mich zu. Ich wusste, dass es sinnlos war, zu fliehen, denn der Bär ist schneller als ein Mensch.

Der Bär greift an
Bevor ich mein Messer hervorziehen konnte, schlug Mischa schon mit der Pranke nach mir. Er hatte sich auf die Hinterfüße gestellt. Einer meiner Hunde hatte sich in die linke Vordertatze des Bären verbissen. Der Bär schlug seine Pratzen um mich und versuchte, mich zu erdrücken. Ich roch seinen fauligen Atem. Jetzt hatte ich das Messer heraus. Ich stach zu, einmal, zweimal, dreimal. Ich weiß heute nicht mehr, wie oft ich die lange Klinge dem Mischa in den Unterleib jagte. Ich war blind und taub vor Wut und Angst.
Plötzlich ließ der Bär von mir ab. Er drehte sich im Kreise und brach zusammen. Mein Hund hing immer noch an seinem linken Vorderbein. Mischa schnaufte noch ein paar Mal und starrte mich aus seinen kleinen, blutunterlaufenen Augen böse an. Aus den Wunden am Unterleib strömte dunkles Blut. Dann streckte sich der mächtige Körper. Der Bär war tot.
Ich konnte ihm nicht mehr das Fell abziehen und die Tatzen abschneiden. Über dem Bären brach ich zusammen und wurde ohnmächtig. Als ich am Abend erwachte, saß mein zweiter Hund neben mir und leckte mir das Gesicht. Mühselig raffte ich mich auf und kroch auf allen Vieren von dem Kadaver des Bären herunter. Ich konnte nicht mehr stehen. Mischa hatte mir ein paar Wirbel am Rücken zerquetscht.
Zwei Tage habe ich in der Taiga gelegen. Der Hund blieb immer bei mir. Er heulte vor Hunger. Ich glaubte, dass ich sterben müsste. Doch ich hatte Glück. Ein Trapper, der in der Gegend jagte, hatte meine Spuren gefunden und war ihnen gefolgt. Nie wieder bin ich ganz gesund geworden.
Das erzählte der alte Kosak. Aber er berichtete noch mehr. Fortsetzung folgt.

Seite 6 Aus den Heimatkreisen
Memel-Stadt
Aus der Heimat wird gesucht: Frau Olga Wanda Gailus, geb. Wilks, in Mischkogallen, Kreis Heydekrug. Mitteilung wird an den Suchdienst der Memelländer, Oldenburg/Oldb., Cloppenburger Straße 302 b, erbeten.

Seite 6 Angerburg
Gesucht werden:
Willi Jetzki, aus Angerburg, Milthalerberg 3
August Lalla, aus Großgarten
Frau Ussat, aus Angerburg (Molkerei)
Hertha Kiszio, aus Birkenhöhe
Otto Reimann, aus Rosengarten
Ulrich Krause, aus Wiesenthal
Rudolf Seidler, aus Angerburg, Rastenburger Straße 10
Eva Lihs, aus Schwarzstein
Otto Stellmacher, aus Seehausen
Gerhard Haedtke, aus Langbrück
Liesbeth Lukat, geb. 26.12.1920 in Dammfelde
Edeltraud Holstein, aus Angerburg (Kaserne)
Paul Kalinowski, aus Rosengarten
Hans-Joachim Koch, geb. 01.06.1934 in Steinwalde
Henny Wawrzinczick und Erika Wawrinczick, aus Großgarten
Karl Buchholz und Helene Buchholz aus Kehlerwald
Jacob Knodel, geb. 21.09.1891 in Paßdorf
Elisabeth Neumann, geb. Roggli, aus Angerburg, Lötzener Straße, Siedlung
Günter Kellert, geb. 24.09.1930, aus Angerburg (Pflegeanstalt)
Wer war in Angerburg bis zur Vertreibung Inkasso- bzw. Ortsvertreter der Lebensversicherungs-AG, Vorsorge, die ihre Hauptbezirksstelle in Königsberg Pr. hatte? Nachricht erbittet die Geschäftsstelle, Hans Priddat, Kreisvertreter

Seite 6 Johannisburg
Gesucht werden zur Vervollständigung der Seelenliste aus der Gemeinde Brennen:
Alexander Gottfried und Familie
Tudolf Dolenga
Bahnarbeiter Friedrich Galka
Adolf Gratzik
Wilhelm Meredig
Adolf Skowronnek
Gertrud Strzysio
Anna Joswig
Vater Wilhelm, und Irma Juergens
Aus Radeshöh bzw. Kolbitzbruch: Berta Suchalla
Friedrich und Elisabeth Junin
Hildegard Zerbe
Josef Jakewitz

Seite 6 Treuburg. Abschied von Albrecht Czygan
Auf dem parkartig angelegten Vorwerker Friedhof, dem größten und schönsten der Hansestadt Lübeck, wurde am 20. Juni 1955 der plötzlich verstorbene Kreisvertreter des Heimatkreises Treuburg, Albrecht Czygan, beigesetzt. Die große Trauergemeinde, alle seine Mitarbeiter von den Heimatauskunftsstellen und zahlreiche Landsleute gaben dem Verstorbenen das letzte Geleit, lauschte ergriffen den Worten der Teilnahme, die Vertreter unserer Landsmannschaft, der Heimatauskunftsstellen und der Landesregierung Schleswig-Holstein am Grabe unseres überall geschätzten und beliebten Landsmannes sprachen.
Der stellvertretende Sprecher unserer Landsmannschaft, Egbert Otto, nannte Albrecht Czygan einen treuen Sohn seiner geliebten ostpreußischen Heimat, der in Ostpreußen das Erbe seines Vaters übernommen und fortgeführt hat. In zwei Weltkriegen habe Kreisvertreter Czygan freiwillig seine Pflicht gegenüber dem Vaterland und der Heimat als Soldat erfüllt. Auch nach der Vertreibung war er ein unermüdlicher Kämpfer für die ostpreußische Heimat. Sein Leben und Wirken soll uns eine große Verpflichtung sein.
Im Auftrage des Finanzministers des Landes Schleswig-Holstein hob Dr. Fischer hervor, dass der Verstorbene bis zum letzten Atemzuge für seine Heimat gearbeitet und gekämpft hat.
Konsul Braatz würdigte im Namen aller Mitarbeiter der Heimatauskunftsstellen die Persönlichkeit und die unermüdliche Tätigkeit des im Kreise seiner Kollegen sehr beliebten Landsmannes.
Blumen und Kränze unserer Landsmannschaft, des Finanzministers von Schleswig-Holstein und der Heimatauskunftsstellen bedeckten den Hügel, unter dem Albrecht Czygan fern der Heimat zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Seite 6 Mohrungen. Erklärung
Wir erhielten die folgende Zuschrift des Bauern Franz Griepentrog, die wir hiermit im Wortlaut veröffentlichen:
In Nr. 37/1954 des Ostpreußenblattes ist unter der Ruprik, Aus den Heimatkreisen, unter Mohrungen, von dem Kreisvertreter Reinhold Kaufmann, jetzt Bremen, die Behauptung aufgestellt ich, der Unterzeichnete, der Bauer Franz Griepentrog, aus Barten/Ostpreußen, sei beim Russeneinmarsch im Januar 1945 mit den Russen im Kreise herumgefahren, und auf meine Anweisung hin seien Landsleute von den Russen misshandelt und abgeführt worden, die zum Teil heute noch nicht zu ihren Angehörigen zurückgekehrt seien.
Diese Behauptung ist unwahr. Wahr ist vielmehr, dass ich an der Festnahme, Misshandlung und Verschleppung von Landsleuten durch die Russen in keinem einzigen Falle beteiligt gewesen bin. Franz Griepentrog.
Zu vorstehender Erwiderung des Bauern Franz Griepentrog aus Barten: Auf meine Anforderung von Zeugen im Ostpreußenblatt, Folge 37 1954 haben sich mehrere Landsleute gemeldet. Ihre Angaben sind von der Staatsanwaltschaft angefordert und von mir eingereicht worden. Soweit mir bekannt, sind die Ermittlungen noch im Gange. Kreisvertreter Reinhold Kaufmann-Maldeuten. Jetzt: Bremen, Schierker Straße Nr. 8

Seite 6 Allenstein Stadt und Land
Die Stammblätter der Bezirkslohnstelle des Landgerichts Allenstein für die angestellten- und invalidenversicherungspflichtigen Bediensteten der dem Landgericht angeschlossenen Justizbehörden befinden sich bei dem niedersächsischen Minister der Justiz in Hannover, Hohenzollernstraße 53. Beglaubigte Abschriften der Stammblätter können dort unter dem Aktenzeichen AR – I 1. p 2 15/52 angefordert werden. Da die Angestelltenversicherungskarten, teilweise mit Eintragungen vom Jahre 1942 ab, verloren gegangen sind, sind die Stammblätter für alle Rentenberechtigten äußerst wichtig.

Seite 8 Pferdeweide auf gerodetem Waldboden. Wie Landsmann Krämer in der Lüneburger Heide begann.
Den ostpreußischen Züchtern, die jetzt im Westen mit ihrer Familie von den Erträgen einer kleinen Fläche leben müssen, die Pacht aufzubringen haben und auch noch Inventar anschaffen und erneuern sollen, fällt es nicht leicht, Pferde aufzuziehen. Gewiss, man hört von guten Erlösen bei Auktionen. Aber man darf nicht nur an die Spitzenverkäufe denken, und der Laie übersieht oft das Risiko und die Aufzuchtskosten, die jeder Züchter tragen muss.

Wer aus echter Neigung, aus Liebe zum edlen Pferde Züchter ist, der nimmt auch alle Fährnisse mit in Kauf. Von einem solchen Züchter wollen wir hier berichten, denn sein Los ist zugleich Beispiel für das Schicksal vieler Landsleute.

Am Tage von Nemmersdorf
In Kaimelskrug (Schilleningken), Kreis Gumbinnen, besaß Landsmann Erich Krämer einen Hof von 24 Hektar. Im Stall standen vier edle Stutbuchfohlen Trakehner Abstammung. Jedes Jahr gab Landsmann Krämer zwei bis drei Fohlen ab. Der ehemalige deutsche Kronprinz kaufte einige für seine Besitzung in Oels; sogar Landbeschäler entstammten dieser bäuerlichen Zucht.
Es kam der Krieg. Nur fünf Kilometer trennen Kaimelskrug von Nemmersdorf. Dieser Ortsname hat für uns einen fürchterlichen Klang, denn Nemmersdorf war das erste ostpreußische Dorf, in das die Horden der Roten Armee eindrangen. Am 20. Oktober 1944 verübten sie dort grausame Metzeleien und nagelten Frauen und Kinder nach der Schändung an Scheunentore.
An jenem entsetzlichen Tage verließ die Familie Krämer ihren Hof. In Osterode wurde Landsmann Krämer als Soldat in die Truppe eingereiht, und er musste seine Frau mit ihren schwerkranken Eltern und den beiden, vierzehn- und zehnjährigen Söhnchen ihrem weiteren Schicksal überlassen.
Der Treck wurde überrollt, und es geschahen die üblichen Gewalttaten. Im Februar 1945 wurde Frau Krämer nebst ihrem ältesten Sohn und vielen anderen Frauen und Mädchen des Heimatortes nach der Sowjetunion verschleppt; liebe Nachbarn wurden erschossen. Diese Greuel geschahen im Kreise Osterode. Den jüngsten Sohn bewahrte ein gütiges Geschick; er wurde später von den Polen in die sowjetisch besetzte Zone ausgewiesen. Heute hat der Vater ihn wieder bei sich.

ALMSCHÖNE, aus der Tempelhüter-Linie
Als bei Kriegsende die deutsche Wehrmacht aufgelöst wurde, befand sich Erich Krämer in Holstein. Hier lernte er Landsmann Erich Heidler aus Friedrichshof, Kreis Insterburg, kennen. Bei ihm sah er auch die herrliche Trakehner Hauptstutbuchstute ALMSCHÖNE aus der TEMPELHÜTER-Linie. Sie war vierjährig und hochtragend, als sie in Ostpreußen mit ihrer Mutter vor den Treckwagen gespannt wurde. Beide Stuten fohlten unterwegs; sie zogen aber den hochbepackten, schweren Wagen durch Eis und Schnee bei magerem Futter die lange Strecke bis nach Bad Oldesloe in Holstein.

Ein wunderschönes Foto: Erich Krämer mit seinen Pferden: Großmutter, Mutter und Kind, schreibt er zu diesem Bild. Aufn.: Dr. A. Schultze-Naumburg/Bayerbild

Landsmann Heidler, dem es trotz aller Bemühungen nicht gelang, wieder zu einer eigenen Scholle zu kommen, vertraute die von ihm gezogene Stute ALMSCHÖNE im Herbst 1945 Erich Krämer an. Er brachte sie durch die schlimmste Zeit, was ihm nach seinem Eingeständnis so manche schlaflose Nacht gekostet hat.

Nach dreijähriger Tätigkeit als Landarbeiter konnte Erich Krämer Land pachten und einige Jahre darauf die Pachtung ausdehnen, so dass er jetzt sechzig Morgen bewirtschaftet. Durch Roden von Stubben aus einstigem Waldboden gewann er eine Weidefläche, auf der heute Trakehner Pferde grasen.

Die Zucht hat Erfolg. Aber nur durch selbstauferlegte Entbehrungen, durch Verzicht auf manche Annehmlichkeit und durch harte Arbeit war es möglich, die Voraussetzungen für diese neue Zucht zu schaffen. An alle solche Erschwernisse sollte man auch denken, wenn man mit Freude die schönen Formen von Trakehner Pferden betrachtet.

Sie sind ein besonderer Schlag, aber auch der Mensch, der sie züchtete und auch weiter züchten wird, gehört zu einem zähen, ausdauernden Stamm!